Avatar Autor:in

LinksklickSpiele gegen die Einsamkeit

Nicht für alle Menschen ist die Weihnachtszeit besinnlich und gemütlich, sondern sie kann auch einsam sein. Spiele können gegen diese Einsamkeit helfen und unser Kolumnist Dom Schott hat einige Empfehlungen.

Eine Tastatur mit Tannenzweig und Stern
Manche verbringen Weihnachten vor Bildschirm und Tastatur. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Carly Kewley | Bearbeitung: netzpolitik.org

Für viele ist bereits die Vorweihnachtszeit eine Zeit der Vorfreude: Die Reise zur Familie im Heimatdorf ist nur noch wenige Tage entfernt, die Züge sind gebucht, lustige Weihnachtspullover liegen bereit und die Geschenke sind (zumindest gedanklich) längst eingekauft und eingepackt.

Für manche ist diese Zeit allerdings ein emotional hartes Pflaster: Sie können oder wollen nicht zurück zu ihrer Familie und verbringen die Feiertage stattdessen alleine. Das Allein-Sein in Ruhe kann gerade nach diesem anstrengenden Jahr einer echten Wohltat gleichkommen. Im weihnachtlichen Besinnlichkeitsdauerfeuer auf Social Media kann sich aber auch noch ein anderes Gefühl einstellen: Einsamkeit.

Es gibt viele Möglichkeiten, dieser Einsamkeit zu begegnen: Telefonate mit FreundInnen, Netflix-Marathons, endlich mal wieder ein Buch lesen – oder eben Videospiele. Über die vergangenen Jahre war ich persönlich immer wieder mit einsamen Weihnachtstagen konfrontiert und habe so nach und nach ein „Best of“ der Spiele für mich entdeckt, die die dunklen Tage ein bisschen heller machen können.

Diese Liste will ich nun gerne mit euch da draußen teilen, damit wir alle gut durch diese Weihnachtsfeiertage kommen. Und damit möglichst viele Menschen auch tatsächlich von dieser Liste profitieren können, habe ich sie etwas zurechtgestutzt und nur die Titel ausgewählt, die keine hochmodernen Gaming-PCs oder ständig vergriffenen Konsolen voraussetzen. Und wer noch eigene Empfehlungen nennen will – der Kommentarbereich ist bereit für euch!

Bewährte Klassiker von früher und heute

Beginnen will ich mit einem Klassiker aus dem Jahr 1991, der bis heute nichts von seinem Charme verloren hat und genau deswegen eine tolle Begleitung für die Weihnachtsfeiertage ist: The Secret of Monkey Island erzählt die Geschichte des Möchtegern-Piraten Guybrush Threepwood, der alles daran setzen will, endlich ein gefürchteter Freibeuter zu werden.

Seinen Weg kreuzen skurrile Figuren, exotische Küstenstrände, charmante Witzchen – und einige Rätsel. Denn Monkey Island ist ein Point’n’Click-Adventure, fordert also seine SpielerInnen dazu heraus, Gegenstände zu sammeln und sie im richtigen Moment an der richtigen Stelle wieder zu benutzen. Alles in allem kein schweres, aber ein umso sympathischeres Spiel, das dank Remaster-Edition auch in zeitgemäßer Grafik spielbar ist.

Wer weniger zuhören und lieber selbst aktiv handeln will, wird mit Factorio glücklicher: Ein Großindustrie-Simulator, der ganz klein beginnt. Als Gestrandeter auf einem fremden Planeten bauen wir Schraube um Schraube einen Warenkreislauf auf, der bald zum hyperkomplexen Industriegiganten heranwächst. Dabei arbeitet Factorio vor allem mit Tabellen, Zahlen und Werten – inszeniert seine Spielwelt aber dennoch wesentlich freundlicher als jede Excel-Tabelle.

Ein weiterer moderner Klassiker, der noch keine zwei Jahre alt ist, aber schon viele Auszeichnungen und sogar eine Brettspielumsetzung gewinnen konnte, ist Dorfromantik: Ein entspannendes Legespielchen, in dem SpielerInnen eine möglichst große Dorflandschaft gestalten müssen. Regeln gibt es nur wenige, das Prinzip ist schnell verstanden – und schlägt sofort in seinen Bann, nicht zuletzt wegen der wunderschönen Spielwelten, die Legeplättchen um Legeplättchen allmählich auf dem Bildschirm entstehen.

Für den besonderen Geschmack

Neben den obigen Klassikern, die zusammengenommen schon einige Millionen Festplatten beglücken konnten, habe ich noch einige andere Empfehlungen parat, die allerdings nicht für jeden Geschmack gemacht sind. Sie bieten ungewöhnliche Spielmechaniken, erzählen seltsame Geschichten oder sehen schlichtweg komisch aus – wie zum Beispiel The Case of the Golden Idol.

Das Detektivspiel erzählt die Geschichte des namensgebenden goldenen Idols, das von zwei Forschern entdeckt wird und anschließend durch mehrere Hände wandert. Einige dieser Hände sind blutig, wie die insgesamt zwölf Rätselfälle nahelegen. Klingt erst einmal nach klassischem Unterhaltungskrimi, ist aber spielmechanisch besonders ungewöhnlich inszeniert. Denn die Rätselfälle zeigen in der Zeit eingefrorene Szenen, die sich oft über mehrere Bildschirme hinweg erstrecken und dramatische Momente der Geschichte um das Idol zeigen: eine vergiftete Frau am Esstisch umringt von ungläubigen Gästen, ein brennender Mann im Innenhof oder ein blutender Mann im Bett einer Taverne, während im Untergeschoss die Feiergesellschaft fröhlich zecht.

An uns liegt es nun, diese Standbilder genau zu untersuchen, mit Mausklicks Taschen zu durchwühlen und nach Hinweisen zu suchen, die auflösen, was hier eigentlich vorgefallen ist. Dank der Häppchenstruktur ist das ungemein kurzweilig und motivierend – nur der Look kann abschrecken. Grobkörnig, wenige Details, irgendwie amateurhaft sieht dieses Spiel aus. Dieser Eindruck aber täuscht, denn The Case of the Golden Idol ist eines der klügsten und kniffligsten Detektivspiele der zurückliegenden Jahre.

Ungleich schöner, aber weitaus weniger fordernd ist Alto’s Odyssey, ein Mobile Game, das allerdings – Entwarnung! – nicht mit Mikrotransaktionen oder ähnlicher Abzocke in Versuchung führen will. Stattdessen gibt es einen Eintrittspreis von knapp fünf Euro, der anschließend das komplette Spiel freischaltet. Und das gehört zu den entspannendsten Erfahrungen, die man auf dem Smartphone wohl machen kann.

Denn viel zu tun gibt es hier nicht: Ein kleines Figürchen surft einen endlosen Abhang hinab, nur hin und wieder hilft ihm ein Daumendruck auf dem Display dabei, eine Schlucht zu überspringen. Dabei läuft eine sphärisch-ruhige Musik, die den sich stetig wechselnden Hintergrund geradezu meditativ untermalt. Klingt womöglich langweilig, ist aber immer noch fordernd genug, um nicht einzuschlafen, aber gleichzeitig so einfach, dass der Kopf ein bisschen abdriften darf.

Auf dem Rücken eines gigantischen Dinosauriers

Und schließlich will ich euch eine Empfehlung ans Herz legen, die erst kürzlich vom Deutschen Entwicklerpreis die Auszeichnung „Bestes Deutsches Spiel 2022“ einsammeln konnte – obwohl es eigentlich aus der Schweiz kommt: The Wandering Village, ein Aufbaustrategie-Spiel mit gleich zwei ungewöhnlichen Ideen.

Zum einen spielen wir nicht im Wald, in der Wüste oder an der Küste, sondern auf dem Rücken eines gigantischen Dinosauriers, der uns gemächlich durch eine postapokalyptische Welt trägt. Das sieht nicht nur spektakulär aus, sondern hat auch spannende spielmechanische Konsequenzen – die zweite Besonderheit dieses Spiels.

So ist naturgemäß der Platz auf dem Tierrücken begrenzt: Wir müssen uns genau überlegen, wie wir mit dem spärlichen Bauplatz umgehen wollen. Gleichzeitig erinnert uns das Spiel immer wieder daran, dass wir eben nicht einfach drauflos bauen können, sondern auf einem Dino leben. Und der will regelmäßig gefüttert werden und beschwert sich lautstark, wenn unsere Handwerker, Fabriken und Steinbrüche zu rücksichtslos in seine ressourcenreiche Haut graben. Also müssen wir umsichtig, nachhaltig und rücksichtsvoll siedeln – für das Genre eine große Neuerung, die AnfängerInnen wie erfahrene SpielerInnen lange fordern und unterhalten kann.

Ich hoffe sehr, dass diese Empfehlungen einige Weihnachten da draußen schöner machen können. Und damit in diesem Sinne: Fröhliche Feiertage!

No Tracking. No Paywall. No Bullshit.

Unterstütze auch Du unseren gemeinwohlorientierten, werbe- und trackingfreien Journalismus.

Die Arbeit von netzpolitik.org finanziert sich zu fast 100% aus den Spenden unserer Leser:innen. Werde Teil dieser einzigartigen Community und unterstütze jetzt unsere Arbeit mit einer Spende.

Jetzt spenden

4 Ergänzungen

  1. Eine meiner bestem Freundschaften hat sich vor allem auch deswegen gut erhalten, weil wir uns ein bis zwei Mal pro Woche online treffen und zu zweit Europa Universalis 4, Hearts of Iron 4, 7 Days to die oder Borderlands 3 zusammen spielen. Gerade als mein Buddy für ein Jahr berufsmäßig wegziehen musste, war das für ihn wichtig, weil er vor Ort am Anfang nicht wirklich Anschluss gefunden hat.

Wir freuen uns auf Deine Anmerkungen, Fragen, Korrekturen und inhaltlichen Ergänzungen zum Artikel. Bitte keine reinen Meinungsbeiträge! Unsere Regeln zur Veröffentlichung von Ergänzungen findest Du unter netzpolitik.org/kommentare. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.