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Spotify schüchtert kritische Wissenschaftler ein

Ein schwedisches Forscherteam untersuchte die Algorithmen des Streamingdienstes Spotify. Dieser droht den Wissenschaftlern nun mit rechtlichen Konsequenzen.

Buchautor Rasmus Fleischer auf der Share Conference im Jahr 2012. (Archivbild) CC-BY-SA 2.0 Share Conference

Der Streamingdienst Spotify kämpft mit harten Bandagen gegen eine Gruppe von Wissenschaftlern, die an einem Buch über die schwedische Musikplattform schreiben. Die Methoden des Forscherteams hätten gegen die Allgemeinen Geschäftsbedingungen des Anbieters verstoßen und müssten deshalb eingestellt werden, drohte der Rechtsanwalt von Spotify den Forschern.

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In einem Interview im Mai hatte der schwedische Wissenschaftler und „Piratbyrån“-Mitbegründer Rasmus Fleischer enthüllt, dass Spotify in seiner Anfangszeit 2007 und 2008 Musikdateien vertrieben habe, an denen das Unternehmen keine Rechte besaß. Zum Teil soll es sich um MP3s gehandelt haben, die es nur auf der Bittorrent-Plattform Pirate Bay gegeben haben soll.

Algorithmus mit Bots untersucht

Doch vordergründig sei dies nicht der Anlass für die Einschüchterungsversuche der Plattform gewesen, berichtet TorrentFreak. Die Wissenschaftler hatten mit hunderten Bot-Accounts probiert, den Algorithmus zu untersuchen. Eines der Experimente war zum Beispiel, ob der Algorithmus Männern und Frauen unterschiedliche Vorschläge ausgibt, selbst wenn sie die gleiche Musik hören. Auch testeten sie, ob sich der Dienst manipulieren lässt. Die Forscher griffen zu diesen Methoden, da der Streamingdienst – wie andere Plattformen in Sachen Algorithmen auch – eine Blackbox ist.

Kurz nach dem Interview über die Piraten-Vergangenheit des Streamingdienstes, der heute 2.000 Mitarbeiter hat und im letzten Jahr 2,9 Milliarden Euro Umsatz machte, erhielten die Wissenschaftler und ihr Geldgeber, das Swedish Research Council, Post von den Anwälten des Unternehmens. Darin beschwerte sich Spotify über die angewandten Methoden und drohte mit rechtlichen Schritten.

Das Swedish Research Council sieht jedoch keinen Grund, das Projekt nicht weiter zu finanzieren. Das Buch „Spotify Teardown – Inside the Black Box of Streaming Music“ soll nächstes Jahr erscheinen.

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8 Kommentare
  1. LOL „Die Methoden des Forscherteams hätten gegen die Allgemeinen Geschäftsbedingungen des Anbieters verstoßen und müssten deshalb eingestellt werden, drohte der Rechtsanwalt von Spotify den Forschern.“

    Die AGB muss man erstmal akzeptieren, man kann nicht wen zwingen die zu nutzen oder zu akzeptieren. Bzw. stehen nicht die Konsequenzen, wenn man es nicht macht ;-) Dasselbe gilt fast überall mit den AGB/ TOS (Terms of Service). Plus keine AGB/TOS stehen über dem Gesetz !

    Ebenfalls – andere Länder andere Sitten – und Gesetze. Was interessiert es die Schweden was in Amiland oder wo auch immer Spotify chillt erlaubt ist oder nicht. Ich verweise da immer und immer wieder in zig Kommis auf die Kommunikation zwischen Wikileaks und dem BND:

    https://file.wikileaks.org/file/bnd-correspondence.txt

    1. Nicht per se. Beispiel eines offenen Algorithmus: Addition zweier Zahlen – lernt man in der Schule, die Rechenvorschrift ist allgemein bekannt bzw. öffentlich zugänglich.

      Gleiches beim (künstlichen) neuronalen Netzwerk. „Selbstgelernt“ in diesem Zusammenhang ist die Parametrisierung und Gewichtung von Eingangs- und Zwischengrößen, sowie die Struktur und Anzahl der Schichten, um zu einer validen Klassifizierung oder Vorhersage zu gelangen.

      Im Falle Spotifys wäre dies möglicherweise – rein hypothetisch:

      Inputs:
      – Alter, Geschlecht, Familienstand, Nationalität
      – Kaufhistory / Track- oder Favoritenliste
      – Bewertungen

      Outputs:
      – Vorhersage weiterer Kunden-Merkmale (z.B. Kaufkraft, Musikgeschmack)
      – Kaufempfehlungen
      – individuelle Rabatte, Tarifvorschläge
      – zugeschnittene Werbebanner

      Wahrscheinlich wird Spotify die „gelernten“ Erkenntnisse als Geschäftsgeheimnis betrachten.
      Aufgrund der Vielfalt an Eingabe-Parametern stellt ein Reverse-Engineering ein komplexes Unterfangen dar. Deshalb die Bot-Armee.

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