Überwachung

Videoüberwachung in Berlin: Bessere Prävention statt mehr Überwachung

Im Koalitionsvertrag einigte sich die Berliner Landesregierung darauf, die Videoüberwachung nicht auszubauen. Dennoch preschte jüngst der sozialdemokratische Innensenator Andreas Geisel mit einem neuen Vorschlag für mehr Überwachung vor. Die „Berliner Allianz für Freiheitsrechte“ fordert bessere Prävention statt mehr Kameras.

Videoüberwachung verhindert keine Verbrechen. Prävention ist der richtige Weg, sagt die „Berliner Allianz für Freiheitsrechte“. CC-BY 2.0 Frédéric BISSON

Obwohl in Berlin die Kriminalitätsrate sinkt, die Landesregierung eigentlich keinen Ausbau von Videoüberwachung will und sich die Wirksamkeit dieses Grundrechtseingriffes nicht belegen lässt, ließ der Berliner Innensenator Andreas Geisel kürzlich einen Testballon steigen. So kündigte der SPD-Politiker überraschend an, in einigen Wochen einen Gesetzentwurf vorzulegen, der die Videoüberwachung im öffentlichen Raum ausweiten soll.

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Abgrenzen will sich Geisel jedenfalls vom „Aktionsbündnis für mehr Videoaufklärung und Datenschutz“, das unter anderem der ehemalige Berliner Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) ins Leben gerufen hat. Das Bündnis setzt sich für eine deutliche Erhöhung von Überwachungskameras in Berlin ein und will neben Video- auch Tonaufnahmen anfertigen.

Zwar dürfte der von der Initiative vorgelegte Gesetzentwurf verfassungswidrig sein. Aber augenscheinlich reicht es, mit Maximalforderungen an die Öffentlichkeit zu gehen, um am Ende mit einem „Kompromiss“ doch ein Mehr an Überwachung zu erreichen. Für Irritation bei den grünen und linken Koalitionspartnern ist gesorgt, die sich bislang beide ablehnend zu den über die Presse ausgerichteten Wünschen von Geisel äußerten.

Prävention statt Überwachung

Klar positionierte sich die Berliner Allianz für Freiheitsrechte. In einer Pressemitteilung fordert das Bündnis keine neuen Überwachungsgesetze, sondern eine gute und umfassende Prävention:

Die Berliner Allianz für Freiheitsrechte (BafF) ist erfreut, das Innensenator Andreas Geisel bei einer öffentlichen Veranstaltung den Gesetzesvorschlag der Überwachungsinitiative eindeutig ablehnte.

Die BAfF hofft, dass die Innenverwaltung ihre massiven Bedenken an dem grundrechtswidrigen Gesetzesentwurf des Überwachungsbündnisses teilt und ihn dem Verfassungsgerichtshof des Landes Berlin zur Prüfung vorlegt. Es darf auch keine auf einen Kompromiss ausgerichteten Gespräche mit dem Überwachungsbündnis geben.

Die BAfF ist erstaunt, dass Geisel gleichzeitig einen Gesetzesvorschlag für mehr Videoüberwachung ankündigt, der dem eigenen Koalitionsvertrag widerspricht.

Max Althoff, Anwalt, sagt: „Letztes Jahr sank, laut der Polizeilichen Kriminalstatistik, die Kriminalität in Berlin um 8,5 Prozent auf 520.437 Straftaten. Das sind 48.423 Taten weniger als 2016.
Auch die Häufigkeitszahl, also die Zahl der Straftaten pro 100.000 Einwohner sank.

Angesichts dieser insgesamt erfreulichen Zahlen ist es nicht nachvollziehbar, dass die Antwort auf sinkende Kriminalität mehr Kameras sein sollen.“

Jana Brix, Sprecherin der Grünen Jugend Berlin, sagt: „Dass Videoüberwachung keine Verbrechen verhindert, zeigen vor allem die Zahlen zum Taschendiebstahl im Nahverkehr. In den vergangenen Jahren stiegen sie trotz Videoüberwachung. Erst eine verstärkte Aufklärungsarbeit, regelmäßige Hinweise in der U-Bahn und Präsenz von Polizei und Sicherheitspersonal sorgten letztes Jahr für den starken Rückgang.

Bei Gewaltkriminalität, die häufig unter Alkohol- und Drogeneinfluss stattfindet, verhindert die Videoüberwachung überhaupt keine Verbrechen.“

Sie verweist auch auf die Studie „Ergebnisse der Evaluation der polizeilichen Videobeobachtung in Nordrhein-Westfalen gemäß § 15a PolG NRW“ des Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen, die erst kürzlich zu einem für Überwachungsfans ernüchterndem Ergebnis kam: „Die Videobeobachtung hat nur in einer Stadt zu einer nennenswerten Reduktion des Kriminalitätsaufkommens beigetragen. Der beobachtete Effekt fiel darüber hinaus sehr schwach aus. In zwei weiteren Städten ergaben sich allenfalls Tendenzen in diese Richtung und in einer Stadt zeigte sich sogar ein Effekt in die gegenteilige Richtung.“ (Seite 40)

Axel Bussmer von der Humanistischen Union fordert daher: „Anstatt über einen Gesetzesvorschlag für mehr Überwachung zu reden, sollte Innensenator Andreas Geisel im Dialog mit der Zivilgesellschaft Konzepte für ein sicheres und lebenswertes Berlin unter Wahrung der Grundrechte entwickeln.“

Die nächsten öffentlichen Treffen der BAfF sind am Mittwoch, den 25. Juli und Mittwoch, den 22. August, um 19.00 Uhr im Haus der Demokratie und Menschenrechte (Greifswalder Straße 4, Berlin).

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