BreakpointRoboter-Republik

Wenn Politiker:innen nicht mehr selbst reden, sondern Maschinen für sich sprechen lassen, mangelt es ihrem Auftritt an Authentizität. Doch gerade die macht einen Teil ihrer Legitimität aus. Denn in einer Demokratie sollten wir von Menschen repräsentiert werden, nicht von Robotern.

  • Carla Siepmann
Ein Spielzeugroboter steht vor zwei Mikrofonen, im Hintergrund der Bundestag
Wer spricht? – Bundestag: Tim Hüfner, Spielzeugroboter: Emilipothèse, Mikrofon: Jon Tyson, Bearbeitung: netzpolitik.org

In einem Handbuch des IT-Unternehmens IBM aus dem Jahr 1979 steht ein bemerkenswerter Satz: „Ein Computer kann niemals zur Verantwortung gezogen werden. Daher darf ein Computer niemals Führungsentscheidungen treffen.“ Die Regel hat auch knapp 50 Jahre später nicht an Brisanz verloren. Denn die Vermutung liegt nahe, dass zahlreiche Unternehmen inzwischen auch kritische Entscheidungen an KI-Systeme auslagern. Aber was, wenn auch Politiker:innen ihre Funktion gar nicht mehr selbst ausüben, sondern eine Maschine mit der Ausführung beauftragen?

In den vergangenen Wochen haben Vermutungen Aufsehen erregt, dass mehrere Spitzenpolitiker allzu gerne KI ihren Job erledigen lassen. Mario Voigt, Dietmar Woidke und Karsten Wildberger gerieten in den Verdacht, ihre Reden und Gastbeiträge in Medien von KI-Programmen generieren zu lassen. Die Debatte darum, ob und inwieweit dies im Widerspruch zu ihrem Amt steht, wurde zurecht in Teilen heftig und emotional geführt.

Roboter sind keine Repräsentanten

Wir wählen, wer für uns spricht und wer für uns entscheidet. Die Menschen in der Bundesrepublik haben sich vor etwa 80 Jahren für eine repräsentative Herrschaftsform entschieden, bei der gewählte Volksvertreter:innen für die Bevölkerung sprechen und entscheiden. Anders als in direkten Demokratieformen, in der die Menschen immer wieder selbst Entscheidungen treffen. Zentrales Instrument dieser Demokratie sind die Repräsentant:innen selbst. Das heißt, einzelne Menschen, die uns durch ihre eigene Person vertreten.

Eben darin besteht auch ein wesentlicher Teil der Legitimität, die eine repräsentative Demokratie auszeichnet. Wir wählen Menschen zu unseren Vertreter:innen, die durch ihren Verstand, ihr Wesen, ihren Charakter und ihre Fähigkeiten geeignet erscheinen, uns besser zu vertreten als andere das könnten. Und die Legitimität der Repräsentant:innen besteht maßgeblich in ihrer Authentizität.

Legitimität durch Authentizität

In Reden, Äußerungen und Texten zeigt sich, was für ein Mensch die Person ist, die uns vertritt. Welche Meinungen sie hat, welche Werte sie ihren Entscheidungen zugrundelegt und worin ihr Wesen besteht. Dabei sind Reden, Auftritte und Äußerungen ein genauso großer Bestandteil von Politik wie Abstimmungen im Bundestag. Wird all das an eine Maschine ausgelagert, verlieren Repräsentant:innen ihre Authentizität – und damit auch ein Stück ihrer Legitimität.

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Menschen wollen von Menschen regiert werden. Darauf beruht das bürgerliche Herrschaftsideal, das sich nach den Revolutionen des 18. Jahrhunderts zu etablieren begann. Menschen sind demnach durch ihren eigenen Verstand dazu befähigt, andere zu vertreten, wenn ihre Mitbürger:innen sie dazu bestimmen. Diese Herrschaftsform kann man gut oder schlecht finden – solange aber keine andere in Deutschland Gültigkeit hat, ist es sie es, die politischem Handeln seine Berechtigung verleiht. Deswegen sollte nicht einmal der Eindruck entstehen, dass hinter dem Handeln eines gewählten Vertreters eine Maschine stehen könnte.

Lieber anecken als glattbügeln

Menschen zeichnet aus, dass sie differenzierte Charaktere sind. Sie haben komplexe Meinungen und Wertesysteme, ihre Worte klingen bestenfalls nicht nach hohlen Business-Phrasen und manchmal überraschen sie durch eine bestimmte Einstellung, die wir so nicht von ihnen erwartet hätten. Und: Sie haben immer auch ein eigenes Verhältnis sowohl zu dem Thema, über das sie sprechen als auch zu den Personen, mit denen sie kommunizieren. All das kann ein KI-System nicht.

Statt echten Gefühlen, kontroversen Äußerungen und komplexen Einstellungen klingen Ausgaben von KI-Systemen meist künstlich erzeugt, weichgewaschen, ausgelutscht.

Noch wichtiger aber als der Stil ist der Inhalt: ChatGPT und Claude bilden auch Positionen gerne sanfter, Meinungen weniger kontrovers und Ideen weniger radikal ab, als sie sind. Wenn Politiker:innen KI nutzen, um etwa Reden zu schreiben, dann laufen sie Gefahr, dass ihre eigene Positionen an Klarheit verlieren und sich damit weniger von denen anderer politischer Akteure unterscheidet.

Und es drängt sich die Frage auf: Wenn ein Repräsentant schon seine eigenen Äußerungen nicht mehr selbst formuliert – wieso sollten wir dann glauben, dass er nicht bald auch seine Entscheidungsfindung an Open AI oder Anthropic auslagert?

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KI macht uns nur überflüssig, wenn wir sie lassen

Ähnlich verhält es sich mit dem Gebrauch von KI zur Textgenerierung durch Medienhäuser.

Menschen, die Medien konsumieren, vertrauen zuallererst den Menschen, die die medialen Inhalte produzieren – den Journalist:innen. Die Standards und Fähigkeiten der Personen, die ein Medium gestalten, machen ein Medium erst vertrauenswürdig. Deswegen ist es weder innovationsfeindlich noch selbstbeweihräuchernd, wenn sich Redaktionen dazu entscheiden, keine KI für ihre Texte zu nutzen. Eine solche Entscheidung beruht vielmehr auf dem Wissen darum, was ihre Daseinsberechtigung ausmacht: die Authentizität und Integrität derer, die das Medium schaffen.

Wir vertrauen weniger einer Institution oder einem Amt als vielmehr den Menschen, die dessen Funktionen ausfüllen. Das gilt für Journalist:innen wie für Politiker:innen. Wenn sie aber ihre Arbeit von einer KI ausführen lassen, kann ich den Computer auch gleich selbst bedienen.

Das löst das Problem nicht – und damit zurück zu dem Eingangssatz aus dem IBM-Handbuch. Denn eine Maschine kann niemals zur Verantwortung gezogen werden.

Dass wir Menschen für ihr Handeln verantwortlich machen, wählen oder abwählen können, ist aber ein weiterer zentraler Grund dafür, warum Menschen demokratischen Systemen vertrauen. Wenn Politiker:innen also glauben, sie könnten ihre Arbeit kurzerhand von einer KI erledigen lassen – und sei es auch „nur“ zum Erstellen einer Rede oder eines Artikels –, dann stellen sie damit nicht nur die Legitimität ihrer eigenen Funktion infrage, sondern auch das Funktionieren des politische Systems selbst.

Über die Autor:innen

  • Carla Siepmann

    Carla schreibt seit 2022 frei für netzpolitik.org. Sie interessiert sich für Gewalt im Netz, Soziale Medien und digitalen Jugendschutz. Seit 2023 erscheint ihre monatliche Kolumne auf netzpolitik.org.

    Kontakt: carla_siepmann@mailbox.org, @CarlaSiepmann


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8 Kommentare zu „Roboter-Republik“


  1. Joachim

    ,

    Wie wahr! Zu: „klingen Ausgaben von KI-Systemen meist künstlich erzeugt, weichgewaschen, ausgelutscht.“

    Das hängt zwar davon ab, was im Prompt steht, doch in der Tat hat openAI und Co eine Heidenangst davor, dass ihre Systeme eskalieren können und Schaden (an ihrer Reputation) anrichten. Sicher kann Deeskalation (fast immer) positiv sein. Doch manchmal ist das unangemessen und richtet Schaden an oder läßt Schaden zu.

    Letztlich: Verlass dich niemals auf eine KI. Sie kann nicht rechnen. Sie macht schwere Logikfehler. Sie übersieht Dinge. Sie redet dir nach dem Mund. Sie agiert nach wenigen „Kommunikationsmustern“, die nur authentisch aussehen, es aber natürlich nicht sein können. Eliza lässt grüßen. Wo sie wertvoll ist, da schmückt sie sich mit fremden Federn. Eine KI ist ein Echoraum, ein Resonanzkörper und „lebt“ davon, was du hinein rufst.

    Weitaus gefährlicher – und das steht nicht im Artikel – ist, dass KI vorselektiert und damit unsere Entscheidungen beeinflusst. Sie verstärkt die Norm. Das ist etwa ein Problem bei Kameras mit Verhaltenserkennung. Der Beamte bekommt die Vorauswahl der Maschine in einer solchen Geschwindigkeit, dass er keine Wahl hat, als diese Auswahl zu prüfen. Und dabei übersieht er den wirklichen Verbrecher. Seine Entscheidungen werden massiv von einer Maschine gefärbt. Ist deine Hautfarbe hier ungewöhnlich, dann hast du ein Problem. Und wenn es nicht die Hautfarbe ist, dann eben etwas, das kein Mensch vorhersehen kann.

    Dies nur zur IBM-Aussage, ein Computer dürfe niemals „Führungsentscheidungen“ treffen. Ich denke, ein CIO stimmt da sofort zu, ist da doch die eigene Position gefährdet. Schere im Kopf?


  2. Piratenparteiler

    ,

    Also KI wird in Zukunft sicher bessere Resultate erzielen als ideologisch verblendete Politiker oder Lobbyisten mit Geld Interesse.

    Vielleicht sollt man als Bürger dann auch das Recht haben eine KI zu wählen anstatt eines Menschen. Die Wahlversprechen der KI würden dann als Prompt für die jeweilige Legislaturperiode festgesetzt. Es könnte zu einer konsequenteren Politik führen.


    1. Notorisch Rhetorisch

      ,

      Da würde ich eher zu einem Technokratischen Evidenz-basierten Ansatz tendieren. Der dann wieder die Kontroll-frage aufwirft. Und für eine Evidenz X braucht es erst mal eine Datenerhebung zu X sonst findet sich niX zum Entscheiden.

      Eine AgI (Allgemeine „Künstliche“ Intelligenz) gibt es noch nicht und vor der hat man ja nicht ganz zu unrecht auch div. Bedenken.

      Eine KI wählen scheint mir heute die schlechteste aller Möglichkeiten. Die kann man m.E. noch viel leichter (und billiger?) manipulieren als Politik heute.


    2. Anonym

      ,

      „Also KI wird in Zukunft sicher bessere Resultate erzielen als ideologisch verblendete Politiker oder Lobbyisten mit Geld Interesse.“

      Doppeltes vielleicht eher nicht?

      Das Risikoszenario tritt bereits ein, weil Killermaschinen gebaut werden, im Sinne von „killing the task“, also Antwortmaschinen, bei denen die Skalierbarkeit wichtiger ist, als eigentständige sich entwiclelnde Intelligenz. Sicherheit hat das Nachsehen. Weder diejenigen, die die Technologie kontrollieren, noch die KI selbst sind konsistent weise genug, sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Denn am Ende trifft ein Mensch die Auswahl, und das sind einfach keine guten Menschen für die Aufgabe. Wirtschaft kann nicht Politik. Allgemein und meißtens nicht. Derzeitige offensichtlich herumlaufende Beweise bestätigen die Ausnahmen.

      Eine agentische KI oder eine Super-KI muss letztlich nicht umfassend logisch handeln. Die derzeitigen Systemsorten garantiert nicht, die sind recht klar nicht eigenständig im Entwickeln von Konzepten. Konsolidierung von Wissen und abzuwägenden Prinzipien… geht so. Das ist alles Werbung und Wunschvorstellung. WW-1337 sozusagen.


  3. Notorisch Rhetorisch

    ,

    Ich widerspreche hier mal der Authentizitäts-Darstellung. Das ist m.E. mehr Marketing das eine Gewisse Wirkung nach außen Transportieren soll. Also z.b. ob jemand gewählt wird für das was er sagt und mehr noch WIE er es sagt. Aber nicht was er dann tut.

    Aber ich meine auch man sollte die Repräsentanten weniger nach Ihren Worten und mehr nach Ihren Taten beurteilen. Und da finde ich sieht die Bilanz gefühlt schlechter aus.

    Wenn ein Politiker nun seine Eigenvermarktung nicht mehr selbst erfindet dann ist der Effekt m.E. primär der das man hier statt einer Sprechpuppe der (Wirtschaftlichen o.a.) Interessengruppen (Allgemeine Annahme (1)) von einer Sprechpuppe der KI ausgehen muss. Wobei das 2. das erste leider nicht ausschließt.
    Im Kern ändert sich also erst mal nichts, man hat weiterhin den Eindruck das unsere Volksvertreter nicht mehr primär die Interessen des/ihres (Wahl)Volkes vertreten sondern Repräsentanten ihres Eigenen Machterhalts, Privilegien oder Partikulärinteressen sind. Vulgo: Volksverräter (1). :-/ Ich denke diesen Eindruck haben viele und er führt zur Politikverdrossenheit, dem wählen des „anderen Haufen Sch**ße“ weil m.E. keine einzige Partei noch irgendwelchen Früheren Werten zu folgen scheint. „Doppel-wumms“, „Grüne Landschaften“ oder andere Markige Worte sind nur Phrasen – und scheinbar das einzige was noch gedroschen wird im Politikbetrieb.

    Wie sollte also eine KI-Generierte Rede; oder auch eine Wohlformulierte selbstgeschriebene; dem selbstverschuldeten absoluten Vertrauensverlust entgegen wirken weil Politik Entscheidungen GEGEN die Bürger trifft? Klingt wie ein Oxymoron – oder ein Catch 22?

    (1) Gültig bis zum Beweis des Gegenteils. Denn „Sippenhaft“ ist inzwischen ja wieder IN. Dankschreiben dafür an Trump, Putin und andere „Vorbilder“. :-/


      1. Notorisch Rhetorisch

        ,

        Ja, auch. Aber eben auch das manche den Grünen (früher wohl mehr) gern nachsagen Ideologisch so verbohrt zu sein das alles „grün/Öko“ werden müsse was nicht bei 3 auf den Bäumen ist. Gibt es die „Blühenden Landschaften“ so wie sie seinerzeit gemeint waren denn nun in den neuen Bundesländern?

        Kurz: (Hohle) Phrasen.

        Die Grünen sind nicht mehr so grün wie früher, die SPD nicht mehr Sozial, die CDU/CSU nicht mehr Christlich und trotzdem Zanken sie sich statt Zusammen zu arbeiten und einen bestmöglichen Konsens für alle zu finden. Ist mein Eindruck.


  4. V wie Vendetta

    ,

    Ganz ehrlich: Wenn ich sehe, was unsere Politiker heutzutage so für Schäden anrichten und wie dünnhäutig sie sich verhalten (illegale Hausdurchsuchung wegen „du bist 1 Pimmel“), dann glaube ich allmählich, dass Qwen 3.8 es auch nicht schlechter hinbekäme. Auf jeden Fall würdevoller und vielleicht sogar günstiger.
    Weg mit den überbezahlten Berufspolitikern, rein mit den Experten! XD

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