Imageboards

Haftbefehl gegen 8chan-Aussteiger Fredrick Brennan

Auf den Philippinen drohen dem Imageboard-Gründer bis zu zwölf Jahre Gefängnis, weil er den heutigen Betreiber Jim Watkins öffentlich als „senil“ bezeichnet hat. Dieser schmiedet derweil neue Pläne, um den US-Wahlkampf zu beeinflussen – mit Verschwörungsnarrativen aus der QAnon-Bewegung.

Fredrick Brennan
Fredrick Brennan (dessen Name auf dem Haftbefehl falsch geschrieben wurde) – Alle Rechte vorbehalten Fredrick Brennan/Twitter | Bearbeitung: netzpolitik.org

Gegen den einstigen Gründer und heute wohl größten Gegner des berüchtigten Imageboards 8chan Fredrick Brennan liegt auf den Philippinen ein Haftbefehl vor. Der US-Amerikaner war dorthin 2014 ausgewandert. Nun wirft die Staatsanwaltschaft dem 26-Jährigen vor, er habe im Netz seinen ehemaligen Chef Jim Watkins verleumdet. Brennan bestreitet, eine Straftat begangen zu haben und hat Einspruch eingelegt. Der Fall hat unmittelbar mit QAnon zu tun, einer Art Superverschwörungstheorie, in deren Zentrum Watkins stehen könnte.

Die beiden Männer liegen seit Monaten im Streit. Im Mittelpunkt steht das Imageboard, das Brennan entwickelt und später an Watkins übergeben hat. Dieser betreibt 8chan inzwischen unter dem neuen Namen 8kun weiter, nachdem dort mehrere rechtsextremistische Terroranschläge angekündigt wurden und Dienstleister wie Cloudflare das Imageboard hinauswarfen. Vor allem die Unterforen für Politik sind eine Wiege des Hasses. Brennan, der längst ausgestiegen ist, kämpft dafür, dass die Website abgeschaltet wird. Jetzt hat Watkins zurückgeschlagen und Anzeige gestellt.

Der Feldherr der „Meinungsfreiheit“ beklagt einen Gesichtsverlust

Die Ermittlungen auf den Philippinen beruhen auf einer Reihe von Tweets, in denen Brennan mutmaßt, Watkins – ein Mann Mitte fünfzig – sei „senil“. Das geht aus verschiedenen Dokumenten zu dem Verfahren hervor, die netzpolitik.org einsehen konnte, darunter Stellungnahmen aller Parteien sowie der Haftbefehl*. Schilderungen, die Brennans Behauptung stützen sollen, hat er beim Gericht eingereicht. Auch eine weitere Person aus Brennans Umfeld hat eine Stellungnahme abgegeben, wonach Watkins selbst in der Vergangenheit eingeräumt habe, „senil“ zu sein.

Die Staatsanwaltschaft gibt sich damit nicht zufrieden: Feststellen, ob jemand wirklich „senil“ sei, könne in diesem Fall nur ein Gutachter, heißt es in einem Schreiben der Behörde.

Dass nun ausgerechnet Watkins beklagt, sein Ansehen werde durch Brennans Tweets beeinträchtigt, bezeichnet dieser im Gespräch mit netzpolitik.org als scheinheilig. Denn hinter 8kun steckt auch ein Feldzug für das, was Watkins für Meinungsfreiheit hält. Auf der Plattform zählen Rassismus, Sexismus oder Homophobie zur Tagesordnung. Ein Recht auf entsprechende Äußerungen verteidigte er auch dann noch, als er in der Folge der Terroranschläge vor dem Ausschuss für Heimatschutz des amerikanischen Repräsentantenhauses aussagen musste.

Brennan hat sein Leben auf den Philippinen aufgegeben

Für Brennan hat das Strafverfahren nun gravierende Folgen. Der Haftbefehl ist auf den 24. Februar datiert. Am selben Tag hat er nach eigenen Angaben das Land verlassen, derzeit hält er sich in Los Angeles auf. Die Kaution, die auf umgerechnet 177 Euro festgesetzt wurde, hätte er wohl bezahlen können. Doch das Dokument war auch an die Einwanderungsbehörde adressiert.

Brennan fürchtet, die philippinischen Behörden würden seine Aufenthaltsgenehmigung annullieren und ihn in das berüchtigte Gefangenenlager Bicutan bringen, das im Zusammenhang mit angeblichen Menschenrechtsverstößen immer wieder zu Schlagzeilen geführt hat. „Das wäre mein Todesurteil“, sagt der 26-Jährige. Er leidet an der sogenannten Glasknochen-Krankheit und ist auf einen Rollstuhl angewiesen.

Um kein Risiko einzugehen, hat er das Leben zurückgelassen, das er sich in Quezon City in den vergangenen sechs Jahren aufgebaut hat, damit seinen Job und seine Ehefrau, eine Filipina, für die er nun ein Visum in den USA beantragen wolle. Brennan sagt, er lebe in Hotels, bezahle alles aus eigener Tasche. „Wenn ich das weiterhin tun muss, wird es mich ruinieren.“

Drakonische Strafen für Verleumdung im Netz

Zurückreisen auf die Philippinen wird er wohl dennoch nicht. Der Straftatbestand, den ihm Watkins und die Staatsanwaltschaft vorwerfen, sieht eine Gefängnisstrafe von bis zu zwölf Jahren vor.

Wegen einer solchen Online-Verleumdung steht in dem Land auch eine prominente Journalistin vor Gericht. Sie hat die mutmaßlichen Verbindungen eines Geschäftsmannes zu einem ehemaligen Richter aufgedeckt. Die Nichtregierungsorganisation Transparency International, die ihren Sitz in Berlin hat, listet die Philippinen in ihrem Korruptionsindex auf Platz 113 von 180. Eine katastrophale Bewertung.

Es scheint zweifelhaft, ob der Imageboard-Gründer einen Prozess nach rechtsstaatlichen Maßstäben erwarten könnte. Sein Anwalt vermute, mächtige Personen hätten sich bereits eingeschaltet und sein Verfahren beschleunigt, so Brennan. Belege hierfür hat er nicht.

Watkins will jetzt den US-Wahlkampf beeinflussen

In den USA sucht Jim Watkins neuerdings in der Öffentlichkeit die Nähe zur Politik. Vergangene Woche hat er bei der Bundeswahlkommission ein sogenanntes Super-PAC angemeldet. Solche Organisationen sollen Spenden sammeln, um damit Wahlkampf zu machen, etwa durch Werbespots.

Am Dienstag bewarb Watkins das Super-PAC in seinem Newsletter. In der E-Mail behauptet er, ein geheimer Staat im Staat kontrolliere die meisten Medien sowie Teile der Regierung. Die Organisation, die sich „Disarm the Deep State“ nennt, vertritt Positionen von QAnon. Die Verschwörungserzählung handelt unter anderem von Insidern im Militärgeheimdienst und vermeintlichen Kindesentführungen durch Satanisten. Regelmäßig tauchen Gläubige mit einschlägigen Schildern bei Veranstaltungen von Präsident Donald Trump auf.

Das FBI hält die Bewegung offenbar für gefährlich. Das geht aus einem Bericht aus dem Mai 2019 hervor, über den zuerst Yahoo News berichtet hatte. Die Verfasser:innen äußern die Befürchtung, Verschwörungserzählungen wie QAnon könnten Extremist:innen ermutigen, Gewaltverbrechen zu begehen bis hin zu Terroranschlägen.

Brennan nannte Watkins „senil“, weil dieser QAnon bewarb

Es ist nicht klar, welche Rolle Watkins bei QAnon spielt. Die Verschwörungserzählung hat ihren Ursprung in Imageboards, der unbekannte Kopf der Bewegung – Q – veröffentlicht die kryptischen Botschaften an seine Anhänger:innen ausschließlich auf 8kun. Nur dort kann er oder sie bei neuen Posts die eigene Identität belegen, mithilfe eines technischen Erkennungsmerkmals.

Bewiesen ist, dass Watkins die Werbetrommel für Q rührt. Auf der Website von „Disarm the Deep State“ werden etliche, vor allem republikanische Kandidat:innen aufgelistet, die er wohl finanziell unterstützen will. Bei mehreren heißt es auf der Seite, sie seien Teil der QAnon-Bewegung.

Glaubt Jim Watkins die Verschwörungserzählung wirklich? Mit dieser Frage beschäftigt sich auch Fredrick Brennan, als Watkins im September mit einem Q-Anstecker auf der Brust in Washington vor dem Kapitol auftaucht. Brennan twittert: „Meine Theorie, dass Jim Watkins selbst senil wird und tatsächlich an Q glaubt, ist nicht mehr bloß eine Theorie. Wow.“

Es ist einer von vier Tweets, die rund ein halbes Jahr später auf den Philippinen zu dem Haftbefehl führen werden.


* Wir veröffentlichen Dokumente im Volltext, wann immer es möglich ist. In diesem Fall haben wir uns dagegen entschieden, um die Persönlichkeitsrechte der Verfahrensbeteiligten zu wahren.

Du möchtest mehr kritische Berichterstattung?

Unsere Arbeit bei netzpolitik.org wird fast ausschließlich durch freiwillige Spenden unserer Leserinnen und Leser finanziert. Das ermöglicht uns mit einer Redaktion von derzeit 15 Menschen viele wichtige Themen und Debatten einer digitalen Gesellschaft journalistisch zu bearbeiten. Mit Deiner Unterstützung können wir noch mehr aufklären, viel öfter investigativ recherchieren, mehr Hintergründe liefern - und noch stärker digitale Grundrechte verteidigen!

 

Unterstütze auch Du unsere Arbeit jetzt mit deiner Spende.

0 Ergänzungen

Wir freuen uns auf Deine Anmerkungen, Fragen, Korrekturen und inhaltlichen Ergänzungen zum Artikel. Unsere Regeln zur Veröffentlichung von Ergänzungen findest Du unter netzpolitik.org/kommentare. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.