Rezension: ‚Arbeitsfrei. Eine Entdeckungsreise zu den Maschinen, die uns ersetzen werden‘

Arbeitsfrei, was bedeutet das eigentlich? Ein Euphemismus für arbeitslos? Das ist eines der ersten Dinge, die einem zu dem Titel des neuen Buchs von Frank Rieger und Constanze Kurz in den Kopf kommen. Vor allem, wenn man dann noch den Untertitel „Eine Entdeckungsreise zu den Maschinen, die uns ersetzen“ hinzunimmt.

arbeitsfreiLässt man sich auf die Entdeckungsreise ein, auf die einen die beiden CCC-Sprecher mitnehmen wollen, landet man zunächst auf dem Bauernhof. „Vom Bauern zum Brot“ ist die Überschrift des ersten Buchteils und es beschleicht einen beinahe die Angst vor einem langwierig trockenen Geschichtsdiskurs, wie man ihn aus Schulausflügen ins Freilichtmuseum kennt.

Doch bald wird klar, dass die Sache hier anders steht, denn die Schreiber übertragen ihre Faszination für die betrachteten Technologien auf den Leser. Man begreift schnell, dass die Bilder, die man von industrieller Nahrungsmittelproduktion im Kopf hat, eigentlich schon längst überholt sind. Und vielleicht in einigen Jahren genauso veraltet wie derzeitig romantische Landvorstellungen vom Bauern mit der Sense in einem Getreidefeld.

Riesige Mähdrescher, die vollautomatisch die beste Route zum Abernten des Getreides wählen und noch dazu trotz ihrer 20 Tonnen den Boden möglichst wenig belasten, Fütterungs- und Melkmaschinen mit „Kuhkomfort“, die von Kühen dem menschlichen Pendant vorgezogen werden, weil sie ihnen weniger sozialen Stress bereiten und ein selbstbestimmtes Euterleeren ermöglichen, beinahe menschenleere Mehlfabriken und staubärmeres Mehl. All das fasziniert den technikaffinen Menschen, das merkt man auch den Autoren bei Beschreibungen wie „Der Getreideernter sieht dann aus wie eine Mischung zwischen Skipistenfahrzeug und Raumschiff“ an. Oftmals werden Anlagen detailliert beschrieben. Manchmal ein bisschen zu sehr und manchmal ertappt man sich auch dabei, sich für etwas zu begeistern, was menschliche Arbeitsplätze vernichtet. Oder doch nur Menschen von unliebsamer und menschenunwürdiger Arbeit befreit?

Die Autoren stoppen nicht an der direkten Produktionskette für Backwaren. Es braucht mehr für ein Brötchen als Mehl. Nämlich Werbung, Autos und Öl, das den Treibstoff für ebenjene bereitstellt und nicht zuletzt Transportlogistik. Am Ende des ersten Buchteils sieht man das fertige Produkt auf dem Frühstücksteller vor dem Hintergrund des technologischen Aufwands neu.

Im zweiten Teil „In die Zukunft der Arbeit“ holt „Arbeitsfrei“ auch diejenigen von ihrem hohen Ross, die sich gegenüber der eigenen Ersetzung immun fühlen – die geistig Tätigen, Dienstleister, Kreativen. Da ist von Algorithmen aus dem maschinellen Lernen die Rede, die Sportberichte und Börsenkurse zu Zeitungsartikeln verarbeiten können, ohne dass man ihnen ansieht, dass sie bloß von einer Maschine stammen. Das verleitet zum Schmunzeln, ruft man sich den Spionage-Software Vortrag vom 29C3 ins Gedächtnis, zu dem Kurz mit einem „I failed the Turing Test“ T-Shirt auf der Bühne saß. Der Turing-Test besteht daraus, dass ein menschlicher Teilnehmer mit zwei unbekannten Partnern via Tastatur kommuniziert. Kann er nicht herausfinden, welcher von beiden die Maschine ist, hat die Maschine den Test bestanden – sie ist mit menschenähnlicher „Intelligenz“ ausgestattet. Die Vorstellung, dass Computer dazu in der Lage sein sollten, schüchert ein. Das wird durch eine der Schilderungen aus „Arbeitsfrei“ noch verstärkt, die sich auf Gewinnoptimierung durch die Auswahl günstiger Verkaufszeitpunkte bezieht:

Wenn Software mit Software handelt und Verträge anbahnt, ist der Mensch, der vielleicht auf der anderen Seite noch einen Menschen erwartet, irgendwann kein adäquater Mitspieler mehr.

Außerdem werden noch diejenigen Menschen angesprochen, die bisher nur nicht durch Roboter ersetzt wurden, weil die Erstinvestition sich gegenüber den niedrigen Löhnen noch nicht auszahlt oder die überzähligen Dienstleistern im Bereich des Webs, die sich beständig selbst ausbeuten.

Aber wer eine Verteufelung der Maschinisierung als arbeitsplatzfressendes Monstrum erwartet, wird enttäuscht werden. Je länger man darauf wartet, desto mehr wird im Verlauf des Lesens bewusst, wie konditioniert man oftmals darauf ist, positiv zu bewerten, dass jeder Arbeit hätte. Einen klassischen Nine-to-Five-Job, bei dem häufig das gesamte Selbstwertgefühl auf der eigenen Erwerbstätigkeit basiert. Aber es muss ein neues Erwerbsverständnis entstehen. Diejenigen, die die Maschinen beaufsichtigen, eingreifen, wenn Unvorhergesehenes passiert und für die Neuentwicklung und Verbesserung zuständig sind, sind nicht zahlreich genug, um für die allseits idealisierte Vollbeschäftigung zu sorgen.

Hier schlagen die Autoren den Bogen zum Titel des Buches. Die Reise ist an ihrem (vorläufigen) Ende angekommen, im Hier und Jetzt des Jahres 2013. Und anstatt einen schwarzen Schatten von Massenarbeitslosigkeit auf die Zukunft zu werfen, fordern Kurz und Rieger den Leser auf, sich einen neuen Weg vorzustellen. Maschinen haben uns schon vor einiger Zeit einen Großteil an körperlicher Arbeit abgenommen – also hat sich die Gesellschaft an Dienstleistungen orientiert. Die Maschinen werden uns noch mehr abnehmen, also lasst uns die freien Kapazitäten nutzen, um unsere geistige Entwicklung voranzubringen.

Bildung muss sich verändern. Es reicht nicht mehr, im Eiltempo arbeitsfähige Angestellte heranzuzüchten, wie es sowohl in Ausbildung wie auch im Turbostudium geschieht. Gleichförmig effizient, dazu perfektioniert, immer nur nach vorn zu schauen und nicht nach links und rechts. Das mag in der heutigen Welt reichen und vielleicht sogar in der breiten Mehrheit erwünscht sein, aber es macht den Einzelnen ersetzbar. Was gebraucht wird, ist individuelle Förderung wirklicher Interessen. Weltverknüpfendes Wissen statt „schmalbandiger Ausbildung“ und „Fachidioten“.

Bei all den Zukunftsaussichten schwingt auch mit, dass das heutige Entlohnungsmodell nicht mehr funktionieren wird und die bisherige „Leistungsideologie“ sich nicht mehr tragen kann. Es fallen die Stichworte „Bedingungsloses Grundeinkommen“, „Teilzeitarbeit“ und „Ausweitung der Zahlungen bei Arbeitslosigkeit“. Es wird angesprochen, dass jedes dieser Konzepte Vor- und Nachteile hat. Eine tiefere Diskussion darüber bleibt allerdings leider aus. Der Grundgedanke kommt trotzdem an: Dass Arbeit nicht mehr den Wert des Menschen definieren darf, dass Maschinen, die uns unliebsame Arbeit abnehmen, eine Chance darstellen, uns auf die eigenen Talente und Fähigkeiten zu konzentrieren.

„Arbeitsfrei“ ist ein sehr lesenswertes Werk, das den Menschen, der in der digitalen Welt lebt und arbeitet, mehr betrifft, als es der Titel vermuten lässt. Es fordert auf, über die eigene Position im Arbeitsgetriebe nachzudenken. „Arbeit“, das stammt vom germanischen „arbejidiz“, was Mühsal und Not bedeutet. Das positive Pendant, dem wir uns vielleicht zuwenden sollten ist das „wirken“, abstammend vom Urgermanischen „wyrcan“, dem Tun, dem  Erschaffen, dem Erreichen. Kurz und Rieger ermutigen uns zu diesem Schritt und verweisen in der Einleitung auf ein Zitat von Stanisław Lem:

Jede Arbeit, die auch von einer Maschine erledigt werden könnte, ist dem Menschen unwürdig.

Das Buch gibt es gedruckt für 17,99 Euro im Buchhandel (Amazon) oder 13,99 Euro als eBook (Kindle)

18 Kommentare
  1. Ein Mensch 4. Nov 2013 @ 18:22
        • Anna Biselli 5. Nov 2013 @ 6:51
      • Anna Biselli 5. Nov 2013 @ 7:02
      • MachtSinn 5. Nov 2013 @ 8:19
Unterstütze unsere Recherchen und Berichterstattung für Grundrechte und ein freies Internet durch eine Spende. Spenden