Bei Zeit Online schreibt Digital-Redakteur Patrick Beuth über das wahnwitzige neue Produkt des US-Kryptologen David Chaum, welches anonyme, verschlüsselte Kommunikation ermöglichen soll und gleichzeitig Strafverfolgungsbehörden eine Hintertür zur Entschlüsselung bereitstellt. Das zuerst in einem Gespräch mit dem US-Technologie-Magazin Wired von Chaum vorgestellte Verschlüsselungsprogramm PrivaTegrity wurde seitdem von mehreren Kryptografie-Experten (1, 2, 3) kritisiert.
Verschlüsselungstechnologien werden immer wieder für Terrorismus und „Online-Kriminalität“ verantwortlich gemacht. Zuletzt in Folge der Pariser Terror-Anschläge – dort gaben Politiker und Medien verschlüsselten Messenger-Diensten für das Unentdeckt-bleiben der Attentäter die Schuld. Die Geheimdienste schlossen sich bereitwillig an: So forderten CIA-Direktor John O. Brennan und FBI-Chef James B. Comey die Hersteller von Verschlüsselungssoftware auf, ihren Diensten die technische Möglichkeit zu geben, verschlüsselte Kommunikationsinhalte zu entschlüsseln – mittels des Einbaus von Hintertüren (Backdoors).
Genau das ist in PrivaTegrity vorgesehen – nach Aussage Chaums als Kompromiss-Vorschlag um das Ausbrechen eines neuen Crypto-Wars zu verhindern. Patrick Beuth sieht das anders und warnt:
[A]uch ein verteiltes Key-Escrow-System [ist] prinzipiell ein System mit einem Schwachpunkt. Mehrere namhafte Sicherheitsforscher und Aktivisten haben das umgehend und unmissverständlich klargemacht: Chaum gaukelt einen Schutz vor Missbrauch vor, den er nicht garantieren kann. Der Aufwand für Kriminelle oder Geheimdienste, heimlich an die neun Schlüssel zu gelangen, mag hoch sein. Unmöglich ist es nicht. Eine Hintertür für die „Guten“ ist immer auch eine Hintertür für die „Bösen“ – und wer was ist, ist Ansichtssache.
David Chaum beschreibt zusammen mit den Mit-Entwicklern von PrivaTegrity in einem wissenschaftlichen Artikel, welcher hier abrufbar ist, die technische Funktionsweise detaillierter.
[Korrektur: Die missverständliche Überschrift „Auch eine Hintertür mit neun Schlössern hat neun zuviel“ wurde am 11.1.16 geändert.]