Gemeinsame Erklärung der Open-Source-Bildungsplattformen

Lernplattformen fordern nachhaltige Finanzierung

Die Coronakrise zeigt, wie wichtig funktionierende Online-Lernplattformen sind. Trotzdem ist die Arbeit dahinter häufig unsichtbar und die Finanzierung unsicher. Deshalb fordern die Open-Source-Plattformen Moodle, ILIAS und Stud.IP, in Strukturen statt in Lizenzen zu investieren. Denn obwohl sie 90 Prozent der Hochschulen versorgen, gibt es kaum zuverlässige Gelder, um den Betrieb zu sichern.

Zug auf Brücke
Lernplattformen existieren nicht im luftleeren Raum – sie brauchen stabile Finanzierung und langfristige Stützen. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Bjorn Snelders

Ohne Online-Lernmanagement-Systeme geht an Hochschulen nichts mehr. Das zeigt die Coronakrise noch einmal deutlicher, aber auch sonst wird die Lehre darüber organisiert: Einschreiben für Vorlesungen und Prüfungen, Download von Studienliteratur. Rund 90 Prozent der Unis und Fachhochschulen nutzen dafür Open Source Software – deren Zukunft ist aber unsicher, schreiben die größten Lernplattformen Moodle, ILIAS und Stud.IP in einer gemeinsamen Erklärung. Denn die Gelder, die sie erhalten, reichen kaum aus, um den Betrieb zu sichern.

Dass der Übergang zum digitalen Semester vergleichsweise reibungslos geklappt hat, liegt vor allem daran, dass schon viel Infrastruktur vorhanden war. Die Onlinesysteme werden seit rund 20 Jahren an deutschen Hochschulen entwickelt. Je besser sie funktionieren, desto unsichtbarer bleiben sie aber – und es fehlt an dauerhafter Finanzierung. Immer weniger Geld werde für eigene Mitarbeitende und immer mehr für proprietäre Lizenzen ausgegeben, warnen die IT-Verantwortlichen. Sie sehen die bestehenden Lernplattformen in Gefahr und fordern Unterstützung.

Finanzierung des Unsichtbaren

Die Open-Source-Plattformen entstanden um die Jahrtausendwende auch deswegen, weil kommerzielle Anbieter aus den USA schlagartig den Markt verlassen hätten, sagt Cornelis Kater. Er arbeitet an der Leibniz Universität in Hannover, ist Entwickler von Stud.IP und Teil einer gemeinsamen Arbeitsgruppe der Lernplattformen. Für ihn ist klar: „Sowas darf nicht nochmal passieren, dass von einem Tag auf den anderen die Anbieter weg sind.“

Er sieht einen Fehler darin, dass kaum in funktionierende Infrastruktur investiert wird. Das sei vergleichbar mit dem Straßenbau oder dem Schienennetz: Auch hier müsse man rechtzeitig und regelmäßig Strecken reparieren. „Software ist Infrastruktur“, sagt Kater, „die braucht regelmäßige Anpassungen, etwa im Hinblick auf nutzer:innenfreundliches Design oder Sicherheitsaspekte.“ Das sei allerdings systemisch nicht eingeplant – obwohl man dafür deutlich weniger Budget brauche als für Reparatur von Straßen.

Bisher müssen Ausgaben für Lernmanagement-Systeme aus Projektanträgen oder Supportverträgen mitgetragen werden, sagt Kater. Stattdessen wünscht er sich ein flexibleres Instrument für die Finanzierung. Um Software langfristig und nachhaltig weiterentwickeln zu können, würden schon zwei bis drei Entwickler:innen reichen, die sich darum dauerhaft kümmern könnten, schätzt Kater: „Im Tagesgeschäft haben wir aber das Problem, dass immer wieder Menschen, die eigentlich für die Wartung zuständig sein könnten, in andere Entwicklung einspringen müssen, wenn etwas dringend ist.“

Open Source ist nicht kostenlos – nur lizenzkostenfrei

Denn obwohl immer mehr Vorurteile verschwinden, habe er immer noch den Eindruck, dass die meisten öffentlichen Ausschreibungen vor allem darauf ausgelegt sind, gezielt Lizenzen zu kaufen – statt in Personal oder Strukturen zu investieren, sagt Matthias Kunkel. Er ist einer der Entwickler:innen der Plattform ILIAS, die 1997 an der Uni Köln entstanden ist.

Mittlerweile ist ILIAS das verbreitetste System in der deutschen Hochschullandschaft, das hier auch entwickelt wird – doch nicht nur an Hochschulen ist es beliebt. Denn immer mehr Branchen setzen auf Open Source, sagt Kunkel: „Die merken auch: Wir sind keine Software-Kommunisten, sondern ebenbürtige Geschäftsleute.“ Schließlich könne jeder mit Dienstleistungen rund um Entwicklung, Support oder Wartung von Open Source Software ein Geschäftsmodell aufbauen. Das einzige, was nicht verkauft wird, ist die Software selber. Anfangs sei der Irrglaube noch sehr verbreitet gewesen, dass eine Software nichts tauge, wenn sie nichts koste.

Mittlerweile sei klar, dass Open-Source-Software zwar lizenzkostenfrei sei – aber trotzdem betrieben, gewartet und weiterentwickelt werden müsse, sagt Kunkel. Bei ILIAS koordiniert die Entwicklung ein gemeinnütziger Verein, bei dem nutzende Einrichtungen Mitglieder sind. Neben Universitäten sind das auch Unternehmen wie die Lufthansa, das Logistikunternehmen Dachser oder die Bundesanstalt für Wasserbau. Denn immer mehr Schulungen und Fortbildungen finden online statt – für ILIAS biete das Wachstumspotenzial auch abseits der Hochschulen, sagt Kunkel.

Der Verein selbst finanziert nur einen sehr kleinen Teil der Entwicklungskosten. Der Großteil wird von den Anwender:innen getragen, die entsprechende Aufträge zur Programmierung an verschiedene mittelständische Unternehmen vergeben. Danach wird der zusätzliche Code zum Open-Source-Software-Kern hinzugefügt. Der Verein sorgt dabei vor allem für eine konsistente Grundstruktur und Einigungsprozesse, sagt Kunkel: „Wie die Software im Moment aussieht, ist ein Spiegelbild ihrer Anwender.“

Ungewisse Zukunft

Doch obwohl die Software genau das abbildet, was an den Hochschulen gebraucht wird, sehen die Plattformen ihre Zukunft dort eher düster. In den vergangenen neun Jahren seien viele Gelder für Digitalisierungsprojekte vor allem im Rahmen des Qualitätspakts Lehre bereitgestellt worden, sagt Kunkel. Der läuft aber Ende des Jahres aus. Besonders hart trifft das die Mitarbeitenden, deren Stellen über solche Projektgelder finanziert wurden: „Gerade haben sie noch das digitale Semester gewuppt, ab Anfang nächsten Jahres werden sie vermutlich nicht weiter beschäftigt, weil den Hochschulen dafür das Geld fehlt“.

Dabei sei es immer deutlich teurer, externes Wissen für Support, Entwicklung und Administration einzukaufen, als es selbst im Haus aufzubauen, sagt Alexander Bias. Er arbeitet an der Uni Ulm und ist dort für Moodle zuständig. Die Software kommt ursprünglich aus Australien und wird nicht nur an Unis, sondern auch beispielsweise in Schulen eingesetzt. Wie viel Zeit für die Administration und Weiterentwicklung bereitgestellt wird, hängt von der einzelnen Einrichtung ab.

Das ist ein Problem, findet Bias. „Es kann nicht sein, dass ein Kollege in der Mittagspause die Lernplattform administrieren muss. Das geht einfach nicht.“ Für ihn sollte die Finanzierung daher nicht bei den einzelnen Hochschulen oder Schulen liegen, sondern in Verbünden oder direkt auf Landesebene koordiniert werden. So werde beispielsweise in Nordrhein-Westfalen gerade an Moodle-Kompetenzzentren gearbeitet, um Wissen und Ressourcen zu bündeln. Nur so könnten auch verschiedene Aspekte wie die Weiterentwicklung von Features und die Sicherheit gleichzeitig vorangetrieben werden, sagt Bias.

Strukturen statt Lizenzen

Doch insgesamt wird die Luft dünner, berichten alle drei Entwickler. In ihren Schilderungen zeigt sich deutlich: IT-Ressourcen genießen auch im Zeitalter der Digitalisierung nicht den Stellenwert, den sie haben sollten. Viel wird gespart, wenig nachgerüstet. Die Zukunft scheint unsicher. Deshalb fordern die Plattformen in ihrer gemeinsamen Erklärung von der Politik ein Bekenntnis, das Ausschreibungen nicht wie bisher Freie Software benachteiligen, sondern sie begünstigen sollen.

Denn durch proprietäre Lösungen würden Bildungseinrichtungen abhängig von Softwarekonzernen, verlören an Know-how und gefährden die langfristige Stabilität der Plattformen, heißt es in der Erklärung. Insgesamt zehn Forderungen haben die drei Plattformen deshalb aufgestellt, die wichtigsten: In Strukturen statt in Lizenzen investieren – und darauf achten, dass die verwendete Software wirklich frei ist, also nicht nur Einblicke in den Code erlaubt, sondern auch dessen Anpassung.

Außerdem fordern die Plattformen, dass Entwickler:innen und Expertise an den Hochschulen selbst ausgebaut werden soll und dass der Betrieb von Infrastruktur und die Förderung von Vernetzung und länderübergreifender Zusammenarbeit der Communities gesichert wird. Letztlich wollen sie vor allem die Sicherheit, dass die Erfahrungen und Ergebnisse aus rund 20 Jahren Arbeit weiter bestehen und nicht durch spontane Lizenzkäufe zerstört werden, wie es mit der Videokonferenz-Software Zoom in vielen Hochschulen passiert ist.

Korrektur: Ursprünglich hieß es, ILIAS sei das verbreitetste System in der Hochschullandschaft. Das bezieht sich aber nur auf Deutschland und wurde korrigiert.

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Eine Ergänzung
  1. Leider will einfach keiner verstehen, dass Open-Source Software und offene Lernplattformen/Angebote langfristige Finanzierung für Aktualisierung und Wartung brauchen.
    Wer sich ein wenig für universitäre Projektarbeiten interessiert, wird schnell feststellen, dass ein Großteil der mit öffentlichen Fördergeldern finanzierten Projekte schon wenige Monate nach Projektabschluss nicht mehr weitergeführt werden. Webseiten veralten und verschwinden schließlich, einschließlich der Forschungsergebnisse und Berichte. Denn jemanden extra oder gar noch unbefristet anzustellen, um das Projekt langfristig zu pflegen will man sich und kann man sich oft nicht leisten. Viele Projekte halten sich nur über Wasser, weil es engagierte Menschen gibt, die sie in ihrer Freizeit pflegen – obwohl sie eigentlich von ihrem Arbeitgeber dafür bezahlt werden sollten!
    Wir brauchen eine Entlohnung für Menschen, die freie Produkte oder Dienstleistungen entwickeln, anbieten und aktuell halten und damit einen wertvollen Beitrag für die Gemeinschaft leisten – seien es freiwillige Sozialarbeiter, Wikipedia Autoren, Open-Source Entwickler, …. . Doch leider werden Menschen, die sich für eine offenere Gesellschaft einsetzen viel zu gering geschätzt. Die Wenigsten können alleine von ihrem Engagement leben (obwohl es genug Arbeit gäbe) – im Gegenteil, sie zahlen oft noch drauf.
    Ich würde mir eine Lösung wünschen, bei der Menschen für ihre gemeinnützige Arbeit so entlohnt werden, dass sie davon leben können. Das ließe sich wunderbar mit der Idee eines Grundeinkommens verknüpfen.

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