Interview zur umweltpolitischen Digitalagenda

Warum niemand weiß, wie viele Rechenzentren es in Europa gibt

Die Datenmengen im Internet wachsen und wachsen. Und damit der Stromverbrauch der Rechenzentren. Wie also bewegt man die Digital-Branche dazu, auf klimaneutrale Prozesse umzustellen? Erstmal soll durchgezählt werden bei den Betreibern, denn derzeit gibt es nur Schätzungen.

Laut Bundesumweltministerium sollen demnächst alle Rechenzentren innerhalb der Europäischen Union erfasst werden. Im Bild: Mitarbeiter:innen des Bundesarchivs in Freiburg bei der Restaurierung einer großformatigen Karte. – Alle Rechte vorbehalten Bundesarchiv

Bis 2030 sollen alle Rechenzentren in der Europäischen Union klimaneutral arbeiten, so hat es die EU-Kommission im Frühjahr angekündigt. Das ist ambitioniert, denn derzeit ist nicht einmal bekannt, wie viele Rechenzentren es gibt und wie viel Strom sie verbrauchen.

Mit dem Aktionsplan „umweltpolitische Digitalagenda“ will Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) nun das Ziel der klimaneutralen Rechenzentren während der deutschen EU-Ratspräsidentschaft vorantreiben. Voraussichtlich im Dezember wird sich zeigen, wie erfolgreich Schulze war, denn dann werden die Umweltminister:innen aller EU-Länder ihre gemeinsamen Schlussfolgerungen vorlegen.

Stephan Ramesohl ist Forscher am Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt, Energie und hat an dem Aktionsplan von Ministerin Schulze mitgearbeitet. Im Interview erklärt er, warum wir so wenig über Rechenzentren wissen und weshalb die umweltpolitische Digitalagenda keine gesetzlichen Mindeststandards festlegt.

Die historische Entwicklung der Rechenzentren

netzpolitik.org: Im Fokus der „digitalpolitischen Umweltagenda“ stehen Rechenzentren. Warum sind die so wichtig?

Stephan Ramesohl: Das ist wie die Stahlindustrie im 19. Jahrhundert oder die Chemieindustrie im 20. Jahrhundert. Rechenzentren sind die zentralen Bausteine der Schlüsselindustrie des 21. Jahrhunderts und deswegen müssen wir uns mit ihnen beschäftigen.

netzpolitik.org: Um einen Eindruck von der Bedeutung der Rechenzentren für die Klimakrise zu bekommen: Wie groß ist denn der Stromverbrauch der deutschen Rechenzentren?

Ramesohl: Der Stromverbrauch der deutschen Rechenzentren entspricht ungefähr dem jährlichen Stromverbrauch der Stadt Berlin. Bei diesen Aussagen muss man jedoch immer die Einschränkung machen, dass die Angaben geschätzt sind, weil wir keine sehr belastbaren Zahlen haben. Im Vergleich zu anderen Industrien wie Stahlwerken wird der Energieverbrauch in den Rechenzentren nicht statistisch erfasst.

netzpolitik.org: Ich war überrascht, als ich das las: Das Bundesumweltministerium weiß nicht, wie viele Rechenzentren es in der EU eigentlich gibt, geschweige denn wie viel Strom die verbrauchen. Wie kommt das?

Ramesohl: Das ist nie systematisch erfasst worden, weil einfach diese Art von Infrastruktur in der Vergangenheit keine Aufmerksamkeit genoss. Es fing ja irgendwann alles damit an, dass größere Computer zu Servern in Unternehmen oder in Verwaltungen wurden. Diese traditionellen Rechenzentren haben lange den Großteil der Nutzung ausgemacht. Seit 2010 etwa sieht man, dass die Cloud-Rechenzentren von spezialisierten Anbietern immer mehr an Bedeutung gewinnen und perspektivisch mit dem Ende dieser Dekade den Markt dominieren werden. Gleichzeitig gibt es Bereiche wie die Telemedizin oder das autonome Fahren, wo schnelle Ergebnisse entscheidend sind. Dafür wird das Edge-Computing immer wichtiger. Insgesamt handelt es sich um eine sehr dynamische Landschaft.

Die Betreiber sollen nun die Daten bereitstellen

netzpolitik.org: Konzerne wie Amazon und Microsoft sind dominant im Bereich Cloud-Rechenzentren. Inwiefern versuchen diese Platzhirsche, durch ihre Lobbyarbeit die umweltpolitischen Maßnahmen zu beeinflussen?

Ramesohl: Das ist nicht unbedingt eine Frage der Lobbyarbeit, sondern schlichtweg ein Ergebnis der Regeln und Mechanismen in der Plattformökonomie. Es ist einfach so, dass eine gewisse Skalierung zu großen Vorteilen führt, die dann wiederum über eine Wettbewerbsfähigkeit im Markt die Marktposition stärkt und damit den Marktanteil erhöht. Das ist ein selbstverstärkender Effekt. Hinzu kommt, dass diese Akteure in der Lage waren, zu investieren und sich damit ein technologisches Know-how aufzubauen, was wiederum im Umkehrschluss ihre Marktposition stärkt.

netzpolitik.org: Diese großen Player können ja kein Interesse an staatlicher Regulierung haben, sondern werden versuchen, eine branchenweite Selbstverpflichtung herbeizuführen.

Ramesohl: Das ist richtig, dass gerade bei den großen Playern entsprechende selbstdefinierte Nachhaltigkeitsziele vorliegen. Das sind teilweise sehr ambitionierte Pläne, die versuchen, die Emissionen, die im Laufe der Unternehmensgeschichte bisher aufgelaufen sind, rückwirkend zu kompensieren. Solche privaten Initiativen senden wichtige Signale, dürfen jedoch staatliche Ziele nicht ersetzen. Es ist wichtig, dass die Handlungsfähigkeit von Politik und Staat nicht dadurch ausgehebelt wird, dass private Unternehmen eigene Maßnahmen verfolgen und notwendige Daten für einen branchenweiten Wandel zurückhalten oder nicht bereitstellen.

Vorerst keine gesetzlichen Mindeststandards

netzpolitik.org: Erster Schritt der umweltpolitischen Digitalagenda ist es, ein Kataster aufzubauen, um einen Überblick zu gewinnen. Inwieweit wird dort neben Stromverbrauch auch der Verbrauch von weiteren Ressourcen wie Land oder Wasser mit berücksichtigt?

Ramesohl: Der Energieverbrauch und die damit verbundenen CO2-Emissionen stehen bei der geplanten Datenerhebung im Fokus. Ich glaube, das ist auch richtig, denn Rechenzentren sind im wesentlichen Stromverbraucher. Aber Sie sprechen zurecht die anderen Umweltauswirkungen an. In Rechenzentren stehen natürlich Geräte, Server und weitere Ausrüstung, in denen kritische Rohstoffe eingesetzt werden, deren globale Lieferketten sehr bedenklich sind. Bei der Gewinnung dieser Rohstoffe entstehen teilweise erhebliche Umweltschäden, zum Beispiel wenn sie in Naturschutzgebieten abgebaut werden. Im Moment haben wir einen wachsenden Verbrauch dieser Rohstoffe, ohne dass es eine Zurückführung in den Kreislauf gibt. Das heißt, nach dem Ende der Lebensdauer werden diese Rohstoffe in den meisten Fällen nicht zurückgewonnen.

netzpolitik.org: Das Kataster ist nur der erste Schritt. Das Bundesumweltministerium hat angekündigt, „ordnungspolitische Instrumente oder auch ein Mindestniveau auf EU-Ebene zu diskutieren“. So steht es in der Antwort auf meine Presseanfrage. Bis wann kann man mit solchen Mindeststandards für die energieeffiziente Rechenzentren rechnen?

Ramesohl: Diese Prozesse brauchen in der Regel eine gewisse Zeit. Denn wenn ich eine Mindesteffizienz-Anforderung formuliere, dann muss ich letztlich dafür auch Überprüfungs- und Sanktionsmöglichkeiten schaffen und das muss quasi „gerichtsfest“ sein. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie lange das dauern wird. Ich hoffe, dass das mit großem Nachdruck angegangen wird.

Stephan Ramesohl hat an der digitalpolitischen Umweltagenda mitgearbeitet. - Alle Rechte vorbehalten Wuppertal Institut

Preise müssen die ökologische Wahrheit sagen

netzpolitik.org: Was halten Sie von höheren Steuern?

Ramesohl: In der Nachhaltigkeitswissenschaft ist schon seit Langem der Leitsatz fest verankert, dass Preise die ökologische Wahrheit sagen müssen. Viele Fehlentwicklung, die wir beobachten, sind unter anderem dadurch verursacht, dass es Geschäftsmodelle gibt, die einfach nicht die wahren Kosten tragen. Das bedeutet auch für die Digitalwirtschaft, dass die dort eingesetzten Ressourcen adäquat bepreist werden müssen. Das heißt, die Kosten für Strom, Ressourcen und die Entsorgung des Elektroschrotts müssen in den Geschäftsmodellen Niederschlag finden.

netzpolitik.org: Das Bundesumweltministerium hat auf eine Anfrage von mir geantwortet, dass die „im europäischen Vergleich höheren deutschen Strompreise bisher nicht zu umfassenden Energieeffizienz-Maßnahmen der IT-Industrie geführt“ hätten.

Ramesohl: Die Stromkosten alleine sind für die Wirtschaftlichkeit von digitalen Geschäftsmodellen schlicht nicht so entscheidend, wie es für den Betrieb eines Schmelzofens in der Stahlindustrie ist. Ich glaube, da brauchen wir ein Zusammenspiel aus richtigen Preisen, Effizienzzielen, Mindeststandards und am Ende auch Siegel für besonders energieeffizient oder besonders CO2-arme Anbieter. Ein Ansatz wäre, ein Label für grüne Rechenzentren und für CO2-freie digitale Dienste zu schaffen. Das befähigt die Kunden und Kundinnen, ihre entsprechende Auswahl zu treffen.

Ein Leben ohne Internet-Flatrate

netzpolitik.org: Endverbraucher:innen wissen in den meisten Fällen nicht, wie viel Strom das Abspielen eines Videos oder eines Songs verbraucht.

Ramesohl: Ja. Als wir begonnen haben, über das Digitale zu sprechen, da war der Computer eine große, hässliche graue Kiste, die vor uns auf dem Schreibtisch stand und im Zweifel unglaublich viel Krach machte. Das heißt, der Prozess war sehr sichtbar. Wenn ich heute auf Netflix ein Video streame, habe ich in der Regel nur mein Smartphone oder Tablet in der Hand. Die Dienstleistungen des digitalen Lebens finden in der Cloud statt. Und das heißt, der Kunde oder die Kundin hat eigentlich keine Chance nachzuvollziehen, was passiert, wenn ich ein Straßenbahnticket online oder am Automaten kaufe.

netzpolitik.org: Was halten Sie von einem Verbot von Internet-Flatrates? Kundinnen müssten dann für ihren tatsächlichen Verbrauch bezahlen, wie beim Strom.

Ramesohl: Also Verbote sind natürlich ein hartes Mittel. Aber ja, ich glaube, dass wir als Verbraucher mehr Transparenz und mehr Preissignale brauchen, damit wir uns der Konsequenzen unseres digitalen Handelns bewusst sind.

netzpolitik.org: Was halten Sie von einem Öko-Transparenz-Siegel pro Dienstleistung, das der Endverbraucherin anzeigt, wie viel CO2 das Abspielen eines Videos verbraucht?

Ramesohl: Also ich glaube, dass Information eine absolute Notwendigkeit ist, wenn man informierte Entscheidungen treffen will. Ich sehe aber auch viele handwerkliche, methodische Schwierigkeiten, weil diese Kennziffer nicht so einfach zu bestimmen ist. Eine aktuelle Publikation des Umweltbundesamtes zeigt, dass eine Stunde Streaming zunächst einmal einen überschaubaren Wert an CO2 verbraucht. Entscheidend ist dann der Transport zum Kunden. Es macht einen Riesenunterschied, ob ich mit Glasfaseranschluss zu Hause streame oder auf der Straße, womöglich noch im alten 3G-Netz. Das bedeutet, ich kann diesen Kennwert sehr schlecht standardisieren. Trotzdem glaube ich, dass wir mehr in diese Richtung denken müssen. Es ist schwierig, aber das ist kein Grund, es nicht zu versuchen.

Keine Autoplay-Funktion bei Werbevideos

netzpolitik.org: Was muss sich strukturell ändern, um klimafreundlichere digitale Angebote zu schaffen?

Ramesohl: Da geht es um die Frage, ob jede Internetwerbung eine Autoplay-Funktion braucht, also abspielt, wenn ich nur über die Seite scrolle. Das erzeugt nämlich ein enormes Datenvolumen. Oder die Frage, ob alles standardmäßig in höchster Auflösung gestreamt werden muss, wenn es auf einem kleinen Bildschirm angeschaut wird. Das wären so kleine Stellschrauben, die in der Summe dazu führen, dass wir weniger Daten verbrauchen würden und damit auch weniger Umweltbelastung hätten.

netzpolitik.org: Was fehlt in der aktuellen Debatte? Wohin sollte mehr geschaut werden?

Ramesohl: Wir müssen vermeiden, dass wir eine isolierte Debatte um einzelne Bausteine führen. Es gibt eine gewisse Tendenz, sich nur die Rechenzentren anzuschauen oder sehr stark auf die Smartphones der privaten Nutzer zu fokussieren. Aber wir müssen das Zusammenspiel im Gesamtsystem anschauen. Dazu gehören die Mobilfunk-Infrastruktur und die Software-Ebene. Also die Art und Weise, wie wir Dienstleistungen und Datenströme programmieren. Hier gibt es große Unterschiede in der Effizienz der Software. Das ist ein Thema, was noch komplett unterschätzt ist, weil man dort bislang einfach zu wenig Aufmerksamkeit drauf gelenkt hat.

netzpolitik.org: Vielen Dank!

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2 Ergänzungen
  1. Ich kenne keine Berufsgruppe, die von anderen erwartet, dass die ihre Probleme lösen.

    Klimawandel ist ein politisches Problem, warum ist man jetzt als Konsument dafür verantwortlich?

    Was kann daran so schwer sein, in absehbarer Zeit die Erzeugung von nicht Erneuerbaren Energien in der EU zu verbieten und den Import von dreckiger Energie aus dem Ausland?

    Ich würde nicht erwarten, dass so viele Leute weniger Netflix schauen wegen dem CO2 Ausstoß oder den Anbieter wechseln, dass es einen Unterschied macht.

    Den meisten Menschen ist sowas egal. Sieht man schon daran, dass es sehr viele gute Gründe gegen einen Dienst wie Whatsapp gibt, aber der Großteil der Menschen sich nicht dazu bequemen kann, eine kostenlose Alternative zumindest zusätzlich zu nutzen, die genauso einfach zu bedienen und in fast allen Belangen besser ist.

  2. Wenn das CO2 so ein Problem ist, dann sollte man einen Preis dafür definieren der vom Emittenten zu zahlen ist.
    Dieser schlägt dann die Kosten auf den Strompreis.
    Der Markt regelt dann alles weitere.
    Die Sammlung von Daten bindet unnötig menschliche Ressourcen und ich dachte Datensparsamkeit wäre ein oberstes Gebot.

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