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Killerspiele-Debatte

Da ist man mal eine Woche aus Deutschland weg und erlebt nach der Rückkehr wieder eine entbrannte „Killerspiel-Debatte“. Hier mal ein paar Links. Treffend hat Holger Klein die Sache kommentiert: Wie in Erfurt werden sie sagen, die Computerspiele sind schuld. Sie werden sagen, es sei ein bedauerlicher Einzelfall. Sie werden so tun, als sei das…

  • Markus Beckedahl

Da ist man mal eine Woche aus Deutschland weg und erlebt nach der Rückkehr wieder eine entbrannte „Killerspiel-Debatte“. Hier mal ein paar Links.

Treffend hat Holger Klein die Sache kommentiert:

Wie in Erfurt werden sie sagen, die Computerspiele sind schuld. Sie werden sagen, es sei ein bedauerlicher Einzelfall. Sie werden so tun, als sei das Böse plötzlich vom Himmel gefallen. Sie werden sich nicht um die Hintergründe kümmern, denn dann müssten sie zugeben, dass ihre Idee von Gesellschaft eine schlechte Idee ist. Kerner wird wieder Schwachsinn reden. Pfeiffer wird wieder Schwachsinn reden. Die Schützenvereine werden ihre Hände wieder in Unschuld waschen, weil es ja schliesslich ein Sport ist, Projektile abzufeuern und keine Krankheit. Die Innenminister werden wieder Schwachsinn reden. Wolfgang Bossbach wird erst recht Schwachsinn reden. Dann werden sie vielleicht die Schule renovieren. Seelsorger werden ihr bestes tun, Seelen zu versorgen. Therapeuten werden wieder Sachverstand simulieren. Staatsanwälte werden sich zurücklehnen, weil ja alles klar ist. Die Medien werden in einer Woche eine neue Sau durchs Dorf treiben, Kerner wird wieder dabei sein und die Opfer und deren Angehörige werden sprachlos zurückbleiben. Warum sowas passiert, wird solange niemanden interessieren, wie der Täter einen Namen hat und alle mit dem Finger auf ihn zeigen können. Wie in Erfurt.

Und es wird wieder passieren. Wie in Emsdetten.

Telepolis: „Ich hasse es, überflüssig zu sein“

Ein Verbot der Killerspiele? Seit langen ist bekannt, dass nicht Computerspiele, sondern das überquellende Vorhandensein von Handfeuerwaffen die meisten Todesopfer und Verletzten fordern. Gewehre sind weit vor dem Sprengstoff die wirkliche Massenvernichtungswaffe. Auch der Emsdetter Schüler konnte sich offenbar über das Internet mit mehreren Waffen und der entsprechenden Munition, aber auch mit Sprengstoff versorgen und hat mit Bomben, Waffen und Kampfanzügen schon lange vor der Tat trainiert und experimentiert. „ResistantX“ zog einen Tag, bevor er vor Gericht wegen des Verstoßes gegen das Waffengesetz erscheinen sollte, in den Tod.

Tagesschau: Debatte um Verbot von „Killer-Spielen“.

Heise: Niedersachsens Innenminister startet Bundesratsinitiative gegen „Killerspiele“.

Spiegel: Rohrkrepierer gegen Ballerspiele.

Was Schönbohm und Stoiber da behaupten, ist schlicht falsch. Es gibt keinen einzigen stichhaltigen Beleg dafür, dass gewalttätige Computer- und Videospiele gewalttätiges Verhalten fördern. Die Behauptung wird durch ständige Wiederholung auch nicht wahrer. Die Rufe nach Verboten dokumentieren vielmehr die Hilflosigkeit einer Politik, deren Einfluss das private Umfeld nicht erreichen kann. Sie führen dazu, dass eine Betrachtung der wahren Ursachen kaum stattfindet: die Isolation einzelner Jugendlicher, die soziale Verwahrlosung an den Schulen, die mangelnde Betreuung auffälliger Minderjähriger.

Der Ruf nach Medienverboten steht schon im Koalitionsvertrag der schwarz-roten Bundesregierung. Nur war sie sich damals selbst nicht ganz sicher, was „Killerspiele“ sind. Die einen meinten damit Spielzeugwaffen-Manöver wie „Gotcha“ und „Airsoft“, die anderen Video- und Computerspiele, in denen virtuell getötet wird. Die Kompetenz der Politik bei diesem Thema ist in Deutschland sehr schwach ausgeprägt.
[…]
Ohne wissenschaftlich fundierte Argumente Medienverbote auszusprechen: Das wäre Zensur, sonst nichts. Und es sind nicht verwirrte Teenager, die einen solchen Schritt ablehnen, sondern erwachsene, hochgebildete Menschen – wenngleich aus einer Altersgruppe, die in den Parlamenten bislang in der Minderheit ist, nämlich Menschen um die 30.

Über die Autor:innen

  • Markus Beckedahl
    Darja Preuss

    Markus Beckedahl hat schon 2003 in der Ur-Form von netzpolitik.org gebloggt und hat zwischen 2004 bis 2022 die Plattform als Chefredakteur entwickelt. Seit 2024 ist er nicht mehr Teil der Redaktion und schreibt einen Newsletter auf digitalpolitik.de. Kontakt: Mail: markus (ett) netzpolitik.org, Presseanfragen: +49-177-7503541 Er ist auch auf Mastodon, Facebook, Twitter und Instagram zu finden.


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6 Kommentare zu „Killerspiele-Debatte“


  1. Nichts verstanden…

    Es ist fast so als hätte sich die Debatte abgehoben von dem eigentlichen Vorfall — als bestünde kein Interesse mehr an den wahren Beweggründen des Sebastian B., der am Montag in Emsdetten zum Amokläufer wurde. Zwischen Politikermündern, die .…..


  2. Und natürlich kommt auch das böse Internet ins Spiel:

    Ferner gaben die Behörden bekannt, es gebe Hinweise darauf, dass der Täter die Waffen und den Sprengstoff über das Internet bezogen habe. Die Ermittler hatten bei ihm zwei Gewehre und eine Pistole sichergestellt. Der Amokläufer habe die Waffen, die im Handel frei erhältlich seien, teilweise manipuliert, teilte die Polizei mit.


  3. Ich finde, dass es weit genug ist in unserem Land und endlich mal offen darüber diskutiert wird.

    Mit S.A.A.R.T. hat er ja nicht unrecht und von Zensur um alles verschwinden zu lassen halt ich auch nicht viel.

    Ich habe jetzt einiges über ihn gelesen an Posts von ihm und auch Videos von ihm gesehen. Der Junge macht einen vernünftigen Eindruck. Die Spiele waren nicht Schuld daran, dass er durchgedreht ist. Das liegt tiefer bei ihm.


  4. Crytek – Portrait deutscher Spieledesigner…

    Deutschland hat in vielen Bereichen des technologischen Fortschrittes bereits den Zug verpasst. Auch im Bereich der Entertainment Software hinkt Deutschland dem Rest der Welt hinterher. In Japan und den USA konzentrieren sich die Innovationen im Bereic…

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