Wolfgang Bosbach hat Gedächtnislücken

Ein schöner Kommentar zu den Zensursula-Protesten steht in der Frankfurter-Rundschau: Tiefes Misstrauen.

Die Internet-Sperren gegen Kinderpornografie werden kommen – und ihre Gegner dürfen feiern. Am Donnerstag wird das umstrittene Gesetz den Bundestag passieren, das können sie nicht verhindern. Aber was die Aktivisten mit ihrer Online-Petition, ihrer Medienpräsenz und ihrer unermüdlichen Lobbyarbeit geschafft haben, verdient Hochachtung.

In die andere Richtung berichtet der Kölner Stadt-Anzeiger, sozusagen das Hausblatt von Wolfgang Bosbach (CDU). Dieser hat seinen Wahlkreis im Rheinisch-Bergische Kreis, der an Köln angrenzt und im Einzugsgebiet des Kölner Stadt-Anzeiger liegt. Wolfgang Bosbach konnte sich auch heute wieder zu den Zensursula-Plänen mit einem (erneut) bemerkenswerten Zitat äussern: “Ich kenne niemanden, der ernsthaft das Ziel verfolgt, weitere Inhalte auf gleiche Art und Weise sperren zu wollen. Deshalb sollte man auch aufhören, den Befürwortern dieser Stoppseiten andere Motive zu unterstellen.” Da fragt man sich doch, ob der stellvertretende Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion tatsächlich keine Ahnung von den Sperrungswünschen seiner Unions-Kollegen hat. Immerhin hörte man vieles in letzter Zeit:

Da waren die Glücksspiele, die der hessische Innenminister haben möchte. Oder Thomas Strobl aus der eigenen Fraktion, der erst letzte Woche eine Ausweitung auf Killerspiele wünschte. Die Liste ist locker erweiterbar. Aber dank einer entlarvenden Äusserung von Wolfgang Bosbach vor zwei Wochen wissen wir ja, was hinter der Äusserung tatsächlich steckt: “Ich halte es für richtig, sich erstmal nur mit dem Thema Kinderpornografie zu befassen, damit die öffentliche Debatte nicht in eine Schieflage gerät”. Wir wollen ihm mal nicht ein Lüge unterstellen. Bei seiner schweren Arbeit sind ihm sicher nur Gedächtnislücken gekommen. Oder aber seine Kollegen machen keine ernsthafte Politik, sondern fordern solche Dinge nur aus einer “Bierlaune” heraus?

Apropos CDU/CSU: Wie kommt es eigentlich, dass diese stolz in einer Pressemitteilung verkündet, man habe sich in fast allen Punkten gegenüber der SPD durchgesetzt?

Insgesamt ist durch die massiven Nachbesserungen durch die Union ein ausgewogenes Gesetz entstanden, das energisches Vorgehen gegen die Kinderpornographie mit einem ausgeprägten Grundrechtsschutz verbindet. Ein großer Erfolg für Bundesministerin von der Leyen!

Irgendwie habe ich das von Seiten der SPD anders verstanden. Aber das bestätigt meine These von Montag, das die Union die SPD über den Tisch gezogen hat.

Eine gute Analyse findet sich übrigens bei Thomas Stadler: Die Schimäre vom Subsidiaritätsprinzip und andere Irrtümer.

Die Pressemitteilung der SPD zum Sperrgesetz klingt beeindruckend. Wieder einmal hat man es der CDU und eigentlich allen gezeigt, sich auf voller Linie durchgesetzt und man höre und staune, das Subsidiaritätsprinzip im Gesetz verankert.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Deutschland, Digital Rights, Zensur und getagged , , , , , . Bookmarken: Permanent-Link. Kommentieren oder ein Trackback hinterlassen: Trackback-URL. Dieser Beitrag steht unter der Lizenz CC BY-NC-SA: Markus Beckedahl, Netzpolitik.org.

9 Kommentare

  1. david
    Erstellt am 17. Juni 2009 um 00:22 | Permanent-Link

    lest mal den letzten abgeordnetenwatch kommentar

    leider antwortet er nur mit standardmails

    PS Captchas kaum lesbar

  2. Lars
    Erstellt am 17. Juni 2009 um 00:48 | Permanent-Link

    “verband” sollte wohl “verbannt” heißen …

    schöner Beitrag!

  3. stefan
    Erstellt am 17. Juni 2009 um 00:54 | Permanent-Link

    hast du den artikel besoffen geschrieben? strotzt vor fehlern. evtl. vor dem veröffentlichen mal gegenlesen (lassen)!

  4. markus
    Erstellt am 17. Juni 2009 um 01:50 | Permanent-Link

    @3: Danke für den Hinweis. Hatte den Artikel etwas unter Zeitdruck geschrieben und einen Teil wieder rausgenommen, weil Joerg-Olaf parallel über dieselbe weitere Quelle schrieb. Hab die Fehler gerade rausgenommen.

  5. Samuel Vimes
    Erstellt am 17. Juni 2009 um 09:06 | Permanent-Link

    [...] Wolfgang Bosbach konnte sich auch heute wieder zu den Zensursula-Plänen mit einem (erneut) bemerkenswerten Zitat äussern: “Ich kenne niemanden, der ernsthaft das Ziel verfolgt, weitere Inhalte auf gleiche Art und Weise sperren zu wollen. Deshalb sollte man auch aufhören, den Befürwortern dieser Stoppseiten andere Motive zu unterstellen.” [...]

    Hätte ich die Wahl gehabt, hätte ich mir auch lieber andere Motive unterstellen lassen, als dass ich mich gegen die Sperrung von kinderpornographischen Inhalten sträube oder um mein “Grundrecht auf Kinderpornografie” kämpfe!

    Unsere Politiker habens schon ganz schön schwer mit uns, …

  6. Thomas
    Erstellt am 17. Juni 2009 um 10:18 | Permanent-Link

    Irgendwie habe ich das von Seiten der SPD anders verstanden. Aber das bestätigt meine These von Montag, das die Union die SPD über den Tisch gezogen hat.

    Naja, wie immer ist es so, daß gutes (Koalitions-)Management ist, den “Partner” so schnell über den Tisch zu ziehen, daß er die Reibungswärme für Nestwärme hält ;)

    … und die CDU/CSU scheint darin seeehr gut zu sein :D

  7. vanished
    Erstellt am 17. Juni 2009 um 13:45 | Permanent-Link

    Noch ist nicht alle Hoffnung verloren. Es gibt noch eine kleine Chance, dass das Gesetz nicht durch den Bundesrat kommen wird. Und wenn doch, dann gäbe es immer noch das Bundesverfassungsgericht.

  8. markus
    Erstellt am 17. Juni 2009 um 14:00 | Permanent-Link

    @8: Das gesetz ist leider nicht zustimmungspflichtig. Der Bundesrat fällt also aus.

  9. Sherlok H.
    Erstellt am 22. Juni 2009 um 22:34 | Permanent-Link

    Die Aussage von Herrn Bosbach lautet:
    “Ich kenne niemanden, der ernsthaft das Ziel verfolgt, weitere Inhalte auf __GLEICHE__ Art und Weise sperren zu wollen.”

    Mit der jetzt beschlossenen Art von Sperren läßt sich ja schließlich auch nicht gegen P2P-Netze oder andere Internetdienste und Protokolle wie z.B. von “Killerspielen” vorgehen.
    Auch Webseiten kann man mit anderen Mitteln sperren, im Zweifelsfall durch Vorschalten einer “Halt”-Seite im schwarz-gelben Design.

    Herr Bosbach ist schon ein unglaublicher großer Wortakrobat, da kann einem allein vom Zuhören schwindlig werden. :)

3 Trackbacks

  1. [...] ist vorhin ja bereits kurz auf einen Kommentar im Kölner Stadtanzeiger eingegangen, der die [...]

  2. [...] netzpolitik.org: Wolfgang Bosbach hat Gedächtnislücken [...]

  3. Von Jahresrückblick 2009 : netzpolitik.org am 22. Dezember 2009 um 13:32

    [...] Wolfgang Bosbach hat Gedächtnislücken. [...]

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