Democracy
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: #netzrückblick: Die Bücher, Serien, Dokus und Podcasts des Jahres
campact via <a href="https://www.flickr.com/photos/campact/20015040089/">flickr</a> (<a href="https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/">CC BY-NC 2.0</a>) : #netzrückblick: Die Bücher, Serien, Dokus und Podcasts des Jahres Jedes Jahr erscheint eine schier unglaubliche Menge von neuen Büchern, Filmen und Podcasts. Ein paar der vielen Neuerscheinungen im Bereich „Netzpolitik“ aus diesem Jahr haben wir gelesen, gesehen oder gehört und wollen sie hier weiterempfehlen.
Statt eines Jahresrückblicks in Buchform gibt es dieses Jahr jeden Tag im Dezember einen Artikel als Rückblick auf die netzpolitischen Ereignisse des Jahres. Das ist der 15. Beitrag in dieser Reihe.
Auch, wenn die Liste naturgemäß unvollständig bleibt: Hier die unserer Meinung nach besten Büchern, Serien, Dokumentationen und Podcasts des Jahres. Mit Sicherheit haben auch wir einiges verpasst, daher verewigt euch in den Kommentaren: Was waren eure literarischen, filmischen und audiovisuellen Höhepunkte des Jahres?
Für jene, die hier keine Anregung für ein Weihnachtsgeschenk finden, bleibt auch immer noch die Möglichkeit uns etwas zu schenken – wir sind auch im kommenden Jahr auf eure Spenden angewiesen.
Bei den Büchern haben wir zusätzlich Amazon-Partnerlinks dazu gepackt. Wir empfehlen immer eine datenschutzfreundliche Bestellung bei einem Buchhändler in Eurer Nähe. Wenn Ihr aber eh über Amazon Bücher klickt, könnt Ihr auch die Partnerlinks nutzen und wir bekommen eine kleine Vermittlungsgebühr.
Bücher
Wolfgang Kaleck – Mit Recht gegen die Macht: Unser weltweiter Kampf für die Menschenrechte (Amazon-Partnerlink)
Der Rechtsanwalt Wolfgang Kaleck beschreibt hier seinen Werdegang zum Menschenrechtsanwalt. Auf kompakten 224 Seiten erzählt er chronologisch vom Aufwachsen im Rheinland, seinem frühen politischen Engagement und von den Klagen gegen Kriegsverbrecher, Großkonzerne und Menschenrechtsverletzer auf der ganzen Welt. Aus dem Menschenrechtsbeobachter und Anwalt von Opfern rechter Gewalt wurde einer der bedeutendsten Kämpfer für die Verfolgung von Menschenrechtsverletzung. Kaleck klagte gegen Beteiligte der argentinischen Militärdiktatur, den ehemaligen us-amerikanischen Verteidungsminister Donald Rumsfeld und vertritt Edward Snowden. Die Stärke des Buches liegt in den Beschreibungen der Begegnungen Kalecks mit den Opfern von Menschenrechtsverletzungen und ihren Angehörigen, die zu den aufwendigen Klagen führen. Angesichts der vielen abgewiesenen Anzeigen und eingestellten Gerichtsverfahren wäre Pessimismus nicht unangebracht, aber Kaleck kämpft weiter. Er sieht die im Sande verlaufenen Klagen nicht als Niederlage an, sondern als einen ersten Schritt in Richtung rechtliche und politische Aufarbeitung.
Peter Schaar – Das digitale Wir (Amazon-Partnerlink)
Der ehemalige Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar bezeichnet sich selbst als „digital immigrant“, der im Gegensatz zu den „digital natives“ in eine analoge Welt hinein geboren wurde und so besonders sensibel bezüglich der technikbedingten Veränderungen sei. In seinem im Sommer erschienenen Buch fasst Schaar die netzpolitischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte sachlich und ausgewogen zusammen. Außerdem erläutert er die Herausforderungen, welche die zunehmende Digitalisierung des Alltags mit sich bringt. Für Schaar entfernt sich das Internet immer mehr von seinen unkommerziellen und freien Ursprüngen und gleicht einer Shopping-Mall, in der es einen andauernden Kampf für demokratische Grundrechte, wie die informationelle Selbstbestimmung, und gegen Überwachung gebe.
George Packer – The Unwinding – A Inner History of the New America (dt. Die Abwicklung) (Amazon-Partnerlink)
George Packer, Journalist beim „New Yorker“, erzählt anhand einiger realer Biographien von der „Abwicklung“ des amerikanischen Gesellschaftsvertrags: Wer hart arbeitet und sich für das Gemeinwohl einsetzt, kann sich heute nicht mehr eines Platzes in der amerikanischen Gesellschaft sicher sein. Der Untergang der Industrieproduktion, die Immobilien- und Bankenkrise sowie die zunehmende Bedeutung des Geldes in der Politik lassen die seit Jahrzehnten bestehenden öffentlichen Institutionen bröckeln, die Wirtschaft stagnieren und die Ungleichheit wachsen. Packer seziert in dieser Sammlung von Biographien sehr anschaulich die jüngsten Veränderungen innerhalb der amerikanischen Gesellschaft – und lässt in Nebensträngen unter anderem auch Newt Gingrich, Peter Thiel, Oprah Winfrey und Jay‑Z zu Wort kommen.
Kommentar von Markus: Sehr spannend und gut geschrieben, gibt einen tiefen Einblick, wie die US-amerikanische Gesellschaft funktioniert und in welcher Krise sie sich befindet.
Kai Biermann & Thomas Wiegold – Drohnen: Chancen und Gefahren einer neuen Technik (Amazon-Partnerlink)
Die Journalisten Kai Biermann und Thomas Wiegold geben in ihrem im Mai erschienenen Buch einen aktuellen Überblick über die Geschichte der Drohnen. Sie zeigen dabei auch rechtliche Probleme auf und wagen einen Ausblick darauf, welche technischen Entwicklungen noch auf uns zukommen werden. Auch die oftmals noch ungeklärten ethischen Fragen eines militärischen Einsatzes von Drohnen besprechen die Autoren ausgiebig. Der Chefredakteur meint: Wer sich für Drohnen interessiert, sollte dieses Buch gelesen haben.
Cerstin Gammelin & Raimund Löw – Europas Strippenzieher: Wer in Brüssel wirklich regiert (Amazon-Partnerlink)
Die Autoren haben in ihrer jahrelangen Arbeit als EU-Korrespondenten schon über viele politische Entscheidungen und Gipfeltreffen in Brüssel berichtet. In diesem Buch liefern sie tiefe Einblicke in die Funktionsweise der Europäischen Union. Dabei konnten die beiden Autoren auch auf zahlreiche Ratsprotokolle zugreifen und beschreiben sehr detailliert die Mechanismen der Konsensfindung zwischen den EU-Staaten. Das Buch gibt einen guten Überblick über die letzte Finanzkrise und ihr Krisenmanagement, schildert aber auch, wie andere EU-Institutionen arbeiten und funktionieren. Zwar ist es schon im vergangenen Jahr erschienen, aber auf Grund seines packenden Schreibstils und guten Erklärungen immer noch eine lesenswerte Analyse der europäischen Politik.Das Fazit von Markus: Bisher das beste Buch über EU-Politik, das ich gelesen habe und woraus ich noch viel lernen konnte.
Cory Doctorow – Information Doesn’t Want to Be Free: Laws for the Internet Age (Amazon-Partnerlink)
Das alte System des Austausches von Gütern und Geld ist tot – es liegt nicht mal mehr im Sterben. So leitet Amanda Palmer in Doctorows Buch ein. Die Folge daraus: Wir müssen jetzt das neue System aufnehmen – und für dieses formuliert Doctorow drei Gesetze für alle, die Kunst schaffen und/oder genießen: 1. „Any time someone puts a lock on something that belongs to you and won’t give you the key, they [the Big Guys] didn’t put the lock there for your benefit.“ 2: „Fame won’t guarantee fortune, but no one has ever gotten rich by being obscure.“ 3: „Information doesn’t want to be free, people do.“Eine echte Symbiose von Kunst, Freiheit und Internet – Cory Doctorow macht es vor: Seine sonstigen Bücher (u.a. Little Brother, Homeland) stehen können frei heruntergeladen werden.
Serien
Mr Robot (IMDb, Deutscher Trailer)
Der Hacker Elliot arbeitet tagsüber für ein IT-Sicherheitsunternehmen (Allsafe), während er nachts, geplagt von Depressionen und der Unfähigkeit zu echten sozialen Kontakten, in fremde Computersysteme eindringt. Eines Tages trifft er den rätselhaften „Mr Robot“, der ihn zu einem Kollektiv namens „fsociety“ bringt. Die Gruppe plant, die „E Corp“, den größten Kunden von Allsafe, zu hacken und so das globale virtuelle Geldsystem zum Einsturz zu bringen. Das Fazit von Fabian: Die düstere Erfolgsserie, deren zweite Staffel gerade gedreht wird, hält den Zuschauer auf Spannung: Schein und Sein sind zudem aus der Perspektive von Elliot nicht immer auseinanderzuhalten. Richtige Hacks gibt es kaum zu sehen, die Geschichte dreht sich in der Mitte der ersten Staffel eher hin zu Elliots psychischen Problemen und seiner Vergangenheit.
Real Humans – echte Menschen (IMDb, Deutscher Trailer)
Die „echten Menschen“ kämpfen dagegen, dass menschenähnliche Roboter, die so genannten „Hubots“, ihren Alltag durchdringen: Die Hubots kümmern sich um den Haushalt und die Warenproduktion und arbeiten im Pflege‑, Bau- und Prostitutionsgewerbe. Außerdem gibt eine Gruppe von freien Hubots, die von den Asimov’schen Gesetzen „befreit“ wurden und nun um ihr Überleben kämpfen.Auch, wenn er sich nicht den Zielen der „echten Menschen“ zuordnen möchte: Die schwedische Serie „Real Humans“, von der bislang zwei Staffeln erschienen sind, thematisiert viele moralische wie rechtliche Fragen des Zusammenlebens von Mensch und einem ihm doch sehr ähnlichen Begleiter – nicht immer abschließend, doch ist die Serie ein wichtiges Zeitdokument. Denn was würdest du tun, wenn deine Tochter lieber vom Hubot eine Gute-Nacht-Geschichte hören will? Der ist schließlich besser gelaunt und liest bis spät in die Nacht…
Jessica Jones (IMDb, Deutscher Trailer)
Jessica Jones hat bei einem Unfall in ihrer Kindheit ihre Eltern verloren und verfügt seitdem über übermenschliche Kräfte. Sie versuchte sich als Superheldin, wurde allerdings vom manipulativen Kilgrave verführt und als Marionette missbraucht – denn Kilgrave hat die Fähigkeit, andere Menschen, ihre Gedanken und ihr Handeln zu kontrollieren. Gegen ihren Willen ließ er Jessica grausame Dinge tun. Sie konnte ihm entkommen, ist seitdem jedoch schwer traumatisiert und hat ein Alkoholproblem. In New York City schlägt sie sich als Privatdetektivin durch, wird allerdings von ihrer Vergangenheit eingeholt und muss sich erneut ihrem Erzfeind stellen. Die erste Staffel von „Jessica Jones“ ist seit dem 20. November online auf Netflix verfügbar und stellt nach „Daredevil“ die zweite von Netflix produzierte Superhelden-Serie dar, die auf einer Vorlage von Marvel Comics basiert.
Das Fazit von Andrea: Wer über die Feiertage nach einer eher düsteren Serie mit einer zynischen und starken Hauptdarstellerin sucht, ist bei Jessica Jones genau richtig.
Cybercrime – Darum geht es in diesem CSI-Spin-Off, in dem eine Spezialabteilung des FBI in der Cyberwelt ermittelt. Es gibt alles, was das Cyber-Herz erfreut: Ein ehemaliger Black-Hat-Hacker, der jetzt zu „den Guten“™ gewechselt ist, die obligatorische gutaussehende Hackerin und eine Psychologin, die aufgrund einer traumatischen Erfahrung mit einem Cyberdelikt nun die „Cyber Crime Division“ leitet und das Bedürfnis zum Hacken schonmal auf Penetrationskomplexe zurückführt.In jeder Folge der bisher etwa 1,5 Staffeln wird eine Ausprägung von Cyber Crime behandelt und die Fälle werden mit Mitteln gelöst, die unseren Überwachungsfreunden feuchte Träume bescheren dürften.
Unsere Cyber-Expertin Anna meint: Großes Trash-Kino, das umso lustiger wird, je mehr man merkt, wie hanebüchen die Hackingszenen sind.
Dokumentationen
Democracy – Im Rausch der Daten (unsere Rezension, Deutscher Trailer)
Anfang November ist die Dokumentation des Schweizer Regisseurs David Bernet über die EU-Datenschutz-Grundverordnung in die deutschen Kinos gekommen. In dem schwarz-weiß gehaltenen Film werden vor allem Grünen-Politiker Jan Philipp Albrecht und die damalige EU-Kommissarin Viviane Reding während des langwierigen Gesetzgebungsverfahrens begleitet und ihre Bemühungen um eine europaweite Harmonisierung der Datenschutzgesetze dargestellt. Es ist das erste Mal, dass ein Kamerateam die sonst hinter verschlossenen Türen stattfindenden Verhandlungen begleiten durfte. Im Film kommen auch Lobbyisten, Anwälte und NGO-Vertreter zu Wort, welche versuchen, auf die Ausgestaltung der Verordnung Einfluss zu nehmen. Das Fazit unseres Rezensenten: Dem Film gelingt es, die trockenen Verhandlungen innerhalb der europäischen Institutionen auf faszinierende Weise packend zu erzählen.
Citizenfour (IMDb, Deutscher Trailer)
Die Dokumentation über Edward Snowden und die NSA-Überwachungsprogramme kam bereits im letzten Jahr in die Kinos und ist mittlerweile auch auf DVD zu haben, doch wurde sie in diesem Jahr mit einem Oscar ausgezeichnet und vor einigen Wochen spät abends in der ARD gezeigt. Laura Poitras war eine der ersten Personen, die Kontakt zu Edward Snowden hatte und harrte mit ihm in Hongkong aus, während der Rest der Welt noch versuchte heraus zu finden, wer hinter den Leaks steckt. Fast die Hälfte des rund zweistündigen Filmes dreht sich um diese Woche in Hongkong und bietet authentische Einblicke in die Motivation Snowdens.
Einhellige Meinung in der Redaktion: Unbedingt ansehen!
The Internet’s Own Boy: The Story of Aaron Swartz (Englisch, Deutsch)
Die über Crowdfunding finanzierte Doku über den Programmierer und Aktivisten Aaron Swartz gibt es seit diesem Jahr auch in einer deutschen Synchronfassung. Der Film erzählt vom kurzen, aber ereignisreichen Leben Swartzs, der sich im Januar 2013 das Leben genommen hatte. Swartz hatte bereits als 14-Jähriger an RSS 1.0 mitgearbeitet, war Mitbegründer des Reddit-Vorläufers Infogami und Anhänger der Open-Access-Bewegung. Nachdem er knapp fünf Millionen wissenschaftliche Artikel beim Portal JSTOR heruntergeladen hatte, sollte er Mitte 2013 verurteilt werden. Die Doku über ihn war in der Vorauswahl für die Oscars in diesem Jahr, wurde jedoch letztlich nicht nominiert.
Digitale Dissidenten (Youtube)
Die gut 90-minütige Dokumentation ist im Rahmen des transmedialen Theaterprojekts „Supernerds – ein Überwachungsabend“ der Regisseurin Angela Richter am Schauspiel Köln entstanden. Im Fokus des Filmes stehen digitalen Dissidenten, also Kritiker*innen von staatlicher und privater Überwachung, die für Transparenz kämpfen. Filmemacherin Cyril Tuschi interviewt dazu Whistleblower, wie die Ex-NSA-Mitarbeiter Thomas Drake und William Binney, den Wikileaks-Betreiber Julian Assange und den Journalisten Daniel Ellsberg, der die Pentagon-Papers veröffentlichte.
Weitere TV-Dokumentationen
Ebenfalls mit der Flucht Snowdens und der Jagd der amerikanischen Behörden nach ihm befasst sich die ARD-Dokumentation „Die Jagd auf Snowden“ von diesem Januar. Sie erzählt in 45 Minuten eine moderne „David-gegen-Goliath-Geschichte, an deren Ende sich Edward Snowden ins Moskauer Exil rettet und die Supermacht USA blamiert ist“, so die Ankündigung der ARD.
Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen liefen in diesem Jahr auch noche einige weitere empfehlenswerte Sendungen. So gab es mindestens zwei längere Dokumentationen, die das Freihandelsabkommen TTIP thematisierten: In der Reihe „Die Story im Ersten“ brachte die ARD im Oktober den sehenswerten Film „Konzerne klagen – Wir zahlen“ (Youtube) und bereits im Mai in der gleichen Reihe die Doku „Wohlstand für alle. Was bringen Freihandelsabkommen?“ (Youtube).
Mit dem Thema Überwachung beschäftigten sich der Film „Schlachfeld Internet – wenn das Netz zur Waffe wird“ (Youtube), in dem Edward Snowden ein exklusives Interview gab, und die Arte-Dokumentation „Terrorgefahr! Überwachung Total?“ (Youtube) aus dem Frühjahr dieses Jahres. Letzere geht im Nachklang der Attentate von Paris im Januar unter anderem der Frage nach, ob totale Überwachung Terroranschläge überhaupt verhindern kann und wie Staaten und Konzerne von Verbraucherdaten profitieren.
Podcasts
Netzpolitische Podcasts haben uns auch in diesem Jahr viel Freude bereitet. Allseits bekannt und beliebt ist das „Logbuch Netzpolitik“: Linus Neumann und Tim Pritlove senden weiterhin aus der Metaebene (und live beim Camp und Congress) das Wichtigste und Skurrilste aus der netzpolitischen Welt – inzwischen schon in Folge 163.
Neu hinzugekommen in der „Szene“ ist der Podcast aus dem Geheimdienst-Untersuchungsausschuss: „Technische Aufklärung“. Jonas Schönfelder und Felix Betzin arbeiten darin direkt nach den Sitzungen die Aussagen und Atmosphäre des Ausschusses auf. Hierzu haben sie meist prominente NSAUA-Zuhörer auf der Couch, etwa: Anna, die unseren Liveblog schreibt oder Stella, die hierfür die Zeuginnen und Zeugen zeichnet. Außerdem fängt der Podcast auch mal Pressestimmen der Obleute auf, wenn sonst keine Presse zugegen ist. Hörenswert! Einmal im Monat sprechen Mitglieder des Chaos Computer Clubs Berlin in der fritz-Sendung „Blue Moon“ live über wechselnde netzpolitische Themen: Das Chaosradio ist inzwischen eine Institution – im November ging bereits Folge 218 raus, über das „Internet of Things“.
Ursprünglich als Ergänzung zum Chaosradio gegründet spricht Tim Pritlove unregelmäßig im Chaosradio Express über „Technik, Kultur, Gesellschaft“. Dabei muss es nicht immer netzpolitisch zugehen – doch Tim hat in diesem Jahr unter anderem Lennart Poettering, den Initiator des umstrittenen systemd, interviewt.
Ende 2015 ging es für alle digitalen Newbies (Noobs) wieder mit n00bcore weiter: Der Podcast von Fiona Krakenbürger über Technik, Digitalisierung und Internet für Anfänger hält vielleicht auch für Nerds noch die ein oder andere Neuigkeit bereit, etwa in Folge drei über „Digitalisierung“.
Die Sendung „Breitband“ vom Deutschlandradio Kultur berichtet wöchentlich aus der digitalen Welt. Angereichert mit unterschiedlichster Creative-Commons-Musik sprechen Katja Bigalke und Marcus Richter, der auch das Chaosradio moderiert, über Technik, digitale Medien und Kultur.
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: Wir schulden es Snowden, Datenschutz sexy zu machen – Filmemacher Bernet im Interview
(©David Bernet) : Wir schulden es Snowden, Datenschutz sexy zu machen – Filmemacher Bernet im Interview Mit „Democracy – im Rausch der Daten“ feierte in der vergangenen Woche ein ungewöhnlicher Film Premiere. Einen scheinbar trockenen und schmutzigen EU-Gesetzgebungsprozess in einen spannenden Dokumentarfilm zu verpacken, ist eine große Herausforderung. Dem Regisseur David Bernet ist dieses Kunststück gelungen. Wir haben den Film mit dem sperrigen Titel vorab gesehen und ihn bereits auf netzpolitik.org rezensiert. Zweieinhalb Jahre lang hat sich Bernet mit einem Filmteam ins Innere der EU-Institutionen vorgearbeitet und die Entstehung der neuen Datenschutzrichtlinie begleitet. Was er dabei vorgefunden hat, berichtet er im Interview mit Simon und Nikolai.
Du hast den Gesetzgebungsprozess aus vielen verschiedenen Blickwinkeln von Beginn an verfolgt, was versprichst du dir von der neuen Datenschutz-Grundverordnung?
David Bernet: Was auch immer da rauskommt, es ist natürlich ein Kompromiss. Der Parlamentsvorschlag war sehr bürgerrechtsorientiert. Zwischen Parlament und Rat laufen jetzt die sogenannten Trilog-Gespräche. Es werden Themen verhandelt, die die Verwendung unserer Daten zum Beispiel im Internet betreffen; wie wir darüber gewarnt und informiert werden, was mit unseren Daten geschieht. Letztlich aber wird es auch an uns selbst liegen, wie wir darauf eingehen wollen. Wir werden uns immer noch entscheiden müssen, ob wir den Datenschutzbedingungen eines Unternehmens zustimmen oder nicht, aber das Gesetz sollte uns das Verständnis darüber erleichtern. Firmen sollen gezwungen werden, Informationen auf eine einfache Art und Weise zu liefern, um eine mündige Entscheidung treffen zu können. Wir haben natürlich immer darauf gewartet, dass der Gesetzgebungsprozess fertig wird, aber wir wussten nicht, wann das sein würde. Der Film kommt jetzt heraus, weil wesentliche Punkte bereits geklärt sind und viele rechnen damit, dass das Gesetz bis Dezember durch ist.
Besteht nicht ein Problem darin, dass es erst einen solchen Film braucht um der breiten Öffentlichkeit das Gesetzgebungsverfahren und die Wichtigkeit des Themas verständlich zu machen?
David Bernet: Nur eine sehr kleine gesellschaftliche Gruppe hat verstanden, worum es bei dem Thema Datenschutz wirklich geht. Den meisten Leuten ist es egal, oder sie meinen, nichts zu verbergen zu haben. Das mag manchmal sogar der Fall sein, ist aber eine sehr selbstbezogene Aussage. Es geht nämlich auch um Solidarität gegenüber Leuten, die tatsächlich darauf angewiesen sind, Geheimnisse hüten zu können. Beispielsweise können das Minderheiten oder Journalisten sein. Die Pressefreiheit ist ohne einen Schutz gegenüber digitaler Überwachung undenkbar. Das muss auf verschiedene Weisen ins öffentliche Bewusstsein, der Film ist nur eine davon.
Wie bist Du zu ausgerechnet zu dem speziellen Thema Datenschutz für einen Dokumentarfilm über die EU gekommen?
David Bernet: Die Ursprungsidee hatte mit Datenschutz überhaupt nichts zu tun. Bereits vor zehn Jahren hatte ich die Idee, einen Gesetzgebungsprozess auf EU-Ebene filmisch zu verfolgen. Als ich dann in Brüssel war, um herauszufinden, ob es in irgendeiner Form möglich ist den Zugang dafür zu erhalten, habe ich erfahren, dass so etwas explizit gewollt ist. Die EU-Institutionen haben ein Imageproblem und sie haben große Schwierigkeiten, ihre Arbeits- und Funktionsweise zu vermitteln. Das Klischee ist, dass in Brüssel Bürokraten an ihren Schreibtischen sitzen, dort Gesetze schreiben und sie in die Welt rausschicken. Natürlich ist das nicht wahr, sondern es ist ein sehr dynamischer politischer Prozess. Deswegen teilten viele Leute in Brüssel das Anliegen, dass so ein Film entstehen kann.
Die eigentlichen Recherchen begannen mit der neuen Legislaturperiode 2009. Ich wollte herausfinden, welchen Gesetzgebungsprozess ich verfolgen könnte. Mir wurde schnell klar, dass die Zukunfsthemen mit der digitalen Gesellschaft zusammenhängen. Wie kann man Datenschutz und Privatsphäre, digitale Grundrechte, Pressefreiheit, Urheberrechtsfragen und all das in Zukunft lösen? In der Öffentlichkeit spielten diese Themen noch keine große Rolle, aber in der EU mussten Antworten gefunden werden. Als ich meinen Produzenten mitteilte, dass Datenschutz mein Thema sei, mussten wir erstmal mit den Zweifeln umgehen, ob das nicht zu komplex und zu abstrakt ist. Aber wir spekulierten darauf, dass dieses Thema noch richtig heiß werden wird. Viviane Reding und Jan Philipp Albrecht kannte ich schon aus der Recherche. Dass auch Letzterer eine wichtige Rolle spielen würde, war aber noch keinesfalls gegeben.
Wie hast du dich dann für diese ProtagonistInnen entschieden?
David Bernet: Verschiedene Personen im Parlament wollten den Posten des Berichterstatters des EU-Parlaments für die Datenschutzgrundverordnung. Jan Philipp Albrecht war einer davon, hatte aber zu dem Zeitpunkt keine Chance. Als der aussichtsreichste Kandidat der Sozialdemokraten plötzlich zurück nach Griechenland berufen wurde, haben die Bürgerlichen versucht, jemanden zu platzieren. Niemand wollte, dass dieses Thema in die Hände von kleinen Parteien gerät. Sozialdemokraten oder Konservative wollten dieses Dossier, haben es aber durch einen Verfahrensfehler nicht hingekriegt. Als Jan Philipp Albrecht im Februar 2012 den Posten bekam war das sehr überraschend. Für den Film aber war es eine hervorragende Ausgangslage, weil er zu diesem Zeitpunkt noch sehr neu auf der diplomatischen Bühne war. Allerdings war er sehr engagiert und, ich würde sagen, einer der wenigen, die sich in digitalen Themen auskannten.
Aber es war bestimmt keine Selbstverständlichkeit für PolitikerInnen über den gesamten Gesetzgebungsprozess hinweg begleitet zu werden?
David Bernet: Mir war klar, dass wir sehr viel Zeit brauchen und mit Momentaufnahmen nicht weit kommen würden. Deshalb brauchten wir eine sehr breite Unterstützung innerhalb der europäischen Institutionen und wir brauchten viel Geld. Ein anständiges Budget für diesen Film war notwendig. Weil niemand sagen konnte, was es bedeutet, sich so einem Gesetzgebungsprozess auszuliefern. Es hätte sein können, dass der Prozess innerhalb eines Jahres erledigt sein würde, oder aber erst in zehn Jahren. Hinzu kam, dass die wenigsten Leute innerhalb der Institutionen verstanden, wie ein Dokumentarfilm funktioniert. Die Menschen auf der politischen Bühne sind es gewohnt, ein Mikrophon unter die Nase gehalten zu bekommen und sie geben ein kurzes Statement ab. Genau daran war ich aber überhaupt nicht interessiert. Also hat es lange Erklärungen erfordert, meine Methode zu erläutern. Letztlich aber haben viele verstanden, welches Potenzial in einem Dokumentarfilm stecken kann, der sich dem Gesetzgebungsprozess als Ganzem widmet. Und schließlich wollen Politiker auch gesehen werden.
LobbyistInnen hingegen nicht…
David Bernet: Da war es schwieriger. Ich habe mich sehr bemüht, Vertreter der großen Industrie und Lobbyisten so weit einzubeziehen wie möglich. Aber nur wenige waren bereit dazu. Es liegt gewissermaßen im Interesse vor allem der großen Player, dass ihre Aktivitäten nicht mit Datenschutz in Verbindung gebracht werden. Vor allem dann, wenn gerade eine kritische Diskussion in Gang kommt. Lobbyismus ist ein komplexes Thema, es gibt sehr unterschiedliche Akteure aus Wirtschaft, Anwälten und Thinktanks. Oft ist es unklar, ob jemand eigene oder fremde Interessen vertritt. Einigen geht es auch nur darum, möglichst nah an den Gesetzgebungsprozess zu kommen, um sich mit diesem Wissen einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Durch Paolo Balboni, der einen Thinktank gegründet hat, haben wir Zugang erhalten zu vielen Lobbyisten, die plötzlich bei der Arbeit im Privacy-Frühstück beisammen saßen. Das war ein Glücksfall, der einen Eindruck verschafft hat, wie dieser Austausch funktioniert. Aber es gab auch Dinge die wir nicht filmen konnten, zu denen wir keinen Zugang erhalten haben.
Die Aufmerksamkeit für solche Themen, die durch Snowden geschaffen wurde, ist langsam am verebben. Ist es möglich diese durch einen Film über einen Gesetzgebungsprozess wachzuhalten?
David Bernet: Erst dank Snowden haben viele Menschen erfahren, dass Datenschutz uns alle betrifft. Die Enthüllungen von Snowden sind im Film ein Einbruch ins Geschehen. Er überrascht alle. Die Verhandlungen im Ausschuss waren in einer Sackgasse. Snowden war ein Geschenk an die Zivilgesellschaft. Wir schulden ihm etwas. Unsere Regierungen schulden ihm etwas und ich hoffe, dass wir ihm eines Tages Danke sagen können. Der Film kann auch helfen, die Erinnerung an diese offene Rechnung wach zu halten. In der Post-Snowden Ära haben die Menschen nun ein anderes Bewusstsein zum Thema Datenschutz.
Es bleibt aber die Aufgabe der Medien, zu erklären, wie Data Mining funktioniert. Durch die permanente Überwachung durch digitale Vernetzung entstehen neue Machtstrukturen. Natürlich sehe ich auch die Vorteile, die Big Data uns verschafft. Das wird im Film auch sichtbar. Aber jetzt nach Snowden müssen wir in unserem Verständnis weiterkommen, welche Herausforderungen die digitale Welt mit sich bringt. Die Aufmerksamkeit um Snowden hat unter anderem deswegen funktioniert, weil es dabei um Geheimdienste ging. Das ist sexy. Die Aufgabe von uns Medienschaffenden ist nun, die Welt der Daten auch auf andere Art sexy machen. Denn wir alle sollten die Matrix kennen, in der wir stecken.
Der Executive Chairman von Google – heute Alphabet – Eric Schmidt hat in seinem Buch „The New Digital Age“ relativ unverblümt darstellt, wie er sich die Zukunft vorstellt. Seiner Meinung nach gibt es Gewinner und Verlierer in der Datengesellschaft. Die Bürger sind die Verlierer, weil wir nicht in der Lage sein werden, uns zu schützen. Denn Schutz ist eine Frage der Technologie, der Ressourcen und des Wissens. Datenschutz kann zum Luxusgut verkommen, das sich nur die werden leisten können, die die nötigen Ressourcen und das Wissen darüber haben – das sind vornehmlich große Unternehmen. Vielleicht auch noch größere Staaten, aber schon die kleineren werden große Mühen haben, das zu bewältigen. Die einzige Möglichkeit unsere Daten zu schützen, sind also Gesetze.
Hat der Film deine eigene Wahrnehmung von Datenschutz verändert? Schaust du jetzt mehr, wer deine Daten hat und wem du sie gibst?
David Bernet: Mein Verhalten hat sich stark verändert, seitdem ich mich damit befasse. Mir ist bewusst, dass alle meine Bewegungen Datenspuren hinterlassen. Ich bin aber kein Nerd und daher nicht geschult, Kryptoprogramme zu verwenden und habe auch nicht wirklich Lust darauf. Das einzige was ich mache, ist einen VPN zu verwenden. Aber mein Bewusstsein ist extrem gestiegen: Ich tue gewisse Dinge nicht mehr im Netz, die ich früher gemacht habe.
Du hast viel Zeit in Brüssel bei den europäischen Institutionen verbracht. Wie hat das dein Bild von der europäischen Demokratie verändert?
David Bernet: In Brüssel war ich extrem überrascht, weil ich selber vorher dieses Bild vom bürokratischen Apparat hatte, der Gesetze austüftelt. Ich habe festgestellt, dass dem nicht so ist. Ich habe unheimlich smarte, international aufgestellte Menschen getroffen, die mit beiden Füßen im europäischen Denken stehen und sehr offen sind. In Brüssel versammelt sich tatsächlich so etwas wie die europäische Crème de la Crème. Die Kommission selber ist ein relativ kleiner, sehr effizienter Apparat – übrigens kleiner als die Kölner Stadtverwaltung. Ich habe Brüssel auch nicht als Bürokratie erlebt, sondern als eine politische Plattform, auf der sich viele Leute versammeln – natürlich auch die Lobbyisten. Mir kommt Brüssel viel offenerer, dynamischerer und flexibler vor, als jede europäische Regierung. Für mich war das auch eine neue Erfahrung.