Digital News Report

Corona-Krise beschleunigt Medienwandel

Mediennutzung wird digitaler, mobiler und plattformbasierter. Bei den jungen Menschen wächst das Nachrichteninteresse stark und ein Viertel aller Befragten hören Podcasts. Das und viel mehr steht im jährlichen Bericht zum digitalen Medienkonsum des Reuters-Institut für Journalismusforschung.

Bunte Mauer mit Kopfhörern
Die Hälfte aller Befragten für den Digital News Report weltweit finden, dass Podcasts ein tieferes Verständnis alls alle anderen Medien schaffen können. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Matthieu A

Welche Medien nutzen Menschen in Krisenzeiten, um sich zu informieren? Das hat das Reuters Insitute for the study of Journalism für den neuen Digital News Report untersucht. Der Bericht erscheint einmal jährlich und wird von Sponsoren wie Google oder BBC News sowie mehreren Universitäten und Forschungsinstituten finanziert und unterstützt. In diesem Jahr standen die Forschenden allerdings vor einer besonderen Herausforderung: Die Daten wurden im Januar und Februar erhoben – also kurz bevor die Corona-Pandemie weltweit ausgebrochen ist.

Deshalb wurden zusätzlich zu den Antworten aus einer Online-Umfrage von mehr als 80.000 Menschen aus 40 Ländern weltweit im April weitere Daten erhoben, um auch die Einflüsse der Corona-Krise beurteilen zu können. Im Fokus standen dabei die Themen Desinformation, Wissenschaft und Medien. Dabei haben sich die Forschenden auf sechs Länder konzentriert: Neben Deutschland auf Großbritannien, USA, Spanien, Argentinien und Südkorea.

Schnellerer Wandel durch die Corona-Krise

Dabei zeige der Vergleich zwischen Medienkonsum vor und während der Corona-Pandemie, dass die Krise langfristige strukturelle Veränderungen hin zu digitaleren, mobileren und plattform-dominierteren Medienumgebungen beschleunige, schreiben die Forschenden. Unklar sei allerdings, wer in Zukunft bereit sei, für Online-Angebote zu zahlen. Nic Newman, einer der verantwortlichen Autoren der Studie, zieht das Fazit: „Die nächsten zwölf Monate werden entscheidend für die Nachrichtenbranche.“

Insgesamt ist die Studie auch in diesem Jahr sehr komplex: Um repräsentativ und trotzdem aussagekräftig zu sein, wurden von den 80.000 befragten Personen rund drei Prozent in der Auswertung nicht berücksichtigt, weil nur die Haltungen ohnehin digital-affiner Menschen, die Nachrichten mindestens einmal im Monat verfolgen, in die Ergebnisse eingehen sollten. Weil weltweit der Internetzugang unterschiedlich vorhanden ist, seien auch die einzelnen Länder nur bedingt untereinander vergleichbar, schreiben die Autor:innen der Studie. Und doch lassen sich einige Trends ablesen:

  • Mehr Fernsehen in der Krise: Obwohl Fernsehen in den letzten Jahren immer unbedeutender wurde, schalten in der Coronazeit wieder mehr Menschen ein. Waren es im Januar noch 70 Prozent, die in der Woche vor der Befragung, Fernsehnachrichten gesehen hatten, waren es im April immerhin 72 Prozent. Gleichzeitig stieg auch die Nutzung von Social Media als Nachrichtenquelle von 37 auf 39 Prozent an. Print ging allerdings deutlich zurück: Statt 33 Prozent im Januar lasen während der Krise weltweit nur noch 26 Prozent gedruckte Zeitungen oder Magazine.
Grafik aus dem Digital News Report
Fernsehen wird in der Krise plötzlich wichtiger, Social Media auch. Alle Rechte vorbehalten Insitute for the study of Journalism
  • Mehr Menschen zahlen für Nachrichten, aber lange nicht alle: Vor allem Medienhäuser, die auf Werbung angewiesen sind, spüren die finanziellen Einschnitte der Krise, heißt es in der Studie. Während in Norwegen ganze 42 Prozent der Nutzer:innen von Online-Nachrichten dafür bezahlen, sind es in den USA trotz Wachstum nur 20 Prozent. Insgesamt konsumieren die meisten Menschen weltweit ohne zu bezahlen. Ganze 40 Prozent der Befragten aus den USA und 50 Prozent aus Großbritannien wollen auf gar keinen Fall für Online-Nachrichten zahlen – weil sie sich generell nicht für Nachrichten interessieren oder mit frei zugänglichen Angeboten zufrieden sind. In Deutschland zahlen zehn Prozent der Befragten für Online-Nachrichten – zwei Prozent mehr als im vergangenen Jahr.
  • Hohes Vertrauen in Medien: In Deutschland vertrauen nur 14 Prozent Nachrichten in sozialen Medien, aber 45 Prozent Nachrichten im Allgemeinen. Dabei werden immer noch die klassischen Kanäle über TV, Radio oder Printmedien mehr genutzt als ihre digitalen Äquivalente: Während mehr als die Hälfte (55 Prozent) der Befragten angab, Tagesschau oder Tagesthemen mindestens einmal wöchentlich zu sehen, lag der höchste Wert der Online-Nutzung von Nachrichten bei 17 Prozent für Spiegel online und 15 Prozent für die Online-Angebote der ARD. Nur 22 Prozent der Befragten gab an, Facebook als Nachrichtenquelle zu nutzen – im internationalen Vergleich ist das sehr wenig, in Nachbarländern liegen die Werte teilweise deutlich höher, etwa 43 Prozent in Frankreich, 56 Prozent in Italien oder 65 Prozent in Polen.

Social Media als Nachrichtenkanal

Für die deutsche Teilstudie ist das Hans-Bredow-Institut / Leibniz-Institut für Medienforschung seit 2013 verantwortlich. Während sich der Medienkonsum der Befragten insgesamt nur sehr langsam wandelt, lässt die Gruppe der 18- bis 24-Jährigen deutlichere Tendenzen erkennen.

  • Mehr Interesse und Zahlungsbereitschaft: Mit 79 Prozent finden die meisten der erwachsenen Internetnutzenden unabhängigen Journalismus gesellschaftlich wichtig. Während fast 90 Prozent der über 55-Jährigen einen unabhängigen Journalismus für wichtig halten, sind es in der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen nur 56 Prozent. Trotzdem steigt die Zahl der Nutzenden, die bereit sind, für Online-Nachrichten Geld zu bezahlen. Während es im vergangenen Jahr noch acht Prozent waren, zahlen mittlerweile zehn Prozent der Nutzenden für Nachrichten im Internet, in der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen sind es sogar 16 Prozent. Genau diese Altersgruppe ist nach eigenen Angaben auch interessierter an Nachrichten: Unter den 18- bis 24-Jährigen bezeichnet sich etwa die Hälfte – das sind  7 Prozent mehr als im vergangenen Jahr – als interessiert. Bei den 25- bis 34-Jährigen sind es 66 Prozent und damit neun Prozent mehr als noch im vergangenen Jahr.
Screenshot des Digital News Report für Deutschland
Wie wichtig ist unabhängiger Journalismus? 15 Prozent junger Menschen gab an, das nicht zu wissen. Alle Rechte vorbehalten Hans Bredow Institut
  • Soziale Medien als Hauptnachrichtenquelle: Soziale Medien werden als Nachrichtenquelle weiter wichtiger. Insgesamt 37 Prozent beziehen ihre Nachrichten von sozialen Plattformen; drei Prozent mehr als im Vorjahr. In der Gruppe der 18- bis-24-Jährigen sind das mit 56 Prozent sogar mehr als die Hälfte und fast jede:r Dritte in dieser Gruppe nennt Social Media als Hauptnachrichtenquelle, fast jede:r Zehnte dieser Altersgruppe verfolgt gar keine anderen Medien. Allgemein am wichtigsten dabei sind WhatsApp, YouTube und Facebook.
  • Große Unsicherheit: Genau die 18- bis 24-Jährigen vertrauen deutlich weniger in die Nachrichten. 52 Prozent, also mehr als die Hälfte dieser jüngeren Altersgruppe, zweifelt an dem Wahrheitsgehalt von Nachrichten – 2019 waren es nur 38 Prozent. Insgesamt haben 59 Prozent der Befragten Vertrauen in die Medien, die sie tatsächlich nutzen. 37 Prozent der erwachsenen Internetnutzenden befürchten, dass sie Falschmeldungen möglicherweise nicht von Fakten unterscheiden können – die Gruppe der 18- bis 24-Jährigen hat dabei mehr Vertrauen in sich selbst und nur 28 Prozent befürchten, Falschmeldungen nicht erkennen zu können.
  • Mehr Podcasts: Immer mehr Menschen hören Podcasts: Knapp ein Viertel der Befragten hat in diesem Jahr mindestens einen Podcast pro Monat gehört. Im vergangenen Jahr waren das noch 21 Prozent. Auch hier ist die jüngere Gruppe deutlich aktiver: Etwas mehr als die Hälfte der Befragten zwischen 18 und 24 Jahren haben monatlich mindestens einen Podcast gehört. Das waren im Vorjahr noch 43 Prozent. Thematisch steigen die Nutzungszahlen dabei gleichmäßig, heißt es in der Studie.

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2 Ergänzungen
  1. 70 % der Befragten wollen in der vergangenen Woche Fernsehnachrichten gesehen haben.

    Die Einschaltquoten von Tagesschau und Heute-Journal liegen meist bei rund 5 Millionen Zuschauern, bei den Privatsendern unter 2 Millionen – 2-6 % von 80 Millionen Deutschen.

    Die Zahlen schließen sich nicht per se gegenseitig aus – wenn man annimmt, dass Zuschauer exclusiv nur einen Kanal gucken, müsste man die Zahlen aufaddieren (15 – 20 % schauen jeden Tag irgendeine Nachrichtensendung), wenn man dann noch annimmt, das Zuschauer nur ein mal pro Wochen Nachrichten schauen – und nicht öfter – käme man sogar auf über 70 %.

    Die Implikation des Artikels – dass die Deutschen nämlich wie zu Ur-Opas Zeiten jeden Abend um 8 geschlossen vor der Glotze sitzen und die ARD – Tagesschau gucken, ist von den Einschaltquoten jedenfalls widerlegt.

    Und die Relation von 70 %, die sich über Nachrichten informieren, und 39 %, die sich lieber im Internet schlau machen, ist wohl eher Wunschdenken der ARD-Manager denn die Realität, die die Studie angeblich darstellen will.

    Die „Studie“ verdient es, ungelesen in den Müll zu wandern und durch eine seriöse Untersuchung ersetzt zu werden.

  2. Was ich gelinde unverstaendlich finde: genuine Nachrichtengeneratoren wie tagesschau werden mit reinen Nachrichtentransporteuren wie WhatsUp als „Medien“ zusammengeworfen und verglichen. Was soll dabei sinnvolles herauskommen? Warum wird ueberhaupt darueber berichtet, ohne das zu (er)klaeren?

    Wenn zB eine Meldung der tagesschau ueber einen (re)tweet wahrgenommen wird, welches „Medium“ zaehlt dann?

    Welches Verstaendnis von „unabhaengigem Journalismus“ wuerde jeweils abgefragt bzw liegt der Aussage zu Grunde? Das nicht so wichtig zu finden kann nur als Beispiel darauf gruenden, dass man keine existierenden Medium die ausreichende Unabhaengigkeit zutraut, oder dass man „Unabhaengig“ mit „neutral haltungslos (zB Hufeisen)“ als kontraproduktiv ansieht.

    Wie so oft: eine Studie generiert Schlagzeilen, aber die Berichterstattung wirft mehr Fragen auf als sie beantwortet.

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