Eine schöne Replik auf Habermas, Kulturminister Neumann & Co. zum demokratischen Potential des Internets findet sich beim Perlentaucher: Habermas, die Medien, das Internet.
Dem Internet misstraut der 79-jährige Habermas noch immer, wie seinem im Frühjahr erschienen Essay-Band „Ach, Europa“ zu entnehmen ist. Das Internet befördere die Fragmentierung des „gleichzeitig auf gleiche Fragestellung zentrierten Massenpublikums“. Es „unterminiere“ die nationalen politischen Öffentlichkeiten. Habermas meint, das Netz zerfalle in desorganisierte Teilöffentlichkeiten: „Vorerst fehlen im virtuellen Raum die funktionalen Äquivalente für die Öffentlichkeitsstrukturen, die die dezentralisierten Botschaften wieder auffangen, selegieren und in redigierter Form synthetisieren.“
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Die positive Einlassung auf das Internet, die Habermas geschrieben hätte, wenn er dreißig Jahre jünger wäre, hat wenig überraschend, ein US-Amerikaner für ihn geschrieben: Yochai Benkler. In seinem Buch „The Wealth of Networks“ beschreibt Benkler, dass eine deliberative Öffentlichkeit auf fünf Prinzipien beruhen müsse: allgemeiner Zugang, Filter für politische Relevanz, Filter für die Zulassung von Akteuren, Synthesemechanismen für eine „öffentliche Meinung“ und Unabhängigkeit von Regierung. Die vernetzte Diskursökonomie des Internets könne dies in hohem Maße bieten, ohne – wie von Habermas vermutet – in Fragmentierung, Desintegration und Informationsüberlastung abzugleiten. Es würden sich im Netz vielmehr „zunehmend Praktiken abzeichnen, die zu einer kohärenten Informationssphäre führen, ohne die Modelle der Massenmedien zu replizieren.“
Hier gibt es ein Netzpolitik-Podcast mit Yochai Benkler aus dem Jahre 2006, wo er auf die Frage einer Demokratisierung des Internets eingeht. Sein Buch “The Wealth of Networks” ist eines der interessantesten Bücher, die ich bisher gelesen habe. Sehr empfehlenswert. Und live auch grossartig.