Öffentlichkeit

Deutsche Blogger sind unpolitisch und unreif?

Ich ärgere mich gerade ein wenig, meine beiden Rezensionsexemplare der neuen Bände der „Deutschen Gesellschaft für Online-Forschung“ zwecks Abschlussarbeit verliehen habe. Sonst könnte ich mal genauer nachlesen, was die Netzeitung unter „Deutsche Blogger sind unpolitisch und unreif“ titelt und ob die wissenschaftlichen Ergebnisse mit meiner praktischen Wahrnehmung übereinstimmen. So bleibt mir nur der Text aus der Netzeitung, wo mir aber einige Kleinigkeiten auffallen, die man mal kommentieren müsste.


netzpolitik.org - unabhängig & kritisch dank Euch.

Wenn man ein politisches Blog betreibt, bzw. sich mit Politik im Netz beschäftigt, wird man seit fünf Jahren gefragt, wieso das alles nicht so politisch wie in den USA ist. Die Antworten fallen mittlerweile etwas routinierter aus, weil einige Gründe relativ logisch sind:

* Erstmal haben die USA dreimal soviele Einwohner. Und viele Deutsche können US-Blogs lesen, umgekehrt ist das aufgrund der Sprachbarriere nicht so einfach. Mit anderen Worten: Deutsche Blogs erreichen theoretisch höchstens 100 Millionen, während US-Blogs theoretisch 1-2 Milliarden Leser erreichen können.
* Digitale Technologien werden in der Regel gerne früher in das Leben der US-Amerikaner integriert, Deutsche gelten als etwas konservativer.
* Die Medienkonzentration in den USA ist schon viel grösser und nach dem 11. September und dem Irak-Krieg gab es ein Vakuum an kritischen Positionen im Medienbetrieb. Dies führte dazu, dass Nischen von Blogs gefüllt wurden. In Deutschland kann man sich immer noch von linksradikal bis rechtsradikal die eigene Tageszeitung füs Weltbild kaufen.
* In den USA ist es gesellschaftlich normal, dass man sich zu einer Partei / einem politischen Kandidaten bekennt. In Deutschland ist das leider nicht so.

Aber kommen wir mal zu dem Netzeitungs-Artikel:

Der Grad der Politisierung dokumentiert insofern die Professionalisierung, als Themen außerhalb des ganz privaten Wahrnehmungsbereichs ein weitaus größeres Publikum ansprechen sollen und auf Wirkung außerhalb der Privatsphäre angelegt sind. Überprüft wurde durch eine differenzierte Stichwortanalyse, bei der z.B. die Häufigkeit von Begriffen wie «Irak», «George Bush», «Angela Merkel» oder «Terror» und «Saddam Hussein». Das Ergebnis ist prägnant: Keines der zahlreichen abgeprüften politischen Themen findet in mehr als einem halben Prozent der deutschsprachigen Blog-Einträge Verwendung, bei den US-amerikanischen in mehr als zehnmal soviel.

Wundert sich jemand über die untersuchten Stichwörter? Ich denke, dass es ein signifikanter Unterschied ist, ob man US-Blogs und DE-Blogs nach Stichwörtern wie «Saddam Hussein» und «Irak» durchsucht. Das ist das grosse Problem und politische Thema der USA. Da hat ihre Regierung grossen Mist angerichtet und die eigenen Soldaten sind vor Ort. Es wundert mich nicht, dass diese Themen in den US-Blogs zehnmal soviel vorkommen. Zumal die USA dreimal mehr EInwohner haben. Eher wundert es mich, dass die Zahl nicht viel höher ist.

Würde man andere Begriffe wie Datenschutz, Vorratsdatenspeicherung oder Online-Durchsuchung verwenden, käme man definitiv zu einem anderen Ergebnis. Das sind seit einiger Zeit die politischen Themen der deutschen Blogosphäre und die Themen sind nicht so stark in den US-Politik-Blogs. Aber hier würde ich gerne mal die Original-Studie lesen, vielleicht sind ja noch andere Wörter verwendet worden als in dem Artikel zitiert. Und irgendwie muss man ja wissenschaftlich-methodisch da ran gehen.

Der nächste Punkt wundert mich auch etwas:

Deutsche A-List-Blogs verlinkten vorwiegend zu «Spiegel-Online», «Heise.de», «Netzeitung», ARD und BBC. Die an zweiter Stelle der Nennungen rangierende Bild-Zeitung verdankt ihre Position vorwiegend der häufigen Verlinkung durch das Bildblog, was laut Studie ihre Rolle relativiert. Ohne diese Links läge die «Bild»-Zeitung nur auf Rang 10 hinter der «FAZ», so der Studienbeitrag.

Viele Links zu Heise und Spiegel – geschenkt. Mach ich auch. Schaut man sich aber die „Leitmedien-Sektion“ von Rivva.de an, wo mit Algorithmen in Blogs geschaut wird „Welche Quellen lieferten in den vergangenen 100 Tagen die meisten Titel-Stories?“, erhält man andere Ergebnisse. Hier stehen hinter Spiegel und Heise einige Blogs und viele Medien stehen erst dahinter. Gleiches gilt für die „Top 40 Medien: die in Blogs meistverlinkten deutschsprachigen, publizistischen Websites„. Hier werden die letzten sechs Monate Links nach Technorati gelistet. In den Top30 sind viele bekannte Medien, aber dahinter kommen einige Blogs. Und dann erst wieder bekannte Medienmarken.

Aber vermutlich sind die Wissenschaftler hier methodisch vorgegangen und haben in einem bestimmten Zeitraum einfach ausgehende Links von einigen definierten Blogs gezählt. US-Blogs verlinken auch gerne zur NYT und anderen Medien. Aber um so mehr werden Links innerhalb der eigenen politischen Netzwerke zu gleichgesinnten Blogs gesetzt. Das kennt man hier in Deutschland eher von der rechten Anti-Islam-Front.

Die Schlussfolgerungen des Artikels sind offen:

Die deutschsprachige Blogosphäre ist in dieser Hinsicht deutlich unreifer und auch weitaus undurchlässiger als die US-amerikanische. Wesentliche Fragen konnten die Forscher mit diesen Feststellungen jedoch noch nicht beantworten. Sind die gravierenden Unterschiede allein auf den unterschiedlichen Reifegrad zurückzuführen? Ist die Politiklastigkeit der populären US-Blogs überhaupt Ausdruck der höheren Reife? Oder gibt es gravierende gesellschaftliche Unterschiede bei der Beurteilung der Relevanz politischer Diskurse?

Ein Unterschied könnte auch sein, dass US-Politik-Blogs von Journalisten als Quellen genannt und verwendet werden. Peter Bihr hat sich in seiner Magisterarbeit über “Die Bedeutung von Weblogs für die Arbeit von Politikjournalisten” damit beschäftigt. Ergebnis war, dass Blogs für Politik-Journalisten in Deutschland (noch) keine Rolle spielen. Ausnahmen bestätigen die Regel. Peter Bihr geht hier in den Kommentaren nochmal genauer auf die Ergebnisse seiner Arbeit ein.

Weiterer Punkt: In den USA gibt es auch viel mehr Blogs in sämtlichen Bevölkerungsteilen. Dort bloggen Professoren ebenso wie Prominente. In Deutschland ist jeder einzelne aus diesen Gruppen noch ein Exot. Am Wochenende hatte ich mir eine Forrester-Studie zu Blogs in Europa angeschaut. Im Durchschnitt sollen im Sommer 2007 9% aller Europäer ein Blog geschrieben haben (Jaja, was ist ein Blog?). Die Zahlen kamen dadurch zustande, dass in den Niederlanden 15% der Bürger ein Blog haben und in Deutschland nur 1%. Warum soll es dann überdurchschnittlich viele politische Blogger geben, wenn so wenig Deutsche überhaupt bloggen und die eigenen Politiker diese Werkzeuge nicht einmal nutzen?

Übrigens verwundert mich an dem Artikel vor allem die folgende Unterstellung zum Schluss:

Bei den deutschen Bloggern kann man gelegentlich den Eindruck gewinnen, so eine Studie wäre Geldverschwendung. Auf der Konferenz Re:publica wurde einmal mehr die These vorgebracht, der Journalismus werde in nächster Zeit verschwinden.

Wahrscheinlich war die Autorin auf einer anderen Konferenz. Mir ist nicht bekannt, dass auf der Bühne die These vertreten wurde, dass der Journalismus in nächster Zeit verschwinden würde. Ich lasse mich aber gerne vom Gegenteil überzeugen. Das Videomaterial steht ja online.

Sind deutsche Blogger jetzt unpolitisch und unreif? Ich glaube eher, dass ein Vergleich mit den USA aus den oben genannten Gründen etwas hinkt. Ansonsten freue ich mich natürlich über mehr politische Blogs oder politische Postings von Bloggern. Da könnte echt mehr passieren. Nicht nachvollziehen kann ich den letzten Satz:

„Angesichts des dokumentierten Status Quo ergibt sich daraus eine erschreckende Aussicht: Ein Leben in Deutschland ohne politische Meinungsbildung.“

Wer sich näher mit US-Blogs auseinandersetzen möchte, dem sei das Buch „Blogwars: The New Political Battleground“ von David D. Perlmutter empfohlen. Vor drei Wochen erschienen und superspannend. Bisher das beste Buch, was ich zu dem Thema gelesen habe.

Update: Lesenswertes zu dem Artikel gibt es auch noch hier:

Wissenswerkstatt: Verständnisschwierigkeiten und kontraproduktive Schlagzeilen » Wie man den wissenschaftlichen Forschungsstand zum “Social Web” einseitig darstellt.
Media-Ocean: Wissenschaft meets Journalismus meets Blogs meets Netzeitung.

Update: Man hätte in dem Artikel ruhig noch darauf hinweisen können, dass die Untersuchung deutscher Blogs zwei Jahre alt ist und im Mai 2006 passierte.

Update: Was mir noch am Wochenende auffiel, als ich das Buch mit den Studien überflogen habe: Im Jahre 2006 haben die Wissenschaftler die Top100 der Deutschen Blog Charts mit den US-Top-Blogs nach Stichwörtern verglichen. Daran gibt es nichts zu kritieren, irgendwie muss man da ja methodisch rangehen. Aber bei einer Analyse der Daten solte man beachten, dass viele Top US-Blogs anders sind als deutsche Top-Blogs. Letzteres werden in der Regel von Einzelpersonen geschrieben, manchmal von kleinen Teams. Bei US-Blogs wie der Huffington Post und DailyKos handelt es sich aber um Communities. Alleine bei der Huffington Post arbeiten inklusive Redaktion vermutlich um die 200 Personen mit. Bei DailyKos kann jeder mitschreiben und da kommen noch viel mehr Beteiligte zusammen. Die Plattform erfüllt auch eine ähnliche Funktion, wie sie in Deutschland Parteien mit ihren lokalen Strukturen ausfüllen. Die Blogs aus den Deutschen Blogs Charts werden insgesamt also von weniger Menschen geschrieben als die gerade beschriebenen politischen US-Blogs einzeln. Daher wundert es mich eigentlich noch mehr, warum bestimmte Stichwörter nur zehnmal öfters in USA vorkamen.

27 Kommentare
  1. Deutsche Blogger != Deutschsprachige Blogger.

    Ich kenne genug deutsche die, dank internationalem Freundeskreis auf Englisch bloggen und damit hier durchs Raster fallen.

  2. Ich finde es immer wieder witzig wenn jemand den Versuch unternimmt die Netzeitung wirklich ernst zu nehmen. Ich begleite sie ja nun von der ersten Minute an und kann sagen das sie in keiner Weise für das qualifiziert ist, was sie darzustellen versucht. Eigentlich ist sie schon lange ein Fall für die booCompany, die Frage ist nur wann der letzte Investor das Licht ausmacht. Deshalb sind auch ihre Themen und Bewertungen oft doch sehr fragwürdig.

  3. Hi Markus,

    noch eine Ergänzung zur Rolle von Blogs für Politikjournalisten in Deutschland: Stimmt, die Journalisten, die ich befragt habe, waren sich weitgehend einig, dass Blogs für die _innenpolitische_ Berichterstattung hier keine Rolle spielen.

    Aber es gibt zwei Aussagen, die immer wieder aufgetaucht sind und die ich sehr spannend finde:

    1.) Blogs spielen durchaus eine ganz andere Rolle, wenn es um Außenpolitik geht, z.B. um Lateinamerika, Russland oder die USA. Sprich, überall dort, wo die politische Blogosphäre entweder sehr lebhaft ist oder die Meinungsfreiheit eingeschränkt ist. (Oder natürlich beides.)

    2.) Erstaunlich viele der befragten Journalisten haben sich ausdrücklich gewünscht, dass es mehr politische Blogs in Deutschland geben solle, sie würden auch gerne daraus zitieren. Nur gibt es wenige Blogs in diesem Bereich, die zitierfähig sind: Zitiert werden entweder lang etablierte Quellen oder Autoren mit einem gewissen Autoritäts- oder Prominenzstatus. Würden Merkel und Beck bloggen, klar, die könnte man zitieren. Bei Fachgebieten auch etablierte Blogs, das weißt Du aus Erfahrung und anhand der vielen Interviewanfragen, die Du täglich bekommst.

    Bedarf an politischen Blog besteht also durchaus in Deutschland, auch seitens der Presse. Bloß fehlt derzeit noch das (zitierfähige) Angebot.

    Warum das so ist (kulturelle Unterschiede? konservativer Umgang mit Medien? Unterschiede im Mediensystem?) sei mal dahingestellt. Ein möglicher Grund könnte aber tatsächlich die Haftungsfrage sein, wie ein Journalist angemerkt hat: Während in den USA die Meinungsfreiheit auch Spekulationen weitgehend schützt, hat in Deutschland das Persönlichkeitsrecht Vorrang – eine Klage wegen Verleumdung wollen aber viele Blogger doch lieber nicht riskieren.

    Viele Grüße,
    Peter

  4. Ich finde es geradezu obszön, dass den Bloggern jetzt vorgeworfen wird, sie würden immer Spiegel und Heise verlinken. Ich linke ja nicht auf den Spiegel, weil ich die so toll finde, sondern um dem Vorwurf entgegenzutreten, ich würde meine Meldungen aus irgendwelchen unseriösen Verschwörungs-Blogs beziehen.

    NATÜRLICH beziehen sich Blogger bei Nachrichten im Wesentlichen auf die mainstreamigste Quelle, die sie nur finden können. Bei mir ist das sogar so, dass ich, wenn ich ein Blog finde, das auf den Spiegel referenziert, nicht das Blog verlinke, sondern den Spiegel, selbst wenn ich die Meldung über das Blog gefunden habe.

    Vielleicht sollten wir damit mal aufhören. Denn ich bin mir sicher, dass die Mainstream-Medien einen signifikanten Teil ihrer Hits über Blogs wie das meine kriegen.

    Meines Erachtens sind unter den Mainstream-Medien Spiegel und Heise überrepräsentiert, weil sie immer am schnellsten über Meldungen berichten. Ich habe für meinen News-Konsum eine interne Meta-Lesemaschine geschrieben, und da sieht man das ganz gut. Tagesschau.de und Tagesspiegel.de brauchen immer deutlich länger, bis sie eine Meldung bringen.

  5. @7: Das stimmt aber. Ich bin auch einer derjenigen Blogger die sich zweimal überlegen, ob sie ein politisches Thema bloggen sollen.
    Das Blog mein-parteibuch.com dürfte ein gutes Beispiel dafür sein, dass man in Deutschland teilweise mit einem Bein beim Abmahnanwalt bloggt. Das ursprüngliche mein-parteibuch.de wanderete ab zu einer .com/.org-Domain.

    Ich selbst betreibe zusätzliches ein anonymes Weblog in den USA in Englisch, da ich nur so meine Meinung ohne Gefahr veröffentlichen kann. Traurig, aber Realität.

  6. Sonderlich relevant scheinen mir die Studien eigentlich nicht. Ich brauche keine hochmögenden Professores, um festzustellen, dass “deutsche Blogger und Journalisten häufig aggressiv und [selten] fruchtlos” miteinander diskutieren – wenn sie es denn überhaupt tun (das “selten” muss der Autorin Sabine Pamperrien in der Netzeitung in den Text gerutscht sein, vielleicht meinte sie “selten fruchtbar”). Dass sich Journalisten selten für Blogs interessieren, liegt auch auf der Hand: sie sind damit beschäftigt, Content für ihr Medium zu poduzieren und haben selten Zeit, nach links oder rechts zu schauen. Und was besagt die maschinelle Auswertung bestimmter Schlagwörter, wonach politische Inhalte in deutschen Blogs nur zu 0,5 Prozent vorkommen, in den USA jedoch immerhin in fünf Prozent aller Blogs? Kann man daraus auf einen bestimmten “Reifegrad” der Blogszene schließen? Vielleicht liegt es einfach nur daran, dass Amerikaner selten von Angesicht zu Angesicht über Politik und Religion sprechen (das ist geradezu ein Tabu). Da ist es naheliegend, sich verstärkt darüber in Blogs auszulassen. Die Deutschen haben da ihre Kneipe (obwohl da auch selten etwas Vernünftiges bei rumkommt…)

  7. Update: Man hätte in dem Artikel ruhig noch darauf hinweisen können, dass die Untersuchung deutscher Blogs zwei Jahre alt ist und im Mai 2006 passierte.
    hat dafür vllt jmd ne Quelle. ich finde nur wann der erschienen ist, allerdings nicht, wann die Daten dafür gesammelt wurden….

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