Tatort RechtsNeues Projekt sammelt rechte Gewalttaten auf interaktiver Deutschlandkarte

Täglich sind Menschen in ganz Deutschland von rechter Gewalt betroffen. Eine Tatsache, die mehr Aufmerksamkeit verdient: „Tatort Rechts“ will jetzt für mehr Transparenz und Aufklärung sorgen.

Durchschnittlich fünf Menschen pro Tag werden Opfer rechter Gewalt (Symbolbild) Vereinfachte Pixabay Lizenz Republica

Tatort Rechts“ ist ein Open-Source-Projekt, das rechte Straftaten sammelt und diese mithilfe einer interaktiven Karte abrufbar macht. Die Daten für Tatort Rechts stammen von zwölf bundesweit verteilten Opferschutzverbänden, Vereinen und gemeinnützigen Organisationen wie der „LEUCHTLINIE“ aus Baden-Württemberg, der Brandenburger „Opferperspektive“ oder dem „RAA-Sachsen e. V.“.

Bisher sind rund 16.000 rechte Delikte aus den vergangenen zwanzig Jahren auf der Plattform registriert. Über ein Suchfenster können diese nach Schlagwörtern wie „Körperverletzung“ oder „Sachbeschädigung“ gefiltert werden. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit, per Mausklick die Tatorte auf der interaktiven Karte anzeigen zu lassen. Die Karte wird automatisch und auf täglicher Basis aktualisiert.

Ins Leben gerufen haben Tatort Rechts der Softwareentwickler Johannes Filter und die Journalistin Anna Neifer. Der „Prototype Fund“, der Open-Source-Prototypen mit gesellschaftlichem Mehrwert fördert, unterstützt das Projekt. Denn eine zentrale Sammelstelle für die Information und Aufklärung rechter Gewaltdaten ist in dieser Form neu. Die Daten der verschiedenen Organisationen, mit denen Tatort Rechts zusammenarbeitet, sind zwar öffentlich zugänglich, aber wurden bisher weder einheitlich kategorisiert noch zusammengetragen. Tatort Rechts könnte diese Informationslücke schließen. Und laut Johannes Filter liefert das Projekt bereits erste wichtige Erkenntnisse:

Man sieht auf der Karte, dass es in Bundesländern wie Bayern, Niedersachsen oder Schleswig Holstein verhältnismäßig wenig Daten gibt. Das liegt aber nicht per se an geringer rechter Gewalt, sondern daran, dass die regionalen Opferverbände ihre Chroniken nicht veröffentlichen – oder es überhaupt keine Opferverbände gibt. So wurde zum Beispiel in Niedersachsen der Beratungsstelle „RespAct“ nach kurzer Zeit die staatliche Förderung entzogen.

Tatort Rechts als Recherche-Tool für rechte Gewalttaten

Die interaktive Karte des Projekts kann als Recherche-Tool genutzt werden, um Brennpunkte von rechter Gewalt sichtbar zu machen und den Weg für Präventions- und Hilfemaßnahmen zu ebnen. Die einzelnen Vorfälle werden mit Ort, Datum, Quelle und einer Beschreibung des Tathergangs angezeigt. In Städten wie Bremen und München gibt es relativ präzise Geodaten der Vorfälle. Die Markierungen in anderen Regionen sind eher ungenau, weil die Opferverbände von sich aus nur grobe Daten veröffentlichen. Eine gute Maßnahme, findet Johannes Filter:

Die Markierungen sollten auf keinen Fall direkt auf die Wohnung oder das Haus einer bereits betroffenen Person gesetzt werden, um diese vor weiteren Gewalttaten oder Anfeindungen zu schützen. Das ist ungemein wichtig.

Zusätzlich bietet Tatort Rechts die Möglichkeit, Hinweise zu rechter Gewalt über ein Kontaktformular einzusenden. Die Hinweise müssen mit Links zu eindeutigen Quellen, zum Beispiel in Form eines Zeitungsartikels oder einer Polizeimeldung dokumentiert werden, um in die Karte aufgenommen zu werden. Primär sollte man sich trotzdem lieber an die regionalen Projekte zur Erfassung rechter Straftaten wenden, betont Johannes Filter. Die öffentlichen Daten der Projekte würden dann letztendlich auch auf Tatort Rechts landen.

Daten von staatlichen Behörden sind lückenhaft

Auch der Verfassungsschutz veröffentlicht im Jahrestakt Statistiken zu rechten Straf- und Gewalttaten. Bis einschließlich 2019 wurden insgesamt 21.290 Delikte gezählt. Diese Zahl stammt vom Bundeskriminalamt (BKA), das die Meldungen des „Kriminalpolizeilichen Meldediensts – Politisch motivierte Kriminalität (KPMD-PMK)“ aus den jeweiligen Bundesländern zusammenfasst. Dieser erfasste jedoch nicht alle Fälle rechter Gewalt, wofür es verschiedene Gründe gibt.

In die Statistik des BKA wandern nur Delikte, die auch bei der Polizei angezeigt werden. Allerdings wenden sich manche Opfer rechter Angriffe nur an unabhängige Beratungsstellen. Selbst wenn es zu einer Anzeige kommt, wird das Tatmotiv nicht immer berücksichtigt – ist der Täter gefasst, gilt der Fall oft als abgeschlossen.

Wie groß die Unterschiede zwischen den staatlichen und tatsächlichen Zahlen sein können, zeigt eine Langzeitrecherche von ZEIT ONLINE und dem Berliner Tagesspiegel. Zwischen 1990 und 2020 wurden in Deutschland nachweislich mindestens 187 Menschen von rechtsmotivierten Gewalttätern ermordet. In den offiziellen Statistiken der Sicherheitsbehörden sind jedoch nur 109 Mordopfer gelistet. Infolge öffentlicher Kritik am Definitionskatalog für rechts-motivierte Straftaten wurde bereits mehrfach nachkorrigiert.

Früher richtete sich das Erfassungssystem rechter Gewalttaten hauptsächlich auf Angriffe von ideologisch gefestigten Extremisten gegen demokratische Werte und den Staatsapparat. Hasskriminalität gegenüber Menschen mit einem besonderen gesellschaftlichen Status, zum Beispiel Obdachlosen und Alkoholkranken, wurde bis dato nicht als Politisch Motivierte Kriminalität – rechts (PMK-rechts) eingestuft. Seit der Einführung des neuen Definitionssystems 2001 können auch solche Delikte als PMK-rechts definiert werden, auch wenn der Täter kein Neonazi ist, die Tat selbst jedoch einen ableistischen, rassistischen oder allgemein diskriminierenden Hintergrund hat.

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