E-RezeptTestphase mit offenem Ende

Die Frist ist vorbei, und das E-Rezept für alle kommt doch nicht – bis auf Weiteres. Zuerst muss die Technik noch mehr Tests bestehen. Es ist nicht das einzige Digitalprojekt im Gesundheitswesen mit Startschwierigkeiten.

Ein Blanko-Arzneimittelrezept, im Hintergrund mehrere kleine Ampullen.
Wird noch eine Weile ein vertrauter Anblick sein: das rosa Papierrezept. – Alle Rechte vorbehalten IMAGO / STPP

Mit einem E-Rezept sollen Patient:innen ihre Medikamente nicht mehr gegen einen Zettel einlösen müssen, sondern nur noch einen QR-Code vorzeigen. Eigentlich sollte es im Januar flächendeckend losgehen, doch das Bundesgesundheitsministerium (BMG) hat Ende Dezember den Start verschoben. Die Testphase sollte zunächst weitergehen, denn bis Dezember waren gerade einmal 42 E-Rezepte ausgestellt worden. Außerdem fehlte es an der technischen Infrastruktur, sowohl bei den Ärzt:innen als auch in den Apotheken.

Doch wie lange soll die Testphase nun dauern? Um diese Frage ging es auch im Petitionsausschuss des Bundestags. Petra Reis-Berkowicz, Vorsitzende der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns, hatte vergangenes Jahr – vor der Verschiebung des Starts – eine 12-monatige Testphase für das E-Rezept gefordert. Die Kassenärztliche Vereinigung vertritt die Interessen von Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen, die gesetzlich versicherte Patient:innen versorgen. Ihre Petition unterzeichneten mehr als 50.000 Personen.

Die Sozialdemokratin Sabine Dittmar, parlamentarische Staatssekretärin im BMG, sagte vor dem Ausschuss, die Verlängerung der Testphase sei offen. Eine Umstellung solle erfolgen, wenn die technischen Voraussetzungen erfüllt seien.

Keine Betatests im Livebetrieb

Für die technische Infrastruktur rund ums E-Rezept ist die Gematik zuständig. Die Agentur hat Ende Januar konkrete Ziele formuliert: 30.000 E-Rezepte sollen in der Testphase „erfolgreich abgerechnet“ werden. Der aktuelle Stand lässt sich anhand täglich aktualisierter Zahlen nachverfolgen. Am 16. Februar waren es 1.530 eingelöste Rezepte. Zum Vergleich: Etwa eine halbe Milliarde Papierrezepte wurden im Jahr 2020 deutschlandweit in Apotheken eingelöst.

Reis-Berkowicz geht es aber offenbar um mehr als allein die Einführung des E-Rezepts. Aus ihrer Petition geht hervor, dass Neuerungen offenbar nicht ausreichend getestet werden: „Mit der verpflichtenden, stichtagsbezogenen Einführung der genannten Anwendungen werden alle Arztpraxen, Apotheken, gesetzlichen Krankenkassen und letztlich auch alle gesetzlich Versicherten als Betatester im Livebetrieb zu Versuchskaninchen im Gesundheitswesen“, heißt es in der Petition.

Das E-Rezept ist mit seinen Startschwierigkeiten kein Einzelfall. Das zeigen auch andere Projekte aus der Gesundheitsdigitalisierung: Weggewischte rechtliche Bedenken zur elektronischen Patientenakte und eine schleppende Einführung. Wiederholte IT-Sicherheitsprobleme. Und zuletzt gab es Ärger mit der elektronischen Gesundheitskarte: Technische Probleme durch elektrostatische Ladung legten teilweise die IT in Praxen lahm. Der frühere Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte es offenbar eilig mit der Digitalisierung des Gesundheitswesens.

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Eine Ergänzung

  1. Es gibt übrigens nicht wenige niedergelassene Ärztinnen und Ärzte, die sich dem Zwang zur Telematik-Ausstattung verweigern, auch wenn ihnen mittlerweile pauschal 2,5% vom Honorar abgezogen wird. Wer gerade eine neue Praxis sucht, kann das ja durchaus auch als Auswahlkriterium nehmen… und da ich familiär bedingt in mehreren Arzt-Praxen hinter die Kulissen gucken und die IT-„Sicherheit“ mit erleben durfte, kann ich nur dazu raten.

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