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Heute in der Uni: „Der fiktive Staat Ozeanien …“

In folgender Sache kam gestern die taz-Autorin Jessica Riccò auf den CCC zu: Informatik-Professor Udo Lipeck der Uni-Hannover bittet seine Studenten im Aufgabenblatt 2 zu einer Datenbank-Vorlesung in Praktischer Informatik das Datenbankmodells eines Überwachungsstaats zu konstruieren.


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Der fiktive Staat Ozeanien möchte die Telekommunikation seiner Bürger überwachen. Zu diesem Zweck soll eine Datenbank anhand der folgenden Anforderungen erstellt werden. […]

Alle Unterstellungen ignoranten Zynismus vergessen liest sich die Aufklärung dieser kleinen Geschmacklosigkeit heute in der taz doch gleich wie eine Demonstration des Professors für mehr Ethikkurse im Informatikstudium (Das möchte ich nur unterstützen):

„Wir haben hier in Hannover leider keine begleitende Veranstaltung für den Bereich ,Informatik und Gesellschaft‘, wie es ihn etwa an der Uni Dortmund und der TU Berlin gibt“, sagt der Dozent. Das Institut wolle keineswegs Studenten für halblegale Projekte vereinnahmen. Vielmehr habe er mit der Aufgabenstellung seine Studenten provozieren wollen und prüfen, ob die Aufforderung, am Überwachungsstaat mitzuarbeiten, stillschweigend hingenommen wird. „An vielen Stellen ist es leicht möglich, Datenbanksysteme zu missbrauchen. Darauf wollte ich meine Studenten aufmerksam machen.“
Natürlich könne man die Entity-Relationship-Modelle auch anders üben, sagt Lipeck noch. Mit dem Tempo, in dem die Hausaufgabe bei der Zeitung gelandet sei, habe er das Ziel der Veranstaltung allerdings erreicht.

Mangelfinanzierung macht eben erfinderisch. Über Punktabzüge für diejenigen, welche die Aufgabe bearbeitet haben, macht der Artikel keine Aussage.

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19 Kommentare
  1. hehe, wirklich sehr nett.

    halte das ganze für wenig skandalös. irgendwie müssen die quasi-schreibtischtäter von morgen ja wachgerüttelt werden ;)

    der erste link funktioniert hier ebenfalls nicht

  2. Hehe, sehr, sehr schön!

    Als ich die Tagline gelesen und es bei mir binnen Milisekunden „Klick!“ gemacht hatte, habe ich erst einmal herzhaft gelacht, schöne Parallele, sehr passend ;D

    Finde die Idee sehr gut, denn wenn Studenten und Schüler sensibilisiert (wie von mir in meinem Ethik-Unterricht getan) werden, tun sie auch eher was gegen die fortschreitende Bürgerüberwachung.

    In diesem Sinne:
    War is Peace
    Freedom is Slavery
    Ignorance is Strength

  3. Erstens: Hmm, ich bin mir gar nicht so sicher, ob es so sinnvoll ist, sich darüber aufzuregen (auch ohne den Punkt Demonstrationen-für-Ethik). So muss auch jemand, der z.B. eine Telekommunikationsüberwachungsdatenbank hacken oder ihr aus dem Weg gehen will, so ungefähr wissen, wie das geht. Solang’s bei fiktiven Staaten bleibt. Auch hier gilt, dass Obskurheit (würde hier heißen: sowas wir nur den Geheimdienstleuten beigebracht) nicht für Sicherheit sorgt. (Mal ein bißchen weitergedacht: was wäre besser als gute GPL-Software für Grundfunktionen der Telekommunikationsüberwachung, die dann Staaten dazu zwingt, entweder gegen Gesetze zu verstoßen oder ihre Software offenzulegen?)

    Zweitens frage ich mich, warum Prof. Lipeck angesichts der grundgesetzlich verbrieften Forschungs- und Lehrfreiheit das so gemacht hat, und nicht einfach nach dieser Aufgabe noch eine eingefügt, in der darum gebeten wird, zu erläutern, was die politischen Konsequenzen einer solchen Datenbank sein könnten etc. Gehört für mich nicht in „Informatik und Gesellschaft“, sondern in das Fach „Datenbanken“ (und ähnliche Dinge in die Fächer „Krypto“, „Künstliche Intelligenz“, „Data Mining“ usw.). Oder auch die Aufgabe „Wie würden sie vorgehen, um bei einer wie oben skizzierten Überwachungsdatenbank für die BürgerInnen Ozenanien abhörfrei zu kommunzieren?“.

    Als Prof. darf der sowas.

    Spricht natürlich nicht dagegen, Leute für I&G einzustellen oder extra Veranstaltungen dazu anzubieten. Aber es ist kein Argument, warum das nicht auch anderswo auftauchen kann. (Als Nebenfachinformatiker-Soziologie war ich ganz froh über die I&G-Veranstaltungen, die es in Freiburg gab (und gibt), hätte mir manchmal in den anderen Veranstaltungen aber durchaus ein bißchen mehr Selbstreflexion gewünscht).

    Drittens: irgendwo, vermutlich bei Boingboing, habe ich neulichs die Bemerkung von irgendwem, vielleicht Schneier, gelesen, dass Sicherheitsleute einen anderen Blick auf die Welt haben als IngenieurInnen, d.h. v.a. gleich sehen, wo eine Schwachstelle ausnutzbar wäre, und nicht, wie ein Problem gelöst. Insofern Informatik doch ein bißchen was von einer Ingenieurwissenschaft hat (da kann je nach Uni/FH und Standort jetzt natürlich auch drüber gestritten werden), ist es gar nicht so schlecht, mal ganz unterschiedliche Perspektiven einzunehmen, und das im Studium auch zu lernen.

    (Nebenbei bemerkt: gerade rüttelt WP ganz heftig — es hat ein paar Reloads gebraucht, bis mein Klick auf den Artikel auch wirklich den Artikel — und nicht XML, den RSS-Feed oder was anderes — geladen hat. Ich weiss, dass ihr dran arbeitet …)

  4. Hallo,
    also ich musste die Hausaufgabe gestern selber machen.
    Ich frage mich, warum das soviel Aufsehen erweckt. Ich empfand nichts Besonderes, als ich die Aufgaben gemacht habe.

  5. @Andreas: die dahinterstehende Frage ist doch die: was würdest Du machen, wenn der Bundesnachrichtendienst, das BKA oder auch die BSI dich (z.B. als Subunternehmer) beauftragt, eben dieses Datenbankmodell zu entwickeln. Auch nichts Besonderes, oder wäre das für dich ein ethisches Problem?

  6. auf jeden fall wäre die aufgabe spannender als meine aufgaben im fach datenmodellierung. datenbank für eine pizzeria, pah. da würde ich lieber einen zettel mit „ich kann das mit meiner moral nicht vereinbaren“ abgeben. an der tu wien hat man gesellschaftswissenschaftliche grundlagen der informatik (im prinip das gleiche wie informatik und gesellschaft) schon im 1. semester. fand ich gut.

  7. @andreas: sry, aber dein post zeigt eindeutig auf, warum wir werdende informatiker unbedingt solch ein fach wie i & g (bzw. in meinem fall ethik) brauchen. letztendlich sollten wir ja nicht nur tolle datenbankentwürfe abgeben und irgendwelche lustige zeilen code schreiben. manchmal ist es halt angebracht auch zu hinterfragen, was man da macht. und insodern find ich die idee gut, leider aber nur etwas plöd ausgeführt.

    cya
    mwi <= ebenfalls infostudent

  8. Auch wenn ich absolut für diese Aktion bin, so denke ich doch dass es leider schon immer so war: es gab Leute, die die (jetzt mal bildlich gesehene) Atombombe entwickelt haben, auch wenn sie sich ihrer Auswirkung bewusst waren.
    Der Einsatz einer schmutzigen Waffe jedoch ist immer eine Frage, die politisch entschieden wird.

  9. Der Mann hat meine Sympathie! Wohl von der Welle inspiriert, kreirt er ein sehr interessantes „Projekt“, bravo!!!! –> schön, dass es nicht stillschweigend unter den Tischgekehrt wurde. Da hab ich doch noch Vertrauen in unsere Bürger :)

  10. @mxgu

    Hallo, aber du kannst das ja wohl nicht im Ernst mit dem Entwickeln einer Atombombe vergleichen?
    Das, was wir in der Hausaufgabe gemacht haben, reicht nichtmal zu einem Zehntel dazu aus, eine Überwachung wirklich in der Praxis umzusetzen. Dazu gehören noch weitaus kompliziertere Themengebiete.

    Und jetzt kommt mir nicht mit, ich werde von irgendeinem Geheiminstitut angeworben, nur weil ich die Grundlagen Datenbanksysteme-Vorlesung gemacht hab. Die Übungsleiter müssen sich nunmal jedes Jahr neue Aufgaben ausdenken, da kommt vielleicht mal sowas bei raus.
    Es war einfach nicht negativ gemeint von Herrn Lippeck und nun gebt ihm doch mal Ruhe.

  11. Es ist echt der Kracher. Ich hoere diese Vorlesung, kenne alle Details der Aufgabe, und jetzt wird hier so getan, als ob Herr Lipeck in „Datenbanksysteme I“, einer Einfuehrungsveranstaltung, die Grundlagen von Datenbanksystemen, voellige Basics, thematisiert, geheimes Know-How zur Ausspaehung von Buergern vermitteln wuerde. Dieses tolle geheime Know-How hat jeder Hein Bloed, der schonmal n PHP Gaestebuch mit Mysql backend fuer seine flying toaster Homepage erstellt hat, und wem der eigentliche Kern der Aufgabenstellung, die Provokation, welche einem ja nun wirklich so offen foermlich ins Gesicht springt, nicht bewusst wird, dem ist doch auch nicht mehr zu helfen. Vielleicht waere eine zusaetzliche Moron-Edition der Aufgabenstellung gut, so mit grossen, hoch oben prangenden und unmissverstaendlichen Lettern : „Vorsicht, hier muessen Sie evtl. kurz mal nachdenken …“.

  12. Es geht ja nicht darum, dass Studierende keine Fähigkeiten erwerben sollen, die für ozeanische Zwecke brauchbar sind. Von nem diplomierten Physiker erwarte ich schließlich auch Grundlagenkenntnisse im Umgang mit radioaktiven Material.

    Der Punkt ist ja, was diese Aufgabenstellung hinsichtlich der Sache den Studierenden vermittelt. Sind die mitlesenden StudentInnen der Veranstaltung denn überzeugt, dass jedeR andereR in der Vorlesung dabei moralische Bedenken entwickelt hat?

    Zu erfahren, dass die Aufgabe als Provokation gemeint war ist nun einmal was anderes, als wenn Herr Lipeck sie einfach unkommentiert gelassen hätte.

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