Generell

Freiwillige vor: Die NSA und ihre Suche nach Nachwuchs

Screenshot via CryptoKids

Immer wenn Berichte über neue Abhörsoftware und -technologien auftauchen, drängt sich unvermeidlich eine Frage auf: Wer schreibt die eigentlich? Läuft nicht irgendetwas schief, wenn all die gut ausgebildeten Akademiker aus Mathematik, Informatik und ähnlichen Disziplinen scheinbar ohne Gewissen oder Bewusstsein zu massenhaften Menschenrechtsverletzungen beitragen? Wie kommt man auf die Idee, bei der NSA arbeiten zu wollen?

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Auch beim Bundestrojaner kam diese Frage auf und wurde aufgrund der generellen Mängel dieses Stücks Software vom CCC salopp kommentiert (S. 5):

Wir sind hocherfreut, daß sich für die moralisch fragwürdige Tätigkeit der Programmierung der Computerwanze keine fähiger Experte gewinnen ließ und die Aufgabe am Ende bei studentischen Hilfskräften mit noch nicht entwickeltem festen Moralfundament hängenblieb.

Die NSA-Programme sind augenscheinlich mit mehr Expertise und Geld unterfüttert als schlecht entworfene Bundestrojaner. Daher ist die NSA ein beliebter Arbeitgeber für Absolventen in Amerika. Auf der Seite der University of Houston findet sich unter der Kategorie „Was fange ich mit einem Abschluss in Mathematik an?“ der Absatz:
Es gibt eine Bandbreite an Regierungsjobs, für die man einen Abschluss in Mathematik benötigt. Die NSA im Speziellen ist der größte Arbeitgeber für Mathematiker in den USA und vielleicht sogar in der ganzen Welt. […] Die NSA sucht nach intelligenten und einfallsreichen Köpfen, die originelle Ideen beitragen können, um viele der größten Probleme unseres Landes zu lösen. […] Die Bezahlungs- und Arbeitsmodalitäten sind oft extrem vorteilhaft.
Nach dem Datum der Seite zu schließen, stammt diese Aussage aus dem Jahr 2008. Für das Jahr 2012/2013 findet man Daten von Universum, einem Unternehmen, dass sich mit Markenbildung bei Unternehmen beschäftigt und das Untersuchungen zu den beliebtesten Arbeitgebern in den USA durchgeführt hat.
Denen zufolge befindet sich die NSA auf Platz 14 der beliebtesten Arbeitgeber für IT-Absolventen. Scheint zunächst gar nicht so prominent, aber mit FBI, CIA und dem Verteidigungsministerium auf den Plätzen 12, 15 und 18 zeichnet sich die Beliebtheit eines bestimmten Tätigkeitsfeldes ab. In anderen Nationen lässt sich das nicht so einfach erkennen. Bei den Ergebnissen Großbritanniens lassen sich beispielsweise GCHQ, MI5 und MI6 überhaupt nicht in den Top 100 der Ingenieurs- und IT-Arbeitgeber finden.
Wie viele Angestellte die NSA wirklich beschäftigt, unterliegt wie so vieles der Geheimhaltung. Es gibt jedoch Schätzungen, die Tagesschau redet von 35.000 bis 55.000, der Spiegel erwähnt 40.000. Vizedirektor der NSA, Chris Inglis, sagte auf seiner Keynote auf der Federal Senior Management Conference 2012:
Wir sind wahrscheinlich der größte Arbeitgeber für Introvertierte.

Dieses Selbstverständnis ist interessant, genauso wie die Rekrutierungsansätze der Geheimdienstbehörde. Auf boingboing.net wurde letzte Woche der nebenstehende Aufruf an „Frauen, Minderheiten und Behinderte“ veröffentlicht, mit dem sich die NSA als idealer Arbeitgeber für die „Benachteiligten“ in unserer Gesellschaft in Szene setzt.

Was vielleicht klingt, wie der Versuch, sein beschädigtes Ansehen durch eine Image- und Wohltätigkeitskampagne zu reparieren, ist gar nicht neu, wenn man sich ein wenig auf der NSA-Karriereseite umschaut. Da findet man unter anderem eine Sektion zur Diversität, die über das in Deutschland so beliebte und kontrovers diskutierte „bei gleicher Eignung werden schwerbehinderte Bewerber und Bewerberinnen bevorzugt“ weit hinausgeht. Die NSA will alle Randgruppen abdecken:

  • Afroamerikaner
  • nordamerikanische Indianer und Alaska Natives
  • Asia-Amerikaner, Menschen von den pazifischen Inseln
  • Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender
  • Hispanos und Latinos
  • Muslime
  • Behinderte
  • Frauen

Auch  via Smartphone unternimmt die NSA bereits seit längerem Rekrutierungsversuche. Seit 2012 gibt es die iPhone-/iPad-App NSA Career Links, mit der man sich über neue Jobangebote auf dem Laufenden halten kann. Komfortablerweise bietet die App auch die Möglichkeit, sich Weganweisungen zu „Career Events“ generieren zu lassen, aber die NSA selbst

wird keine Ortsinformationen deines Gerätes benutzen, um die Wegbeschreibung zu erstellen. Alle Ortsinformationen werden durch eine Drittanbieter-Karte genutzt, die weder mit NSA Career Links 2 noch der NSA in Verbindung steht.

Natürlich nicht.

Besonders verbreitet hat sich die App mit ihren insgesamt 5 Bewertungen bis heute wohl nicht. Anders sieht die Sache mit Bewertungen zu der NSA-Android-App aus, die sich  im GooglePlay-Store befindet. Kommentare von Februar 2011 bis Juni 2013 beziehen sich zum Großteil ausschließlich darauf, dass die App beständig abstürzt und daher von niemandem benutzt werden kann – was die durchschnittliche Bewertung von 2.8/5 erklären dürfte.

Aber vielleicht kann die neue, im Oktober veröffentlichte Version ihr Versprechen halten:

Die NSA hat die neue NSA Career Links 2 entwickelt, um dir alles auf dein Gerät zu liefern, was du brauchst, um eine Karriere bei der NSA zu erkunden – und noch mehr!

Wahrscheinlich liefert sie gleichzeitig auch der NSA alles, was sie braucht, um sich ein Bild von dem potentiellen Bewerber zu machen. Eine willkommene Ergänzung zu dem Lügendetektor-Test, den jeder Bewerber und jeder Angestellte im 5-Jahres-Abstand durchlaufen muss, um sicherzustellen, dass er kein Spion ist. Zu der Prozedur gibt es übrigens ein offizielles Aufklärungsvideo und eine Infobroschüre, die augenscheinlich den obskuren Charakter der Tests entfernen sollen. Als Antwort darauf erschien eine kommentierte Version der Antipolygraph-Gruppe.

Um einen noch größeren Kreis von Nachwuchstalenten zu erreichen, ist die NSA-Karriereabteilung bereits seit 2008 auch auf Facebook sehr aktiv. Dort kann man sich Videos von glücklichen, jungen Menschen anschauen, die bei der NSA unter hervorragenden Bedingungen arbeiten und nicht müde werden, die  „Mission“ ihres Arbeitgebers zu betonen. Ein Blick in die Kommentare zu den Nachrichten und Angeboten kann bisweilen recht unterhaltsam sein.

Eine weitere Stütze der NSA-Werbestrategie sind Flash-Anzeigen auf gemieteten Werbeflächen von Webseiten, oftmals durch Drittanbieter. Im September berichtete techcrunch.com darüber, dass auch auf ihrer Seite plötzlich NSA-Werbung auftauchte, nachdem vermutlich Keyword-Strategien geurteilt hatten, dies sei ein günstiger Platz – wo doch der Begriff „NSA“ so häufig auf der Seite aufgetaucht war. Da sollte man eventuell noch ein bisschen an der Kontexterkennung arbeiten.

Screenshot via CryptoKids
Screenshot via CryptoKids

Man kann aber nie früh genug anfangen: CryptoKids® heißt die Website und Marke (sic!) mit der sich der Geheimdienst schon an die jüngsten Nachwuchsspitzel wendet. Crypto Cat und Decipher Dog führen Kinder in die Geheimnisse des Codeknackens ein und bieten mit Spielen und Rätseln eine tatsächlich spannende und aus reiner Bildungssicht gute Ressource für die ersten Schritte in der Kryptologie.

Die Selbstdarstellung der NSA bei der Werbung um Nachwuchs bewegt sich, rein subjektiv gesehen, irgendwo zwischen Abscheu und Faszination des Absurden und es macht mich persönlich neugierig, was in Zukunft noch kommen mag, vor allem wenn das Bild in der Öffentlichkeit weiter Schaden nimmt und man sich noch offensiver positiv darstellen muss.

Und wen das jetzt alles mit einem unguten Gefühl zurücklässt, dem sei dieses kurze Video empfohlen, dass sich auf satirische Weise damit auseinandersetzt, wie die NSA wohl Kinderspielzeug bewerben würde.

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17 Kommentare
  1. Was hier in dem Artikel fehlt: Studieren in den USA ist sehr teuer. Wenn man nicht gerade ein Stipendium hat, dann hat man am Ende zwar einen Abschluss, aber auch 100.000$ Schulden oder mehr. Da überlegt man nicht lange, bei welchem Arbeitgeber man anfängt. Diesen Aspekt sollte man nicht unterschätzen.

    1. Weiter zu ergänzen ist die Kriminalisierung mittels Gummiparagraphen, um junge Talente zur „etwas freiwilligeren“ Mitarbeit „zu motivieren“.
      USA – Das europäische Frühmittelalter als Zukunftsvision.

  2. Zum Lügendetektor: Ich habe über 10 Jahre als MTA in einem Schlaflabor gearbeitet. Die Technik ist vergleichbar und sehr hochwertig. Wir haben dort aus Spass und Neugier „Lügendetektor-Tests“ gemacht. Die ganze Sache basiert rein darauf die Testperson unter psychischen Druck zu setzen. Alleine die Angst, man könnte Lügen erkennen, bringt die Leute dazu, die Wahrheit zu sagen.

  3. Die Frage nach der Motivation ist schon spannend. Ich habe mich vor über einem Jahrzehnt auch mal bei so einem Laden beworben. Damals noch nicht, um die zu unterwandern, sondern weil ich glaubte, dass das bestimmt eine voll coole Truppe ist, die bestes Equipment hat und der guten Sache dient. Und damals gab es noch keine coole Fernsehwerbung à la CSI oder NCIS. Jack Bauer kam auch erst viel später.

  4. In meinem Bekanntenkreis haben fast alle irgendwas technisches studiert und werden grad alle mit der Uni fertig.

    Fast alle haben kein Problem damit, für Rüstungs- o. Überwachungskonzerne und andere eklige Geschichten zu arbeiten, solange es Geld dafür gibt, die Tätigkeit fachlich spannend ist und man geregelte Arbeitszeiten hat. Ein Begründungsversuch ist „Wenn ichs nicht mache, macht es ein anderer“. Dann gibt es in manchen Bereichen einfach wenig Firmen, die nicht irgendwie Dreck am Stecken haben. Es scheint gerade in den MINT-Fächern so zu sein, dass die Leute viel zu selten hinterfragen, was sie eigentlich mit ihrer Arbeit / Forschung anstellen. Die Leute sind fachlich top, schaffen es aber nicht den Kontext ihrer Arbeit zu verstehen. Ich habe mit etlichen von ihnen in letzter Zeit darüber diskutiert. Sie haben meine Sorgen zwar verstanden, meinten dann aber immer, dass sie selbst ja noch die politischsten unter ihren ehemaligen Kommilitionen seien, die anderen seien alle nur an Technik interessiert und die Politik wäre ihnen komplett egal. Studienschulden oder so sind im übrigen dabei nie ein Grund, weil nicht existent.

    Was ich damit sagen will: Ich denke es braucht auch in Deutschland ein stärkeres Bewusstsein in den technischen Hochschulen und FHs in Bezug auf die ethischen und moralischen Fragen des eigenen Handelns. Sämtliche Firmen, deren Tätigkeit man eigentlich absolut verwerflich finden würde gehören zu den beliebtesten Arbeitgebern vieler technischer Studiengänge..

    1. Auch hier kann ich aus eigener Erfahrung sprechen. Kurse bzgl. Technikfolgenabschätzung, Verwantwortung, alles was politisch war, galt als absolut uncool. Da wollte man nicht hin, und wenn man gezwungen war, da was zu belegen, dann mit minimalem Aufwand möglichst schnell da durch, um bald wieder „was richtiges“ machen zu können. Leute, die sich damit beschäftigt haben, galten als solche, die im Grunde nichts von Technik verstehen und deswegen mit solchen Themen versuchten was zu werden. Keine Ahnung, wie man die nerds und techies (wie ich selber damals) davon überzeugt, dass das unheimlich wichtig ist. Man will das einfach nicht wissen.

  5. schön und gut, aber an der feinabstimmung und der arbeitsteilung muss noch gearbeitet werden, meine damen und herren. jahrelang mörkels SED-handy abgehört und schön die bomben beim boston-marathon verpennt…..HALLO…mörkels zellenphone war wohl wichtiger??

  6. Piss of,

    Ich mag die NSA und würde da gerne Arbeiten, da bekommt man sogar legal den Auftrag sich in andere Computer einzuhacken und bekommt mehr Daten als man je lesen kann, dass ist das reinste Hacker Paradies dort und wen ihr einfach zu blöd sein in eurer Matsch Bitrne auch nur hello world in Visual Basic zu schreiben dann leckt mich am arsch. Und dann sind alle die es plötrzlich drauf haben „unmoralisch“, alter ich scheiß auf eure moral! In deutschland hat man prpbleme mit der statsanwaltschaft nur weil man sich mal iwo eingehackt und vier kleine fucking akten heruntergeladnen hat, alter ich überlege ernsthaft ob ich mich mal bei der NSA bewerben soll. !

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