Im vergangenen Jahr gab es viele Gründe, zu demonstrieren: den Konflikt um Gaza, die Agrardieselreform oder die Enthüllungen des Recherchenetzwerks Correctiv. Das bestätigt der Bericht des Berliner Weizenbaum-Instituts zur politischen Partizipation in Deutschland, der heute vorgestellt wird. Demnach waren 19 Prozent der Befragten im zurückliegenden Kalenderjahr auf einer Demonstration – der höchste Wert seit 2019, als die jährliche Studie erstmals durchgeführt wurde.
Für den Weizenbaum-Report 2025 beantworteten rund 2.700 Personen telefonisch Fragen rund um ihr Demokratieverständnis, ihre politische Teilhabe und Mediennutzung. Während die Demo-Beteiligung auf einem Höchststand war, zeichnete sich bei anderen Beteiligungsformen jedoch ein Rückzug ins Private ab.
Seit 2019 unterschrieben Jahr für Jahr immer weniger der Befragten eine Petition. Und während vor sechs Jahren fast 35 Prozent der Befragten Politiker kontaktierten, waren es 2024 kaum mehr als 20 Prozent. Nur die Parteimitgliedschaft als Form der politischen Teilhabe hält sich stabil – wenn auch auf niedrigem Niveau – bei acht Prozent.
Zahl reicher Spender rückläufig
Das Momentum der Proteste führte auch nicht zu mehr bürgerlichem Engagement. Dazu zählt laut Weizenbaum-Institut etwa, wenn Menschen an Organisation spenden, ein Ehrenamt bekleiden oder andere Menschen mobilisieren. Im Jahr 2022, als die Frage nach bürgerlichem Engagement erstmals gestellt wurde, spendeten noch drei von vier Befragten, die sich selbst eine hohe soziale Stellung zuschrieben. Vergangenes Jahr tat dies in dieser Gruppe nur noch etwa jeder Zweite.
Gleichzeitig brachten sich mehr Personen mit niedrigem sozialen Status ein: statt 40 Prozent nun 47 Prozent. Das finanzielle Engagement hängt also zunehmend weniger vom sozialen Status ab. Nach der Höhe der Zuwendungen fragte das Weizenbaum-Institut nicht.
Erstmals erstellten die Forschenden in diesem Jahr ein Stimmungsbild zu politischer Gewalt. Demnach halten 79 Prozent der Befragten Drohnungen und Gewalt gegen Politiker für eher bis sehr verbreitet, 68 Prozent sehen darin eine Gefahr für die Demokratie. Gleichzeitig kann der Weizenbaum-Report nicht bestätigen, dass die Zufriedenheit mit der Demokratie sinkt. Sie erholte sich sogar leicht – von 45 Prozent im Jahr 2023 auf 48 Prozent im vergangenen Jahr.
Das Internet ist kein Neuland mehr
Um sich politisch auf dem aktuellsten Stand zu halten, greifen immer weniger der Befragten zu traditionellen Medien. Fernsehen, Zeitungen und Radio verlieren weiter an Bedeutung. Derweil nutzen unverändert rund 66 Prozent das Internet als Informationsquelle. Immer mehr der Befragten informieren sich also vor allem im Netz. Auch die großen Plattformen des Meta-Konzerns, Instagram und Facebook, profitieren: Deren Nutzung als Quelle politischer Inhalte steigt um etwa fünf Prozentpunkte auf 43 Prozent.
Mit Hasskommentaren konfrontiert sahen sich genauso viele der Befragten wie 2023. Allerdings reagieren Nutzer anders auf solche Kommentare. Während immer weniger zu gegenseitigem Respekt auffordern, melden Nutzer den Hass häufiger an die Plattformen.
Gleichzeitig geben immer mehr der Befragten an, auf Falschmeldungen zu stoßen. Hier findet sich dieselbe Tendenz wie bei Hassnachrichten: Weniger Menschen mahnen, mehr von ihnen melden. Zusätzlich überprüft ein wachsender Teil der Befragten die Falschmeldungen: 2024 recherchierte gut ein Viertel selbst, nachdem sie auf eine mutmaßliche Falschmeldung stießen.
Meinung zu KI ist gespalten
Die Befragten bilden sich zunehmend eine Meinung zu sogenannter Künstlicher Intelligenz (KI). Gut ein Drittel hat keine oder eine unentschiedene Haltung zu KI. Ihr Anteil sinkt von 45 Prozent in 2022 auf 38 Prozent in 2024. Ein weiteres Drittel steht KI wohlwollend gegenüber, das letzte Drittel bewertet sie eher negativ. Dabei nehmen jüngere, besserverdienende und höher gebildete Personen KI eher positiver wahr. Das Weizenbaum-Institut führt das auf den verstärkten KI-Einsatz im Arbeitsumfeld zurück.
Seit diesem Jahr stellt das Weizenbaum-Institut auch Fragen zur Nutzung digitaler Bezahldienste. Je höher das Einkommen, desto wahrscheinlicher verwenden die Befragten demnach eine digitale Bezahloption. Eine Ausnahme sticht dabei heraus: die neuen „Buy Now, Pay Later“-Angebote, mit denen Rechnungen auf Raten bezahlt werden, nutzte etwa jeder Dritte – unabhängig vom Einkommen. Trotz der erhöhten Verschuldungsgefahr entscheiden sich auch junge oder finanziell schlechter gestellte Menschen, später zu bezahlen.
