Generell

Sommer, Palmen und Freie Software

Ich bin gerade in Nairobi / Kenia auf der zweiten „Idlelo Conference on the Digital Commons“ mit dem Untertitel „Achieving Millenium Develpment Goals through Community Software“. Und hier ist Sommer!

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Angekommen bin ich heute morgen nach fast einem Tag Anreise. Ganz schön kompliziert, wenn man kurzfristig eingeladen wird, über das Thema „Supporting Free Software on a regional level“ zu sprechen und die Flugtickets vier Tage vorher ankommen. Das führte dazu, dass ich mit Quatar Airlines über Doha in Katar anreisen musste. Das kenianische Reisebüro am anderen Ende der E-Mail Konversation war der Meinung, dass es nur noch diesen Flug bei ihnen gibt, da halfen meine Hinweise leider nicht,dass man in Deutschland noch komfortablere Reisestrecken buchen konnte. Also erstmal nach Doha reisen, wo ich geschlagene sechs Stunden im Massenchaos verbringen konnte. Doha ist der multikulturellste Ort, den ich je erlebt habe, bzw. die Transithalle, welche nicht besonders gross ist. Sitzplätze sind knapp und um einen herum schnattern die unterschiedlichsten Sprachen – die wenigsten davon europäisch. Eigentlich hatte ich geplant, im Flug nach Doha zu schlafen, was grandios misslang. In Doha selbst war an Schlaf gar nicht zu denken, so laut geht es da zu. Und die letzte Hoffnung, während meines Nachtfluges von Doha nach Nairobi wenigstens vier Stunden zu schlafen misslang auch grandios – danke an das Gewitter, welches erstmal unseren Abflug verzögerte und dann während des Fluges für Turbulenzen sorgte. Quatar Airlines haben es auch auf beiden Flügen mit ihrem Service etwas übertrieben. Wenn ich gerade eingeschlafen bin, möchte ich nicht unbedingt geweckt werden mit der Frage, ob ich ein Bonbon will. Passierte leider auf beiden Flügen.

Dafür entschädigte die Landung heute morgen die ganze Mühe. Während ich bei leichtem Schneefall in Berlin aufgebrochen bin, erwartete mich heute früh ein toller Sonnenaufgang zwischen Palmen und 16°C um sechs Uhr morgens. Mittlerweile scheint die Mittagssonne und es ist herrlich warm.. Eigentlich sollte ich im Tagungshotel untergebracht werden, aber das wurde überbucht. Und die letzten Anreisenden, wozu ich gehörte, wurden in das benachbarte Park Hotel ausgewiesen, was noch etwas luxeriöser ist und einen grossen Golfplatz beherbergt. Vielleicht sollte ich morgen mal die Chance nutzen und einfach etwas Golf spielen.Lustigerweise sah ich als erstes an der Lobby Ralf Füchs, den Vorsitzenden der Heinrich Böll Stiftung stehen, die dort irgendeine kleine Konferenz veranstalten.

Die Idlelo2-Konferenz ist vermutlich die grösste Freie Software Konferenz in Afrika. Ausgetragen wird sie von der Free and Open Source Foundation for Africa, zu den Sponsoren gehören u.a. Ubuntu, Google, der United Nations Economic Commission for Africa, Hivos, InWEnt und der Regierung von Kenia. Das Programm ist sehr interessant und gerade laufen die Keynotes, während wir noch darauf warten, dass irgendwann mal das versprochene WLAN funktioniert. Die nächsten fünf Stunden muss ich zumindest noch durchhalten, weil die Session „FOSS & Local Entrepreneurship“, wo ich als Referent eingeplant bin, erst um 14:30h anfängt. Zum Glück habe ich Club-Mate mitgebracht, welche mich noch am Leben hält.

Morgen gibts mehr inhaltliches zur Konferenz. Der offizielle Teil ist jetzt vorbei, ich hab viele Notizen gemacht, aber ich geh jetzt lieber in die Sonne.

Update:

Meine Session zu „Local Entrepreneurship“ ist gestern prima gelaufen und hat mir tiefere Einblicke in die Probleme und Herausforderungen kleiner und mittlerer Unternehmen im Freie Software Bereich in Afrika gebracht. Hier läuft halt alles etwas anders.

Das Internet ist übrigens grausam. Es gibt hier zwar von einem Provider gesponsertes WLAN, aber das hat nur eine begrenzte Kapazität an IP-Nummern. Heute morgen kam ichnoch ohne Probleme rein, als ich mal den Rechner runterfuhr und kurze Zeit spöter wieder online gehen wollte, war alles vorbei. Bis gerade. Hatte schon befürchtet, heute gar nicht mehr online gehen zu können. Gestern Abend gabs noch Bier und ein gesponsertes Dinner.War eigentlich eher wie im Film, inkl. afrikanischer Tanzgruppe und ganz viele verschiedene Fleischsorten vom Spiess. Leider wollten die Anderen mit im Exil lebenden Konferenzteilnehmer schon um 21 Uhr in unser Ersatzhotel zurück, wo ich daher mitmusste und der Abend war schnell vorüber.

Und heute morgen wollten sie um 8 Uhr wieder losfahren, was früheres Aufstehen voraussetzte. Ich hab die Chance genutzt und bin gleich umgezogen, heute gabs wieder freie Zimmer im Konferenzhotel. 8 Uhr bedeutet nämlich 6 Uhr deutsche Zeit und darauf hab ich morgen nicht wieder Lust. Mein Biorhythmus ist ürbigens komplett aus den Fugen geraten, das Zeitgefühl ist weg. Wir waren heute morgen übrigens viel zu früh. Offiziell sollte die erste Session um 8:30 Uhr anfangen, aber wir sind in Afrika und da läuft das alles etwas anders. Die meisten schliefen noch, inkl. einem Teil der Referenten.

Dafür gab es irgendwann dann eine spannende Session „Localization“. Hier ging es darum, wie Freie Software an lokale Dialekte angepasst wird und werden kann. Einige Referenten aus verschiedenen Regionen und Projekten trugen ihre Erfahrungen vor und diskutierten, wie man neue Menschen für diese Projekte begeistert und die Kollaboration über die Projekte hinaus ausbauen kann. Obwohl viele (vor allem im östlichen und südlichen Teil Afrikas) Englisch sprechen können, wurde die Notwendigkeit von Lokalisierungen an einem Beispiel richtig deutlich: Mit „Wenn Du mit mir in meiner Muttersprche sprichst, sprichst du zu meinem Herzen. Wenn du zu mir in Englisch sprichst, sprichst du zu meinem Kopf“, brachte es einer der Referenten auf den Punkt. Eines der vorgestellten Projekte war Translate.org.za aus Südafrika. Dort gibt es alleine elf verschiedene lokale Sprachen mit einer zum Teil grossen Verbreitung. Eine Kollaborationsplattform namens Wordforge wurde auch vorgestellt. Für die Überwindung der digitalen Spaltung in Afrika spielen solche Projekte auf jeden Fall eine sehr grosse Rolle und sie machen eine tolle Arbeit.

Leider war ich morgens noch nicht richtig fit, weil ich das Frühstück im Hotel verpasst hatte und dementsprechend auch noch den Kaffee. Später als es dann Kaffee gab, wollte ich mitbloggen, aber da gabs keine IP-Adressen mehr und ich probierte frustriert zwei Stunden lang, wieder rein zu kommen.

Was ich mich immer noch frage ist, wieviel Geld Microsoft wohl gezahlt hat, um heute alleine drei Redner im Hauptprogramm zu haben. Die sprachen natürlich immer von „Dialog mit der Open Source Community“ und ganz oft von der Notwendigkeit von Interoperabilität und Offenen Standards. Klang echt schon zynisch, wenn man sich die Geschäftspolitik von Microsoft ansieht. Vor allem betonten sie immer die Notwendigkeit des Respekts vor Patenten und Copyright.

Gerade sitze ich in einer Session zum Thema „Gender & FOSS“, was sehr spannend ist. Erfreulicherweise ist dies hier keine Männerveranstaltung, denn der Frauenanteil auf der Konferenz liegt bei mehr als einem Drittel. Hier haben die Organisatoren vermutlich die Stipendien gleichmässig verteilt, was ich gut finde. Die meisten Frauen sind bei den „Linux Chix Africa“ organisiert. Das Netzwerk wurde vor einem Jahr von zwei Frauen aus zwei Staaten gegründet und ist jetzt nach einem Jahr schon auf 500 Frauen aus 25 Staaten angewachsen. Aber ihre Probleme sind dieselben wie sie oft Frauen in technischen Zusammenhängen in der westlichen Welt haben. Ist also ein globales Problem, was sich hoffentlich bald mal ändert.

Später gibts noch eine „Sponsored Night“ mit Frei-Cocktails, übrigens von Microsoft finanziert. Zum Glück ist mein Heimweg diesmal einfacher und vor allem unabhängiger. Mein Zimmer mit einem riesigen Himmelbett (!) liegt nur 20m entfernt.

Ich komme mir hier in all dem Luxus in den „Gated Communities“ der Hotels echt ein wenig komisch vor. Draussen vor der Tür ist die Armut offensichtlich und wir tagen hier in einem Fünf-Sterne Hotel, wie ich es noch nie erlebt habe. Vermutlich liegt die Wahl der Location auch daran, dass die kenianische Regierung die Konferenz mit ausrichtet und sich von ihrer besten Seite zeigen möchte. Ds komische Gefühl bleibt aber trotzdem. Und ich finde es schade, dass ich bei diesem Trip nur eine extrem einseitige Sichtweise auf Afrika bekomme und einen Einblick in das reale Leben nur in kurzen Ausschnitten aus dem fahrenden Bus bekomme.

Update:

Die Konferenz ist vorbei, es ist Samstag und in zwei Stunden muss ich mit dem Taxi zum Flughafen. Zum Glück hab ich nochmal an der Lobby nachgefragt, wann man am Flughafen einchecken muss. Geschlagene zwei Stunden vorher! Anstatt am Pool zu liegen verbringe ich also meinen Nachmittag auf dem Flughafen. Und dann wieder dieselbe Tour wie auf dem Hinweg, inkl. Warten im Transit in Quatar und Ankunft um sieben Uhr morgens in Berlin.

Wenn ich wieder fit bin, schreibe ich noch den Rest des Reiseberichtes. Vor allem die letzte Nacht war echt ein Erlebnis. Leider habe ich heute Nacht vergessen, die Steckdose einzuschalten (!), so dass mein Notebook jetzt erstmal mühsam Strom tanken muss. Und da ich das Frühstück verschlafen habe,muss ich jetzt mal zusehen, dass ich wenigstens Lunch bekomme.

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8 Kommentare
  1. freut mich, dass Du gut angekommen bist. vielleicht solltest du auf dem green Dein Handicap verbessern?

    gruss
    andreas

  2. Jetzt gibts erstmal zwei Fotos. Das Internet ist hier grausam langsam und ich bin froh, gerade drin zu sein. Musste auch eine halbe Stunde probieren, eine IP zu bekommen.

    @ Ralf: Viele Grüsse von Nnena, die mir heute morgen erstmal auf dem Flughafen über den Weg lief.

  3. die fotos schauen fast surreal aus, so leicht überstrahlt in den lichtern.. wie eine gerenderte welt. 8)

    ich will auch sommer.

    ich wünsche dir gute zuhörer!

  4. schoen! hoffe es ist alles gut gelaufen gestern. bin gespannt auf die weiteren berichte.
    krieg ich ein souvenir? : )
    hakuna matata,
    Andrea

  5. Hey! Danke für die vielen Infos. (Bin ein wenig neidisch.) Die etablierte Presse hat den Event weitgehend verschlafen. Lass es dir gut gehen!

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