Baden-WürttembergGrüne Basis stimmt gegen Palantir

In einer Urabstimmung fordert die überwältigende Mehrheit der Grünen, den Palantir-Vertrag sofort zu kündigen. Doch die Landesregierung hält an ihrem Kurs fest. Dabei verlangen die Mitglieder alles andere als eine grundlegende Wende.

  • Rika Baack
Cem Özdemir schaut angespannt in die Ferne.
Ministerpräsident Cem Özdemir (Grüne) rückt nicht vom Palantir-Vertrag ab. – Alle Rechte vorbehalten: IMAGO / dts Nachrichtenagentur

Das Zeichen ist klar: Bei einer Urabstimmung der Grünen in Baden-Württemberg sprachen sich 92 Prozent gegen die Einführung der Datenanalyse-Software Gotham in der Landespolizei aus. 40 Prozent der grünen Parteimitglieder beteiligten sich an der Stimmabgabe. Das Ergebnis: Ihren Fünf-Jahres-Vertrag mit dem US-Konzern Palantir solle die Landesregierung sofort kündigen.

Mit Palantirs Software soll die baden-württembergische Polizei Millionen Datensätze aus verschiedenen Quellen verknüpfen und nach Zusammenhängen durchsuchen. Die Mehrheit der Abstimmenden fürchet eine Rasterfahndung auf Knopfdruck. Außerdem gebe es die Gefahr, dass Daten an US-Behörden herausgegeben werden müssen.

Parteibasis und Regierungsfraktion im Konflikt

Die Landesregierung sieht das Ergebnis der Urabstimmung eher als Bestätigung des bestehenden Kurses. Der lautet: Das Land soll schnellstmöglich auf eine europäische Alternative umsteigen. Bis dahin – Palantir. Unter „schnellstmöglich“ versteht die Landesregierung wohl, was auch schon im Koalitionsvertrag steht: spätestens bis zum Jahr 2030. Ministerpräsident Cem Özdemir (Grüne) wiederholte, am Vertrag festhalten zu wollen. Erst vor wenigen Tagen stimmte die grüne Landtagsfraktion gemeinsam mit der CDU gegen einen Antrag der SPD, Gotham zu stoppen.

Im vergangenen Jahr schloss das von der CDU geführte Innenministerium einen millionenschweren Vertrag mit Palantir. Der grüne Koalitionspartner erfuhr davon erst im Nachhinein. Selbst wenn die Landesregierung der Urabstimmung folgen würde, müssten die 25 Millionen Euro Lizenzgebühren an den US-Konzern gezahlt werden, heißt es zu der Urabstimmung. Die CDU hatte den Vertrag mit Palantir ohne Ausstiegsklauseln unterschrieben.

Gegen Palantir, aber offen für automatisierte Datenanalyse

Die Initiator:innen der Urabstimmung schlagen Alternativen vor: Prominent dabei ist die Datenanalyse-Software ArgonOS aus Frankreich. Für diese hatte sich das Bundesamt für Verfassungsschutz entschieden.

Jede Datenanalysesoftware müsse „im Einklang mit unserer Verfassung und unserer Datenschutzgrundverordnung stehen“, heißt es in der Pressemitteilung zur Urabstimmung. Die Werte der digitalen Souveränität, informationellen Selbstbestimmung und Verfassungstreue seien mit dem US-amerikanischen Anbieter unvereinbar. Doch stehen die Grünen einer „sorgfältigen Nutzung automatisierter Datenanalysen in der Polizeiarbeit grundsätzlich offen gegenüber“.

Dass auch eine derartige Datenanalyse-Software aus Europa problematisch für Grund- und Freiheitsrechte wäre, spielt in der Urabstimmung keine Rolle. Möglichst viele Daten zu verknüpfen und automatisch zu analysieren, kann millionenfach auch unschuldige Menschen ins Visier der Sicherheitsbehörden rücken. Ein so umfangreiches Überwachungstool könnte in den falschen Händen auch weit über die aktuell genannten Ziele hinaus eingesetzt werden.

Über die Autor:innen

  • Rika Baack

    Von Juli bis September 2026 ist Rika Praktikantin bei netzpolitik.org. Sie schließt gerade ihr Studium der Publizistik und Politik in Berlin ab und interessiert sich besonders für Plattformregulierung, digitale Bildung und zivilgesellschaftliches Engagement für ein besseres Internet.


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17 Kommentare zu „Grüne Basis stimmt gegen Palantir“


  1. War never changes

    ,

    Das Demokratieverständnis der demokratischen Parteien ist erschreckend und nur damit zu erklären, dass sich viele Regierungen bereits im Ausnahmezustand des Verteidigungsfalls befinden. „Noch nicht im Krieg, aber auch nicht mehr im Frieden“, wie es Merz formuliert hat.


    1. Anonym

      ,

      Wo sehen Sie hier das Defizit im Demokratieverständnis?


      1. 風間律

        ,

        Darin, dass sie es für legitim halten, flächendeckend Schadsoftware gegen die eigene Bevölkerung einzusetzen? In dem eklatant verkümmerten Bewusstsein dafür, dass in einer Demokratie der Staat dem Volk Rechenschaft schuldig ist und nicht andersrum?


        1. Anonym

          ,

          Diese Politiker sind gewählt, gerade die CDU hatte sich ganz klar positioniert und bereits so gehandelt. Wenn man sich Erst- und Zweitstimmen in BaWü anguckt, wollten die Wähler durchaus auch CDU Politik aber klar Cem als Ministerpräsidenten. Die Wähler wollten ganz klar nicht Die Linke, Volt oder Piraten.

          Ich habe da auch andere Meinungen, aber demokratisch legitimiert ist das letztlich.


          1. War never changes

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            In Zeiten, in denen Wahlentscheidungen nach dem Prinzip des „geringsten Übels“ getroffen werden, halte ich es für absolut falsch, aus einer Stimme für eine Partei automatisch eine Zustimmung für jede Maßnahme abzuleiten.

            Insbesondere Maßnahmen, die so dermaßen in die absoluten Kern-Grundrechte der Bürger einschneiden wie Palantir/Überwachung, müssen per Volksentscheid gesondert legitimiert werden. Und man muss den Leuten dabei transparent sagen: Im Verteidigungsfall dient diese KI-Überwachung dazu, wehrpflichte Personen überall im Land zu identifizieren und dem Kriegsdienst zuzuführen. Und dann möchte ich gerne sehen, ob es für diese Maßnahme eine demokratische Legitimation gibt… ich denke (und hoffe) nicht!


          2. Anonym

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            „halte ich es für absolut falsch, aus einer Stimme für eine Partei automatisch eine Zustimmung für jede Maßnahme abzuleiten.“

            Das war schon immer falsch, denn bei einer Wahl geht es um die Verteilung der Macht und damit Kompromisse. Kompromisslosigkeit koennen sich nur Waehler leisten, die keine Macht haben wollen.

            „Insbesondere Maßnahmen, die so dermaßen in die absoluten Kern-Grundrechte der Bürger einschneiden wie Palantir/Überwachung, müssen per Volksentscheid gesondert legitimiert werden.“

            Das sieht zZt weder unser GG noch unsere Gesetzgebung vor. Demokratie ist kein Wunschkonzert, man muss fuer seine Forderungen auch etwas tun. Reine Konsumentenhaltung mit Forderungen gegenueber den Parteien oder „dem Staat“ reicht nicht.

            „Verteidigungsfall dient diese KI-Überwachung dazu, wehrpflichte Personen überall im Land zu identifizieren und dem Kriegsdienst zuzuführen.“

            Ah, die „alle Rechte, keine Pflichten“ Fraktion wieder 8)


          3. Anonym

            ,

            „Im Verteidigungsfall dient diese KI-Überwachung dazu, wehrpflichte Personen überall im Land zu identifizieren und dem Kriegsdienst zuzuführen.“

            Die Daten dieser Personen liegen vor, fahnden müsste man nur nach vollständig abtauchenden und das lohnt idR mangels Leistungsbereitschaft ohnehin nicht.

            Und natürlich kann jedermann den Dienst an der Waffe aus Gewissensgründen verweigern. Den Dienst an der Gesellschaft in Form des Staates generell allerdings nicht.

            „Und dann möchte ich gerne sehen, ob es für diese Maßnahme eine demokratische Legitimation gibt“

            Unsere Verfassung beinhaltet eine staatsbürgerliche Pflicht zum Dienst an der Gesellschaft im Falle einer existentiellen Bedrohung für alle männlichen Staatsangehörigen. Der Verteidigungsfall ist der bewaffnete Angriff auf diese Gesellschaft und FDGO, es gibt leider genug Bilder von Kriegsgebieten, um das zu verstehen. Ich würde stark davon ausgehen, dass der Großteil der Bevölkerung eine Erfüllung dieser Pflicht erwartet.

            Sie können sich dieser Pflicht durch Verlassen des deutschen Staatsgebiets oder Aufgabe der deutschen Staatsangehörigkeit entziehen. Damit verlieren Sie auch die entsprechenden Rechte gegenüber der Gesellschaft.


  2. Traude

    ,

    Bei sovielen Juristen in der Partei, dürfen solche Vertragsfehler einfach nicht vorkommen!
    Wie kann man die Kkausel „Vertragsrücktritt“ ignorieren – in der heutigen Zeit schon gar nicht! Würde nicht mal KI machen.


    1. Anonym

      ,

      Warum sollte das ein Vertragsfehler sein? Die sind diesbezüglich nicht unfähig und wissen sehr genau, was sie unterschrieben haben, um das gewünschte möglichst abzusichern.

      Scheuer war in dieser Beziehung auch nicht unfähig.


    2. Wer wurde dafür bezahlt?


  3. Anonym

    ,

    Ja watten, ische noch Lebbe drin?


  4. Anonym

    ,

    „In einer Urabstimmung fordert die überwältigende Mehrheit der Grünen […]“

    …nichts.

    Eine Wahlbeteiligung von 40% bedeutet, dass 60% nichts fordern und es ihnen anscheinend egal ist. Von den 40% haben dann 92% die Forderung unterstuetzt, das sind knapp 37% der abstimmungsberechtigten BaWue-Gruenen.

    „In einer Urabstimmung fordern fast 37% der Grünen […]“ klingt halt nicht so gut.


  5. Anonym

    ,

    Reality Check: Zur Urabstimmung stand eine Forderung, zu ihrer Unterstützung musste mit „ja“ gestimmt werden.

    Knapp 37% der BaWü Grünen haben die Forderung unterstützt. Gut 63% haben sie nicht unterstützt.

    Veranschaulichung in einer Halle mit 100 Leuten: dafür 37, dagegen 3, enthalten 60.

    Wer jetzt jubelt, man sei 92%, dem sei nachdenken empfohlen.


    1. Anonym

      ,

      Ändert übrigens nichts daran, dass es eine klare Ansage ist, wenn sich über ⅓ dafür engagiert. Nur halt nicht so vernichtend für Özdemir, wie sich linksgrün das so wünscht…


      1. Anonym

        ,

        Was wünscht sich „linksgrün“ bzgl. Özdemir? Wodurch wird es repräsentiert bzw. wodurch konstituiert es sich? Ist das effektive virtuelle Politik?


        1. Anonym

          ,

          Warum ist es nachts kälter als draussen?

          Ansonsten gibt in bei den Grünen, wie überall anders auch, diverse Strömungen, Richtungen, Gruppen, Flügel, was auch immer. Die „Realos“ sind relativ unverändert. Die klassischen „Fundis“ sind mittlerweile weniger prominent. Sehr prominent sind die akademisch-progressiven primär urbanen „linksgrünen“ (früher auch „woke“). Özdemir als Realo hat die Wahl auch deswegen gewonnen, weil die „linksgrünen“ ihn durch Nichteinmischung unterstützt haben, und das meine ich ganz unironisch.


  6. Joachim

    ,

    Es gibt ja viele Vorbehalte gegen Palantir. Darauf als Regierung nicht einzugehen ist schonmal problematisch.

    Es gibt auch viele Vorbehalte gegen Datenanlyse-Software, ganz allgemein. Da muss wenigstens die Verhältnismäßigkeit geklärt werden. Dazu gehören auch und nicht nur eine Validierung von Kosten und Nutzen.

    Die Forderung dass sie „im Einklang mit unserer Verfassung und unserer Datenschutzgrundverordnung stehen“ muss, ist einfach nur selbstverständlich und damit eine Nichtaussage. Was soll das? Tut es das nicht, so ist das illegal!

    In dem Sinn fühle ich mich „verarscht“, ignoriert und, u.A. weil der Vertrag bis 2030 geht, übertölpelt.

    Wie z.B. wäre es mit der Forderung, dass jede staatliche Maßnahme, die Grundrechte so extrem berührt, eine Gegenmaßnahme bekommen muss, die „Waffengleichheit“ garantiert. Es gibt ein Recht auf informelle Selbstbestimmung. Es gibt ein Recht auf Transparenz und Teilhabe. Kontrolliert wird von unten nach oben und nicht umgekehrt. Gewaltenteilung ist ein Schlüsselbegriff. Diese Dinge enden nicht mit den Wahlen.

    Das sind die Basics! Die werden ignoriert und der Gedanke „aber was verstehen Politiker schon von Demokratie“ drängt sich förmlich auf. Tut etwas gegen diesen Gedanken! Sofort! Sonst wählen die Leute gleich das „Original“ mit den Anleihen von 1933.

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