Überwachung

Netzpolitik.org wirkt: Überwachungs-Firma Advanced German Technology AGT ist insolvent und aufgelöst

Die deutsche Überwachungs-Firma Advanced German Technology existiert nicht mehr. Jahrelang hat AGT Überwachungs-Technologien in den Nahen Osten verkauft, jetzt ist die Gesellschaft insolvent und aufgelöst. Nachdem wir die Machenschaften des Unternehmens enthüllt haben, sind die Kunden davongelaufen.

Alles geschlossen bei AGT Deutschland. (Symbolbild) CC-BY 2.0 Moyan Brenn

Das deutsch-arabische Firmengeflecht „Advanced German Technology“ AGT hat Überwachungs-Technologien an arabische Staaten verkauft, darunter auch Syrien. Jetzt ist der deutsche Ableger der Firma pleite und aufgelöst. Das belegt eine Bekanntmachung im Handelsregister.

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Das ist auch unser Erfolg. Nach dem Grund der Auflösung gefragt, antwortete uns der Chef des Firmen-Geflechts, Anas Chbib:

Für Deutschland und Europa gab es nicht genügend Markt und Kunden für unsere Dienstleistungen und Produkte. Dies führte zur Schließung der AGT Deutschland GmbH. Einige Ihrer ersten Artikel haben nicht dazu beigetragen, unsere Kunden zu halten oder neue zu gewinnen.

Danke für die Blumen.

Staatstrojaner „Made in Germany“

Vor zwei Jahren haben wir AGT ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt. In einer langen Recherche beleuchteten wir das Firmenkonstrukt, das damals einen neuen Staatstrojaner „Made in Germany“ beworben hat. Das Produkt selbst wurde nie fertig, aber das aggressive Werben mit „deutscher Wertarbeit“ und der vermeintliche Sitz in Berlin haben unsere Aufmerksamkeit geweckt.

Mit dieser auch auf englisch übersetzten Veröffentlichung wurden wir zum Ansprechpartner für alle möglichen Leute, die ihr Wissen über AGT teilen wollten. Auf einmal haben uns mehr als ein Dutzend ehemalige Angestellte, Geschäftspartner und andere Insider kontaktiert.

Wir hörten eine immer gleiche Geschichte: Die Zentrale ist in Dubai statt Berlin, die Geschäfte lenkt der Deutsch-Syrer Anas Chbib und Vertragspartner werden regelmäßig übers Ohr gehauen. Zulieferer, Mitarbeiter oder Dienstleister berichteten übereinstimmend, dass vereinbarte Zahlungen nicht geleistet werden und Menschen auf Schulden sitzen bleiben, die AGT verursacht hat. Über Jahre hinweg, wieder und wieder. Es entstand der Eindruck, dass der Handel mit Überwachungs-Technik nur eine Fassade ist – für krumme Geschäfte, Abzocke und Betrug.

Syrischen Überwachungsstaat mitaufgebaut

Die Zahlungsmoral internationaler Business-Deals ist aber nicht unser Themenbereich, als netzpolitik.org interessieren uns Überwachungs-Technologien sowie deren Hersteller, Kunden und Opfer. In einer weiteren aufwendigen Recherche haben wir interne Dokumente von AGT analysiert und die Rolle der Firma beim Aufbau des syrischen Überwachungsstaats offengelegt.

Der Großteil solcher Geschäfte läuft über die Firmenzentrale in Dubai. Aber auch die Berliner Dependance spielt eine wichtige Rolle, vor allem als Aushängeschild und „Beweis“ des Deutschseins. Schließlich gilt die Herkunftsbezeichnung „Made in Germany“ vielen als Gütesiegel, auch im arabischen Raum. AGT nutzt dieses Image aggressiv als Werbekampagne in eigener Sache. Auf der „internationalen Ausstellung für nationale Sicherheit“ in Abu Dhabi hatte der Stand von AGT mehr Schwarz-Rot-Gold als die Bundesdruckerei nebenan:

Stand von AGT auf der „internationalen Ausstellung für nationale Sicherheit“ in Abu Dhabi, 2014. CC-BY 2.0 Sebastian Kippe

Auf der Webseite heißt es, dass AGT „vor über einem Jahrzehnt in Berlin gegründet“ wurde. Das stimmt zwar, aber es fehlt der Hinweis, dass die 2004 gegründete „A.G.T. Advanced German Technology GmbH“ im Januar 2010 wieder aufgelöst wurde.

Erst Ende 2013 wurde eine zweite „AGT Advanced German Technology GmbH“ gegründet (beziehungsweise von einer „Vorratsgesellschaft“ übernommen) – und jetzt wurde auch die aufgelöst. Trotzdem steht auf der Webseite noch immer, das die Zentrale von AGT (das „Head Office“) in Berlin sei. Das ist jetzt offensichtlich falsch.

Die Firma in Dubai läuft unterdessen weiter. Aber das ist eine andere Geschichte.

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4 Kommentare
  1. Das gibt es sicherlich noch weitere Firmen, wobei das Herstellen von Überwachungssystem nicht notwendigerweise auf Kunden abschreckend wirken muss… im Gegenteil. Die Gründe können also vielfältig sein, vielleicht einfach nur Misswirtschaft.

    Ah, wie geht es den Freunden von Trovicor?

    Die Adresse war ja mal in München (ex Siemens, dann Nokia-JV, dann Verkauf an PE), jetzt findet man nur noch diskrete Hinweise auf den Münchner Standort. (Wer weiß, vielleicht ist der operative Hauptsitz immer noch in München?) – Ich bin mir sicher, da könnte man auch viel recherchieren. Schnüffelt nach den Schnüfflern!!

  2. …lasst mich mal kurz in meine Kristallkugel schauen: Da ist irgendwo ne neue Firma an den Start gegangen, die das „Kundenbedürfnis“ auch weiterhin gern erfüllt.

    Ist schließlich ein überaus lukratives Geschäftsfeld…

    1. @Jörg B.
      Fürwahr,Sie haben Recht.
      Wenn der Staat nicht ständig Terrorszenarien erschaffen,diffuse Ängste schüren würde um Bürger einzuschüchtern, zu manipulieren, um einen Überwachungsstaat aufzubauen, könnten sich auch obskure Firmen nicht auf den Zug springen um ihr eigenes Süppchen mit der Angst zu kochen.
      Der Fisch stinkt wie immer vom Kopf her.

      1. Terrorszenario Amri http://mobil.n-tv.de/politik/Polizei-observierte-Amri-laenger-als-gedacht-article19773744.html und der CyberWar Minister Jung http://m.spiegel.de/international/germany/a-606987.html hat einen neuen Job http://mobil.n-tv.de/wirtschaft/Ex-Minister-wird-Rheinmetall-Aufseher-article19773645.html
        Eine Hand schmiert eben die Andere und wer als Minister die passenden Gesetze erlassen kann, der hat nach der Amtszeit (Bezahlung nach der Amtszeit ist keine Korruption und in Naturalien, schon gar nicht) einen passenden Job!
        Nie war Korruption so Sauber!

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