Einer der wichtigsten Gründe für die Verbreitung und Wirkung von Fake News im Netz ist, dass diese häufig bestehende Vorurteile bedienen und damit zum Liken und Teilen einladen. Selbst wenn es sich um völlig erfundene Geschichten handelt, bekommen dann viel weniger Menschen oder eben eine völlig andere Filterblase Widerlegungen oder Klarstellungen in die Timeline gespült als jene, welche die Fake News zunächst geteilt haben. Soweit, so schwierig.
Was aber, wenn die Widerlegung einer Meldung gar nicht so einfach ist, weil diese auf einen Beitrag in einer wissenschaftlichen, begutachteten Zeitschrift verweist? Auf den ersten Blick hilft dabei auch das Credo des March for Science nicht weiter, wo „wissenschaftlich fundierte Tatsachen“ als Grundlage für politische Entscheidungen eingemahnt werden. Das Problem ist jedoch, dass nicht überall wo „Peer Review“ – also wechselseitige Begutachtung durch ForschungskollegInnen („Peers“) – draufsteht, auch Peer Review drinnen ist. Nicht nur für wissenschaftliche Laien lässt sich die Seriosität einer vermeintlichen wissenschaftlichen Zeitschrift oftmals schwer einschätzen.
Problem „Predatory Open Access Publishing“
Schon seit längerem gibt es eine wachsende Zahl an unseriösen Open-Access-Zeitschriften, die sich zwar als begutachtet („peer-reviewed“) bezeichnen, tatsächlich aber gegen Bezahlung einer Publikationsgebühr quasi jeden eingereichten Beitrag publizieren. Bislang war dieses betrügerische Open-Access-Verlagswesen („predatory open access publishing“) vor allem ein Problem für den Ruf von seriösen Open-Access-Verlagen und ‑Zeitschriften.
Wie das Beispiel eines vermeintlichen „Gender-Studies-Hoax“ zeigt, unter anderem unkritisch verbreitet via Fefes Blog, eignen sich unseriöse Open-Access-Verlage auch perfekt für die Erstellung und „Fundierung“ von Fake News. So hatten Peter Boghossian und James Lindsay einen Nonsense-Text mit dem Titel „The conceptual penis as a social construct“ zusammengebastelt und erfolgreich im Journal Cogent Social Sciences zur Veröffentlichung eingereicht. Ziel der beiden Autoren war der Nachweis, dass Gender Studies unseriös seien und keinen wissenschaftlichen Ansprüchen genügten. Vorbild für das Vorgehen war Alan Sokal, der in den 1990er Jahren mit der Veröffentlichung eines aus Unsinn und Jargon zusammengebauten Artikel in der Zeitschrift Social Text eine Debatte über die Seriosität postmoderner Philosophie losgetreten hatte.
Im Unterschied zu Social Text handelt es sich bei Cogent Social Sciences aber offensichtlich um eine unseriöse Zeitschrift, die gegen Zahlung einer Gebühr von 1.350 Dollar oder einer nicht näher definierten Minimalgebühr („Pay what you can“) jeden eingereichten Text publiziert. Es gibt hunderte vergleichbare Zeitschriften, allesamt mit seriös klingenden Namen, die mit Fake-Peer-Review und Veröffentlichungsgebühren Profite machen.
Seriöser Verlag, unseriöse Zeitschrift?
Einen Eindruck von der „Branche“ verschaffte bis vor kurzem „Beall’s List of Predatory Journals and Publishers“ (Link führt zu einer Kopie der Liste), auf der Jeffrey Beall unseriöse Zeitschriften und Verlage gesammelt hatte. Seit Anfang 2017 ist diese Liste jedoch nicht mehr online, was nicht zuletzt auf Klageandrohungen und Klagen von Verlegern zurückzuführen sein dürfte.
Eine Besonderheit bei Cogent OA, dem Verlag hinter Cogent Social Sciences, ist jedoch, dass dieser im Eigentum von Taylor&Francis steht, einem der größten Wissenschaftsverlage der Welt. Wie von Elizabeth Popp Berman am Orgtheory-Blog herausgearbeitet, publiziert Cogent OA vor allem Ausschussware seriöser Taylor&Francis-Zeitschriften (meine Übersetzung der Cogent OA FAQs):
Cogent OA is Teil der Taylor & Francis Group, profitiert von den Ressourcen und Erfahrungen eines großen Verlagshauses, ist aber unabhängig vom Taylor & Francis und Routledge Verlagshaus tätig.
[…]
Zusammen bieten wir Autoren die Option jegliches einwandfreies Manuskript zu einer Zeitschrift der Cogent-Reihe zu transferieren, sofern es für Taylor&Francis/Routledge-Journals ungeeignt ist, zum Vorteil von Autoren, Reviewern, Herausgebern und Lesern.
Oder, in den Worten Elizabeth Popp Bermans (meine Übersetzung):
Mit anderen Worten: Falls Dein Aufsatz bei einem unserer regulären Journals abgelehnt wird, leiten wir ihn automatisch weiter an eines unserer miesen, interdisziplinären Pay-to-Play-Journals, wo wir gerne Dein Geld (oder jenes deiner Förderstelle oder Deiner Einrichtung) nehmen und ihn nach flüchtigem ‚peer revew’ veröffentlichen.
Mit ihrem Versuch, Gender Studies als Disziplin bloßzustellen, haben Boghossian und Lindsay tatsächlich skandalöses Verhalten offengelegt. Der Skandal liegt jedoch nicht im Bereich der Gender Studies, sondern im Bereich eines der größten wissenschaftlichen Verlagshäuser. Aus reinem Profitstreben heraus werden hier offensichtlich Kooperationen mit dubiosen Pseudo-Open-Access-Verlagen eingegangen, die sich wiederum mit einem vermeintlich seriösen Verlagsnamen schmücken können.
Der Fall belegt aber auch, dass Fake Journals längst nicht mehr nur ein Problem für die Akzeptanz und Reputation von Open-Access-Zeitschriften darstellen. Fake Journals sind auch eine ideale Spielwiese zur Produktion vermeintlich wissenschaftlicher Evidenz für Fake News. Jedenfalls gilt, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: Alleine ein Verweis auf „Peer Review“ verspricht noch lange kein „gesichertes Wissen“.
