Der heutige Stuttgart-Tatort mit dem Namen „HAL“ hat – so stellt Kommissar Lannert zur Hälfte der Spielzeit fest – „nicht nur mit einer Welt zu tun, sondern mit zweien“. Diese zweite Welt ist das Internet. Es dauert keine fünf Minuten, bis die Begriffe Darknet, Tor und VPN fallen. Das Szenario soll uns demonstrieren, mit welchen Herausforderungen es die Ermittler bald zu tun haben werden. Denn da spielt er, dieser Tatort: in der nahen Zukunft.
Es geht um den Tod der Schauspielschülerin Elena, die über das Onlineportal „Love Adventure“ Dienste anbot, um sich den Lebensunterhalt zu finanzieren. Bald taucht eine Aufnahme auf, die ihren Tod zeigen soll – auf einer Gewaltvideo-Seite im Darknet. Im Verdacht: „Data Scientist“ David Bogmann. Das Video soll von seiner IP-Adresse aus hochgeladen worden sein.
Die Aufklärung des Verbrechens führt durch die Wirren des Cyberraums, in dem sich die Ermittler Thorsten Lannert und Sebastian Bootz noch augenfällig unsicher bewegen. Zusätzlich kommt das Computerprogramm „Bluesky“ ins Spiel, das Bogmann entwickelt hat. Es ist in der Lage, ständig mit neuen Datenbergen gespeist, seine eigene Intelligenz weiterzuentwickeln. Seine Entwicklung sollte die Vorhersage zukünftiger Verbrechen ermöglichen. Schließlich scheint es sich gegen Bogmann, seinen Schöpfer, zu wenden. Der wird Stück für Stück paranoider und sieht am Ende keinen anderen Ausweg mehr, als mit einer ganz analogen Schrotflinte wieder Herr über sein eigenes Programm zu werden. Hat Bluesky sogar etwas mit Elenas Tod zu tun?
Zwischen Stanley Kubrick und Franz Kafka
Bluesky ist eine Hommage an HAL 9000 aus Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“. Und auch sonst spart der Film nicht mit Bild- und Tonzitaten aus Kubricks Werk. In einem SWR-Interview bezeichnete der Autor und Regisseur Niki Stein dies als „eine Verbeugung vor dem großen Stanley Kubrick, der ja schon vor fast 50 Jahren […] den Konflikt Mensch – Computer erzählt hat“. Doch nicht nur Kubrick wird zitiert, auch Kafka-Referenzen sind zu finden, wie sich an den Kapitelüberschriften, die den Sonntagskrimi gliedern, ablesen lässt. „Der Prozess“ und „Vor dem Gesetz“ sind nur zwei davon.

Neben einem Plot, der eine netzaffine Zuschauerschaft 90 Minuten lang zu amüsieren vermögen sollte, bietet der Tatort auch Stoff für politische Diskussion: Es geht um die Beweiskräftigkeit von IP-Adressen, die Speicherdauer von Standortdaten. Es geht auch um die Schwierigkeit, US-Firmen zur Datenherausgabe zu zwingen und um die Allgegenwärtigkeit von Überwachung – durch Staat und Privatunternehmen gleichermaßen. Ein Zitat von Kommissar Lannert ist dabei besonders markant:
Die Zeiten sind vorbei, junger Mann, in denen wir unkontrolliert durch die Gegend laufen konnten. Außer: Sie werfen ihr Handy vorher weg.
Für einen netzpolitischen Realitätsabgleich mit der Gegenwart werden wir – aus Spoiler-Gründen – am Montag einen ausführlicheren Kommentar liefern. Und da die Gelegenheit günstig war, haben wir für den gemeinsamen Tatort-Spaß ein Cyber-Bingo gebaut, das sich zum gemeinsamen Spielen eignet. Einige von uns werden übrigens um 20.15 Uhr im Zum Böhmischen Dorf, Berlin, sein – mit ausgedruckten Offline-Bingo-Zetteln. Also: Falls ihr in der Gegend seid, schaut vorbei und spielt mit!

