Immer wenn Berichte über neue Abhörsoftware und ‑technologien auftauchen, drängt sich unvermeidlich eine Frage auf: Wer schreibt die eigentlich? Läuft nicht irgendetwas schief, wenn all die gut ausgebildeten Akademiker aus Mathematik, Informatik und ähnlichen Disziplinen scheinbar ohne Gewissen oder Bewusstsein zu massenhaften Menschenrechtsverletzungen beitragen? Wie kommt man auf die Idee, bei der NSA arbeiten zu wollen?
Auch beim Bundestrojaner kam diese Frage auf und wurde aufgrund der generellen Mängel dieses Stücks Software vom CCC salopp kommentiert (S. 5):
Wir sind hocherfreut, daß sich für die moralisch fragwürdige Tätigkeit der Programmierung der Computerwanze keine fähiger Experte gewinnen ließ und die Aufgabe am Ende bei studentischen Hilfskräften mit noch nicht entwickeltem festen Moralfundament hängenblieb.
Es gibt eine Bandbreite an Regierungsjobs, für die man einen Abschluss in Mathematik benötigt. Die NSA im Speziellen ist der größte Arbeitgeber für Mathematiker in den USA und vielleicht sogar in der ganzen Welt. […] Die NSA sucht nach intelligenten und einfallsreichen Köpfen, die originelle Ideen beitragen können, um viele der größten Probleme unseres Landes zu lösen. […] Die Bezahlungs- und Arbeitsmodalitäten sind oft extrem vorteilhaft.
Wir sind wahrscheinlich der größte Arbeitgeber für Introvertierte.
Dieses Selbstverständnis ist interessant, genauso wie die Rekrutierungsansätze der Geheimdienstbehörde. Auf boingboing.net wurde letzte Woche der nebenstehende Aufruf an „Frauen, Minderheiten und Behinderte“ veröffentlicht, mit dem sich die NSA als idealer Arbeitgeber für die „Benachteiligten“ in unserer Gesellschaft in Szene setzt.
Was vielleicht klingt, wie der Versuch, sein beschädigtes Ansehen durch eine Image- und Wohltätigkeitskampagne zu reparieren, ist gar nicht neu, wenn man sich ein wenig auf der NSA-Karriereseite umschaut. Da findet man unter anderem eine Sektion zur Diversität, die über das in Deutschland so beliebte und kontrovers diskutierte „bei gleicher Eignung werden schwerbehinderte Bewerber und Bewerberinnen bevorzugt“ weit hinausgeht. Die NSA will alle Randgruppen abdecken:
- Afroamerikaner
- nordamerikanische Indianer und Alaska Natives
- Asia-Amerikaner, Menschen von den pazifischen Inseln
- Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender
- Hispanos und Latinos
- Muslime
- Behinderte
- Frauen
Auch via Smartphone unternimmt die NSA bereits seit längerem Rekrutierungsversuche. Seit 2012 gibt es die iPhone-/iPad-App NSA Career Links, mit der man sich über neue Jobangebote auf dem Laufenden halten kann. Komfortablerweise bietet die App auch die Möglichkeit, sich Weganweisungen zu „Career Events“ generieren zu lassen, aber die NSA selbst
wird keine Ortsinformationen deines Gerätes benutzen, um die Wegbeschreibung zu erstellen. Alle Ortsinformationen werden durch eine Drittanbieter-Karte genutzt, die weder mit NSA Career Links 2 noch der NSA in Verbindung steht.
Besonders verbreitet hat sich die App mit ihren insgesamt 5 Bewertungen bis heute wohl nicht. Anders sieht die Sache mit Bewertungen zu der NSA-Android-App aus, die sich im GooglePlay-Store befindet. Kommentare von Februar 2011 bis Juni 2013 beziehen sich zum Großteil ausschließlich darauf, dass die App beständig abstürzt und daher von niemandem benutzt werden kann – was die durchschnittliche Bewertung von 2.8/5 erklären dürfte.
Aber vielleicht kann die neue, im Oktober veröffentlichte Version ihr Versprechen halten:
Die NSA hat die neue NSA Career Links 2 entwickelt, um dir alles auf dein Gerät zu liefern, was du brauchst, um eine Karriere bei der NSA zu erkunden – und noch mehr!
Wahrscheinlich liefert sie gleichzeitig auch der NSA alles, was sie braucht, um sich ein Bild von dem potentiellen Bewerber zu machen. Eine willkommene Ergänzung zu dem Lügendetektor-Test, den jeder Bewerber und jeder Angestellte im 5‑Jahres-Abstand durchlaufen muss, um sicherzustellen, dass er kein Spion ist. Zu der Prozedur gibt es übrigens ein offizielles Aufklärungsvideo und eine Infobroschüre, die augenscheinlich den obskuren Charakter der Tests entfernen sollen. Als Antwort darauf erschien eine kommentierte Version der Antipolygraph-Gruppe.
Um einen noch größeren Kreis von Nachwuchstalenten zu erreichen, ist die NSA-Karriereabteilung bereits seit 2008 auch auf Facebook sehr aktiv. Dort kann man sich Videos von glücklichen, jungen Menschen anschauen, die bei der NSA unter hervorragenden Bedingungen arbeiten und nicht müde werden, die „Mission“ ihres Arbeitgebers zu betonen. Ein Blick in die Kommentare zu den Nachrichten und Angeboten kann bisweilen recht unterhaltsam sein.
Eine weitere Stütze der NSA-Werbestrategie sind Flash-Anzeigen auf gemieteten Werbeflächen von Webseiten, oftmals durch Drittanbieter. Im September berichtete techcrunch.com darüber, dass auch auf ihrer Seite plötzlich NSA-Werbung auftauchte, nachdem vermutlich Keyword-Strategien geurteilt hatten, dies sei ein günstiger Platz – wo doch der Begriff „NSA“ so häufig auf der Seite aufgetaucht war. Da sollte man eventuell noch ein bisschen an der Kontexterkennung arbeiten.

Man kann aber nie früh genug anfangen: CryptoKids® heißt die Website und Marke (sic!) mit der sich der Geheimdienst schon an die jüngsten Nachwuchsspitzel wendet. Crypto Cat und Decipher Dog führen Kinder in die Geheimnisse des Codeknackens ein und bieten mit Spielen und Rätseln eine tatsächlich spannende und aus reiner Bildungssicht gute Ressource für die ersten Schritte in der Kryptologie.
Die Selbstdarstellung der NSA bei der Werbung um Nachwuchs bewegt sich, rein subjektiv gesehen, irgendwo zwischen Abscheu und Faszination des Absurden und es macht mich persönlich neugierig, was in Zukunft noch kommen mag, vor allem wenn das Bild in der Öffentlichkeit weiter Schaden nimmt und man sich noch offensiver positiv darstellen muss.
Und wen das jetzt alles mit einem unguten Gefühl zurücklässt, dem sei dieses kurze Video empfohlen, dass sich auf satirische Weise damit auseinandersetzt, wie die NSA wohl Kinderspielzeug bewerben würde.