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Vor der Wahl in Sachsen-AnhaltAfD ist Partei mit größter Sichtbarkeit auf TikTok

Wenige Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zeigt eine Untersuchung der Universität Potsdam: Auf TikTok hat der Spitzenkandidat des als gesichert rechtsextrem eingestuften AfD-Landesverbands die mit Abstand größte Sichtbarkeit unter den politischen Accounts.

  • Rika Baack
Handy mit geöffneter TikTok-App
Vor der Landtagswahl am 6. September in Sachsen-Anhalt wurden Inhalte der AfD besonders häufig abgerufen. – Alle Rechte vorbehalten: IMAGO / NurPhoto

In Sozialen Medien, wo ein großer Teil junger Wähler:innen politische Inhalte sieht, ist die Aufmerksamkeit sehr ungleich verteilt. Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat kein anderer politischer Account aus dem Bundesland so viel Aufmerksamkeit erhalten wie der des AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund. Das zeigt eine Untersuchung der Universität Potsdam.

Auch für Mecklenburg-Vorpommern und Berlin, wo am 20. September Wahlen anstehen, haben die Forschenden Zahlen erhoben. Insgesamt haben sie mehr als 2.700 politischen TikTok-Accounts ausgewertet, darunter die von Landtagsabgeordneten, Kandidat:innen, Landesverbänden, Fraktionen und Jugendorganisationen.

28 Millionen TikTok-Aufrufe für AfD-Kandidaten

Keiner der bundesweit untersuchten TikTok-Accounts erreichte den Forschenden zufolge zwischen dem 1. Juni und dem 30. August mehr Aufrufe als der von Siegmund (28 Millionen), auch nicht die Bundestagsfraktion der Linken (22,7 Millionen), die AfD-Bundestagsfraktion (18,1 Millionen) oder AfD-Bundesvorsitzende Alice Weidel (17,9 Millionen).

Besonders in Sachsen-Anhalt zeigt sich damit eine extreme Konzentration der Aufmerksamkeit auf eine Person. Von den rund 43,4 Millionen Aufrufen, die politische Accounts in dem Bundesland gesammelt haben, entfallen 64,5 Prozent auf Siegmunds Konto. In Mecklenburg-Vorpommern und Berlin verteilt sich die Aufmerksamkeit deutlich breiter: Das jeweils stärkste Konto kommt dort auf rund 13 beziehungsweise rund 9 Prozent der Aufrufe.

Mehr Beiträge bringen nicht mehr Sichtbarkeit

Der Wahlkampf hat in den Daten Spuren hinterlassen. In den drei Ländern, die im September wählen, hat sich die Zahl der Beiträge pro Account in 30 Tagen im Vergleich zum Herbst 2025 mehr als verdoppelt, so die Forschenden. In Brandenburg, Sachsen und Thüringen, wo erst 2029 wieder gewählt wird, ist sie im selben Zeitraum nicht gestiegen.

Viele Posts garantieren aber nicht mehr Reichweite, wie die Untersuchung zeigt. „Wie viele Menschen ein Beitrag erreicht, hängt vor allem von der Größe des Publikums ab, das ein Konto bereits hat“, erklärt Johannes Wolfgram vom Potsdam Social Media Monitor. Das aktivste Konto Sachsen-Anhalts gehört Ministerpräsident und CDU-Spitzenkandidat Sven Schulze mit 152 Beiträgen seit dem 1. Juni. Pro Beitrag erreicht er allerdings nur rund 5.600 Aufrufe, Siegmund jedoch rund 214.000.


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Aufrufe messen keine Zustimmung

Die gemessene Aufmerksamkeit in den Sozialen Medien folgt weder der Sitzverteilung der Parteien im Landtag noch den Umfragewerten vor der Landtagswahl. „Aufrufe messen Sichtbarkeit, nicht Zustimmung und nicht Stimmen“, erklären die Forschenden. Die von ihnen erhobenen Zahlen würden nichts über die zugrunde liegenden Ursachen aussagen, etwa den Empfehlungsalgorithmus von TikTok oder bezahlte Reichweite, auch nichts über Wahlchancen. „Ein Konto kann viele Aufrufe sammeln, weil Menschen ihm widersprechen“, ordnen die Forschenden ein.

Auch auf anderen Plattformen dominieren Kurzvideos der AfD. Das zeigte kürzlich eine Untersuchung der Betreiber des Analyse-Tools Viral App zur Reichweite von Parteien zur Landtagswahl auf TikTok, Instagram, Facebook und YouTube.

Plattformen können extreme Inhalte belohnen

Die hohe Sichtbarkeit der AfD-Inhalte könnte auf die Funktionsweise von Online-Plattformen zurückgehen, wie eine weitere Studie des Potsdam Social Media Monitor über den Bundestagswahlkampf 2025 zeigte. Nach Erstellung eines Accounts auf TikTok wurden innerhalb von durchschnittlich elf bis zwölf Minuten Videos mit dem AfD-Hashtag angezeigt, erst nach 70 Minuten folgte ein Video mit dem Hashtag der SPD. Plattformen könnten Inhalte der AfD als „besonders reaktionsstark“ bewerten, heißt es in der Studie, und versprechen sich davon, ihr Publikum stärker an sich zu binden.

Für junge Menschen sind Soziale Medien längst zur Hauptinformationsquelle geworden. Entsprechend verändert sich der Online-Wahlkampf: Politische Akteur:innen ahmen virale Videos nach und greifen Trends auf. Damit einher geht jedoch oft auch eine „Vereinfachung, Verkürzung und Verschärfung“, wie Wahlkämpfer:innen kürzlich gegenüber netzpolitik.org warnten.

Ein weiterer Faktor für die hohe Social-Media-Reichweite der AfD könnte in der Erfahrung liegen. Gegenüber netzpolitik.org erklärte Politik-Analyst Martin Fuchs: „Während die anderen Parteien 15 Jahre lange schlechte Social-Media-Arbeit gemacht haben, hat die AfD konsequent das digitale Vorfeld bespielt“.

Über die Autor:innen

  • Rika Baack

    Von Juli bis September 2026 ist Rika Praktikantin bei netzpolitik.org. Sie schließt gerade ihr Studium der Publizistik und Politik in Berlin ab und interessiert sich besonders für Plattformregulierung, digitale Bildung und zivilgesellschaftliches Engagement für ein besseres Internet.


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