Die Bundesregierung und ihre Ministerien und Behörden betreiben aktuell noch mindestens 60.000 Computer mit dem längst überholten Betriebssystem Windows 7. Im vergangenen Jahr wurden deshalb bereits 1,9 Millionen Euro an Update-Gebühren verausgabt, heißt es in einer Antwort der Bundesregierung auf eine schriftliche Frage des grünen Bundestagsabgeordneten Konstantin von Notz.
Microsoft hatte den Support des elf Jahre alten Betriebssystems am 14. Januar 2020 offiziell eingestellt. Bereits damals wurde der fortbestehende Gebrauch von Windows 7 in der Bundesregierung kritisiert [€]. Zu dem Zeitpunkt war in einer ähnlichen Antwort der Bundesregierung allerdings noch von 33.000 Rechnern und erwarteten Gebühren von 800.000 Euro die Rede.
Damit sind sowohl die Anzahl der Rechner als auch die tatsächlich angefallenen Kosten für erweiterte Sicherheitsupdates in der neuen Aufstellung doppelt so hoch wie noch vor einem Jahr veranschlagt. Der Grund seien Informationslücken. Wie uns ein Sprecher des Bundesinnenministeriums (BMI) mitteilte, hatten im Januar 2020 „nicht alle Ressorts für sich und den jeweiligen Geschäftsbereich zurückgemeldet“.
Bundesregierung hat kaum Übersicht
Die Zahl von vor einem Jahr war also nicht vollends belastbar. Bereits damals war von einer erheblichen Dunkelziffer die Rede. Da alle Ministerien und Behörden selbst für die Aktualisierung ihrer IT-Systeme verantwortlich sind, lässt sich eine genaue Zahl laut Bundesregierung nur schwer erheben. Auch in der aktuellen Antwort räumt die Regierung eine mögliche Unvollständigkeit ein.
Die Bundesregierung hat auf Nachfrage von netzpolitik.org die Windows-7-Rechner nach Ministerium aufgeschlüsselt. Die Aufteilung ist dabei sehr ungleich: Viele der Ministerien haben nur einige hundert Windows-7-Computer in Betrieb, das Bundesministerium für Bildung und Forschung als einziges gar keine. Mit jeweils über 10.000 Rechnern stechen das Auswärtige Amt und das Bundesministerium für Inneres hervor. Unangefochten an der fragwürdigen Spitze steht allerdings das Bundesministerium für Verteidigung mit fast 30.000 Windows-7-Geräten. (Die vollständige Aufteilung findet sich im Anhang des Artikels.)
Im Dezember hatte netzpolitik.org gesonderte Rechercheanfragen an alle Ministerien geschickt. Wie aus den entsprechenden Antworten hervorgeht, sind in den Bundesministerien selbst kaum noch nennenswerte Mengen an Rechnern mit der veralteten Software in Gebrauch. Die Vermutung liegt also nahe, dass sich die genannten Windows-7-Rechner auf die knapp tausend Behörden verteilen, die der Bundesregierung unterstehen. Zumindest werden beispielsweise in einer Stellenanzeige des Bundesamts für Verbraucherschutz für eine Fachinformatiker:in noch dezidiert Windows-7-Kenntnisse verlangt.
Windows 7 noch weit verbreitet
Trotz seiner Betagtheit ist Windows 7 noch weit verbreitet und nach Windows 10 die beliebteste Version des Betriebssystems. In Deutschland nutzen laut dem Statistikservice Statcounter noch gut acht Prozent aller Windows-Nutzer:innen Windows 7 – global sind es sogar fast zwanzig Prozent.
Wer aber weiterhin veraltete Software benutzt, macht sich angreifbar. Denn wenn der Hersteller Microsoft regelmäßig keine kostenlosen Sicherheitsupdates mehr anbietet, bleiben die Rechner bei Schwachstellen ungeschützt. Je länger ein Betriebssystem in Gebrauch ist, desto wahrscheinlicher ist es auch, dass Sicherheitslücken entdeckt und verbreitet werden. So basierte beispielsweise die Ransomware WannaCry, die 2017 kritische Infrastrukturen auf der ganzen Welt lahmlegte, auf Exploits, für die vor allem ältere Betriebssysteme anfällig waren.
Wer wie die Bundesregierung dennoch auf alte Software von Microsoft angewiesen ist, muss im Rahmen des „Extended Security Update“-Programms für Sicherheitsupdates bezahlen. Das Problem ist dabei oft, dass altbewährte Softwaresysteme und kritische Infrastrukturen auf den zu dem Zeitpunkt des Ersteinsatzes verbreitetsten Betriebssystemen aufgebaut sind, die sich nur mit sehr viel Aufwand updaten lassen.
Mehr Open Source im E‑Government
Die Bundesregierung ist für ihre Infrastruktur stark von der proprietären Software der Firma Microsoft abhängig. Laut einer vom CIO des Bundes in Auftrag gegebenen Studie aus dem Jahr 2019 basieren 96 Prozent aller Büro- und Arbeitsplatzsoftware der Bundesverwaltung auf Microsoft. Das müsste nicht der Fall sein, denn Open-Source-Alternativen gibt es zuhauf.
Eine Möglichkeit, sich langsam aus der Abhängigkeit von Microsoft zu befreien, wäre die geplante IT-Konsolidierung der Bundesregierung. Das 2015 gestartete Großprojekt sollte bis 2025 die IT von Bundesbehörden und Ministerien modernisieren und zentralisieren. Wie sich jetzt herausstellte, wird sich das Projekt um mindestens drei Jahre verzögern [€]. Wir haben den aktuellen Reihenfolgeplan (pdf) samt Anlagen (pdf) der IT-Betriebskonsolidierung des Bundes veröffentlicht.
Auf eine Kleine Anfrage der grünen Fraktion im Februar 2020, welche Rolle Open Source bei der IT-Konsolidierung spielen würde, antwortete die Bundesregierung: „Die Bundesregierung setzt sich zum Ziel, dass zukünftige Softwarealternativen vorzugsweise, aber nicht zwingend, auf Open Source-Produkten basieren, mindestens jedoch auf offenen Standards und Schnittstellen.“
Was das konkret bedeutet, ist bisher nicht klar. Auch wenn ein Sprecher des BMI das Sentiment bestätigte und Open Source als einen wichtigen „Baustein zur Stärkung der Digitalen Souveränität“ bezeichnete. Auf der Seite „Kompetenzzentrum Open Source Software“ des Beauftragten für Informationstechnik in der Bundesregierung steht jedenfalls nur: „Diese Seite wird gerade überarbeitet!“
Aufschlüsselung der PCs mit Windows 7 nach Ressort
Auswärtiges Amt (AA): 10.700
Bundeskriminalamt (BKAmt): 64*
Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM): 1.500
Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS): 25
Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF): -
Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL): 1.723
Bundesministerium der Finanzen (BMF): 200
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ): 379*
Bundesministerium für Gesundheit (BMG): 1.700
Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI): 12.935
Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV): 308
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU): 934
Bundesministerium der Verteidigung (BMVg): 27.326
Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI): 5.000
Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi): 1.118
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ): 10
Summe: 63.922
* Die Zahlen der Ressorts BMFSFJ und BKAmt stammen aus der IST-Aufnahme IT Bund und wurden mit Stichtag 30.06.2020 erhoben. Die restlichen Zahlen stammen aus einer Ressortabfrage und spiegeln den Stand im Dezember 2020 wider.
