Demokratie

Neuer BSI-Präsident vorgeschlagen: Kompetenz kein Einstellungskriterium

Nach der Verabschiedung von Michael Hange in den Ruhestand wird eine erstaunliche Fehlentscheidung im regierungsnahen Personalbereich diskutiert: Arne Schönbohm, Präsident eines „Cyber-Sicherheitsrats“, Consultant und derzeitiger CEO einer Firma namens „BSS BuCET Shared Services AG“, soll neuer Chef des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) werden. Das in IT-Sicherheitskreisen als „Cyber-Bullshitting“ bekannte Phänomen wird damit wohl auch im BSI hoffähig, sollte Schönbohm tatsächlich benannt werden.

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Ausweislich seiner Arbeits-Vita hat er es bisher überraschend gut vermocht, Hinweise auf technische Kompetenz zu vermeiden. Die primäre Qualifikation des FDP-Parteigängers war der Verkauf teurer, aber oft überflüssiger Lösungen an Regierungen. So war Schönbohm bei der Rüstungsfirma EADS für das Tetra-Desaster (BOSNet) mitverantwortlich. Der von Brancheninsidern als „Cyberclown“ verspottete Schönbohm liefert keinerlei Indikation für technische Expertise – eigentlich aber eine Selbstverständlichkeit für alle bisherigen Präsidenten des BSI. Das Amt war bislang stets von Personen geleitet worden, denen es nicht an technischer Kompetenz mangelte.

Bei aller auch hier bei netzpolitik.org immer wieder geäußerten Kritik am BSI war doch bisher unumstritten, dass das Amt einer der wenigen Horte technischer Expertise in Regierungsnähe war – auch an der Amtsspitze. Dass Innenminister Thomas de Maizière nun einem EADS-U-Boot, das in der Vergangenheit vor allem durch „Ultra-Cybering“ und Überwachungsfanatismus auffiel, den Chef-Posten des BSI angetragen hat, ist ein fatales Signal in einer Phase der Verunsicherung, die man mit Fug und Recht als IT-Vertrauenskrise bezeichnen kann.

Das BSI hat nach wie vor einen signifikanten Einfluss auf Entscheidungen und Maßnahmen der Regierung im Bereich IT-Sicherheit. Bisher war das strategische Ziel, das BSI aus dem direkten Einflussbereich des Bundesinnenministeriums (BMI) herauszulösen und zu einem dringend benötigten, unabhängigen IT-Dienstleister für Bürger und Unternehmen zu formen. Mit dem ursprünglich vorgeschlagenen Kandidaten und bisherigen Vize-Präsident Andreas Könen wäre das immerhin denkbar, mit einem Cyber-Cyber-Schönbohm ist das ausgeschlossen.

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33 Kommentare
    1. Die fünf Amazon-Bewertungen seines Buches sind alle(!) fünf-Sterne(!)-Bewertungen mit gaaaanz tollen Beschreibungen dieses Produkts. Es fällt auf, dass die Reviewer ansonsten (so gut wie) nie etwas anderes bei Amazon bewertet haben. Was sagt uns das?

      1. Mir kam nur folgendes in den Sinn:

        „5 von 5 Sternen – Einbandfrei gefälscht“

        ganz nach dem Motto nach den Schulnoten:

        „1,0 und keine Fehlstunden – Einbandfrei gefälscht“

      2. Die fünf Bewertungen sind wirklich sehr verdächtig; dem Sprachstil nach würde ich vermuten, dass sie alle vom selben Autor stammen. Falls Amazon entsprechende Vorratsdatenspeicherung macht, müsste man das eigentlich nachweisen können ;-)

  1. Der Mann ist schon kompetent und eine gute Besetzung, halt nicht fuer IT oder die Buerger.

    Wo sonst wuerde man jetzt einen Industrievertreter auf ein gut besoldetes Amt setzen, um zukuenftigen Zugriff auf oeffentliche Toepfe und positiven Einfluss auf wichtige Strukturen und Technologieentscheidungen abzusichern? Und wen, wenn nicht einen FDPler?

    1. „Mitglied der Atlantikbrücke e.V.“, naja, irgendwer muß ja verhindern, dass die Kollegen vom BSI die „falsche“ Malware finden und dann vielleicht sogar noch „falsch“ attributieren… :)

    1. Ja: SmartMeter und deren Daten, neben Gesundheitsinfrastruktur (eGK) und deren Daten, Verkehrsinfrastruktur und deren Daten. Wenn das BSI sagt, dass ist sicher, dann ist das ja sicher…

  2. Von der Regierung vorgesehener Strohmann, der all das befürworten und empfehlen soll, was die Politik im Hinterzimmer für die [Un]Sicherheit in Zukunft ausbaldowert. Die FDP ist wieder schwer im kommen.
    mfg R.K.

  3. Vielleicht wollte man auch vermeiden, mit Andreas Könen ein BND-U-Boot an die Spitze des BSI zu setzen? Bedenkt man, dass sich der Untersuchungszeitraum des NSA-Untersuchungsausschusses bis in die Jahre zurückgeht, wo Könen im Leitungsstab des BND saß, dann ist die Entscheidung, ihn nicht zum Präsidenten zu machen, verständlich.

    http://www.bka.de/nn_244598/DE/Publikationen/Herbsttagungen/2013/Programm/ht2013KoenenHenzlerVitae.html

  4. „Das BSI hat nach wie vor einen signifikanten Einfluss auf Entscheidungen und Maßnahmen der Regierung im Bereich IT-Sicherheit.“ Ja, richtig… es hat bisher zudem signifikanten Einfluss auf die Wirtschaft, gerade in Belangen der IT-Sicherheit.

    Das hat jetzt ein Ende. Wer wenigstens für fünf Pfennig Grips in der Birne hat, macht, dass er wegkommt. Mit dieser Wahl wird eine lebendige und vielfältige Branche mit vielen kleinen und mittleren, dabei hochspezialisierten und sehr kompetenten Unternehmen der IT-Sicherheitsbranche ausgetrocknet zugunsten von großindustriellen Beratungsunternehmen, die zwar keinerlei Praxis, aber massive Präsenz auf CXO-Ebene haben und unglaublich viel Papier produzieren. Vernetzung geht eben vor Kompetenz. Die fruchtbare und vielschichtige Zusammenarbeit des BSI mit kleinen Unternehmen wird ein Ende haben, denn zukünftig gehen die Empfehlungen des BSI ganz klar in Richtung US-Konzerne und Großberatungsunternehmen. Lobbyarbeit vom Feinsten. Ich habe keine Ahnung, wie sie es geschafft haben, diesen Typ da einzutüten, aber ich bewundere sie alle für diese unglaubliche Dreistigkeit und den wirklich gelungenen Coup, der große Profite für praktisch nichts ermöglicht. Selten eine derartig saubere Übernahme gesehen, vergleichbar vielleicht nur noch mit dem Niebel als Entwicklungshilfeminister. Den Schaden werden wir alle haben… IT-Sicherheit wird in den nächsten Jahren ein Nischenthema sein in Deutschland. Und das ausgerechnet nach Snowden, NSA und Bundestagshack…

  5. Die Überschrift hat ja schon BILD-Qualität, aber bei aller berechtigter Kritik ist der Artikel doch qualitativ eher in der untersten Schublade anzusiedeln. Was sprachlich als Nachricht daher kommt, qualifiziert die Diskussion um die Personalie gleich mal als Fehlentscheidung ab. Weiter geht es mit einer Beschimpfung die als Zitat von „Brancheninsidern“ daher kommt, eine äußerst seriöse und nachprüfbare Quelle. Glaubwürdigkeit sammelt man so nicht. Liebe Netzpolitiker, das könnt ihr besser.

  6. Papi Jörg hat sich sehr verdient gemacht im Hinblick auf die Integration… Der Sohn könnte vielleicht etwas Probleme haben, sich den gleichen Respekt zu verschaffen.

    „Im Zuge der Deutschen Wiedervereinigung wurde er am 3. Oktober 1990 zum Befehlshaber des Bundeswehrkommandos Ost in Strausberg ernannt. Sein Auftrag war es, die Auflösung der 90.000 Mann starken Nationalen Volksarmee (NVA) der früheren DDR zu koordinieren und die verbliebenen Soldaten in die Bundeswehr zu integrieren.“ (Wikipedia)

  7. Kompetenz war beim BSI noch nie der Fall genausowenig wie in der Politik weil die Gesetze von Anwaltskanzleien gemacht werden die gleichzeitig Konzerne und Banken vertreten. Oder hat etwa der BSI vor der Überwachung gewarnt? Nach den Snowdenenthüllungen gab es nichtmal beim BSI einen Kommtar oder Tipp für die Bevölkerung zu besichtigen. Keinerlei Reaktion. Der BSI erscheint mir wie alles in diesem Staat als Lagerstätte für Söhnchen und Töchterchen aus konformen transatlantischen Familien egal welche Qualifikation.

    1. 18 Februar 2016. Jetzt wurde tatsächlich der Schönbohm-Sohn und Lobbyist der Presse als neuer BSI-Chef vorgestellt.
      Peinlich? Nee, denen ist nix mehr peinlich.

  8. Besser sein anständiger Charakter und die gute Kinderstube – denn das lernt man nie mehr – als totale Kompetenz. Da kann man hinzulernen. Ausserdem hat er gute Abteilungspräsidenten in Bonn und Fachleute in Berlin. Er kann zuhören, sich überzeugen lassen und führen. Ich wüßte keinen Besseren. Nun unterstützt ihn ‚mal schön !

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