Facebook-Videos: Manipulierte Kennzahlen

Facebook muss sich einigen Fragen über Manipulationen bei Werbekennzahlen stellen: Facebook-Video-Verweilangaben sollen übertrieben worden sein. Jetzt stellt sich heraus, dass sich der Datenkonzern bei den Facebook-Videokennzahlen nicht nur ein bisschen verschätzt hat, sondern ganz kräftig daneben lag.

Facebook hatte bereits eine Manipulation von Video-Verweilangaben eingeräumt, die unabsichtlich gewesen sein soll. Man habe für die letzten zwei Jahre die Zahlen darüber überbewertet, wie lange Menschen durchschnittlich Facebook-Videos ansehen.


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Das hatte der Konzern schon vor einiger Zeit in einem Beitrag im „Advertiser Help Center“ zugegeben. Sich in diesem Hilfe-Center ein wenig umzusehen, bringt übrigens die Einsicht, dass es auch Bereiche bei Facebook gibt, in denen statt Satzbaustein-Bots noch Facebook-Mitarbeiter antworten – und sogar Postings mit inhaltlichem Bezug zur Frage schreiben. Aber hier tummeln sich ja vorzugsweise die Kunden, nicht die Nutzer.

Facebook gibt an, dass die übertrieben hohen Video-Verweilangaben keine zusätzlichen Kosten für Werbetreibende verursacht hätten. Aber sie ließen es dennoch so aussehen, als würden deutlich mehr Menschen Facebook-Videos klicken und länger ansehen als das tatsächlich der Fall ist:

We recently discovered a discrepancy between the definition of Average Duration of Video Viewed and its calculation.

Dieser Diskrepanz werde man mit einem „Update“ begegnen. Die „Average Duration of Video Viewed“ ist eine durchschnittliche Angabe darüber, für wie lange ein Nutzer ein Facebook-Video ansieht.

Aber jetzt kommt raus, dass man sich nicht nur ein bisschen verschätzt hatte. Laut dem Wall Street Journal ist die „Diskrepanz“ ganz erheblich: Agenturen, die Werbung bei Facebook kaufen, sei von dem Konzern mitgeteilt worden, dass die Zählmethoden für die durchschnittliche Facebook-Video-Verweildauer um satte sechzig bis achtzig Prozent überhöht waren. Natürlich kann das niemand ernsthaft prüfen, die Kunden von Facebook müssen sich weitgehend auf die Angaben verlassen.

Von den Facebook-Kennzahlen, die das Unternehmen selbst ermittelt und an seine Kunden gibt, besteht eine hohe Abhängigkeit. Die „Likes“ und andere Klick- und Verweilzahlen sind aber auch für politische Nachrichten und fast alle journalistische Inhalte entscheidend.

facebook blockiert wikileaks
Das Blockieren der Links zu Wikileaks soll nur ein Ausrutscher gewesen sein.

Omnipräsenz

Die aktuelle Diskussion um die manipulierten Kennzahlen wird am generellen Trend wohl nichts ändern: Es ist absehbar, dass die Inhalte noch zunehmen werden, die weitgehend oder ausschließlich über Facebook verbreitet werden und dabei oft voraussetzen, dass man einen Facebook-Account hat. Die Nutzung der Plattform, ohne eingeloggt zu sein, ist faktisch kaum mehr möglich – und die übergroßen Overlays wirklich lästig und störend.

In den Vereinigten Staaten wird die Tatsache, dass die Diskussion der Präsidentschaftskandidaten als Video bei Facebook übertragen werden, kaum noch hinterfragt. Dabei werden nicht nur drei der vier Rededuelle bei Facebook laufen, sondern in Teilen sogar exklusiv. Dass für die Kunden – ob Werbewirtschaft oder politische Partei im US-Wahlkampf – die politische Links-Rechts-Vorliebe der Zuschauer offenliegt, die mit einer Zuverlässigkeit von ungefähr 85 Prozent automatisch ermittelbar ist, wurde in einer wissenschaftlichen Studie (pdf) schon vor einiger Zeit gezeigt. Durch Facebook-„Likes“ können aber auch andere Eigenschaften von Menschen analysiert und prognostiziert werden, etwa die sexuellen Vorlieben, ethnische und religiöse Zugehörigkeiten, der Grad der Intelligenz oder der emotionale Zustand.

Die Profilierung der Nutzer gerät zunehmend in den Hintergrund, wird überdeckt von den Fragen über Manipulationen oder die Streits über das Blockieren und Zensieren von Inhalten und um „Hatespeech“. Facebook verweist ohnehin immer nur auf Richtlinien, die eine Neutralität der Trends und des Angebots an Nachrichten sicherstellen sollen, und stellt sich der öffentlichen Diskussion kaum noch. Die Algorithmen sind ohnehin allesamt Geschäftsgeheimnis. Sie würden – zumindest was die politische Ausgewogenheit betrifft – übrigens geprüft und nie manipuliert, versichert der Konzern und dessen Leiter der Rechtsabteilung, Colin Stretch.

3 Kommentare
  1. Seit wir im post-faktischem Zeitalter angekommen sind ist eh alles schei~egal.
    Hauptsache wir haben ein gutes Gefühl, was bei stagnierender Moral immer leichter fällt.

    Im Übrigen sollten wir aufhören im Lügen-Medium Facebook nach Wahrheit zu suchen. Vermeintliche Informationen gibt es dort nur für nützliche Idioten.

  2. Das ist kaum der einzige Schwindel mit Facebook-Statistiken. Rechne nach. Es gibt weltweit ca. 2 Mrd. PC/Notebook/Tablet. Wohl ebensoviele aktive Smartphones. Von den PC dürften die Hälfte in Unternehmen/Behörden stehen. Blieben 3 Mrd. mögliche Kunden, aber wer einen PC hat, hat auch ein Smartphone und evtl. noch ein Notebook und Tablet. Die Nutzer, die Facebook auf PC betreiben, werden es auch auf dem Notebook, Tablet und Smartphone haben. Danach ist es schlicht unmöglich, dass Facebook 1 Mrd. aktive Nutzer hat. Selbst wenn es die Hälfte wäre, schiene das sehr viel. Kann höchstens sein, dass Facebook seine Tracking – Opfer als unfreiwillige Kunden mitzählt. Da wurde von den Amis mal wieder etwas aufgeblasen, das hinten und vorne nicht stimmen kann. Beobachten wir die amerikanische Märchenstunden mal voller Interesse weiter.

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