In Estland lernen Kinder ab der 1. Klasse programmieren, in Deutschland findet man in technischen Studiengängen Erstsemester, die den Backslash auf der Tastatur nicht finden. Sicher, Medienkompetenz wird nicht ausschließlich durch Schulen vermittelt. Aber im Unterricht werden wichtige Grundlagen gelegt, wie Schüler Medien nutzen und einschätzen.
Es mehren sich die Stimmen, die Informatik zum Pflichtfach machen wollen. Aber oftmals wird unter dem Schulfach „Informatik“ immer noch nur das Schreiben von Code verstanden. „Das ist später nur für die relevant, die als Programmierer arbeiten wollen“, ist eines der am häufigsten vorgebrachten Argumente, die man entgegengebracht bekommt, wenn man für die Einführung verpflichtenden Informatikunterrichts plädiert. Das ist ein Problem für die Wirtschaft, denn der fehlen laut dem Institut der deutschen Wirtschaft kontinuierlich Fachkräfte – auf 100 Stellen kämen einer Studie zufolge nur 61 arbeitslose Informatiker.
Aber in der Informatik geht es nicht nur ums Programmieren. Informatik ist mehr, sie vermittelt grundlegende Fähigkeiten, strukturiert in Prozessen zu denken. Und sie kann vor allem in den unteren Klassenstufen einen maßgeblichen Teil dazu beitragen, Medienkompetenz zu vermitteln. Das ist auch wichtiges Anliegen der Unterrichtsziele, die die Arbeitsgruppe „Bildungsstandards“ der Gesellschaft für Informatik 2008 in einem Bericht zusammengefasst hat. Dort ist der Komplex „Informatik, Mensch & Gesellschaft“ einer von fünf Kerninhaltsbereichen des Informatikunterrichts, bei dem der Umgang mit informatischen Systemen und Kommunikationsmöglichkeiten zentral ist.
Doch egal, ob man das Fach dafür „Informationstechnische Grundbildung“, „Informatik“, „Medienbildung“ nennen will, es liegt einiges im Argen im Bildungssystem und die Unterschiede zwischen einzelnen Bundesländern sind enorm. Deshalb soll hier ein Überblick gegeben werden, wie sich die Ansätze unterscheiden.
Der Integrationsansatz

Viele Bundesländer, darunter Bremen, Rheinland-Pfalz, Thüringen und Nordrhein-Westfalen, sehen noch keinen Bedarf für ein explizites Fächerangebot und hoffen auf Integration informatischer Grundbildung in andere Unterrichtsfächer. Bremen hat dafür 2012 einen „Rahmenplan Medienbildung“ formuliert. Aber dieser Rahmenplan bietet weniger einen Rahmen, sondern formuliert vielmehr, dass die Schulen selbst entscheiden sollen, wie sie das Thema angehen wollen. Die Organisation und Strukturierung, sowie Art und Dauer der Grundbildung sollten mit den anderen Fächern geregelt und den jeweiligen Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler angepasst werden:
In jedem Fall ist sie spätestens am Ende der 6. Jahrgangsstufe abgeschlossen.
Das klingt mehr nach einer Ausrede als nach einem ernsthaften Konzept, ein wenig konkreter wird es bis zur Jahrgangsstufe 10, da soll immerhin exemplarisch von jedem Kind ein Webauftritt erstellt worden sein und gestalterisch mit Medien gearbeitet werden. Positive Aspekte, die anderen voraus sind, enthält der Medienplan aber in Bezug auf die Grundschulbildung, die im Gegensatz zu vielen anderen Ländern konkret Erwähnung findet. Schon in Klasse 2 sollen Kinder mit speziellen Suchmaschinen recherchieren lernen und über positive und negative Aspekte ihrer Mediennutzung sprechen.
In Nordrhein-Westfalen bekommen die Schüler an Hauptschulen potentiell sogar mehr medientechnische Bildung auf den Weg als andere, denn nur dort sind die Inhaltsfelder „Informations- und Kommunikationstechnik“ und „Hardware und Software“ fest in das Fach Arbeitslehre integriert, so wie auch im Saarland für Gesamt‑, Gemeinschafts- und Erweiterte Realschulen. Ähnlich ist das Konzept in Schleswig-Holstein, wo in Sekundarstufe I im Fach Technik periphär auf Informatikinhalte eingegangen wird. Aber auch das nicht für Gymnasiasten, für die existiert das betreffende Fach nicht. Hier hängt es von der Schule ab, ob „Angewandte Informatik“ als Unterrichtsfach oder Wahlpflichtfach eingerichtet wurde und damit von den Schülern gewählt werden könnte.

Veraltete Lehrpläne
In Niedersachsen gibt es keine verpflichtende Informatik-Grundbildung und auch in Sachsen-Anhalt schaffen die meisten Schüler es durch die Schulzeit, ohne mit Medienerziehung in Berührung gekommen zu sein, denn auch dort sind nur die Sekundarschüler der 5. Klasse in den Fächern Technik und Hauswirtschaft verpflichtet, 30 Stunden lang den Schwerpunkt „Den Computer als Werkzeug nutzen“ zu behandeln. In den Klassen 7 und 8 steht dann auch im Gymnasium der Wahlpflichtkurs „Einführung in die Arbeit mit dem PC“ im Angebot, gefolgt von „Moderne Medienwelten“ in Klasse 9 und schließlich „Informatik“ in den Klassen 10 bis 12. Aber zusätzlich, dass viele Schüler statt dieser andere Kurse belegen und damit nie in Berührung kommen, sind die zugehörigen Lehrpläne allesamt älter als 10 Jahre und so hat der Titel des Angebots „Moderne Medienwelten“ allenfalls hohen ironischen Wert.
Schwierig sieht es auch in Baden-Württemberg aus. Der Lehrplan für die „Informationstechnische Grundbildung“ stammt noch aus dem Bildungsplan des Jahres 2004 und integriert das Thema in der Unterstufe lediglich in andere Fächer. Es wird davon ausgegangen, dass die Schüler sich weitgehend selbst mit dem Themenkomplex befassen und von sich aus ausreichend qualifizieren:
Die von den Schülerinnen und Schülern zunehmend erworbene Sicherheit im Umgang mit den entsprechenden Geräten und Programmen befähigt sie, Informations- und Kommunikationstechnologie selbstständig im Fachunterricht als Medium des Arbeitens und Lernens einzusetzen.
Doch bevor man sich ein abschließendes Urteil erlaubt – für 2015 steht eine weitreichende Bildungsplanreform im Ländle an, die den Umgang mit Medien auf einen neuen Stand bringen könnte. Und hoffentlich nicht zwei Schritte zurückgeht, wie es bei der Diskussion um die Vermittlung von „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ von Seiten der evangelischen und katholischen Kirche versucht wird.
Wie man es nicht machen sollte
Den Schritt nach hinten haben andere schon getan. In Hamburg war Informatik Pflichtfach – bis es auf Vorschlag des SPD-Schulsenators Ties Rabe im Mai 2013 abgeschafft wurde. Das Fach sei nicht für alle gleich wichtig, der Sprecher der Schulbehörde zog dafür einen Vergleich heran, der deutlich zeigt, dass wieder einmal jemand Informatik mit Programmieren verwechselt hat:
Etwas salopp formuliert: Alle sollten in einer mobilen Gesellschaft ein Auto fahren können. Aber nicht alle müssen auch wissen, wie es im Detail funktioniert oder gebaut wird.
Verstanden hat die Entscheidung fast niemand. Sowohl Lehrer- und Schülerkammer als auch viele Stimmen aus der Wirtschaft haben versucht, sich dagegen zu wehren. Die GI-Fachgruppe für Informatik-Lehrerinnen und ‑Lehrer in SH und HH hat sogar eine Petition eingereicht, die jedoch leider erfolglos blieb.
Desolat sieht die Situation in Hessen aus – dort existiert Informatik in der Sekundarstufe I nur in Form von Wahlangeboten an Gymnasien. Dennoch soll integrierte Informations- und Kommunikationstechnische Grundbildung für alle umgesetzt werden. Wie das passiert, weiß vermutlich niemand, denn selbst für den Informatikwahlunterricht gibt es weder Lehrpläne noch Richtlinien – das bleibt dem Informatikunterricht in der Oberstufe vorbehalten.

Informatische Grundbildung für (fast) alle
Ob Informatik Pflichtfach im Unterricht ist, überlasst Brandenburg den Schulen. In den Klassen 7 und 8 können Schulen obligatorischen Informatikunterricht anbieten. In Berlin ist man bereits einen Schritt weiter gegangen und hat den für alle Schulformen verbindlichen „Informationstechnischen Grundkurs“ in der Doppeljahrgangsstufe 7/8 eingeführt. Dort soll zum einen gelernt werden, wie der Rechner als Werkzeug und Grundlage zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben genutzt werden kann. Die abgedeckten Themen sind dabei sehr breit aufgestellt und reichen von Grundprinzipien wie „Speichern“, „Telekommunikation“ und „Vernetzung“ bis hin zur Beurteilung von Quellen, der Schärfung des Bewusstseins für Urheberrecht bis zu Verhaltenskodizes im Internet und der Bedeutung von Automatisierung für die moderne Arbeitswelt. In der Stufe 9/10 kann dieses Angebot durch Wahlpflichtunterricht weitergeführt werden.
In Bayern ist Medienbildung Pflicht, egal in welcher Schulart. Die Art und Weise der Integration in den Unterricht unterscheidet sich jedoch zwischen den Schulformen. Beispielsweise gibt es in Realschulen das „Fach“ Informationstechnologie, das jedoch nicht für alle in der gleichen Stundenzahl gelehrt wird, sondern je nach fachlichem Profil, das der Schüler wählt, wird eine unterschiedliche Anzahl Themen aus Modulen wie „Alphanumerische Daten“, „Datenmodellierung“, „Computersysteme und Datennetze“ und „Multimedia“ gewählt. Da kann es passieren, dass durch bestimmte Themenwahl kein Kontakt mit Medienumgang entsteht, aber als Querschnittsfach wird weiterhin „Medienkompetenz“ formuliert, das in den „Leitfächern wie Deutsch, Kunsterziehung, Musik, aber auch in allen anderen Fächern“ integriert werden soll.
In Gymnasien ist Informatik in den Klassen 6 und 7 als Schwerpunkt in das Fach „Natur und Technik“ integriert. Schade ist aber, dass in späteren Klassenstufen nur noch Informatikunterricht für naturwissenschaftlich-technische Gymnasien angeboten wird, was weiten Kreisen, die sich vielleicht für ein überwiegend musisches oder sprachliches Profil entscheiden, den Zugang gänzlich versperrt.
Interessant als Beilage zu den bayerischen Lehrplänen ist eine exemplarische Aufgabensammlung, um den angestrebten Wissenstand zu formalisieren. Dort wird auch Medienkompetenz explizit thematisiert. Sogar Landeschef Horst Seehofer bleibt in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt, wenn es in der Musterlösung einer Aufgabe zum Datenschutz für Klasse 9 um Facebook-Parties geht:
Der geschilderte Fall ist bei weitem kein Einzelfall. Es gab einige „Facebook-Partys“, die von der Polizei aufgelöst werden mussten, […]. Auch der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer machte eine ähnliche Erfahrung und musste die Gästeliste für seine angekündigte Facebook-Party schließen, nachdem sich deutlich mehr
angemeldet hatten, als die Münchener Diskothek P1 Platz zur Verfügung stellt.
Eine verpflichtende Integration in andere Fächer sieht auch das Land Mecklenburg-Vorpommern vor. Aber im Gegensatz zu bereits erwähnten Ländern nicht als alleinige Verantwortung sämtlicher anderer Lehrer, sondern als explizites Modul für alle Schulformen im Rahmen des Fachs „Arbeit-Wirtschaft-Technik“. Aufgeteilt auf den Zeitraum von Klasse 5–10 stehen dafür insgesamt 11 (auf der Regelschule 12) Wochenstunden zur Verfügung.
Auch Sachsen setzt auf verbindliche Grundlagen für alle in einem Extrafach. Die Stundentafel sieht in den Klassen 5 und 6 von Mittelschulen und Gymnasien verpflichtenden Unterricht in „Technik/Computer“ und danach bis Klasse 10 in Informatik vor, was mit Abstand die festeste und umfassendste Verankerung in deutschen Lehrplänen darstellen dürfte.
(Eine ausführliche Darstellung zum Thema findet sich auch in einer Synopse zu Informatikunterricht in Deutschland, die 2010 an der TU Dresden entstanden ist. In manchen Bundesländern hat sich die Situation mittlerweile ein wenig verändert, weite Teile sind jedoch noch aktuell.)

Auch außerhalb von Deutschland herrscht keine Einigkeit
Doch Unterschiede bestehen nicht nur innerhalb Deutschlands, auch in der EU kann nicht von einem einheitlichen Konzept gesprochen werden. Informatics Europe und der ACM Europe Council haben 2013 den Bericht „Informatics education – Europe cannot afford to miss the boat“ veröffentlicht, der zwar anerkennt, dass Europa in der Vermittlung von „digital literacy“ nach vorn geht, dafür aber besorgt den Rückgang von Informatikunterricht als Wissenschaftsdisziplin erwähnt.
Einer der Extrempole im europäischen Vergleich ist sicher das oben bereits erwähnt Estland mit Programmierausbildung ab der ersten Klasse. Auch in Polen ist eine Wochenstunde Beschäftigung mit dem Computer Pflicht und Großbritannien hat gerade angekündigt, jedem Schüler Programmierkenntnisse beibringen zu wollen. In vielen anderen Ländern fehlt hingegen jegliche Verankerung. Beispielsweise in Österreich, wo sich Forscher der TU Wien beklagen, dass in der Unterstufe nirgendwo die Vermittlung informatischer Inhalte vorgesehen ist. Dieses Problem hat der Europarat erkannt und auf einer Konferenz über die Gewährleistung von Grundrechten im Internet vor einer Woche in Graz mit Experten Empfehlungen für die Internet-Strategie 2016–19 beschlossen. Die enthalten unter anderem auch, ein eigenes Schulfach für die Vermittlung des Umgangs mit dem Internet einzuführen.
Und wenn jetzt alle Informatik hätten… ?
Heißt das jetzt, in Estland und Sachsen ist alles gut und der Rest von Deutschland sollte sich ein Beispiel am Freistaat nehmen? So einfach ist es leider nicht, denn eine auf dem Papier gute Lösung impliziert noch keine solide Umsetzung. Ein mindestens genauso relevanter Faktor ist die Ausbildung der Lehrkräfte. Denke ich an meine persönliche Schulzeit zurück, kann ich mit Gewissheit sagen, dass ich in Mathematik mehr Programmierkenntnisse und in Politik mehr Medienkompetenz erlangt habe als bei meinem Informatiklehrer, der 2005 einen Klassensatz Mac OS X 10.4 gekauft hatte – damals noch nur mit PowerPC-Unterstützung – und ratlos auf den Intel-Schulrechnern installieren wollte.
Doch der wahrscheinlich wichtigste Punkt, den man in der Betrachtung nicht zu sehr vereinfachen darf: Informatikkenntnisse sind nicht das gleiche wie Medienkompetenz. Die Fähigkeit, ein Programm zu schreiben, das automatisch eingebettete Videos aus Webseiten herunterladen kann, impliziert noch lange nicht, dass man dabei etwaige Urheberrechtsverletzungen einschätzen kann. Aber durch eine sorgfältige Gestaltung des Lehrplans, wie durch die Bildungsstandards Informatik vorgeschlagen, kann sowohl die technische Fertigkeit als auch die Reflexionsfähigkeit über die Auswirkungen von Technik und Medien gefördert werden.

Vor allem aber kann ein gut angelegter Informatikunterricht mit kompetenten Lehrkräften andere Fächer entlasten, in denen Lehrer oftmals damit überfordert sind, neben dem dichtgepackten Schulstoff auch noch auf neue Medien einzugehen und Unterrichtsstunden am PC zu fördern. Apropos Unterrichtsstunden am PC: Die Integration von Tablets, die Einführung von Laptop-Klassen, die Digitalisierung von Schulbüchern sind ein weiteres, umfangreiches Thema, das mit Medienkompetenz in Verbindung steht. Denn nur eine bewusste Nutzung dieses Materials führt zu einem Erkenntnisgewinn und einem didaktischen Vorteil und beugt vor, dass die bunte Technik stattdessen primär von der Aufmerksamkeit auf das eigentliche Unterrichtsziel ablenkt. Aber das werden wir zu einem späteren Zeitpunkt gesondert behandeln.
Für die nächste Folge haben wir ein Mitglied von Chaos macht Schule zu Erfahrungen in den Klassenzimmern des Landes interviewt. CmS ist eine Initiative des CCC, die in Schulen geht und Schülern, Eltern und Lehrern dabei hilt, ihre Medienkompetenz und allgemeines Technikverständnis auszubauen.
Bisher in dieser Reihe erschienen: