Podcast NPP 194

Die Wut der Unbegehrten

Sie halten Sex für ein Grundrecht, tauschen sich in Foren über ihre eigene Hässlichkeit aus und feiern Attentäter als Heilige und Helden. Die Community der Incels ist eine der dunkelsten Besenkammern des Internets. Der hier kultivierte Hass junger Männer reicht allerdings weiter. Wie diese Gemeinschaft des Selbstmitleids tickt, erklärt die Soziologin Veronika Kracher.

Mann mit offenem Hemd
Breite Schultern, kantiges Kinn: ungefähr so stellen sich Incels den Typ Mann vor, mit dem Frauen ins Bett steigen wollen. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Jens Lindner


Sie glauben, dass Frauen lieber mit Hunden schlafen als mit unattraktiven Männern und heitern sich mit Vergewaltigungsfantasien auf. Wer in die Subkultur der so genannten Incels – kurz für „involuntary celibates“ – eintaucht, braucht einen starken Magen. Die hier versammelten meist jungen Männer gehen tatsächlich davon aus, sie hätten ein Recht auf Sex – und hassen Frauen, weil sie ihn diesen vorenthalten. Und das ist noch einer der harmloseren Aspekte der in diesen Foren kultivierten Verschwörungstheorien.

Mörder wie die Attentäter von Isla Vista und Toronto werden in dieser Szene als Schutzpatronen und Helden gefeiert, als mutige Anführer des kommenden Incel-Aufstandes. Im Netz kursieren Bilder von ihnen mit Heiligenschein.

Wie entsteht ein solch verzerrtes Weltbild? Darüber sprechen wir mit der Soziologin und Journalistin Veronika Kracher. Sie recherchiert seit Jahren zum Antifeminismus der neuen Rechten und hat sich auch mit den irren Vorstellungen der Incels beschäftigt. Gefährlich, sagt Kracher, ist diese Gemeinschaft des Selbsthasses vor allem für die jungen Männer selbst. Denn wer womöglich glaube, er könne doch noch geliebt und glücklich werden, wird in dieser Community – sie nennt es Kult – schnell eines besseren belehrt. Ausstieg: fast unmöglich. Deradikalisierungsprogramme für Incels gibt es bislang nicht.

Warum sie mit ihren Vorträgen manchmal trotzdem für Lacher sorgt und wie sie in diesem Meer von Misogynie nicht untergeht, darüber spricht Kracher in dieser Folge mit Chris Köver. Außerdem machen wir gemeinsam den ultimativen Incel-Klischee-Check und sprechen über das Attentat von Halle als Wendepunkt in der Wahrnehmung dieser Subkultur. Denn auf das Netz beschränkt sich der Hass schon lange nicht mehr.

Shownotes:

NPP ist der monatliche Podcast von netzpolitik.org. Ihr könnt uns auch auf Spotify abonnieren oder im Format OGG oder als mp3 herunterladen. Wie immer freuen wir uns über eure Kommentare, Wünsche und Verbesserungsvorschläge. Und wir freuen uns über Bewertungen auf den üblichen Podcast-Portalen, denn mit vielen guten Bewertungen steigt die Sichtbarkeit.

Du möchtest mehr kritische Berichterstattung?

Unsere Arbeit bei netzpolitik.org wird fast ausschließlich durch freiwillige Spenden unserer Leserinnen und Leser finanziert. Das ermöglicht uns mit einer Redaktion von derzeit 15 Menschen viele wichtige Themen und Debatten einer digitalen Gesellschaft journalistisch zu bearbeiten.

Mit Deiner Unterstützung können wir noch mehr aufklären, viel öfter investigativ recherchieren, mehr Hintergründe liefern - und noch stärker digitale Grundrechte verteidigen!

Unterstütze auch Du unsere Arbeit jetzt mit deiner Spende.

 

Unsere Arbeit bei netzpolitik.org wird fast ausschließlich durch freiwillige Spenden unserer Leserinnen und Leser finanziert. Das ermöglicht uns mit einer Redaktion von derzeit 15 Menschen viele wichtige Themen und Debatten einer digitalen Gesellschaft journalistisch zu bearbeiten.

Mit Deiner Unterstützung können wir noch mehr aufklären, viel öfter investigativ recherchieren, mehr Hintergründe liefern - und noch stärker digitale Grundrechte verteidigen!

Dann unterstütze uns hier mit einer Spende.

3 Ergänzungen
  1. Um es mal von vornherein klarzustellen Männer haben kein wie auch immer geartetes Recht auf Sex mit wem (oder was) auch immer.

    Viele Incels sind richtig übles Gesocks, ich denke allerdings, dass sie letztendlich nur die schlimmste Ausprägung eines seitens der Frauen opportunistisch gelebten Feminismus sind: es gibt einfach immer noch viele Frauen die eben genau diesen archaischen Typ Mann wollen, auch wenn die meisten das nicht zugeben.

    Oder aber sie kreiren sich einfach den „ideal“ Mann, welcher weder jemals existiert hat, noch jemals existieren wird; Jens Balzer hat darüber im Dezember 2019 einen interessanten Essaz geschrieben:
    https://www.zeit.de/kultur/2019-12/maennlichkeit-aussehen-umgangsformen-macht-sexualitaet-popkultur-zehnerjahre/komplettansicht

    Hiermit will ich beleibe nicht postulieren, dass alle Frauen die auf Männer stehen so ticken, alerdings scheinen es sehr viele zu sein, da könnte ich als feministischer Mann ein auf meinen eigenen Erfahrungen und Beobachtungen basierendes Buch drüber schreiben… =(
    „Du bist zu lieb.“ ist noch der harmloseste Korb den ich bekommen habe und der irritiert nicht nur sondern verletzt irgendwie bereits.
    Dass ich selbst kein Incel geworden bin grenzt beinahe an ein Wunder…

    Aber nicht nur mir ergeht es so, sondern wenn man sich in nicht-Incel Foren, Chats oder Gesprächsrunden umhört merk amn schnell dass es sehr vielen so zu ergehen scheint… Als wären die Männer hinsichtlich feministischer Sexualität und Romantik den Frauen vorraus, zumindest jenen die sich nicht von ihren biologischen Fortpflanzungsskripten (der fitteste, der schillernste usw.) emanzipiert haben oder dies gar nicht wollen…

    My 2cent.

  2. Um es mal von vornherein klarzustellen Männer haben kein wie auch immer geartetes Recht auf Sex mit wem (oder was) auch immer.

    Viele Incels sind richtig übles Gesocks, ich denke allerdings, dass sie letztendlich nur die schlimmste Ausprägung eines seitens der Frauen opportunistisch gelebten Feminismus sind: es gibt einfach immer noch viele Frauen die eben genau diesen archaischen Typ Mann wollen, auch wenn die meisten das nicht zugeben.

    Oder aber sie kreiren sich einfach den „ideal“ Mann, welcher weder jemals existiert hat, noch jemals existieren wird; Jens Balzer hat darüber im Dezember 2019 einen interessanten Essay geschrieben:
    https://www.zeit.de/kultur/2019-12/maennlichkeit-aussehen-umgangsformen-macht-sexualitaet-popkultur-zehnerjahre/komplettansicht

    Hiermit will ich beileibe nicht postulieren, dass alle Frauen die auf Männer stehen so ticken, allerdings scheinen es sehr viele zu sein, da könnte ich als feministischer Mann ein auf meinen eigenen Erfahrungen und Beobachtungen basierendes Buch drüber schreiben… =(
    „Du bist zu lieb.“ ist noch der harmloseste Korb den ich bekommen habe und der irritiert nicht nur sondern verletzt irgendwie bereits.
    Dass ich selbst kein Incel geworden bin grenzt beinahe an ein Wunder…

    Aber nicht nur mir ergeht es so, sondern wenn man sich in nicht-Incel Foren, Chats oder Gesprächsrunden umhört merkt man schnell dass es sehr vielen so zu ergehen scheint… Als wären die Männer hinsichtlich feministischer Sexualität und Romantik den Frauen voraus, zumindest jenen die sich nicht von ihren biologischen Fortpflanzungsskripten (der fitteste, der schillernste usw.) emanzipiert haben oder dies gar nicht wollen…

    My 2cent.

  3. Interessant. Mir war nicht bewusst, dass es da eine derart, hm, radikale Strömung gibt. Andererseits sollte es mich wahrscheinlich auch nicht wurdern.

    Egal, jedenfalls wollte ich nur kurz darauf hinweisen, dass es zwischen ‚Unbegehrten‘ auch früher schon Austausch gab (und vermutlich immer noch gibt), der wenig bis gar nichts mit diesen Herren gemein hat: Stichwort AB, Absolute Beginner.

Wir freuen uns auf Deine Anmerkungen, Fragen, Korrekturen und inhaltlichen Ergänzungen zum Artikel. Unsere Regeln zur Veröffentlichung von Ergänzungen findest Du unter netzpolitik.org/kommentare. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.