Wissen

Die Wikipedia der Zukunft: Zwischen Dienstleistung und politischem Projekt

Mit dem Wachstum der Wikipedia traten in den letzten Jahren auch ihre Probleme immer deutlicher zutage. Es ist ein Projekt des globalen Nordens, Frauen sind unterrepräsentiert und seit Jahren schwinden die Autoren. Katherine Maher, Vorsitzende der Wikimedia Foundation, versucht Antworten auf die Zukunft des Projekts zu geben – und wirft dabei nur noch mehr Fragen auf.

Wohin steuern die Wikipedianer? Teilnehmer bei einer Veranstaltung zur Initiative „Wikimedia 2030“. CC-BY 3.0

Die Wikipedia-Gemeinschaft sucht nach Wegen für die Zukunft und hat dafür auch schon einen Plan entworfen. Katherine Maher präsentierte den Strategieentwurf vor zwei Wochen am Berkman Klein Center for Internet & Society an der Harvard-Universität. Zu der Veranstaltung hatte Professor Yochai Benkler eingeladen. Er forscht zu wissensbasierten und kollektiven Produktionsweisen und sieht in der Wikipedia eine dritte Art der ökonomischen Produktion neben Märkten und Planwirtschaft. Maher stellte mit den Konzepten „Wissensgerechtigkeit“ und „Wissen als Dienst“ die beiden Pfeiler der strategischen Richtung vor, die die Wikipedia-Gemeinschaft in Zukunft nehmen wolle. Nach dem Vortrag blieb jedoch unklar, wie die beiden Konzepte miteinander vereinbart werden sollen.

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Das anschließende Diskussionsgespräch mit Benkler machte zudem deutlich, dass es auch eine dritte Perspektive auf das Wikipedia-Projekt geben kann, die aktuell wenig Beachtung erfährt. Er rückte dafür die Frage nach einer stärkeren politische Positionierung in den Vordergrund und verwies auf den Vorbildcharakter, den das Wikipedia-Modell gegenüber der kapitalgetriebenen Internetwirtschaft sowie auch für andere gesellschaftliche Bereiche haben kann.

Wikipedia in Zahlen

Maher begann ihren Vortrag mit ein paar Zahlen und gab einen Eindruck von der bisherigen Entwicklung der Wikipedia, dem Enzyklopädiezweig der gemeinnützigen Wikimedia Foundation. Seit ihrer Gründung im Jahr 2001, so Maher, sei sie exponentiell gewachsen und aktuell die fünftgrößte Website der Welt. Die Seite erhalte gegenwärtig 1,4 Milliarden Geräteanfragen pro Monat und umfasse insgesamt über vierzig Millionen Artikel.

An den Inhalten der Wikipedia arbeiten auf der ganzen Welt Menschen mit. Sie schreiben, fügen etwas hinzu oder korrigieren Artikel. Monatlich seien etwa 250.000 Leute daran beteiligt. Laut Maher haben insgesamt bereits mehrere Dutzend Millionen Personen an der Enzyklopädie mitgeschrieben.

Obwohl Wikipedia das meistgenutzte und bekannteste Projekt der Organisation ist, umfasst Wikimedia auch andere Projekte. Mit Wikimedia Commons betreibt sie beispielsweise eine Galerie mit frei nutzbaren Mediendateien und mit WikiData eine frei bearbeitbare Datenbank.

Vom Versprechen mitmachen zu können

Mit Blick auf die zukünftige Entwicklung der Plattform betonte Maher, wie wichtig die gemeinschaftliche Partizipation für das Gelingen der Wikipedia war. Dass jeder die Möglichkeit habe mitzumachen, stelle ihr zentrales Versprechen dar und müsse deshalb auch in Zukunft garantiert werden. Kritisch lässt sich hier allerdings auch fragen: Müsste dieses Versprechen nicht erst einmal wiederhergestellt werden? Wer in letzter Zeit als Neuling einmal versucht hat, etwas in der Wikipedia zu schreiben, weiß, dass zwischen Versprechen und Wirklichkeit Welten liegen.

Wikipedia hat seit Jahren mit einem Schwund an aktiven Autoren zu kämpfen und kann immer weniger Neuautoren für sich gewinnen. Maher erwähnte weder dies noch die immer wieder für diese Situation angeführten Gründe – zum Beispiel feindselige Umgangsformen innerhalb der Gemeinschaft oder der Unmut einiger Wikipedianer über bezahlte Artikelschreiber. Yochai Benkler zeigte sich in der anschließenden Diskussion zurecht erstaunt darüber, mit welcher Zuversicht Maher diese Probleme als vermeintlich gelöst behandelt.

Initiative „Wikimedia 2030“

Dass seit längerem Probleme existieren, ist allgemein bekannt und wird auch von Maher nicht grundsätzlich bestritten. Aus diesem Grund rief Wikimedia im Jahr 2017 die Initiative „Wikimedia 2030“ ins Leben. Mit ihr sollte eine strategische Richtung für die Zukunft der Organisation geschaffen werden. Der Prozess beinhaltete Gespräche mit mehr als achtzig Wikimedia-Gemeinschaften und -Gruppen.

Die wichtigste Erkenntnis aus der Initiative war laut Katherine Maher, dass Wikimedia nur einen Teil der Weltbevölkerung erreiche und nach wie vor ein Projekt des globalen Nordens sei. Die untenstehende Karte zeigt den Anteil der Internetnutzer in verschiedenen Weltregionen, die Wikipedia kennen. Die Unterschiede zwischen Europa und Nordamerika einerseits und Afrika, Südamerika und Asien andererseits machen dieses Ungleichgewicht deutlich:

In vielen Regionen der Welt kennt man Wikipedia kaum. CC0

Des Weiteren gebe es viele strukturelle Ungleichheiten, die dazu führen, dass Wikipedia kein gleichberechtigtes globales Projekt ist. Inhalte würden entsprechend dem Bekanntheitsgrad der Wikipedia vor allem in Ländern des globalen Nordens erstellt. Die ungleiche Situation zeigt sich zudem am regional aufgeschlüsseltem Traffic der Seite, aus dem hervorgeht, zu welchem Anteil aus welchen Ländern auf Wikipedia zugegriffen wird:

Die meisten Zugriffe auf Wikipedia kommen aus Europa. CC0

Außerdem bemerkte Maher, dass die Organisation, obwohl sie einige Fortschritte erzielt habe, immer noch mit einem geschlechterbezogenen Verzerrungseffekt („Gender Bias“) zu kämpfen hat, da achtzig Prozent der Artikel von Männern geschrieben werden.

Wandel des Nutzerverhaltens und Einsatz neuer Technologien

Neben sozialstrukturellen Herausforderungen zeigten die Ergebnisse der Initiative auch, dass man sich auf ein sich änderndes Wissensbedürfnis sowie an neue Technologien anpassen müsse. Maher wies zum Beispiel darauf hin, dass die Vorstellung, sich Wissen mittels einer Enzyklopädie anzueignen, unter jungen Menschen keineswegs selbstverständlich sei. Auch die Art und Weise, wie Leute das Internet als Informationsquelle benutzen, verändere sich zusehends. Statt einen Browser zu öffnen und dann in einer Suchmaschine nach Informationen zu suchen, würden viele Menschen mittlerweile Chats benutzen, um sich über bestimmte Themen zu informieren. Der Trend gehe weg von „anonymen“ Institutionen und hin zu Influencern.

Katherine Maher ist Vorsitzende der Wikimedia Foundation. CC-BY-SA 2.0

Basierend auf den Ergebnissen des Projekts hat Wikimedia eine Liste mit umfassenden Zielen für die Zukunft erstellt. Diese Ziele beinhalten den Aufbau gesunder und integrativer Communities und den aktiven Einsatz neuer Technologien wie z. B. Künstliche Intelligenz, Maschinenübersetzung und strukturierte Daten zur Kommunikation mit anderen Systemen. Auch soll es gelingen, Wikimedia zu einer wahrhaft globalen Bewegung zu machen. Ihre Projekte sollen zur angesehensten, vertrauenswürdigsten und hochwertigsten Wissensquelle werden.

Zentrale Infrastruktur für freies Wissen

Langfristiges Ziel sei es, sagte Maher, zur zentralen Infrastruktur im Ökosystems des freien Wissens zu werden. Zwei entscheidende Konzepte sollen den Weg dorthin prägen: „Wissensgerechtigkeit“ und „Wissen als Dienst“. Wikimedia verstehe sich als Service für die Welt: Die Gemeinschaft wolle bessere Werkzeuge für sich selbst und ihre Partner schaffen und neue Wissensformen, wie z  B. mündliche Geschichten, durch kreative Plattformen bereitstellen. Die Plattform solle an verschiedene digitale Formate, Geräte und Schnittstellen angepasst werden, so dass die bestehende Infrastruktur des freien Wissens von Partnern und Verbündeten effizient genutzt werden kann.

Im Sinne der „Wissensgerechtigkeit“ müsse darüber nachgedacht werden, wie soziale, politische und technische Barrieren abgebaut werden können, die Menschen davon abhalten, auf freies Wissen zuzugreifen oder dazu beizutragen. Ziel sei es, in Zukunft auch jenes Wissen zu vermitteln, das aufgrund dieser Barrieren und Machtsysteme bisher nicht dokumentiert wurde.

Viele Fragen, wenige Lösungen

Es ist schade, dass wir nicht mehr erfahren, als dass man über eine Lösung dieser Probleme nachdenken müsse. Die präsentierten Lösungsvorschläge für die schon seit langem bekannten Probleme sind leider noch wenig konkret. Bei genauem Hinsehen wird vielmehr deutlich, dass die Konzepte der „Wissensgerechtigkeit“ und „Wissen als Dienst“ nur schwer miteinander zu vereinen sind.: Wissensgerechtigkeit fordert stärkere Partizipation und regionale sowie sozialstrukturelle Vielfalt in der Autorenschaft. Das bedeutet, die Eintrittshürden müssten verringert werden, damit sich neue Leute engagieren.

Gleichzeitig wird durch den Servicegedanken bei „Wissen als Dienst“ eine zunehmende Professionalisierung festgeschrieben, die höhere Qualitätsstandards nach sich zieht und die Eintrittshürden tendenziell erhöht. Wie Erfahrungen gezeigt haben, ist es aber für Unerfahrene und Neulinge bereits jetzt schwer, den geforderten Standards zu entsprechen. Es ist also ein Spagat, der hier gelingen soll.

Es offenbart sich an dieser Problemlage eine Situation, die charakteristisch ist für soziale Systeme, die sich auf Dauer stellen und zu Institutionen werden. Die anfängliche Freiheit und Unangepasstheit verlieren sich über Zeit in einem System, dessen Regeln immer starrer werden. Es werden strengere Zutrittsbarrieren errichtet, um das weitere Funktionieren zu garantieren und den gesteigerten Erwartungshaltungen, die sowohl von innen als auch von außen an das System gerichtet werden, Rechnung zu tragen.

Yochai Benkler bei Creative Commons Global Summit 2015 CC-BY 2.0

Bei Wikipedia zeigt sich dieser Konflikt darin, einerseits den gestiegenen Ansprüchen der Nutzer auf verlässliche Informationen Genüge leisten zu wollen und andererseits den offenen Charakter des Projekts zu bewahren, um durch neue, aber unerfahrene Autoren, die soziale und kulturelle Vielfalt der Menschheit und ihres Wissens zu repräsentieren.

Eine dritte Perspektive

Der von Maher vorgestellte Zukunftspfad ist jedoch nicht die einzige mögliche Perspektive auf das Wikipedia-Projekt. Das wurde in der Anschlussdiskussion mit Yochai Benkler deutlich. Dieser verteidigte die Vision einer Wikipedia, die einen gesellschaftspolitischen Gegenentwurf zur kommerziellen und kapitalgetriebenen Internetwirtschaft darstellt und sogar Vorbildcharakter für andere gesellschaftliche Bereiche besitzt. Er interessiert sich für die Art und Weise, wie sich die Wikipedianer organisieren und gemeinsam produzieren. Dies sei ein Konzept, was auch jenseits von Wikipedia das Potenzial für gesellschaftliche und politische Steuerungs- und Regelsysteme besitze.

Von Maher will er deshalb zum Beispiel wissen, ob man in der Wikimedia Foundation darüber nachdenke, die eigenen Organisations- und Produktionsmechanismen in andere gesellschaftliche Bereiche zu tragen. So wären diese beispielsweise ein vielversprechender Ansatz für die Verwaltung von Gemeinden. Diesen Fragen weicht Maher leider aus. Es wäre spannend gewesen, eine solche Perspektive von der Wikimedia Foundation selbst zu hören.

Die Aufzeichnung der Veranstaltung könnt ihr auf Youtube sehen.

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8 Kommentare
  1. „Er rückte dafür die Frage nach einer stärkeren politische Positionierung in den Vordergrund und verwies auf den Vorbildcharakter,…“

    Ist damit Wikis Firmenpolitik gemeint,
    oder der politische Inhalt der Artikel?

  2. „Er rückte dafür die Frage nach einer stärkeren politische Positionierung in den Vordergrund und verwies auf den Vorbildcharakter,…“

    Ist damit Wikis Firmenpolitik gemeint,
    oder der politische Inhalt der Artikel?

  3. Damit ist die „Firmenpolitik“ gemeint, wobei es ja eben keine Firma im herkömmlichen Sinne ist. Er sieht in der Organisationsform des Wikipedia-Projekts einen organisations- und produktionstheoretischen Alternativentwurf, der sich auch auch auf andere Bereiche der Gesellschaft übertragen lasse. Und das hat in diesem Sinne auch immer einen politischen Charakter bzw. sollte es seiner Meinung nach haben.

    1. Riesige Konferenzen , unzählige, uendlich wirkende Texte. Aber das strukturelle Grundübel wird nicht angesprochen. WIKIMEDIA ist ein zutiefst sozialfdeinliches, fanatisch neoliberales Projekt. getarnt als „Sozial – „weltwissen“ “ Trojanisches Pferd. Kostelos arbeitente „Wikipedianer“ sollen den Content zusammentragen, damit Amazon, Google , apple, Yahoo und sonstwer sich steinbruchartikmit CC Zero der Datenbank legal und kostenlos zur Erzielung Ihrer MRD Gewinne bedienen können sollen. Und Museen und möglichst alle (ÖFR – VG etc. etc ) sollen verpflichtet werden, für die genannten und andere fiese globale steuer- und sozialanteil – verweigernte Konzerne, den Content kostenlos zur verfügung stellen zu müssen. Das ist das dann der Teil der „politischen“ Agenda. Das ist so hanebüchen durchschaubar. Oder hanebüchen blöd, sich freiwillig zum Büttel dieser radikalen Neoliberlaen zu machen.

  4. Fairerweise sei ergänzt:

    Es gibt Neulinge, die werden leider vor den Kopf gestossen.
    Es gibt Neulinge, die mit einer klaren Agenda oder so einer „bei Facebook kann ich auch alles reinschreiben“-Attitüde aufschlagen, die nicht wirklich Interesse an den Grundideen der Wikipedia haben.

    1. Nunja, speziell die deutsche Wikipedia ist das Projekt einer kleinen Gruppe mit festem Weltbild: es wird nur geduldet, was da rein passt. Wenn man das im Auge behaelt, ist sie nicht unbrauchbar.

      Allerdings kenne ich fast nur Leute, die sich aus der deutschen Wikipedia zurueckgezogen haben, und verwende selber die wesentlich offenere englische als Standard.

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