Kultur

Mobilize-Konferenz: Wenn die namibische Feministin auf den französischen Hacker trifft

Grafik: CC-BY-SA Matthias Spielkamp

„Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass unsere politischen Kämpfe nichts miteinander zu tun haben. Sie sind miteinander verknüpft“ sagte ein palästinensischer Medienaktivist bei der Abschlussdiskussion der Mobilize-Konferenz. Er traf damit den Kern der Veranstaltung.

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Auf der Konferenz in der Berliner Heinrich-Böll-Stiftung waren vom 21.-24. März (Fotos) etwa 40 Aktivistinnen und Aktivisten aus mehr als 25 Ländern und den Bereichen Netzpolitik, Kultur und Genderdemokratie zusammengekommen, um sich über Strategien und Taktiken auszutauschen und die Vernetzung zu fördern. Jillian C. York von der Electronic Frontier Foundation, die die Veranstaltung mit einer Keynote (Video) eröffnete, beschrieb den Sinn einer solchen Konferenz treffend: „Selbst wenn am Ende jeder Teilnehmer nur einen festen Kontakt zu einem Teilnehmer aus einem anderen Land geknüpft hat, ist dies ein Erfolg, der den Aktivismus insgesamt stärkt.“

Damit dieser Austausch auch intensiv stattfinden konnte, war die Konferenz so aufgebaut, dass nur ein Tag der Öffentlichkeit zugänglich war und sonst in einer eher familiären und geschützten Atmosphäre Workshops und Diskussionen abgehalten wurden.

Katarzyna Szymielewicz, Foto: CC-BY-SA Stephan Röhl
Katarzyna Szymielewicz, Foto: CC-BY-SA Stephan Röhl

Am offenen Konferenztag, wurde zum Beispiel darüber diskutiert, wie man Protest und Aktivismus in echte politische Ergebnisse umwandeln könne (Audio / Video). Hierbei stieß die Haltung des klassischen, auf Repräsentanz ausgerichteten Politikbetriebs – der Protest nicht als echte Politik sieht – im Publikum auf Kritik. Katarzyna Szymielewicz von der polnischen Panoptykon Foundation warnte zudem vor einem „Klicktivism“ á la avaaz.org, der Aktivismus und Protest auf der Straße nicht ersetzen könne.

Ein weiteres Panel (Audio / Video) beschäftigte sich mit Überwachung und Repression. Der französische Netzaktivist Jeremie Zimmermann (La Quadrature du Net) prägte hierbei zum Thema Security einen schönen Vergleich:

„Sicherheit ist wie Duschen. Es reicht nicht aus, einmal zu Duschen um für immer sauber zu sein.“

Er appellierte gleichzeitig dafür, nicht mehr Facebook für politischen Aktivismus zu nutzen, da dies zu gefährlich sei. Reem Al-Masri von der Medienplattform 7iber.com schilderte auf dem Panel, wie Pornografiein Jordanien als Grund für die Errichtung einer Zensurinfrastruktur genutzt wurde und erklärte, welche Formen von Protest es im Land dagegen gab.

Grafik: CC-BY-SA Matthias Spielkamp
Grafik: CC-BY-SA Matthias Spielkamp

In der Veranstaltung zu Pressefreiheit skizzierte Matthias Spielkamp verschiedene Formen der Zensur und warf das Problem auf, was denn mit Diensten wie Twitter oder Facebook sei, die eine sehr wichtige Rolle in der Kommunikation einnehmen würden (Video). In der anschließenden Diskussion (Audio / Video) wurde die Rolle der Zensur in verschiedenen Ländern beleuchtet.

Weitere Panels beschäftigten sich mit der Ökonomie des Aktivismus (Audio /Video) und mit feministischen Allianzen über Grenzen (Audio / Video) hinweg.

Abschluss und vielleicht ein Höhepunkt der Diskussionen des Konferenz-Freitages war ein Gespräch zwischen Generationen von Aktivistinnen. Dieses Panel wurde von Wut und Witz Borka Pavicevics geprägt (Audio / Video). Sie machte klar, dass Internet nicht alles sei und dass sich Aktivismus auf den Kern, nämlich die Rebellion konzentrieren solle. Dabei müsse zwingend auch über die Rolle des Kapitalismus geredet werden.

An den folgenden beiden geschlossenen Konferenztagen folgten Workshops zum Umgang mit Beschränkungen der Pressefreiheit, praktische Tipps zur Erhöhung der Sicherheit in der Kommunikation (von Tactical Tech), aber auch Veranstaltungen mit Aktionscharakter, bei dem aufblasbare Demo-Würfel gebaut wurden.

Nanjira Sambuli, Foto: CC-BY-SA Stephan Röhl
Nanjira Sambuli, Foto: CC-BY-SA Stephan Röhl

Nebenbei gab es immer wieder die Möglichkeit, die Netzkulturen anderer Länder kennen zu lernen. Die kenianische Aktivistin Nanjira Sambuli erklärte beim Mittagessen das Mem #tweetlikeaforeignjournalist, das sich über die Konfliktzentrierung und die Stereotypisierung westlicher Journalisten in der Afrikaberichterstattung lustig machte.

Eine arabische Teilnehmerin der Konferenz hingegen war sehr überrascht, wie viele der europäischen Aktivisten gegen die Einführung von Zensur in ihren Ländern kämpfen müssten:

„Uns wollen europäische Länder immer zeigen, wie das mit der Demokratie geht. Gleichzeitig versuchen diese Länder Zensurinfrastrukturen bei sich zuhause zu etablieren – das ist wirklich skurril“.

Abdulrahman Warsame von Al Jazeera (@abdu) wiederum erzählte, wie wichtig es sei, dass die Mainstreammedien den Kontakt zu Aktivisten suchten. Nur so sei die umfangreiche Berichterstattung aus Tunesien und Ägypten während der Revolution möglich gewesen. Es waren genau diese Begegnungen und Einblicke, die das ganze so spannend machten.

Auch wenn der Konferenz eine stärkere Hinwendung von der Theorie zur Praxis und ein paar Teilnehmer aus Südamerika nicht geschadet hätten, war das große Verdienst, so viele unterschiedliche internationale Aktivist/innen und Themen einfach mal zusammenzuwürfeln. Mal eine Konferenz ohne Anzugträger zu wagen und die Stiftung in einen aktivistischen Ort zu verwandeln. Das funktionierte richtig gut und öffnete den Blick der Teilnehmenden für unterschiedliche Problemstellungen und schuf vollkommen neue Netzwerke und Projekte, wie Anne Roth nach der Veranstaltung erzählte. Von dieser Ausrichtung waren auch andere Teilnehmer/innen angetan.

Von der Konferenz existieren eine Dokumentation, Audiomitschnitte und Videomitschnitte.

5 Kommentare
    1. Ups, das war wohl falsch. Ist jetzt korrigiert. Danke für den Hinweis. Intersektionalität war auch Thema auf der Konferenz, ich hatte den Begriff dann wohl verwechselt…

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