Interview

Die Ästhetik der Überwachungsindustrie

Soll die Haiflosse im Firmenlogo die Jägerin oder den Gejagten darstellen? Ein Kunststudent hat sich mit der Ästhetik von Werbevideos der Überwachungsindustrie beschäftigt und zeigt seine Ergebnisse nun in einer Ausstellung in München.

Ausstellung zu FinFisher
Alle Rechte vorbehalten Beowulf Tomek

Mit der Überwachungsindustrie beschäftigen sich Journalistinnen, Wissenschaftler, Anwälte und Aktivistinnen auf der ganzen Welt. In Veröffentlichungen verarbeiten sie Erkenntnisse über die Hersteller von Spionage-Software, die von staatlichen oder auch nicht-staatlichen Stellen eingesetzt wird.

Unterbelichtet bleibt hingegen die Ästhetik solcher Firmen, mit der sie nach außen treten. Der Künstler Beowulf Tomek hat sich nun in seiner Abschlussarbeit an der Akademie der bildenden Künste München mit dem Repräsentationsmaterial des Unternehmens FinFisher beschäftigt, das Spionage-Software herstellt.

Seine Ergebnisse werden von 5. bis 9. Februar an der Akademie der bildenden Künste München ausgestellt. Viele der Projektmaterialien stellt Beowulf Tomek ab Ausstellungsbeginn unter einer freien Lizenz zur Verfügung.

netzpolitik.org: Wie kamst du auf die Idee, dich künstlerisch mit der Überwachungsindustrie zu beschäftigen?

Beowulf Tomek: Ausgangspunkt war die Debatte um das Polizeigesetz in Bayern. Damals habe ich begonnen, mich mit dem Begriff „Staatstrojaner“ und der Funktionalität solcher Software zu beschäftigen. Ich habe angefangen zu recherchieren und schnell festgestellt, dass München als IT-Standort bei der Produktion digitaler Rüstungsgüter eine herausragende Stellung einnimmt. Auch ein Teil der FinFisher-Unternehmensgruppe ist in München ansässig.

Im Jahr 2014 wurden Werbevideos des Unternehmens als Teil der „Spyfiles“ bei Wikileaks veröffentlicht. Die Ästhetik dieser Videos hat mich interessiert. Es gab zwar viel Berichterstattung über den Einsatz und die Funktionsweise solcher Technologien, aber das Repräsentationsmaterial der Firmen wurde kaum behandelt.

Ich habe persönlich eine klare politisch-aktivistische Haltung zu dem Themengebiet und finde es wichtig, beispielweise für Anonymitätsräume einzustehen. Für mich sind meine aktivistische und künstlerische Tätigkeit keine getrennten Bereiche.

netzpolitik.org: Wie hast du das Thema bearbeitet?

Beowulf Tomek: Ich habe die geleakten Videos auf bildlicher und symbolischer Ebene analysiert und bearbeitet, um davon ausgehend innere Widersprüche, privatwirtschaftlich-staatliche Verstrickungen und Militarisierung in den Fokus zu rücken.

Man muss sich in einen spekulativen Bereich begeben. Das ist im künstlerischen Bereich zulässig und bietet die Möglichkeit, über die Bearbeitung und Aneignung des Materials zu Gegenerzählungen zu kommen.

netzpolitik.org: Gibt es Motive in den Werbevideos, die immer wieder auftauchen?

Beowulf Tomek: Die Darstellung FinFishers der eigenen Software finde ich sehr exemplarisch: Sie stellen ihr eigenes Produkt als Virus dar, der sich durch ein Kabel bewegt. Es tritt auch immer wieder der gleiche Protagonist auf, dessen Funktion unklar bleibt. Einerseits könnte er wegen des Frontaufdrucks seines Shirts ein Mitarbeiter von FinFisher sein. Auf der anderen Seite steht auf seinem Rücken in Großbuchstaben POLICE und er könnte auch Polizist oder Mitarbeiter einer anderen staatlichen Behörde sein. Darüber erfährt man nichts.

Grüner Virus, der durch ein Kabel kriecht
So wird die Schadsoftware repräsentiert. Alle Rechte vorbehalten Screenshot: Werbeclip | Wikileaks Spyfiles

In den Videos sind auch fast nur Männer zu sehen. Es gibt eine Frau, die aber nur in einer Hilfsrolle agiert und Daten ausleitet. Sie hat keine so aktive Rolle wie der Protagonist. Da kann man sich fragen, ob sich hier nicht eher das Management und Zielpublikum von FinFisher widerspiegelt als die tatsächlich Betroffenen der Überwachungsoperationen.

netzpolitik.org: Hast du eine Idee, wie man den Firmennamen und das Logo – eine Haiflosse – deuten kann?

Beowulf Tomek: Ich habe mich gefragt, ob FinFisher die Finne vor dem blauen Hintergrund als Symbol für die eigene Software sieht: im Sinne von schnellen und präzisen Zugriffen im „Datenmeer“. Sie könnten die Finne aber auch als Verkörperung einer terroristischen Gefahr sehen, die gejagt und gezielt eliminiert wird. Das bleibt von der Symbolik her offen.

netzpolitik.org: Für wen sind solche Videos eigentlich gedacht?

Beowulf Tomek: Die Vermutung liegt nahe, dass sie sich an Strafverfolgungsbehörden und Messepublikum richten. Aber ich kann über die Zielgruppe nur mutmaßen. Ich war persönlich bei FinFisher und habe gefragt, ob wir über die Symbolik und Repräsentation sprechen können. Da wurde ich aber abgewiesen mit dem Hinweis, dass sie nur mit regierungsnahen Stellen kommunizieren würden.

netzpolitik.org: Was waren für dich die größten Schwierigkeiten bei deinen Recherchen?

Beowulf Tomek: Das Problem war gar nicht, Informationen zu finden, weil schon viel über das Unternehmen berichtet und veröffentlicht wurde. Das Problem war eher die schiere Masse an Informationen, die sich auf meiner Festplatte angetürmt hat. Das pure Vorliegen von Informationen ist noch kein Wert an sich. Um einen Überblick über die Firmenstruktur zu gewinnen und das visuell darstellen, habe ich beispielsweise ein Diagramm gemacht.

Ein Problem war auch, dass vieles sich im Bereich der Spekulation abspielt. Es gibt keine Möglichkeit, von FinFisher eine Bestätigung der Authentizität der Dokumente oder seiner Erkenntnisse zu bekommen.

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