Wissen

Lettre will Schadensersatz von Bild für eingescanntes Sarrazin-Interview

Die Kulturzeitschrift Lettre International hat mit ihrem Sarrazin-Interview, in dem der Bundesbanker über Migranten in Berlin herzog, einen überraschenden Hit gelandet. Das Quartalsmagazin veröffentlicht seine Texte allerdings nicht im Internet, was Bild.de dazu veranlasste, das gesamte 60.000 Zeichen umfassende Interview einfach selbst einzuscannen und hochzuladen. Dafür verlangt Lettre-Chefredakteur Frank Berberich nun Schadensersatz vom Axel-Springer-Verlag, wie der Mediendienst kress berichtet:

Uns fehlen noch 62.000 Euro!
netzpolitik.org - unabhängig & kritisch dank Euch.

„Weit über tolerierbare Umfänge hinaus“ hätten „Bild“ und „Bild.de“ das Interview für ihre Zwecke verwendet und weite Passagen zitiert, sagte Chefredakteur Berberich zu kress. „‚Bild.de‘ hat gegen unser explizites Verbot das gesamte Interview eingescannt und auf seine Website gestellt.“ […] Neben der Verletzung von Berberichs Urheberrechten müsse man Schadensersatzansprüche geltend machen, sagte der Chefredakteur. Die Verkaufserlöse der Zeitschrift seien durch die unerlaubte Publikation im Internet gemindert worden. „Inwiefern uns Anteile der auf den betreffenden Seiten erzielten Werbeeinnahmen zustehen, wird zu klären sein.“

Zuvor hatte Lettre Bild.de bereits mit einer einstweiligen Verfügung dazu gezwungen, den Scan des Interviews wieder von seiner Seite zu entfernen. Zu den Forderungen gibt es bisher keine Reaktion vom Springer Verlag, Kai Diekmann hat allerdings angekündigt, sich demnächst auf seinem Blog zur Sache zu äußern.

Update: Lustig an dieser Sache ist, dass die Axel Springer AG zu den Verlagen gehört, die ein eigenes Leistungsschutzrecht für Verlage fordern. Einerseits wird gegen den „Content-Klau“ von Google News und Co. gewettert, andererseits bedient man sich gerne bei den eigenen Kollegen. Springer will selbst auf Bezahlinhalte setzen, damit, dass die Lettre-Ausgabe 17 € kostet, scheint man aber Probleme zu haben. Irgendwie passt das nicht zusammen.

Update: Kai Diekmann hat mittlerweile tatsächlich in seinem Blog Stellung bezogen. Unter der Überschrift „Return to Sender“ weist er die Vorwürfe Berberichs von sich. Man habe wegen des großen Interesses das Interview vollständig ins Netz gestellt – „selbstverständlich mit ausführlicher Quellenangabe“:

„So weit, so normal: Große Zeitung zitiert kleine Zeitschrift, Interesse wird erzeugt und mit ein bisschen Glück kaufen möglichst viele Zeitungsleser auch das Original-Magazin.“

Darauf, dass es sich um eine Urheberrechtsverletzung handelt, geht Diekmann nicht direkt ein. Er schreibt allerdings:

[N]atürlich haben wir das Interview nicht geklaut, sondern uns vorher die Erlaubnis zur Veröffentlichung geholt. Mein Kollege Hans-Jörg Vehlewald aus der Politikredaktion bat dafür telefonisch in ihrem Büro um den kompletten Text, den er anschließend auch per Fax bekam […]

Ob tatsächlich eine Erlaubnis zur Veröffentlichung von Seiten Lettre Internationals vorlag, müssen wohl die Gerichte entscheiden. Ansonsten sieht es aber so aus, als habe Diekmann keinerlei Unrechtsbewusstsein, wenn es um die illegale Nutzung geistigen Eigentums geht.

10 Kommentare
  1. Interessant daran finde ich: Warum äußert sich der Diekmann zu der Angelegenheit auf seinem Privatblog? Das wäre doch eher an einer zentraleren Stelle besser aufgehoben. Entweder im Schmierblatt selbst oder einem offiziellen Blog dazu.

    Zeigt schön die Vermengung von redaktionellen Beiträgen und dem Privatleben eines Kai Diekmann. Womit ich nicht gesagt haben will, dass die Postille auch nur irgendwie ernster genommen werden dürfte, wenn es anders wäre.

    1. bild hätte natürlich auf gar keinen fall einfach so das ganze interview reporduzieren dürfen. der punkt ist aber aus meiner sicht, dass bild.de das interview so seinen lesern zugänglich gemacht hat – anstatt, dass diese eben für eine lettre-ausgabe bezahlen. hätte lettre den text online gehabt, hätte bild.de ja (vernünftigerweise) verlinkt und nicht einfach alles kopiert. das geht aber eben nur, wenn man nicht auf paid content besteht.

  2. Oh, darf man dann die übliche Hochrechnung veranstalten? 250.000 Besucher wird Bild.de wohl haben. Das Ganze dann mal 17 macht ein schönes Sümmchen.

  3. Es ist doch immer wieder unterhaltsam wenn Leute mit den Waffen rasseln und dabei „Frieden für die Welt!“ schreien. Im Ernst, es ist doch oft so, dass man gegen etwas ist, weil die Moral einem das so rät, aber es selber Praktiziert. Und so auch BILD

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.