Generell

Spaß im Bundestag: Das Kürschnergate

Mitarbeiter von Abgeordneten im Bundestag haben gerade viel Spaß, zumindest wenn sie Twitter als Ventil nutzen. Der Hinweis, dass eine neue Ausgabe von Kürschners Handbuch erschienen ist, wurde von der Öffentlichkeitsabteilung im Deutschen Bundestag an rund 4000 Empfänger verschickt. Das geschah zwar nicht im cc: wie ich ursprünglich geschrieben hatte, sondern über mehrere Verteiler, die wiederum im cc: standen. Wie man sich vorstellen kann, kann dies zu einigen Folgen führen: Bisher haben mehr als 100 Empfänger an alle rund 4000 Personen im cc: zurückgeschrieben, dass die bitte von dem Verteiler genommen werden wollen. Ein Ende ist nicht in Sicht, da dies passend zur Mittagspausenzeit angefangen hat. Erwartungsgemäß steigen spätestens Morgen noch die Wahlkreisbüros ein.

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Positiver Nebeneffekt: Endlich kommunizieren die über viele Standorte und Fraktionen verteilten politischen Mitarbeiter mal miteinander. Vielleicht entsteht daraus ja ein Soziales Netzwerk? Erste Mailinglisten sind vielleicht schon in Planung.

Das Bild ist ein Zwischenstand, den @tokoo getwittert hat.

Die Ausgangsmail:

Sehr geehrte Frau Abgeordnete, sehr geehrter Herr Abgeordneter, sehr geehrte Damen und Herren, eine neue Ausgabe des Kürschners Handbuch „Gesetzliche Grundlagen, Geschäftsordnungen. Deutscher Bundestag – Bundesrat – Bundesregierung“ ist eingetroffen.

Einzelexemplare können Sie jederzeit im Informationsbüro im Paul-Löbe-Haus (Zi. 5.042) erhalten, größere Mengen bestellen Sie bitte ausschließlich über den gewohnten Warenkorb im Intranet bzw. Internet.
https://www.btg-bestellservice.de/index.php?sid=3e4da37f47da6feec17b2b887da9cca2&navi=1&subnavi=50&anr=10037720

Deutscher Bundestag
Referat IO 2
Öffentlichkeitsarbeit
Platz der Republik 1, 11011 Berlin

Traurige Berühmheit erlangt gerade eine Mitarbeiterin der grünen Bundestagsabgeordneten Sylvia Kotting-Uhl. Diese antwortete als erste auf die Rundmail mit diesem Inhalt:

Liebe Britta,

wenn Ihr Euch eindeckt, bringt Ihr mir eins mit?
Danke und herzliche Grüße

(Name geschwärzt)

(Danke an Sebastian Koch für die Ausgangsmails)

Update: Mittlerweile informiert die IT-Abteilung des Deutschen Bundestages:

Aus gegebenem Anlass wird hiermit daran erinnert, dass EMail-Verteiler ausschließlich für dienstliche Zwecke zu verwenden sind. Aufgrund des derzeitigen Mißbrauchs des EMailsystems können Zustellverzögerungen von bis zu 30 Minuten auftreten.

Mit freundlichen Grüßen
XXX

Referat IT 1

Ich hab mir erstmal ein neues Kirschner-Handbuch kostenfrei bestellt. Ohne die Aktion hätte ich davon sicher nicht erfahren.

Weitersagen und Unterstützen. Danke!
41 Kommentare
  1. Fairerweise muss man sagen, dass die Ursprungsmail an mehrere Verteileradressen gegangen ist. Diese Verteiler gibt es bspw. für alle Abgeordneten einer Fraktion und alle Mitarbeiter von Abgeordneten einer Fraktion und alle Mitarbeiter von allen MdB-Mitarbeitern etc…

    Es wurden also nicht 4000 Adressen einzeln im CC eingebaut. Besonders lustig ist in dem Zusammenhang, dass viele Mitarbeiter geantwortet haben, dass sie gern aus den Verteilern gestrichen werden wollen… :)

  2. Das traurige daran wird sein, das, selbst wenn diese Politiker den Artikel von Markus lesen, Sie ihn nicht verstehen werden.
    Ich denke mal 98% kennen CC und BC nicht.
    Von den 98% denken sicher 80% Sie sind tolle Internet/PC Checker und 20% sind froh das sie überhaupt mails verschicken können.

  3. Naja, es waren nie 4000 Adressen offen sichtbar. Es gibt im Bundestags-Intranet einfach so tolle Verteiler a la alle_mdb_bueros@bundestag.de, alle_verwaltung@bundestag.de usw., die m.E. nicht nach außen offen sind. (Ich hab sie sicherheitshalber dennoch mal leicht verfälscht ;) )

    Die werden aber regelmäßig für Hausmitteilungen genutzt und meistens klappt das auch ganz gut, wenn die ersten Spaßvögel das einfach mal in Ruhe gelassen hätten und die noch größeren Spaßvögel das nicht als Freibrief zum unlustigen Unfug nehmen würden…

    Vor allem die heimliche Häme bei manchen „digital natives“ find ich Mist. Ich find es viel peinlicher, wenn ich manche Gleichaltrigen beim Versuch beobachte, einen Briefumschlag korrekt zu beschriften, als wenn sich ein Büro mal im Antwort-Button vertut…

    1. ACK. Sollte ein Verteiler nicht so konfigurierbar sein, dass genau sowas nicht möglich ist? Wenn ja, dann gehört er der technisch Verantwortliche mit Windows-ME-CDs beworfen.

      1. Das kommt auf die Verteiler-Software an.
        Ein majordomo-system z.B. generiert nur envelopes fuer die eingelieferte Mail, d.h. jeder Empfaenger in der LIste bekommt eine mail, die ihn selber nicht unbedingt im To: oder CC: hat, wohl aber die Adresse der Maling-Liste im Sender: und/oder Reply-To:
        Wenn derjenige dann wieder an die Liste antwortet, dann geht das Spiel unbegrenzt weiter.
        (Gegen technische Probleme von Relays gibts den Bounce-Header, aber den setzt ein System ja gerade nicht, wenn der Mensch an der tstatur antwortet.)

    2. „Vor allem die heimliche Häme bei manchen “digital natives” find ich Mist.“

      Das ist keine heimliche Häme sondern offene Kritik des Bürgers. Die haben seit über 10 Jahren E-Mail im Bundestag, sind damit von Bonn nach Berlin umgezogen, haben Scharmützel wegen Linux-Server gespielt, die dann beim Anmelden zusammenbrachen und die den Kernelpatcher holen mussten. Alle Abgeordneten haben auf unsere Kosten Tablett-PCs (Schleichwerbung dazu bei @jimmyschulz, FDP, der als erster son Ding für eine Rede brauchte). Und dann müssen wir nach über 10 Jahren feststellen, dass die die ganze Zeit nicht gelernt haben, wenigstens mit E-Mail umzugehen?

      Das ist der GAU, wenn soviel Bildungsunwillige nicht mit der Neuzeit zurechtkommen. Das hat nichts mit Digital Natives zu tun. Schon 2005 nutzen fast 50% der deutschen Bürger E-Mail
      http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Presse/pm/2005/05/PD05__221__IKT.psml

      Und jetzt müssen wir E-Mail-Shitstroms von IT-Aversen beobachten? Wier lange wollen die noch unsere Geduld missbrauchen?

      Lars Klingbeil hat es heute richtig über die FES verbreitet: „Es geht darum, dass die Politik in der Lage ist und die notwendige Bandbreite
      hat, um mit der Digitalisierung Schritt zu halten und den
      Gestaltungswillen und den Gestaltungsanspruch nicht zu
      verlieren.“

      Diese Leute im Bundestag haben jede Legitimation verloren, für andere das regulieren zu wollen, was Sie selbst nach Jahrzehnten nicht beherrschen und verstehen. Das Schlimme ist, dass es bei der Netzpolitik transparent ist. Ich befürchte, dass die bei den anderen Themen genauso katastrophal sind bis dazu hin, dass sie sinnlos unsere sieglosen Soldaten in Afghanistan verheizen. Da ist die kommunistische Diktatur in China ja noch leistungsfähiger!

    1. Sowas kann z.B. schon passieren, wenn es in nur einem Büro einen falsch konfigurierten Auto-Responder („Bin bis x.x.xx in Urlaub, bitte wenden Sie sich an Frau Meier als Vertretung“) gibt, der an sämtliche Verteiler antwortet, darüber seine eigene Mail zurück erhält, wieder darauf antwortet … bis ein Mailserver-Admin die entsprechende Adresse aus dem Verteiler genommen hat.
      Oder eben, wenn eben wie in der ersten Antwortmail („Liebe Britta …“) der Absender für private Antworten vergisst, die Empfängeradresse(n) zu ändern.
      Oder es wird statt auf „Antworten“ (nur an ursprünglichen Verfasser) auf „Allen Antworten“ (Verfasser und alle übrigen Empfänger der Mail) geklickt.

      1. Oh, sowas kann verdammt schnell passieren. Ich denke da noch mit Grausen an zwei Mitglieder einer hier betriebenen Mailingliste, die unabhängig voneinander einen Autoresponder aktiviert hatten. Mitten in der Nacht beschlossen die beiden dienstbeflissenen Urlaubsvertreter, eine an die Liste gerichtete Mail an die Mailingliste zurückzusenden – was den jeweils anderen Autoresponder wiederum auf den Plan rief. Nach einer Weile gesellten sich noch ein paar schlaflose Abonnenten der Liste hinzu, die ihrem Unmut über die nächtliche Mailflut ebenfalls der gesamten Liste kundtaten – zur Freude der diensteifrigen Autoresponder, die damit neues Futter fanden …
        Bis der Admin am frühen Morgen dem Treiben durch temporäre Sperre der beiden Autoresponder-Mailadressen ein Ende bereiten konnte, waren bereits mehrere hundert Mails aufgelaufen.

  4. Ist es verräterisch, dass die zugehörige Facebook-Gruppe den Namen „Babette war’s“ trägt? Falls schon, gehört dieser Kommentar gelöscht.

  5. Die Ursprungsmail war gar nicht so ungewöhnlich, solche Infomails an große Verteiler kommen hin und wieder. Dass aber wer für eine kleine harmlose Mail zum Inhalt dieser Infomail an eineN KollegIn versehentlich „alle antworten“ wählt und sich dann noch eine dritte Person wieder per „alle antworten“ ein wenig darüber lustig macht, DAS reicht dann wohl, um unter 4000 Leuten ein wenig den Wahnsinn anheizen zu lassen. Großer Spaß.

    Die IT mailte übrigens vor 20 Minuten:
    „Aus gegebenem Anlass wird hiermit daran erinnert, dass EMail-Verteiler ausschließlich für dienstliche Zwecke zu verwenden sind.
    Aufgrund des derzeitigen Mißbrauchs des EMailsystems können Zustellverzögerungen von bis zu 30 Minuten auftreten.“

  6. Wer lesen kann, ist klar im Vorteil – wer denken kann auch. Ich bin vollkommen frei von Häme, wenn ich erwarte, dass Leute, die in ein Amt gewählt wurden und damit die Geschicke unseres Landes mitlenken, den Unterschied zwischen „Antworten“ und „Allen antworten“ verstehen. Mein technisches Verständnis in Sachen Autobau ist so gering, dass sich mir beim Blick unter die Motorhaube einfach nichts offenbart. Aber ich weiß: Wenn ich auf die Hupe drücke, macht es „Tüüüt“.

  7. Die Kommentare sind ja fast noch mal so lustig wie der Text…
    Alle, die aus dem Bundestag grad mitlesen… „Allen antworten“ ist nicht das Problem – solche Mails gehören mit den Empfängern in BCC versandt, damit so ein Sch… gar nicht erst anfangen kann…

    Oder aber die Mailverteiler müssten natürlich dahingehend konfiguriert werden, dass die Mails entsprechend beim Empfänger ankommen. Das ist aber wahrscheinlich wirklich zu viel verlangt…

  8. @Poly: Mach dich mal locker. Auch mit Mandat dürfte man Fehler machen. Würdest Du selbst richtig lesen/denken, könntest du wissen, dass es auch keine Abgeordnete war, sondern eine Mitarbeiterin.

  9. Wer sich jetzt über diejenigen aufregt, die einfach auf Reply klicken und 4000 Menschen mit ihren Austragswünschen versehen, darf nicht vergessen, dass die ursprüngliche Mail idealerweise einen Reply-To-Header hätte beinhalten sollen.

    Ändert aber nix daran, dass man zum Thema Mail einfach immer wieder Aufklärung betreiben muss. Ich halte nämlich die Forderung, dass man den Menschen die Benutzung von Verteilern einschränken soll, eine genauso unangemessene Bevormundung, wie ich die fehlende Sorgfalt der Menschen als nervend empfinden würde, wäre ich betroffen.

  10. Der Absender der ersten Mail hat den Eigentlichen Fehler begangen. Er/Sie hätte sich selbst ins „An:“ setzen müssen und den/die Verteiler ins BCC. Somit hätte Babette mit „Allen antworten“ auch nur den Absender erreicht. Schön is es trotzdem… :)

  11. Verwechsele ich gerade was oder wurde das Mail-System des Bundestages nicht von Fefe (Der Fefe – von blog.fefe.de) konzipiert? Oder war das eine ältere Version und inzwischen gibt es ein ganz tolles neues?

  12. Auf die Gefahr hin es zu wiederholen… Das Problem ist _nicht_ diese einzelne Frau, die falsch geklickt hat. Das Problem sind Mails, die massenhafte Adressen im CC statt im BCC stehen haben.

  13. Habe mal bei einer sehr grossen Firma (>50k Mitarbeiter) im Internet/Mobile Bereich gearbeitet, die aus versehen einen Verteiler an die gesamte Firma nicht geschuetzt hatte. Da hatte dann auch jemand per „Reply all“ geantwortet, woraufhin dann wiederum die Empfaenger per „Reply all“ an alle zurueckgeschrieben haben, dass die Leute aufhoeren sollen ihnen zu schreiben, etc.
    Da kamen dann innerhalb eines halben Tages mehrere Millionen Emails zusammen, bis die IT mal aufgewacht ist und die Liste gesperrt hat. Zustellzeit von Emails war zu dem Zeitpunkt >2h, so dass einige Unternehmensprozesse lahm gelegt wurden. War eine ziemlich traurige Geschichte fuer eine Firma, die eigentlich tausende Mitarbeiter mit Softwarekompetenz haben sollte.

    1. Apropos, lustig war auch zu sehen, wie sich die Emails ueber die Zeit hin von Absendern in Asien hin zu Europa und dann hin zu Nord- und Suedamerika verschoben haben. Ging immer in den jeweiligen Morgenstunden dort los. Ein globales Unternehmen eben.
      Als ich im Buero ankam hatte ich knapp 300 Emails :)

  14. Dass die Verteiler offen sind, ist beabsichtigt. Sie sind im Intranet auch als einfacher Weg „eine größere Gruppe mit einer E-Mailadresse zu erreichen“ und einer Liste aller möglichen Verteiler (Fraktionen, Abteilungen usw…) beworben. (Zusammen mit dem Hinweis, dass für private Anliegen jedoch das schwarze Brett genutzt werden solle.)
    Täglich gehen da Terminhinweise oder auch „USB-Stick in XY-Haus verloren“-Mails drüber. Eigentlich praktisch…

  15. Dieses Mal war’s nur eine „normale“ Mitarbeiterin. Missgeschicke passieren nun mal eben. Letztes Jahr Ende Oktober traf es Teile der IT-Industrie von einem Profi: Der Storage-Branchenverband SNIA schickte ein Erinnerungs-Mail an seine Tausende von Mitgliedern, um auf die bevorstehende Messe „SNW Europe“ hinzuweisen. Und versehentlich wurden wie oben alle Adressen „unsichtbar“ in die erste Zeile eingetragen. Wer also auf „Antworten“ klickte, schickte es ebenfalls an Alle. Out-of-Office-Rückmeldungen gingen auch an Alle. Beschwerden über proppenvolle Email-Accounts gingen auch an Alle…..
    http://www.speicherguide.de/blogs/ulrikes-blog/snia-e-mail-desaster-eine-mail-und-ihre-folgen-14843.aspx

  16. Da hat man’s schon wieder, dieses vermaledeite Unwissen
    über die richtige Formulierung des Genitivs !
    „neue Ausgabe des Kürschners Handbuch…erschienen“

    Nicht an den Eigennamen wird das Genitiv-s angehängt, sondern
    an den nachfolgenden Begriff. Im Übrigen wäre „Ausgabe von“ die bessere
    Lösung.

    Unter meiner obigen Mailadresse kann jederzeit Formulierungshilfe
    angefordert werden: „Stilfragen sicher klären“

    1. das Ding heisst nunmal „Kürschners Handbuch“ (s. btg-Bestellservice) und nicht Kürschner-Handbuch. Genitiv mit Artikel geht also garnicht. Die bessere (und korrekte) Formulierung wäre also „eine neue Ausgabe von ‚Kürschners Handbuch'“, und zwar mit Hochkommata :-)

  17. *kopfschüttel*
    Brag tack: Na(t)iv digitale Kommentatorendarsteller holen sich hämelnderweise einen nach dem anderen auf ihre eingebildete Medienkomptenz runter.
    Weiteres dazu in der Facebook-Gruppe: „Ich würde auch gerne den Allen-Antworten-Knopf drücken aber ich bin leider nur im Verteiler der Arbeitsagentur“.
    *nochmals kopfschüttel*

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