Kultur

Studien zur Meinungsbildung: Instant-Messenger wichtiger als Facebook

Zwei neue Studien der Medienanstalten untersuchen den Einfluss von Plattformen im Internet auf das Informationsverhalten und die Meinungsbildung. Und die wird vor allem im direkten Kontakt mit Freunden gebildet – auf Instant-Messengern.

Meinungsbildung findet auf verschiedenen Wegen statt. Foto: Jeremy Yap unter CC0 1.0

Kürzlich stellten die Medienanstalten zwei deutsche Forschungsprojekte zur Meinungsbildung vor. Sie untersuchen den Einfluss von Plattformen im Internet auf das Informationsverhalten und die Meinungsbildung der Nutzerinnen und Nutzer. Die Medienanstalten hoffen, einen Beitrag zu der seit Trump wieder hitzig geführten Debatte leisten zu können.


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Internetnutzung immer noch hinter Fernsehen und Radio

Im Rahmen der quantitativen Studie „Wie häufig und wofür werden Intermediäre genutzt?“ von Kantar TNS wurden in einem ersten Schritt 1.887 Personen zur Nutzung des Internets befragt. Für die deutsch-sprechende Wohnbevölkerung ab 14 Jahren wurde eine Tagesreichweite des Internets von 58,3 Prozent ermittelt. Das Internet liegt damit noch immer hinter Fernsehen (79,1 Prozent) und Radio (60,9 Prozent) auf dem dritten Platz. Wenig überraschend ist die Nutzung des Internets unter Männern, Jüngeren sowie formal höher Gebildeten überdurchschnittlich.

In einem zweiten Schritt wurden diese 58,3 Prozent nach ihrer Nutzung von Intermediären – das sind soziale Netzwerke, Videoportale, Instant-Messenger und Suchmaschinen – befragt. Fast alle (95,5 Prozent) der Internetnutzer nehmen täglich die Dienste mindestens eines dieser so genannten Intermediäre wahr. 75,8 Prozent nutzen Instant-Messenger, jedoch nur 53 Prozent der Internetnutzer besuchen täglich soziale Netzwerke. WhatsApp dominiert mit fast drei Vierteln den deutschen Markt. Bei den 14-29-Jährigen ist die Dominanz WhatsApps in dieser Kategorie mit über 90 Prozent sogar noch beeindruckender. Twitter spielt in Deutschland mit rund 3 Prozent täglicher Reichweite eine sehr untergeordnete Rolle.

Laut der Studie spielen Instant-Messenger und Videoportale für Informationszwecke zu gesellschaftlichen Themen eine sozialen Netzwerken untergeordnete Rolle. Dr. Oliver Ecke in seiner Präsentation der Studie:

Von all denen […], die überhaupt soziale Netzwerke nutzen, nutzen 57 Prozent […] sie auch zu informierenden Zwecken. Bei Instant-Messengern ist der Anteil überschaubar, mit gut 10 Prozent.

Insgesamt informieren sich damit 57,3 Prozent über mindestens einen Intermediär täglich – das entspricht einem Drittel aller Personen ab 14 Jahren in Deutschland, also mehr als 23 Millionen Menschen.

Meinungsbildungsprozesse von Plattformen im Internet durchdrungen

Die zweite vorgestellte Studie „Wie fließen Intermediäre in die Meinungsbildung ein?“, sollte die quantitative Studie von Kantar TNS um einen qualitativen Ansatz ergänzen. In einer leitfadengestützten Diskussion hat das Hans-Bredow-Institut für Medienforschung sechs Gruppen à vier bis sechs Personen beobachtet. Aufgrund dieses Designs kann die Studie keinen Anspruch auf Repräsentativität erheben, man hoffe aber dennoch Rückschlüsse auf das Medienverhalten ziehen zu können.

Traditionelle Medien sowie der persönliche Austausch würden für die Meinungsbildung noch immer eine entscheidende Rolle spielen. Allgemein gelte noch immer, dass der Berichterstattung publizistischer Medien viel Vertrauen entgegengebracht werde. Dennoch seien Meinungsbildungsprozesse aufgrund der großen Durchdringung der Kommunikationspraktiken durch Intermediäre ohne das Internet nicht mehr denkbar. Für die Meinungsbildung seien aber weniger große, öffentliche Plattformen oder etwa öffentliche Kommentare bedeutsam, als viel mehr der direkte Austausch mit Bekannten in Instant-Messengern. Dazu sagt Dr. Jan-Hinrik Schmidt vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung:

Obwohl die von uns befragten Facebook nutzen (müssen), sind sie unzufrieden mit weiten Aspekten der Plattform. Generell ist für Facebook aber festzuhalten, dass in der Wahrnehmung der Befragten, Facebook für die Meinungsbildung im Allgemeinen keine große Rolle spielt, sondern Facebook wird genutzt um soziale Kontakte zu pflegen und zu verwalten.

Instant-Messenger, allen voran WhatsApp, seien das Mittel der Wahl um die Gruppenkommunikation aufrecht zu erhalten. Die beliebte Gruppenfunktion würden bei den Befragten Facebook für die Kommunikation im eigenen sozialen Umfeld ablösen. WhatsApp werde als persönlicher und näher Beschrieben und damit für die Meinungsbildung im Austausch mit nahestehenden Personen wesentlich wichtiger, als öffentliche Meinungen in sozialen Netzwerken oder Videoplattformen.

Youtube und Google werden eher für eine gezielte Informationssuche genutzt. Youtube diene vor allem bei den Jüngeren, neben der Unterhaltung, als ein Werkzeug für die gezielte Suche nach Tutorials und Expertenwissen.

Nutzer reflektieren über Algorithmen und Geschäftsmodelle

Sämtliche Befragten äußerten sich reflektiert über die Funktionsweise der Plattformen. Sowohl Nutzer, als auch Nichtnutzer haben Kenntnisse über zugrundeliegende Geschäftsmodelle und algorithmische Selektionen, die jedoch sehr verschieden ausgeprägt sind. Die Schlussfolgerungen sehen ebenfalls sehr unterschiedlich aus, meist wird sich mit den Problemen abgefunden oder trotz Nutzung eine kritische Distanz zum Dienst eingenommen. Technische Mittel, wie etwa Tor Browser, haben die Befragten selten als Antwort auf ihre eigenen Bedenken angegeben.

Einbringen in die aktuelle Debatte um Meinungsbildung im Internet, mit Fake-News und Hate-Speech, kann man aus der Studie, dass die redaktionelle Selektion von Inhalten einer algorithmischen Selektion vorgezogen wird. Alle Befragten waren sich der Hatespeech-Problematik bewusst und empfanden ein häufiges Nicht-Reagieren der großen Intermediäre als problematisch. Die Befragten äußerten auch, dass dem Auffinden von qualitätsvoll empfundenen Inhalten mehr Eigenleistung des Nutzers vorausgehe.

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6 Kommentare
  1. [i]Wenig überraschend ist die Nutzung des Internets unter Männern, … überdurchschnittlich.[/i]
    Das finde ich jetzt ehrlichgesagt schon überraschend.

  2. Warum wird persoenliche und direkte Kommunikation per IM unter „Intermediaere“ verbucht? IM ist nichts anderes als Telefon, Stammtisch oder Kaffee-Ecke. Da wird eben nicht von irgendjemandem ueber dem rein technischen Transport hinaus irgendwas vermittelt oder kuratiert.
    Es sollte dann auch nicht verwundern, dass man seinen persoenlichen Bekannten mehr Gewicht zumisst als irgendwelchen Firmen.

  3. Richtig darum wird auch alles versucht an diese Daten zu gelangen.Speziell von wichtigen Personen.
    zB. verweigert Android bis heute das Opt-IN umzusetzen.
    Ein CT Bericht hat das auch bestätigt.
    Lässt man Android in dne Grundeinstellungen , gibt pro Tag hunderte Datenabgleiche!
    Auch wnen man nie im Play Store etc angebeldet ist !
    Da sist doch der pure Wahnsinn was die machen !
    Und die Justiz schuat zu !
    Der Maas gehört verklagt !

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