Kultur

Die Woche mit Peter Glaser (1)

Mehr oder weniger regelmässig gibt es hier zukünftig „Die Woche mit Peter Glaser“. Peter Glaser begleitet seit Anfang der 80er Jahre als Schriftsteller und Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs (CCC) die Entwicklung der digitalen Welt. Seit einiger Zeit bloggt er auch bei der Stuttgarter Zeitung. Ich freue mich, ihn als Kommentator gewonnen zu haben, der mir Fragen beantwortet. Hier ist die erste Ausgabe:


netzpolitik.org - unabhängig & kritisch dank Euch.

– Was war für Dich der Höhepunkt der Woche?

Am Freitag der erste Schnee. Ich mag besonders die Zwischenräume zwischen den Flocken. Und die blaue Helligkeit nachts, wenn Schnee liegt.

– In Leipzig haben Jusos mit einem Antrag auf einem SPD-Parteitag erstmal das BKA-Gesetz im Bundesrat gestoppt. Was spricht denn gegen die Online-Durchsuchung?

Garnichts. Ganz wunderbare Sache. Dass das Hacken nun nicht mehr als illegale Tätigkeit abgetan wird, sondern endlich Anerkennung als staatserhaltende Maßnahme finden soll, müßte doch jeden Technikfreund erfreuen. Man sollte sich ein Beispiel nehmen an Hasan Elahi. Er ist aus Bangladesh gebürtig und Kunstprofessor in San Diego. 2002 wurde er mal irrtümlich auf einem US-Flughafen vom FBI verhaftet. Seither ruft er jedesmal, bevor er eine Reise macht, bei der Behörde an und informiert sie. Seine Lebensaktivitäten dokumentiert er möglichst akkurat auf seiner Website. Dort kann man, da er immer einen GPS-Empfänger bei sich trägt, auf einer interaktiven Karte auch seinen genauen Aufenthaltsort verfolgen. Ich würde mir bei uns ein Anreizsystem für eine solche vorbildliche Haltung wünschen, zum Beispiel ein Prozent weniger Mehrwertsteuer für jeden Bürger, der immer GPS mit sich führt. Geiz ist peil!

– Der Linksfraktion-Abgeordnete Lutz Heilmann ließ letzte Woche Wikipedia.de sperren, weil ihm was an seiner Seite nicht gefiel. Braucht es mehr Medienkompetenz für Politiker?

Wenn mehr Politiker – und nicht nur Politiker – Erfahrungen wie Lutz Heilmann machen, wird sich die Medienkompetenz fast von alleine einstellen. Die Erfahrung, dass sich im Internet die Frage nach der Wahrheit neu stellt. Was ist wahr, was nur angewahrt oder frisiert? Was ist rufschädigend? Wie behält man die Definitionshoheit? Wenn es dabei um die eigene Person geht, sind Dinge wie Datenmißbrauch und „persönliche Daten“ plötzlich nicht mehr so abstrakt und scheinbar unbedeutend wie zuvor. Das Gefühl, dass das Netz irgendwo weit draußen vor sich geht und Daten fühllose Schemen sind, geht einem dann auf einmal doch ganz nahe. Es ist ein bißchen, als würde der vorhandene radioaktive Abfall in kleinen Portionen auf alle Bürger umverteilt, und wenn man sein persönliches Pröbchen dann da tatsächlich auf dem Wohnzimmertisch liegen und strahlen hat, ist man, schwups, sehr enthusiastisch für das Problem der Atommüll-Endlagerung sensibilisiert.

– Die Bundesregierung feiert den IT-Gipfel? Kam da was raus?

Außer einer beachtenswerten „Charta des digitalen Datenschutzes und der Informationsfreiheit„, die Bundesdatenschützer Peter Schaar vorgeschlagen hat, kam da vor allem diese Mischung aus Amtsdeutsch, Führungskräftegefasel und IT-Sprech raus, die wirkt wie Betäubungsmunition für Großwild („Neues aus der Gähntechnik“). Wenn man sich erinnert, welchen Unsinn zum Beispiel Bill Gates immer wieder mal als „Vision“ verlautbart hat, muß man den Teilnehmern des IT-Gipfels aber dankbar sein dafür, dass sie mit ihren Konzepten sozusagen im Tal geblieben sind und keine prognostischen Erstbesteigungen ohne Sauerstoffgerät versucht haben. Dazu Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Wir brauchen auch die Luft.

10 Kommentare
  1. Juhu .. das is ja ne schöne Nachricht: Einen regelmäßigen Glaser zu chaospolitischen Themen. Danke Peter & Markus!

    Die Woche hats mich ja auch schon soweit hingerissen zu sagen, dass ich es ja viel besser fänd, wenn die Polizei mal beim CCC um ein paar Schulungen bitten würde, anstatt nach der Vorratsdatenspeicherung zu schreien.

    Ich hab nichts gegen Polizisten, die mit Computern umgehen können.

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