Überwachung

Türkische Regierung verhaftet Soldaten wegen angeblichem Whistleblowing zu Autobomben in Reyhanlı

redhack_twitterDie türkische Regierung hat einen Angehörigen der Gendarmerie (Jandarma) verhaftet, der angeblich brisante Dokumente fotografiert und an die türkische Hackergruppe RedHack weitergegeben haben soll. Dies meldet gestern die türkische Tageszeitung Hürriyet. Der Fall hat Parallelen zu Bradley Manning, denn es geht um einen politisch brisanten Anschlag mit möglicherweise weitreichenden geopolitischen Folgen.


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Hintergrund sind zwei Anschläge mit Autobomben vom 11. Mai in Reyhanlı, einer kleinen Grenzstadt zu Syrien. Vor zwei Wochen waren dabei 51 Menschen getötet und mehr als 150 verletzt worden. Sofort nach den Anschlägen behauptete die Regierung, der Anschlag ginge auf das Konto von linksradikalen Gruppen. Diese hätten Verbindungen mit dem syrischen Geheimdienst. Konkret genannt wurde die Revolutionäre Volksbefreiungspartei-Front DHKP-C, obwohl diese sich eilig davon distanzierte. Mehrere vermeintliche Mitglieder wurden dennoch verhaftet. Zwölf bleiben in Haft, während sechs weitere ebenfalls Verfahren erwarten.

Die offensichtlich der DHKP-C nahestehende Gruppe RedHack hatte kurz darauf bei Twitter auf geleakte Dokumente verlinkt, die den Geheimdienst arg in Bedrängnis bringen. Denn daraus geht hervor, dass die paramilitärische Jandarma am 25. April, also mehr als zwei Wochen vorher über Fahrzeuge informiert wurde, die in der syrischen Stadt Rakka mit Bomben versehen wurden. Neben Details über die verwendeten Autos inklusive ihrer Kennzeichen wurde sogar ein vermutlicher Urheber genannt: Die Al Quaida nahestehende Al-Nusra-Front, die mit anderen Oppositionsgruppen gegen den sysrischen Präsidenten Assad kämpft.

Mit der Verhaftung des Soldaten übt sich die Regierung nun in Schadensbegrenzung. Ein Sprecher der Regierungspartei AKP kommentierte, die Dokumente seien nicht durch einen Hack öffentlich geworden. Vielmehr hätte der nun verhaftete Soldat die Fotos mit seinem Mobiltelefon gemacht und weiter verschickt. Der Innenminister bestätigt das laut der türkischen Tageszeitung Hürriyet:

It was determined that an identified officer at the provincial Gendarmerie command has taken a picture of these papers, which were due to be sent to the subordinate troops, and transmitted to the hackers via email.

Er verneinte, dass die geleakten Dokumente irgendeinen Bezug zu den Anschlägen hätten. Auch Premierminister Erdoğan verhielt sich zu dem Vorfall: Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem EU-Präsidenten Rompuy in Ankara erklärte er, das Veröffentlichen der Namen von Organisationen würde deren Propaganda nutzen. Vermutlich meint er die Al-Nusra-Front; jedoch hatte die Regierung nach Explosion der Bomben selbst als angebliche Urheber die DHKP-C benannt.

Der Leak lässt die Anschläge in einem anderen Licht erscheinen. Denn ist es absolut unklar, welchen Zweck die verhafteten Mitglieder der DHKP-C mit einem solchen Anschlag verfolgen sollten. RedHack vermutet nun, dass die türkische Regierung die Täter gewähren ließ, um einen Kriegsgrund gegen Syrien in der Tasche zu haben:

Turkish government is persistently telling lies to the people of Turkey. They clearly knew about the plans of Al-Qaeda to bomb Turkey. They clearly let this happen to use it in their own advantage in order to wage war on Syria with the backing of NATO and US. PM Erdogan was in USA shortly after the bombings. He chose to go to US instead of visiting Reyhanli.

Auf ihrer Tumblr-Website publizierte RedHack überdies Fotos die belegen sollen, dass der Distriktgouverneur von Reyhanli bereits ausländische Kämpfer empfing. Konkret geht es um zwei libysche Staatsangehörige, die auf einem anderen Bild mit Waffen zu sehen sind. Ob das zweite Bild in Syrien aufgenommen wurde bleibt aber unklar.

Als Motto von RedHack gilt „Halk için hack“ („Hacking for the people“). Über sich selbst wird auf der Webseite erklärt:

RedHack bedeutet: Unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Sprache, Religion und Einstellung, ausnahmslos für und miteinander zu kämpfen.
RedHack hat nie lobende oder beglückwünschende Worte erwartet. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Die einzige Erwartung ist, dass alle Mitmenschen aufwachen, verstehen und auch im tiefsten Innerem spüren, dass dieser Kampf für uns alle ist.

Die Gruppe macht in der Türkei schon länger mit spektakulären Aktionen auf sich aufmerksam. So hatte die RedHack die Polizei in Ankara um geheime Dokumente von deren Servern erleichtert, die teilweise geheime Informationen enthielten. Dabei ging es unter anderem um Ermittlungen wegen Korruption. Eine Webseite des Innenministeriums wurde ebenfalls gehackt und zum Bild des Ministers eines von Guy Fawkes montiert. Nach studentischen Unruhen wurden Server der Middle East Technical University in Ankara geknackt und ebenfalls Dokumente geleakt. Ein weiterer Coup konnte nachweisen, dass der Rektor einer anderen Universität von einer Bank ein Auto überlassen bekam und diese sogar die Versicherung bezahlte. Zur Zeit stehen vermeintliche Mitglieder von RedHack vor Gericht, das mögliche Strafmaß beträgt bis zu 24 Jahre.

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3 Kommentare
  1. Ich hab das mal gegooglet. Wenn die Dokumente des Hacktivisten richtig wären, wäre jemand mit ner Bombe im Auto ca. 500km durch teils umkämpftes Gebiet gefahren:
    Maps-Link
    Warum sollte jemand das tun? Reyhanli ist nichtmal annähernd der nächste Grenzübergang. Akcakale ist von Raqqa nichtmal halb so weit weg.
    Langsam habe ich den Eindruck, dass der Westen lieber mit Diktatoren verhandelt als mit Moslems. In der Schule habe ich das jedenalls anders gelernt.

    1. Ist denn Assad kein Moslem??? Ich denke auch, dass die Türkei einen Grund für ein militärisches Eingreifen in Syrien schaffen wollte. Über Sinn und Unsinn dieses Krieges möchte ich mir keine Gedanken mehr machen. Hat von Euch jemand was über den Sarineinsatz gehört? nicht mehr, seitdem Del Ponte meinte, es lägen Beweise vor, dass die Rebellen das Giftgas selbst eingestzt hätten. Nachdem ich gesehen habe, wie ein Dschihadist das Herz eines Soldaten gegessen hat, traue ich den Rebellen alles zu. Und damit möchte ich nicht einmal Partei für das Regime ergreifen.

  2. @Andi – deine Beobachtung ist richtig, aber Reyhanlı liegt einfach näher am Konfliktherd Libanon. Zur Not hätte man es dann auch der Hisbollah in die Schuhe schieben können. Warum sollte jemand 2 Passagiermaschinen quer über den Atlantik schicken? Oder war das gar keine FalseFlag-Operation?

    In diesem Fall ist der Diktator auch ein Moslem. Sein Verteidigungsminister Radscha war übrigens ein Christ…

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