Kultur

#ichwillihnberühren: Eine Liebesgeschichte, die ein soziales Netzwerk in ihren Bann zieht

Zwei Typen, die sich wie schüchterne Teenies verhalten. So weit, so banal. Wäre da nicht die Jodel-Community, die tagelang die neuesten Entwicklungen zwischen beiden verfolgt und einen der Verknallten mit Ratschlägen versorgt. Eine Rezension über eine Liebesgeschichte, die ohne eine App wohl anders verlaufen wäre.

Eine Boxershorts mit Jodel-Post
Wenn dein Crush neben dir liegt, frag Jodel, was du tun sollst. Alle Rechte vorbehalten Ache je Verlag / Thiemo Pitsch

Wenn du einfach nicht mehr weiterweißt, wie du deinem Crush klarmachen sollst, dass du verknallt bist: Was würdest du tun? Deine drei besten Freundinnen fragen vielleicht. Mit ihnen einen verheulten Abend auf der Couch verbringen und dann auch nicht weiterwissen. Es wird wohl jede etwas anderes sagen: Dass du dich ablenken sollst, dass du einfach ehrlich sein sollst und nichts zu verlieren hast. Oder mit einem opulenten, romantischen Dinner aufwarten könntest. Wenn dir drei Freundinnen noch nicht genug Meinungswirrwarr sind, könntest du deine Unsicherheit aber auch auf Jodel teilen. Einem sozialen Netzwerk, in dem du Menschen erreichst, die sich gerade in deiner Nähe aufhalten. Hunderte. Aber wer kommt auf so eine bescheuerte Idee?

Ich (m) hab mich in einen Kumpel verliebt und jetzt liegt er in Boxershorts neben mir im Bett.

Davon handelt das Buch #ichwillihnberühren, das am 12. April im Ach je Verlag erscheint. Es erzählt eine Liebesgeschichte aus Sicht von zwei Kumpels, die ineinander verliebt sind und sich tagelang ähnlich unfähig verhalten wie Teenies im besten Clearasil-Alter. Wäre die Geschichte nicht wahr und würde man die Ausführungen über Enthemmungsversuche durch Alkohol und die Updates über den gefühlten Testosteronspiegel der Beteiligten herauslassen, würde sich der Stoff auf den ersten Blick auch für kitschige Jugendliteratur mit poppigem Cover eignen. Aber das Buch kann mehr als das.

Social-Media-Soap mit Krimicharakter

#ichwillihnberühren ist ein Lehrstück darüber, wie soziale Medien überraschen können, wenn man die Angst vor Troll-Kommentaren fallen lässt – und wie sie auch ein Stück Vertrauen in die analoge Welt zurückbringen können. Gerade für Menschen, die eine Menge schlechte Erfahrungen machen mussten.

Wie es deshalb zu meinem Jodel kommen konnte, kann ich mir nicht ganz erklären, macht mich aber ein wenig stolz. Keine Beleidigungen, keine dummen Kommentare, kein Schwulenhass.

[…] Spätestens jetzt war bewiesen, dass Frankfurt nicht nur asozial sein kann.

Die Geschichte kann beim Lesen manchmal wehtun, denn von außen betrachtet scheint alles so klar: Beide stehen aufeinander, das müssen die doch merken. Beide zeigen es auf ihre Weise und beide versuchen eigentlich, es nicht zu sehr zu zeigen. Aber all die Besserwisser-Ist-doch-klar-Gedanken übernehmen andere für einen.

OJ – der „Original Jodler“ – wird nach seinem Jodel mit Tipps aus der Community überflutet. Über Tage hinweg treffen sich die beiden heimlich Verknallten immer wieder, bis es an die Selbstverständlichkeit in einer romantischen Langzeitbeziehung erinnert, in der man morgens schon weiß, mit wem man sich abends auf dem Sofa zum Filmeschauen wiedertrifft. Doch der Jodel-Community wird nicht langweilig, aus einem Jodel im Affekt wird eine Daily Soap mit Krimiqualität: Da bietet eine ausgelernte Köchin an, OJ beim Auswählen des Nachtischs zu beraten, aus dem am Ende doch nur zwei Tassen Kakao werden. Da überlegen sich andere schon den Soundtrack für eine Verfilmung der Karies-trächtigen Romanze während andere vorschlagen, ein bisschen Stroh in der Wohnung zu verteilen.

Wer entscheidet hier eigentlich?

Beim Lesen fragt man sich, ob die Geschichte ohne Jodel anders verlaufen wäre. Wenn da nicht die ständigen Tritte in den Hintern gewesen wäre, bei denen OJ irgendwann nicht mehr weiß, ob er noch selbst entscheidet, wie es weiter geht.

Vielleicht hatte mittlerweile sogar ich mir gut genug eingeredet, dass da irgendwie möglicherweise doch etwas sein könnte.

Oder meine Jodler haben das getan.

Dass die beiden ihre Perspektiven auf die Geschichte gegenseitig aufgeschrieben haben, dass wir parallel Einblicke in die Gedankenwelt von ER bekommen und die Chatverläufe mit einer Freundin lesen dürfen, bringt uns beiden näher. Es erklärt die Schere zwischen Gedanken und Handlungen, ohne dass sie jemand erklären müsste. Die Mischung aus Jodel-Zitaten, Gedanken und Emoji-geschwängerten Textnachrichten lässt einen die 170 Seiten schnell inhalieren.

Und am Ende erinnert man sich daran zurück, wie es eigentlich war, als man sich das letzte Mal mit dem unwissenden Schwarm im Bett, auf der Couch, im Kino, auf einer Party befunden hat. Denkt an all die peinlichen Schweigemomente, in denen man sich vielleicht auch am liebsten vor dem Handy-Display verkrochen hätte. Fragt sich, ob man jemals auf die Idee gekommen wäre, das Internet an seinem Gefühlschaos zu beteiligen.

Ich wohl eher nicht, denn einen von OJs Gedanken kann ich nachvollziehen wie keinen anderen:

Könnte er den Jodel kennen? Du meine Güte, könnte er den Jodel kennen?

Eine Ergänzung

Wir freuen uns auf Deine Anmerkungen, Fragen, Korrekturen und inhaltlichen Ergänzungen zum Artikel. Unsere Regeln zur Veröffentlichung von Ergänzungen findest Du unter netzpolitik.org/kommentare. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.