Generell

Weizenbaum über Informatik und Krieg

Die Junge Welt hat ein Gespräch mit Joseph Weizenbaum veröffentlicht: »Kritisches Denken ist das Gegenteil von Internetsurfen«

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Wenn Sie in die Zukunft der Informatik für den Krieg schauen, was denken Sie?

Das ist eine tiefe Frage, die mit Tiefenpsychologie und Soziologie zu tun hat. Ich will dazu folgendes sagen: Manchmal kommt ein Student zu mir und macht sich Sorgen über das, woran er arbeitet, ob er weitermachen soll, über seine zukünftige Arbeit nach der Universität etc. Ich sage in solchen Fällen: »Bevor du anfängst, an einem Projekt zu arbeiten, versuche dir vorzustellen, was mit deiner Arbeit gemacht wird. Sagen wir, du arbeitest an Computervision, kannst du sicher sein, daß jeder Fortschritt, den du machst, in einer Rakete, einer Cruise Missile eingesetzt wird, die beobachtet, wo sie lang fliegt und das Ziel findet. Ich spreche von ungefähr 30 Jahren. Stell dir vor, da ist das Ziel, du sitzt auf einem Berg und du beobachtest, wie die Missile kommt. Du weißt, daß diese Rakete mit Hilfe deiner Arbeit den Weg durch das Tor in das Gebäude hinein und in den Keller finden wird, wo Munition oder was weiß ich lagert. Das alles wird zerstört mit allem, was sonst noch da ist, ich meine menschliche Leben. Du sitzt auf dem Berg und hast deinen Knopf. Wenn du den Knopf drückst, verläuft alles planmäßig. Wenn du ihn nicht drückst, explodiert es nicht. Drückst du oder drückst du nicht? Wenn die Antwort nein ist, solltest du nicht an diesem Projekt arbeiten. Mehr kann ich dir nicht sagen. Im übrigen sollst du nicht etwas tun, weil Weizenbaum es sagt, sondern du mußt es selbst wissen.«

Die Lehre aus dieser kleinen Geschichte lautet, daß es uns gelungen ist, eine derart astronomische Distanz zwischen dem, was wir tun, und den Konsequenzen unseres Tuns zu legen, daß die Verbindung einfach verlorenging. Konkrete Beispiele sind Bomberpiloten: Sie bombardieren aus einer B 52 aus einer Höhe von 40000 Fuß wie in Vietnam, drücken den Knopf, und diese riesigen Bomben regnen da runter. Und der ist da oben. Er hört die Explosion nicht, er sieht die Explosion nicht, er sieht kein Blut, keine abgerissenen Arme, er ist so weit entfernt, daß es mehr mit Computern zu tun hat als mit Menschen oder irgendeiner Realität.

Auf der anderen Seite: Im amerikanischen Fernsehen habe ich während des Golfkrieges gesehen, wie die US-Luftwaffe auf der Autobahn von Kuweit nach Bagdad alles zusammengeschossen hat. Dann wurde gezeigt, wie ein Pilot in seinem Kampfflugzeug landet und zu dem Fernsehreporter sagte: »Das war das letzte Mal, daß ich so etwas gemacht habe. Die Menschen da unten konnten sich nicht helfen, keiner hat zurückgeschossen.« Ich werde nie vergessen: Er benutzte das Wort »Truthahnschießen«. Später wurde berichtet, daß sich eine ganze Menge dieser Piloten weigerte, weiterzumachen.

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2 Kommentare
  1. Der Dokumentarfilm WEIZENBAUM. REBEL AT WORK wird auf der diesjährigen transmediale.07 in Berlin am 4.2.2007 12:00 Uhr in der Akademie der Künste gezeigt. Am folgenden Tag, Montag, der 5.2.07 22:00 Uhr läuft der Film noch einmal im Babylon-Mitte. Es könnte jeweils sein, dass Joseph Weizenbaum zusammen mit uns Filmemachern, Silvia Holzinger und Peter Haas, erscheint und sich der Diskussion stellt.

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