Kultur

Macht Mut zum gemeinsamen Handeln: Die Klimashow von vollehalle

Mit einer eindrucksvollen Mischung aus Theater, Dokumentarfilm und politischer Redekunst zeigen vollehalle die Widersprüche unserer Gesellschaft: Wir wollen immer mehr und das am besten billig. Klarer Verlierer ist das Klima – bleibt die Frage, was wir tun können. Ein Video-Rückblick auf unsere Konferenz plus Interview mit vollehalle.

Klimashow vollehalle
Klimashow vollehalle CC-BY 4.0 Jason Krüger | für netzpolitik.org

Zu Gast im Wohnzimmer von Karl-Heinz Katöngle. Der macht sich, wenn seine Frau beim Kegeln ist, gerne sein Leibgericht, Linsen mit Spätzle und Saitenwürstle. Zum Glücklichsein braucht er auch nicht viel mehr als das: Seine Familie, seine Würstle, seinen Daimler und billigen Urlaub in Thailand. Plötzlich wird er beim Erzählen von einem Anruf unterbrochen. Seine Tochter ruft aus dem Jahr 2075 an. Das Europa, wie wir es kennen, gibt es nicht mehr, weil es unbewohnbar geworden ist.

So fängt die Klima-Show an, die Mut machen soll. Schnell wird deutlich, dass Karl-Heinz symbolisch für eine Gesellschaft steht, dessen Lebensstil und Konsumverhalten unsere Umwelt zerstören, wenn sich nicht schnell etwas ändert. Karl-Heinz hat die Wahl zwischen seinem Saitenwürstle und einer lebenswerten Zukunft für seine Tochter – und es bleiben ihm höchstens 10 Jahre. Und wo bleibt jetzt der Mut, den diese Klimashow machen soll?

Eindrucksvolle Musik und gute Vorbilder

„Es fängt mit Haltung an. Zweifle nie daran, dass eine Hand voll überzeugter Menschen die Welt verändern kann“, erklärt Heinrich Strößenreuther aus dem Off. Er ist einer der fünf Menschen, dessen Initiativen im Laufe der Show als Beispiele für Möglichkeiten herangezogen werden, wenn die innere Stimme „was kann ich eigentlich tun?“ fragt und der kritische Kapitalist vom Wirtschaftswachstum und dem Markt redet. Der Kapitalist ist ab diesem Moment immer auf der Bühne und die zweifelnde Stimme in uns muss sowieso ständig überzeugt werden.

Gute Vorbilder, die wirksame Arbeit leisten und selbstbewusst sagen können, dass sie etwas in ihrem Kampf gegen den Klimawandel erreicht haben, sind dabei natürlich hilfreich. Und auch gemeinsame Feindbilder: in diesem Fall der Kapitalist und die allgegenwärtige Heiligsprechung von Auto, Flugzeug, Fleisch und Markt. Der Klimawandel selbst ist nicht der eigentliche Feind, sondern der Frust, der entsteht, wenn die Erderwärmung vermeintlich nur durch Verzicht aufzuhalten ist und Politiker:innen anfangen, von Verbotskultur zu sprechen.

Kapitalismus- und Wachstumskritik inklusive

Auf der Bühne folgt eine kunstvolle Dekonstruktion der genannten Heiligtümer und irgendwie spricht die Kritik doch alle an. Auf das kollektive Scheiße-Fühlen im Saal, weil wir eigentlich alle klima-sündigen, obwohl wir es besser wissen, folgt auch noch eine Ermahnung darüber, den „Umschalt-Moment“ nicht zu verpassen. Das Schöne ist, dass vollehalle unser schlechtes Gewissen mit den harten, aber nötigen Fakten zum Klimawandel unterstützt. Fakten, die auch im Gespräch mit Klimaleugner:innen helfen können.

Wenn wir also weiter konsumieren, wie bisher und der Rest der Menschheit mit uns, tritt die Zukunft ein, die Karl-Heinz‘ Tochter beschreibt: Wegen der Erderwärmung wird Europa bis auf Island und die skandinavischen Länder unbewohnbar. Wie können wir uns auf demokratische Weise entscheiden, unser Handeln zu ändern? Durch alternatives Handeln und dem Anschließen an Initiativen, die es uns schon vormachen.

Aufzeigen von Alternativen als Lösungsansatz

Ab diesem Moment folgt der mutige Teil der Klimashow: Es werden durch aufgenommene Interviews, dokumentarische Szenen und Diskussionen mit dem anwesenden Kapitalisten (der immer noch auf der Bühne sitzt!) Initiativen vorgestellt, die es durch die Mobilisierung von Menschen mit den gleichen Überzeugungen geschafft haben, wirklich etwas zu verändern.

Und das macht tatsächlich Mut! Am Ende lernen wir „ganz normale“ Personen kennen, die sich vom Engagement Anderer, vom Kampf für soziale Gerechtigkeit oder von wissenschaftlichen Erkenntnissen inspirieren und motivieren lassen haben. Und so passiert das Gleiche mit dem Publikum im Saal: denn Inspiration ist ansteckend und realistische Lösungen sind näher, als man denkt.

Aus der gleichen Stimmung, die die Show hinterlässt, ist vollehalle wahrscheinlich selbst entstanden. So ist die Gruppe ein weiteres Beispiel für die Lösungsansätze, von denen sie erzählt. Wir sprachen mit Michael Bukowski, der in der Vorstellung neben Maren Kling, Martin Oetting und Kai Schächtele auf der Bühne steht, über die Entstehung von vollehalle, zivilen Ungehorsam und den Klimastreik am 20. September.

Was war eure Motivation, eine Show für den Klimaschutz zu machen?
Notwehr! Wie kann man mit diesem Thema umgehen, ohne wahnsinnig oder depressiv zu werden? Die beiden vollehalle-Gründer Martin Oetting und Kai Schächtele hatten 2017 die Idee dazu: Wir brauchen dringend positive Geschichten, anstatt im Sumpf der ewigen Verzichts- und Verbots-Diskussionen abzusaufen. Seit 2018 bin ich und seit diesem Frühjahr Maren Kling Teil des Ensembles. Wir haben uns ungefähr aus den gleichen Motiven zusammengefunden: Wir wollten etwas unternehmen, das andere Menschen inspiriert.

Warum findet ihr es sinnvoll, auf Veranstaltungen wie der Netzpolitik-Konferenz oder der re:publica aufzutreten, die sich eigentlich mit anderen Themen als dem Klima beschäftigen?
Zunächst mal, weil die Klimakrise nun wirklich alle angeht. Und weil die Digitalisierung mit ihrem immens wachsenden Energiehunger bisher eher Teil des Problems als der Lösung ist. Wenn wir 2020 wieder auf bei der re:publica auftreten dürfen, dann mit einem Segment dazu. Auch hier suchen wir nach konstruktiven Geschichten.

Was haltet ihr von zivilem Ungehorsam, z. B. während dem Klimastreik morgen, als Alternative zu den von euch gezeigten zivilgesellschaftlichen Initiativen?
Je mehr von allem gleichzeitig, desto besser. Ziviler Ungehorsam ist ein absolut legitimes Mittel in Krisensituationen. Und die haben wir. Da sich aber nicht alle persönlich zutrauen, an Aktionen von zum Beispiel Extinction Rebellion teilzunehmen, mag sich jede und jeder das passende aussuchen. Hauptsache, möglichst viele Leute kommen in Bewegung.

Was machst du heute?
Demonstrieren.

„Die Klimashow, die Mut macht“ von vollehalle war am 13. September auf unserer Konferenz „Das ist Netzpolitik!“ zu sehen. Für alle, die sich die Show zum ersten oder wiederholten Male anschauen wollen, haben wir sie aufgenommen und stellen sie hier zur Verfügung.

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