27c3: Netzneutralität und Priorisierung – Ein Widerspruch.

Die Debatte über die Abschaffung der Netzneutralität läuft seit einiger Zeit deutschland- und weltweit. Ausgelöst wurde sie von Providern, die sich weigerten (oder weigern wollten) alle im Internet übertragenen Pakete gleich zu behandeln. Schnell wurde die Debatte zum Politikum mit schwammigen Konzepten, aber scharfen Linien und großen Streitereien. Nachdem Andreas Bogk hier bei Netzpolitik im Podcast und dann auch als Experte in der Enquete-Komission eine Position zur Netzneutralität vertreten hatte, wurde die Idee von der Diskriminierung anhand von „Diensteklassen“ von Telekommunikationsanbietern wie der Deutschen Telekom immer mit „Das sagt auch der Chaos Computer Club!“ beworben und mit dem gleichen Argument von CDU und FDP mit dem Zusatz „…den Rest regelt der Markt“ abgetan.

Hatte Bogk als Mitglied des CCC das tatsächlich so gesagt und gemeint? Die Antwort vorweg: Jein. Gestern fand im Rahmen des 27c3 eine Debatte zwischen Falk Lüke, scusi, und besagtem Vertreter des CCC Berlin unter dem Titel „Netzneutralität und QoS – Ein Widerspruch?„statt.

Es war zu hoffen, dass Bogk die Gelegenheit ergreifen würde, seine Äußerungen (zum besseren Verständnis) zu konkretisieren. Das tat er auch, aber leider drückte er sich dabei anfangs nicht so eindeutig aus, wie es vielleicht zu hoffen gewesen wäre.

Zwar bemerkte Bogk zu Beginn richtig, dass es notwendig sei, Netzneutralität erst einmal vernünftig zu definieren, bevor man darüber spreche. Allerdings stürmte er dann ohne konkrete Definition los und fabulierte von Quality of Service und Diensteklassen, also von Priorisierung bestimmter Pakete gegenüber anderen. Seine Terminologie war in der Tat nicht von der der Gegner der Netzneutralität zu unterscheiden. Scusi musste konkretisieren: All dies ginge natürlich nur bei vollständiger Transparenz, ohne jegliches „Hineinschauen“ in die Pakete und ohne jegliches Filtern oder Blocken. Immerhin: Bogk stimmte zu.

Zu Recht fragte Lüke nach, wie man sich das denn vorstelle. Laut Bogk solle die Priorisierungsentscheidung einzig anhand eines kostenpflichtig vom Nutzer zu setzenden „Labels“ erfolgen – kosten- bzw. aufpreispflichtig, weil sonst natürlich alle Nutzer immer das Label setzen würden. Bogk betonte, er plädiere für nichts anderes als eine Express-Briefmarken-Regelung, bei der der Kunde die alleinige Entscheidung trifft, ob er eine Sonderleistung gegen Aufpreis in Anspruch nehmen wolle. Die Entscheidung liege also einzig beim Nutzer und solle auf Paket-Basis (also nicht zum Beispiel anhand von Protokoll oder Empfänger) getroffen werden. Darin besteht auch der Unterschied zur Position derer, die Bogk nun so gerne versuchen fälschlich als „einen von Ihnen“ zu zitieren.

Hört sich doch gut an! Ein Beispiel: Ich priorisiere meinen VPN- und ssh-Verkehr, und auf BitTorrent lege ich nicht so viel Wert, wie auf YouTube-Videos. Auf Basis von Protokollen kann das heute schon jeder Besitzer eines halbwegs modernen Heim-Routers für sich zu Hause einstellen. Das nennt sich „Quality of Service“ (QoS). Allein: Diese Priorisierungen gelten genau bis zur Dose in der Wand, aus der das Internet rauskommt.

Dadurch dass mein Router das VPN-Paket eher ins Internet wirft als das BitTorrent-Paket meines Mitbewohners nehme ich auch tatsächlich einen geringen Einfluss darauf, was danach in den Weiten des Internets passiert – meine Priorisierung allerdings interessiert die Provider auf dem weiteren Weg überhaupt nicht. Dann nämlich konkurriert ein Paket, das mein Rechner sendet, nicht mehr nur mit anderen von mir oder anderen Teilnehmern meines Heimnetzwerkes, sondern auf vielen verschiedenen Switches und Kabeln mit vielen verschiedenen Paketen aller möglichen Menschen weltweit. An dieser Stelle soll also Bogks Expressbriefmarke zum Zuge kommen, die ich unabhängig von Protokoll oder Dienst für einzelne Verbindungen frei verwenden kann. Alle Pakete mit der Expressbriefmarke werden dann den Paketen mit normalen Billigbriefmarken vorgezogen, aber in den 2 (oder n) Klassen herrscht dann wieder „wer zuerst da ist, malt zuerst“ also „Best effort„.

Da könnte man sich mit anfreunden. Es wäre zwar eine mautpflichtige linke Spur auf der Datenautobahn, aber immerhin gäbe es eine linke Spur. Aber brauchen wir die überhaupt? Vielleicht nutze ich das Internet falsch, aber bisher leidet mein Anschluss nicht unter Kapazitätsproblemen. Ich kann auch nicht feststellen, dass die Netzneutralitätsdebatte von einer Gruppe frustrierter User entfacht wurde, die sich beklagen, dass Emails zu schnell und YouTube-Videos zu langsam ankommen. Mit altklugen Flachwitzen wie „Das Netz kann nicht unendlich wachsen, genau so wie die Wirtschaft…“ mag Bogk zwar die Lacher auf seiner Seite haben, begibt sich aber auf die Seite der Provider. Weiterhin machte er den ebenso hinkenden Vergleich mit der Festplattenentwicklung von 20MB bis 2TB: „Die waren immer voll!“ – Richtig. Sie wurden aber auch immer größer ohne dass ein Ende in Sicht ist, und das Internet ist bis heute im Gegensatz zu Festplatten nicht voll. Und selbst wenn das so wäre: Kapazitätsprobleme sind Probleme der Kapazität. Priorisierungen sind das, was man in der Medizin „symptombezognene Therapie“ nennt – in Abgrenzung einer Behandlung die die Ursachen bekämpft. Hauptsächlich kommt sie bei unheilbaren Krankheiten zum Einsatz.

Aber kommen wir zurück zur Expressbriefmarke. Von einem CCC-Experten, der sogar vor die Enquete-Kommission bestellt wird, könnte man ja erwarten, dass er sich ein paar Gedanken zu folgenden Fragen gemacht hat:

1. Trennung von Absendern, Empfängern…
Wenn ich eine Datei schnell auf den Netzpolitik-Server laden will, zum Beispiel den Podcast mit Andreas Bogk, dann ist die Sache ja noch einfach: Expressbriefmarke drauf und raus damit. Was aber, wenn ein Empfänger diesen Podcast dann priorisiert herunterladen möchte? Dann muss der Netzpolitik-Server die Pakete mit Expressbriefmarke an ihn senden. Wer aber soll bezahlen? Im Zweifelsfall doch der Nutzer? Also muss es so etwas wie eine unfreie Expressbriefmarke geben, die der Nutzer bei Empfang bezahlt. Auch das wäre ja noch möglich. Wie aber verifiziere ich als Provider, dass das unfreie Paket überhaupt bestellt wurde, und nicht einfach nur aus Schabernack (z.B. DDoS, Jabber-Spam, Portscan) oder einfach mal zum Ärgern losgesandt wurde? Die echte Post bringt das Paket in einem solchen Fall zum Absender zurück und kassiert dort. Der Empfänger muss nur die Annahme verweigern. Bogk kam nicht mehr dazu, zu erklären, wie man so etwas im Internet realisieren könne. Das ist nicht verwunderlich, denn für eine lückenlose Abrechnung ohne die Möglichkeit zu Tricksen müsste zu Abrechnungszwecken eine maximalinvasive Überwachung der Anforderungen und Absendungen von (priorisierten) TCP/IP-Paketen providerübergreifend und weltweit stattfinden. So etwas zu befürworten ziemt sich einfach nicht für einen Gegner der Vorratsdatenspeicherung.

Aber auch die Gleichberechtigung der Anbieter, DAS Kernthema der Netzneutralitätsdebatte, sei es unter Gesichtspunkten (wirtschaftlicher) Gleichberechtigung oder der Meinungsfreiheit, wäre damit erledigt: Große Anbieter könnten zum Beispiel großzügig die Kosten für die Priorisierung übernehmen, und kleinere damit ausstechen. „Nur bei YouTube: Priority gratis!“

2. …und den vielen Lieferanten
Aber nehmen wir einmal an es gäbe eine sichere und nicht manipulierbare, faire und abrechenbare Möglichkeit, so etwas in TCP/IP zu implementieren. Es bleibt ein weiteres Problem: Wir haben nicht ein, sondern mehrere am Transport des Pakets beteiligte Logistikunternehmen (Provider). Bei welchem davon soll ich bezahlen? Mein Heim-Provider befördert einen Großteil meiner Pakete (wenn überhaupt!) allenfalls bis nach Amsterdam oder Frankfurt, wo (spätestens) andere Provider, mit denen Peering– oder Transit-Abkommen bestehen, übernehmen. Diese müssten also meine Expressbriefmarke ebenfalls berücksichtigen, und (wichtiger!) als gleichberechtigt mit eigenen und denen von anderen Providern und Inhalteanbietern betrachten. Würden sie sich verpflichten das zu tun, wäre Bogks Vorschlag zumindest im Bereich des theoretisch vielleicht irgendwie möglichen.

ABER: An genau dieser Stelle wird die Debatte zur Netzneutralität nicht gelöst, sondern sie entspinnt sich überhaupt erst! Die Fülle der Provider und deren unterschiedliche Peering- und Transit-Abkommen ist kaum zu überblicken und heute schon konstantem Wandel unterzogen. Die Debatten, Sticheleien und Diskussionen unter Providern die den ganzen Tag mit Zutaten (IP-Paketen) zu Kuchen hantieren, von denen sie auch gerne ein Stück hätten, wären genau die gleichen, die wir jetzt haben: Es ginge nur nicht mehr um „Der da macht zu viel Traffic!“ sondern um „Die da machen zuviel priorisierten Traffic!“ – denn natürlich würden wir alle den Provider wählen, bei dem die Priorisierung von Paketen pro kB am günstigsten ist. Ich sehe schon die Angebote vor mir: „2GB Priority-Traffic pro Monat inklusive!“, „Priority-Traffic auch nach Kanada!“, „Super-Priority-Traffic zu Youporn.com!“, „Jetzt noch schnellere Priority“, „der einzige Anbieter mit Priority nach Usbekistan“ etc. pp. Am Ende würde dies zu wenigeren, und mächtigeren Providern, die sich im Wettkampf zum Oligo- oder Monopol durchgesetzt haben, und einer immer mehr zentralisierten Infrastruktur führen – mit anderen Worten an der momentanen Entwicklung nichts ändern.

Wie das so häufig bei Podiumsdiskussionen ist, kamen diese Fragen erst am Ende, und aus dem (Stream-)Publikum. Bogks lapidare Anwort: „Der Umgang mit Transit-Traffic ist ungelöst.“ Deshalb plädiere er für Zwangs-Peering, also die Verpflichtung zum freien Datenaustausch und -weitertransport der Provider untereinander ohne Kostenausgleich. Transit-Traffic ist aber das Kernproblem der Netzneutralitätsdebatte, wie die oben erläuterten Querelen der Provider zeigen.

Am Ende bleibt von der Debatte nicht viel sinnvolles übrig. Schade, von einem CCC-Experten hätte ich erwartet, dass er sich darüber Gedanken macht, bevor der Vorschlag auf dem 27C3 groß ausgebreitet und live im Radio übertragen wird. Auch ein bisschen mehr Sensibilität für die großen Missverständnisse, die seinen Ausführungen folgten und folgen werden, würden Bogk und dem CCC ganz gut tun, denn die Rezeption von Bogks Äußerungen in der Vergangenheit hat gezeigt, dass sie mit noch weniger Reflexion übernommen und vor beliebige Karren gespannt werden.

„Das sagt auch der Chaos Computer Club!“

40 Kommentare
  1. Philip Engstrand 29. Dez 2010 @ 11:17
  2. Philip Engstrand 31. Dez 2010 @ 9:35
  3. Philip Engstrand 31. Dez 2010 @ 13:42
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