Gigwork in EuropaStudie fordert nationale Register für Plattformunternehmen

Europäische Länder gehen sehr unterschiedlich mit Plattformarbeit um. Manche regulieren viel, manche wenig. Aber eine Sache bräuchten sie alle, um besser mit den Plattformen umgehen zu können: Mehr Informationen.

Uber-Eats-Fahrer
Plattformarbeit ist europaweit bislang nicht einheitlich geregelt Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Robert Anasch

Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung hat in einer Studie untersucht, wie Plattformarbeit in verschiedenen europäischen Ländern reguliert wird. Dafür haben die Forscher*innen ausgewertet, in welchen Ländern Plattformarbeiter*innen als Angestellte gelten, wie mit algorithmischer Überwachung umgegangen wird – und sie haben sich eine Menge Gerichtsverfahren angesehen.

Ein großes Problem sehen die Forscher*innen in einem Mangel an Informationen. Trotz des Wachstums der Plattformen – 2030 sollen sie allein in der EU 42 Millionen Menschen beschäftigen – sei das Phänomen noch nicht genug verstanden, schreiben sie. Es bräuchte genaue Angaben zur Anzahl von Arbeiter*innen oder Kund*innen. Ein Weg dahin: nationale Register, in denen diese Daten für jede in einem Land aktive Plattform gesammelt werden könnten.

Hunderte Plattformen, Milliarden an Umsatz

Laut einer Schätzung gab es letztes Jahr in der EU 516 Plattformen, der Gesamtumsatz von Plattformunternehmen in der EU betrug 2020 bis zu 13,7 Milliarden Euro. Die meisten sind in den Bereichen Transport, Essenslieferung oder Klickarbeit aktiv.

Die dahinterstehenden Firmen sind ständig im Wandel: So wurde zum Beispiel Foodora 2014 in Deutschland gegründet, ein Jahr später vom ebenfalls deutschen Delivery Hero gekauft, das dann 2018 vom niederländischen Just Eat Takeaway übernommen wurde.

Die Coronapandemie war für Plattformen ein großer Wachstumsbeschleuniger, besonders für den Essensliefermarkt und Online-Mikroarbeit. In manchen Ländern hätte das Wachstum der Plattformen aber schon vor der Pandemie zugenommen. Das seien solche, die schon vorher große wirtschaftliche Krisen erlebt hatten, schreiben die Forscher*innen, besonders Spanien, Griechenland und Portugal.

Ein anderer, zunehmend „plattformisierter“ Bereich sei Reinigungs- und Pflegearbeit, wie zum Beispiel durch die deutsche Plattform Helpling oder Care.com in Österreich. Diese Plattformen würden oft bestehende Zeitarbeitsagenturen ersetzen.

Um sich ausbreitende Scheinselbstständigkeit in der Gig-Economy in den Griff zu kriegen, hat die EU-Kommission eine Richtlinie für Plattformarbeit vorgeschlagen. Firmen wie Uber oder Deliveroo müssten künftig zeigen, dass sie ihre Arbeitskräfte nicht regulär beschäftigen – bleiben sie dafür Beweise schuldig, müssten sie die Betroffenen anstellen. Auch algorithmische Leistungskontrolle soll in dem Gesetz stärker reguliert werden.

Gewerkschaften bieten wichtige Unterstützung

Seit Jahren organisieren sich Plattformarbeiter*innen, streiken gegen ihre Probleme oder gründen Betriebsräte. Unterstützt werden sie dabei manchmal von bestehenden Gewerkschaften, in Deutschland zum Beispiel von der NGG. In Spanien oder Italien hätte diese vor Gericht erfolgreich versucht, die Rechte von Arbeiter*innen durchzusetzen. In einigen Ländern wurden neue Gewerkschaften für Plattformarbeiter*innen gegründet, zum Beispiel in Kroatien oder Serbien.

Anders in Ländern mit weniger einflussreichen Gewerkschaften: In Tschechien, Rumänien, Polen, Ungarn oder anderen neuen EU-Mitgliedsstaaten habe es in dieser Richtung keine Veränderung gegeben. In den baltischen Staaten gebe es noch keine öffentliche Diskussion um den Status von Plattformarbeiter*innen.

Das sei ein Problem, so die Mitautorin Inga Sabanova in einer E-Mail an netzpolitik.org. „Positive Entwicklungen in einem Land können eine Quelle der Inspiration für Gewerkschaften in einem anderen Land sein, sich zu mobilisieren.“ Das funktioniere aber nicht in Ländern, in denen nur wenige Menschen in Gewerkschaften organisiert sind.

In vielen dieser Länder würde mit einem großen technologischen Optimismus über Plattformen gesprochen. „In Sachen Arbeiter*innenrechte auf Plattformen gibt es deshalb nicht viel Diskussion auf der politischen Ebene, außer zur Besteuerung“, so Sabanova.

Die Einstufung von Plattformarbeiter*innen als angeblich selbstständig sei nach wie vor eins der wichtigsten Probleme. Nur in Belgien und Italien müssen Plattformarbeiter*innen generell angestellt werden, in andere Ländern ist die Situation von Fall zu Fall unterschiedlich.

Innovative Überwachung

„In der Arbeit selber gibt es nicht so viel neues“, schreiben die FES-Forscherinnen. Wo Plattformunternehmen wirklich innovativ seien, wäre „in der Einführung von sowohl physischen als auch digitalen Formen der Unterordnung“. Viele Plattformen würde ihre Algorithmen nicht nutzen, um den Arbeiter*innen Aufgaben zuzuordnen, sondern um sie zu überwachen.

Ein Algorithmus des Essenslieferdienstes Deliveroo namens „Frank“ würde zum Beispiel zu weniger bezahlter Arbeitszeit für Fahrer*innen führen. Wie beim Konkurrenten Uber Eats werden die Fahrer*innen außerdem nach gewissen Leistungskriterien bewertet – wer besser abschneidet, bekommt gewisse Vorteile wie etwa besseren Zugriff auf Aufträge oder Arbeitsschichten.

„Aus der Perspektive der Arbeiter*innen führt die Nutzung von algorithmischen Techniken zu einer weiteren Entfremdung von der Organisation der Arbeit und von Kolleg*innen“, so die Studie. Außerdem könnten mit Algorithmen bestehende Vorurteile, etwa auf Basis von Geschlecht oder Ethnie, wiedergegeben werden.

Immer mehr Frauen

Und dafür ist Plattformarbeit sehr anfällig: In Nord- und Westeuropa sind es oft Migrant*innen, die für Plattformen Essen ausliefern. Laut einer Studie von 2020 trifft das auf die Hälfte der Plattformarbeiter*innen in Irland zu, in Finnland auf ein Drittel und in Schweden immer noch ein Viertel.

Plattformen seien oft eine Möglichkeit für Arbeiter*innen, die keinen Zugang zum restlichen Arbeitsmarkt haben. Das verstärke aber auch noch einmal die Bedeutung von Gewerkschaften, die hier für die Vertretung der Rechte dieser Arbeiter*innen „essenziell“ seien.

Der Anteil von Frauen an Plattformarbeit nimmt seit 2000 zu. Im Gegensatz zu den männlich dominierten Essenslieferfahrern, die in ihren farbigen Outfits durch die Innenstädte radeln, seien Frauen aber eher in den unsichtbaren Reinigungs- oder Pflegebereichen vertreten.

Hier brauche es dringend „mehr evidenzbasiertes Wissen zur anhaltenden Lohnlücke, Arbeitsprekarität, und Diskriminierung am Arbeitsplatz, die Frauen erfahren, wenn sie durch Plattformen arbeiten“, so die Autorinnen. Ein zusätzliches Problem: Der Anteil von Frauen in Führungspositionen bei Gewerkschaften sei weiterhin niedrig.

Register für mehr Informationen

Das Fazit der Forscherinnen: Es braucht mehr Informationen. Plattformen seien „sehr diskret und enigmatisch in der Art, wie sie über Grenzen hinweg agieren“, so Mitautorin Sabanova. Nationale Behörden wüssten oft nicht einmal grundlegende Informationen.

Deshalb empfiehlt der Bericht, nationale Register von Plattformunternehmen einzuführen. Dort könnten relevante Daten zu Geschäftsbestimmungen, Umsatz und Angestelltenzahlen erfasst werden.

Es gibt schon einige Beispiele solcher Register, etwa in Frankreich. Dort müssen Plattformen seit 2016 Informationen an Steuerbehörden melden. Aber, so Sabanova: „In Wirklichkeit folgen natürlich viele Plattformen den gesetzlichen Vorschriften nicht und die Qualität der Informationen, die die Verwaltung sammelt, wird als schlecht eingestuft. Außerdem ist das Register nicht öffentlich.“

Die EU habe das Potenzial, „neue Goldstandards“ zur Regulierung der Plattformarbeit zu schaffen, so Sabanova. „Aber um langfristig als Europäischer Binnenmarkt wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen wir in ganz Europa Arbeiter*innenrechte stärken und Arbeitsbedingungen verbessern.“

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