Was vom Tage übrig blieb

Zensurbegehren, Algorithmenversteher und Netzsperren

Investoren wollen Apple zur Offenlegung von Zensurwünschen aus Peking zwingen, eine neue Nachrichtenseite für kritische Technologieberichterstattung startet in den USA, die NGO Access Now zählte im Vorjahr mehr als 200 Internet-Shutdowns weltweit, und Firefox steigt langsam auf verschlüsseltes DNS über HTTPS um. Die besten Reste des Tages.

Himmel über Berlin
Beschaulich, farbenfroh und warm gab sich heute Nachmittag (nicht zu verwechseln mit dem sogenannten „Mittag“) der Berliner Himmel.

Apple may be forced to disclose censorship requests from China (The Guardian)
Investoren der Silicon-Valley-Giganten unterstützen einen Vorschlag, demnach Apple künftig Zensurwünsche aus Peking offenlegen müsste. Über den Vorschlag sollen morgen die Apple-Eigentümer abstimmen. Apple und die chinesische Plattform TikTok weigern sich indes, nächste Woche vor dem US-Kongress über eben solche Zensurwünsche auszusagen. Sie schlugen die Einladung eines republikanischen Senatoren aus, was sich hinsichtlich seines Hintergrunds vielleicht irgendwie nachvollziehen lässt. Dennoch sind Tech-Firmen in Europa und den USA zunehmend Druck wegen ihrer Beziehungen mit dem chinesischen Regime ausgesetzt. Bisher gibt es aber keine rechtlichen Verpflichtungen für die Firmen, irgendwelche Angaben darüber zu machen. Angesichts der wachsenden Sorgen wegen möglicher Datenweitergabe durch TikTok hat der FDP-Europaabgeordnete Moritz Körner immerhin zuletzt den Europäischen Datenschutzausschuss in einem Brief um Aufklärung gebeten. Mal sehen was da kommt.

Big Tech Is Watching You. We’re Watching Big Tech. (The Markup)
Eineinhalb Jahre nach der Gründung und nach internen Streitigkeiten und dramatischen Abgängen startet The Markup, eine neue Nachrichtenseite für kritische Technologieberichterstattung. Gründerin ist die Journalistin Julia Angwin, die sich mit investigativen Recherchen über Diskriminierung durch Algorithmen einen Namen machte. Die erste Geschichte untersucht eine Autoversicherung, die ihre Preise algorithmisch berechnet und dabei von wohlhabenden Kund:innen etwas zu viel verlangt. The Markup veröffentlicht seine Geschichten unter einer CC-Lizenz, damit können auch andere Medien künftig die Recherchen bei sich bringen, allerdings nur nicht-kommerzielle Medien und nur in unveränderter Form.

What happens when the internet vanishes? (BBC News)
Nach Zahlen der NGO Access Now gab es im Vorjahr mehr als 200 Internet-Shutdowns in 33 Staaten der Erde, darunter auch Großbritannien. Sperren gab es demnach etwa während 65 Protesten und ein Dutzend Mal während Wahlen. Eine Mehrheit der Shutdowns geschah in Indien, wo die nationalistische Regierung von Ministerpräsident Narendra Modi zunehmend repressiv gegen ihre Gegner agiert.

Firefox continues push to bring DNS over HTTPS by default for US users (Mozilla Blog)
Zwar sind seit den Snowden-Enthüllungen viele Webseiten und Online-Dienste auf verschlüsselte Verbindungen umgestiegen. Die Stufe davor – die sogenannte Namensauflösung, die Domainnamen in IP-Adressen übersetzt – wird hingegen zum größten Teil weiterhin unverschlüsselt abgewickelt. Potenziell lässt sich damit einsehen, welche Angebote jemand im Netz ansteuert, selbst wenn die Inhalte sicher vor neugierigen Blicken sind. Nun beginnt der Browser Firefox, standardmäßig auf „DNS over HTTPS“ (DoH) zu setzen. Zunächst gilt die Voreinstellung nur für Nutzer in den USA, andere Regionen sollen folgen. Manuell lässt sich bereits heute auswählen, ob und über welchen Anbieter man die Technik einsetzen möchte. Im Grunde sind das gute Neuigkeiten, denn DoH dürfte sich vermutlich positiv auf die Sicherheit und den Datenschutz auswirken. Doch wie immer bergen neue Technologien gewisse Risiken. Golem hat im vergangenen Sommer mit einem ausführlichen Erklärstück versucht, die größten Missverständnisse auszuräumen.

Jeden Tag bleiben im Chat der Redaktion zahlreiche Links und Themen liegen. Doch die sind viel zu spannend, um sie nicht zu teilen. Deswegen gibt es jetzt die Rubrik „Was vom Tage übrig blieb“, in der die Redakteurinnen und Redakteure gemeinschaftlich solche Links kuratieren und sie unter der Woche um 18 Uhr samt einem aktuellen Ausblick aus unserem Büro veröffentlichen. Wir freuen uns über weitere spannende Links und kurze Beschreibungen der verlinkten Inhalte, die ihr unter dieser Sammlung ergänzen könnt.

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