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Wie die britische Labour-Partei ihren eigenen Parteichef mit Microtargeting linkte

Im britischen Parlaments-Wahlkampf 2017 wurde Oppositionsführer Jeremy Corbyn von der sozialdemokratischen Labour Party offenbar durch die eigene Parteizentrale manipuliert. Wie die Times berichtet, kauften führende Funktionäre in der Parteizentrale von Labour Werbeanzeigen auf Facebook im Wert von ein paar tausend Pfund, die ausschließlich Corbyn und seine engsten Vertrauten zu sehen bekamen. Dafür nutzten sie die…

  • Leo Thüer
Jeremy Corbyn
Zu links für Labour: Parteichef Jeremy Corbyn wurde offenbar von den eigenen Funktionären getäuscht CC-BY-NC 2.0: Andy Miah

Im britischen Parlaments-Wahlkampf 2017 wurde Oppositionsführer Jeremy Corbyn von der sozialdemokratischen Labour Party offenbar durch die eigene Parteizentrale manipuliert. Wie die Times berichtet, kauften führende Funktionäre in der Parteizentrale von Labour Werbeanzeigen auf Facebook im Wert von ein paar tausend Pfund, die ausschließlich Corbyn und seine engsten Vertrauten zu sehen bekamen. Dafür nutzten sie die Funktion bei Facebook, die zielgerichtete Werbung (sogenanntes Microtargeting) bei einzelnen Nutzern erlaubt. Der Rest der Wählerschaft hingegen bekam Botschaften mit anderen Inhalten zu sehen. Ziel war es, dem Team um Corbyn zu suggerieren, dass dessen Inhalte breit gestreut werden. Die Labour-Parteiführung wollte damit einen allzu linken Wahlkampf verhindern.

Die Enthüllung ist Tom Baldwin zu verdanken, der als Kommunikationsberater für den ehemaligen Labour-Chef Miliband gearbeitet hat. Der Sunday Times wurde das Täuschungsmanöver von zwei weiteren Labour-Funktionären bestätigt. In seinem gerade erschienen Buch „Ctrl Alt Delete: How Politics and the Media Crashed Our Democracy“ schreibt Baldwin:

Wenn es um die Themen ging, die Corbyn besonders wichtig waren, haben seine Mitarbeiter des Öfteren eingefordert, enorme Summen für Werbung auf Facebook auszugeben. Für die Parteizentrale war das nichts als Geldverschwendung. [Eigene Übersetzung]

Buchautor Baldwin plädiert für ein klares Verbot von politischer Werbung auf sogenannten sozialen Netzwerken:

Wenn selbst der Oppositionsführer von seiner eigenen Partei in diesem Maße ausgetrickst werden kann, welche Chance haben dann die Wählerinnen und Wähler überhaupt noch, eine wirkliche Entscheidung zu treffen? […] Die Lösung ist nicht etwa mehr Transparenz oder Kontrolle, sondern ein vollständiges Verbot politischer Werbung im Internet. [Eigene Übersetzung]

Über die Autor:innen

  • Leo Thüer

    Leo hat Politikwissenschaft und Öffentliches Recht in Berlin und Paris studiert. Nach Zwischenstopps bei La Quadrature du Net, Digitale Gesellschaft e.V. und Ligue des droits de l'homme unterstützte er von Mai bis Juli 2018 die Redaktion von netzpolitik.org als Praktikant. Interesse an Netzneutralität, Plattformregulierung, Widerstand im Überwachungskapitalismus und mehr.


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2 Kommentare zu „Wie die britische Labour-Partei ihren eigenen Parteichef mit Microtargeting linkte“


  1. Hans Schnakenhals

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    Hm,

    dem sollte man vielleicht auch https://twitter.com/FromSteveHowell/status/1018404422479745025 gegenüber stellen.


  2. Masquerade

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    Nun, man könnte es auch so ausdrücken, würden Politiker aus dem Lernen, was sie erleben, könnten sie evtl. bessere Politik machen!
    Das schöne an Politikern ist diese Modulierbarkeit, die ein Politiker mal so ausgedrückt haben soll:
    „Was kümmert mich mein (törichtes) Geschwätz von gestern?“
    Quelle: https://de.wikiquote.org/wiki/Konrad_Adenauer#Falsch_zugeschrieben

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