Kultur

Literatur meets Netzpolitik: Zwischen ferner Zukunft und Aktivismus heute

Auf unserer sechsten „Das ist Netzpolitik!“-Konferenz haben Barbara Wimmer, Sina Kamala Kaufmann und Bijan Moini über Schreiben, Aktivismus und den Klimawandel diskutiert. Ihr Geburtstagswunsch an uns: Bitte das Feuilleton ausbauen.

Katharina Meyer, Barbara Wimmer, Sina Kamala Kaufmann und Bijan Moini auf der Bühne von Literatur meets Netzpolitik
Katharina Meyer, Barbara Wimmer, Sina Kamala Kaufmann und Bijan Moini auf der Bühne von Literatur meets Netzpolitik CC-BY 4.0 Jason Krüger | für netzpolitik.org

Netzpolitik ist oft ein trockenes Thema, über Netzpolitik schreiben auch. So relevant sie auch sein mögen: Die neuesten Entwürfe des Telemediengesetzes oder von internationalen Handelsregeln interessant zu vermitteln, kann man grob mit dem Versuch vergleichen, auf einer Steuererklärung einen Poetry-Slam-Beitrag aufzubauen.

Auch die Skandalthemen, die es auf die Titelseiten schaffen, bleiben leider meist in einer flachen, visionslosen Gegenwärtigkeit hängen: Facebook klaut eure Daten – also löscht euren Account! Schön und gut, nette Forderung. Das Problem ist nur, dass die Daten genau gleich weitergesammelt werden. Klicktivismus in ein bisschen meta, morgen geht’s auf TikTok weiter.

Gegen kurzfristiges Denken und Ideenlosigkeit sind drei Autor:innen angetreten, die bei unserer sechsten „Das ist Netzpolitik!“-Konferenz über ihre neuesten Projekte und ihre Erfahrungen damit geredet haben. Das waren:

  • Barbara Wimmer, Netzjournalistin, Mitherausgeberin von „Smart Lies“. Aktuell arbeitet sie an „Tödlicher Crash“, einem Roman über „vernetzte selbstfahrende Autos, vernetzte Kuhställe und wie leicht man sie manipulieren kann“.
  • Sina Kaufmann, Aktivistin und Autorin von „Helle Materie“, in ihren Worten „ein sehr rotes Buch – also vom Umschlag her“, und Mitherausgeberin des deutschen Sammelbands von Extinction Rebellion „Wann wenn nicht wir*“.
  • Bijan Moini, Jurist bei der Gesellschaft für Freiheitsrechte, dessen Roman „Der Würfel“ vom selbsternannten Gaukler Tarso handelt, „einem jungen Mann, der alles tut, um sich der Vorhersehbarkeit seines Verhaltens zu entziehen“.

Alle drei sind Teil des erweiterten Netzpolitik-Ökosystems – sie schreiben über die aktuellen Entwicklungen oder organisieren sie gleich selber. Alle drei schreiben auch fiktive Texte. Warum? Weil ihre Artikel in Zeitungen oder Blogs doch nur von einer kleinen Blase gelesen werden. „Nur von denen, die es schon interessiert“, sagt Wimmer. „Tödlicher Crash“ wird aber bei einem Verlag für Regionalkrimis erscheinen – mit der Hoffnung, so andere Leserinnen zu erreichen. Bei Lesungen ist das Publikum schon mal aus der Altersgruppe 40 plus, erzählt sie: „Eher die Generation, die damit nicht aufgewachsen ist.“

Literatur als Botschafterin für neue Leserschaften also. Lebensnah, wie es so schön heißt; wenn ihr unsere schönen sachlichen Artikel nicht lesen wollt, na gut, dann verwandeln sie sich halt in Romane und schleichen raus zu euch. Das habt ihr jetzt davon.

Räume erweitern

Literatur macht das Reden über Netzpolitik nicht nur zugänglicher, sondern auch freier. „Man kann viel stärker zuspitzen als in einem Sachtext“, so Moini. „Man kann auf bestimmte Dinge, auf bestimmte Fragestellungen zusteuern, die man so gar nicht machen könnte, wenn man ein Sachbuch schreiben würde.“ Statt Politik und Wirtschaft nachzulaufen und an deren Entwürfen zu kritisieren, was es zu kritisieren gibt, können die Autorinnen einen eigenen präsentieren: „Es ist eine mögliche Zukunft, keine wahrscheinliche. Aber man kann dann über das Spektrum reden, in dem wir uns bewegen.“

Eine andere wichtige Aufgabe: Statt drögem Beamtendeutsch Namen und Begriffe zu verwenden, mit denen alle argumentieren können. Moinis klassisches Beispiel ist Orwells „1984“. Neusprech, Doppeldenk, Teleschirme. „Er hat Begriffe geliefert, die gleich jeder versteht“, so Moini.

Probleme gibt es, sobald aus Verständlichkeit Verzerrung wird. Die aktuelle Herausforderung durch den Rechtspopulismus habe viel mit Technologie zu tun, sagt Moini. „Viel schamloser“ als andere politische Richtungen setzen diese die neuen Mögichkeiten ein, provozieren zum Beispiel in den sozialen Medien. „Technologie kann zu anderen Sachen genutzt werden, aber sie nutzen sie für ihre Zwecke aus“, so Moini.

Sci-Fi als Vorbild und Grundlage

Nicht nur Orwell, ein ganzes Pantheon an Autorinnen und Autoren hat im letzten Jahrhundert das heutige Verständnis von Technik beeinflusst. Setzen sich die netzpolitischen Autorinnen gezielt von dieser klassischen Science Fiction ab? Moini verneint: „Man muss und darf sich gar nicht so sehr anstrengen, sich abzugrenzen“, so der Autor. „Im Grunde ist es okay, anerkannt und gewollt, dass man sich an dem orientiert, was schon da ist.“ Kaufmann stimmt zu: „Man darf natürlich auch nicht zu viel neu machen, ansonsten versteht einen keiner.“

Das heißt nicht, dass angestaubte Vorstellungen übernommen werden müssen. Wer die wortschaffenden, tonangebenden Werke aus den Fünfzigern und Sechzigern liest, wird merken, dass Computer allwissend sind und Fortschritt unausweichlich. „Science Fiction hat oft sehr flache Charaktere, was ein großes Problem ist“, sagt Kaufmann. Die gewaltigen Konstruktionen aus Technik und projiziertem Fortschritt machen die Texte oft schlecht lesbar. Deshalb ihre Herausforderung an sich selbst: „Wie schaffe ich es, ohne zu viele Worte, dass die Welt spürbar wird in ihrer Andersartigkeit?“

Kaufmanns Vorbild ist übrigens Ted Chiang, Autor der Kurzgeschichte „Story of Your Life“, aus der 2016 der Film „Arrival“ entstand. Wimmer hält mit Andreas Eschbach dagegen, aber: Seine Geschichten würden Paradebeispiele für flache Charaktere abgeben. Die sind extrem männlich, die Frauen untergeordnet. „Genau das habe ich in meinem Roman bewusst versucht, zu ändern“, so Wimmer.

Wimmer stellt sich auch die Frage, warum so wenige Autorinnen über die nahe Zukunft schreiben würden: „Warum muss es immer Science Fiction sein? Warum nicht mal nur zehn Jahre?“ Eine mögliche Antwort: Ihre eigenen Texte wurden schon mehrere Male von der Realität eingeholt.

Die Klimadimension

Ein Thema ist im Science-Fiction-Genre in den letzten Jahrzehnten bedeutender geworden: das Klima und seine Krise. Die bei Extinction Rebellion aktive Kaufmann will aber nicht sagen, ob der Blick der Bewegung auf die Digitalisierung kritisch ist: „Das ist für mich schon eine pfadabhängige Debatte“, sagt sie. „Die Wahrheit sagen“ sei die Forderung hinter dem Buch gewesen.

Irgendwann kommt die folgende Frage an Kaufmann: „Das soll jetzt nicht negativ sein, aber du beschreibst auch die Potenziale von Technologien?“ „Klar!“, antwortet sie lachend.

„Wer ist verantwortlich? Und zwar dafür, dass wir eine Infrastruktur kriegen, die demokratisch ist?“ Ihr Wunsch sei, so Kaufmann, „dass die EU nicht in undurchsichtige KI-Projekte investiert – sondern sagt: Wir machen jetzt ganz große Infrastrukturprojekte“ – und zwar mit erlaubter und gewollter regionaler Mitbestimmung. „Wie gestalten und organisieren wir uns als Menschen in einer demokratischen Zukunft? Und das ist verknüpft mit der ökologischen Debatte.“ Die kleinen Debatten würden schon zu lange dauern, „da müssen wir jetzt mal aufstehen und uns was überlegen.“

Straße oder Lobbyarbeit?

Und da zeigen sich dann die Grenzen zwischen Literatur und Aktivismus. Bücher, Blogeinträge, Twitterposts, aber „die Straße ist am Ende das, was am meisten zählt. Da gibt es keine Fake-Accounts“, sagt Moini. „Es wäre übertrieben zu sagen, dass Bücher die Welt verändern.“ Er sei im Brotberuf Rechtsanwalt und stutze dort vielleicht ein paar Gesetze zusammen, „aber das hält die AfD nicht davon ab, die Macht zu übernehmen.“

Wimmer sieht das ein wenig anders, zumindest wenn es um Netzpolitik geht: „Wir müssen die, die im Staat entscheiden, dazu bringen, sich ein bisschen mehr mit diesen Themen zu beschäftigen.“ Selbst sogenannte Experten in der Politik hätten zu oft einfach keine Ahnung.

„Genau dieser Punkt ist überschritten“, hält Kaufmann dagegen. „So, jetzt reicht’s aber. Manche Technologien wurden komplett ignoriert“, wahrscheinlich weil es vielen Politikern einfach am erforderlichen Handwerkszeug fehlt. „Gott sei dank gibt’s noch die Europäische Kartellbehörde!“ Gerade auf politischer Ebene müsste es jetzt andere Töne geben als „Beschäftigt euch mal damit!“, fordert Kaufmann.

Im Bereich Klimakrise ja, sagt Wimmer, aber „bei der Netzpolitik würde ich ihnen noch ein wenig Zeit geben.“

„Das ist aber gnädig“, antwortet Kaufmann.

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