Open Source in Bibliotheken

Blühende Daten statt staubiger Bücher

Bibliotheken stehen schon immer für Werte wie Kooperation und Zugang zu Wissen. Das führt dazu, dass sie Open Source und Open Data vorantreiben. Jetzt ist eine neue Website der Universitätsbibliothek Leipzig online, welche die offenen Angebote sichtbarer macht.

Bücher und Code
„Eigentlich schreiben Bibliotheken mit den Themen Open Science, Open Source und Open Data nur das fort, was sie schon immer getan haben“, sagt Lambert Heller. (Symbolbild) Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Florian Olivo / Matteo Maretto

Bislang wusste man gar nicht, wo man anfangen soll, sagt Ronny Gey. Doch nun hat die Leipziger Universitätsbibliothek mit dem UBLab eine neue Plattform vorgestellt, die alle digitalen Projekte bündeln wird. Die Bibliothek stellt schon seit vielen Jahren frei zugängliche Daten bereit und entwickelt freie Software. Bisher war das kaum sichtbar, weil die Aktivitäten über verschiedene Plattformen, von der Webseite über den universitätseigenen Gitlab-Server bis zur Codeplattform GitHub, verteilt waren.

Der Informatiker Gey wird in der Bibliothek als Volontär ausgebildet, er ist verantwortlich für das UBLab. Davor hat er als wissenschaftlicher Mitarbeiter in mehreren Querschnittsprojekten gearbeitet. Dabei ist er auf das Thema Open Source und offene Forschungsdaten gestoßen. Vor nicht einmal zwei Jahren hat er sich dann auf eine Stellenausschreibung der Leipziger Universitätsbibliothek genau zu diesem Thema beworben.

Daten als Bibliotheksbestand

Schon lange gibt es in Bibliotheken nicht nur Bücher und Journals, sondern auch viele Daten: In Bibliothekskatalogen finden sich Metadaten zu Publikationen oder historische Bestände wie Dokumente, Landkarten oder Bilder. Viele Bibliotheken setzen sich dafür ein, dass die Bestände auch digital verfügbar und frei lizensiert sind.

Die Arbeit mit Daten und Software wird für die Wissenschaft immer wichtiger, erklärt Leander Seige, der in der Unibibliothek Leipzig den Bereich Digitale Dienste leitet: „Wir sind überzeugt, dass der Bedarf weiter steigt, die Daten nicht nur auf irgendwelchen Webseiten anzuzeigen, sondern auch zur Weiterverarbeitung bereitzustellen.“

Daten sollten deshalb so bereitgestellt werden, dass man sie unkompliziert nutzen und verarbeiten kann. Deshalb sei es enorm wichtig, als Bibliothek einerseits offene Standards zu unterstützen und andererseits Kompetenzen in der Beherrschung neuer Technologien aufzubauen, sagt Seige. Er sieht es als eine Aufgabe der Bibliotheken, eigene IT-Infrastruktur technisch zu beherrschen und selbst mit Software und Daten umgehen zu können. Dabei sei das Know-How zentral.

Freie Software als Basis für die Autonomie von Forschung

Vieles an Wissen, wie Daten verarbeitet und bereitgestellt werden können, hat das Leibniz-Informationszentrum Technik und Naturwissenschaften TIB in Hannover über die Jahre zusammengetragen. Von den rund 550 Mitarbeitenden dort arbeiten 50 in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung – überwiegend Menschen mit Informatikhintergrund.

Lambert Heller betreut das Open Science Lab der Bibliothek und fragt: „Die Infrastruktur für Wissenschaft und Bildung – wem gehört die eigentlich? Wer hat es unter Kontrolle, wie sich die ganzen Systeme weiterentwickeln?“ Für ihn ist klar, dass man sich nicht auf beliebige Drittanbieter verlassen dürfe, sondern die Software selbst gepflegt werden müsse, am besten als gemeinschaftliches Vorhaben.

„Allen den Zugang verschaffen“

Allgemein sei der Kooperationsgedanke in der Bibliothekslandschaft sehr ausgeprägt, berichten die Entwickler aus Leipzig und Hannover. Das zeige sich in Möglichkeiten wie etwa der Fernleihe. Denn Bibliotheken sind nicht nur national, sondern auch weltweit vernetzt.

Unter dem Dach der Open Library Foundation ist mittlerweile eine Community entstanden, die sich nach eigener Aussage gemeinsam für die Entwicklung, Zugänglichkeit und Nachhaltigkeit von Open Source und Open Access-Projekte rund um Bibliotheken einsetzt. Für den Leipziger Gey ist klar: Wenn etwas mit öffentlichen Geldern finanziert wird, dann sei es nur verständlich, wenn die Ergebnisse auch öffentlich zur Verfügung gestellt werden würden.

Evolution statt Revolution

In die Zukunft zu denken, ist ein langsamer Prozess: An der UB Leipzig wird seit fast zehn Jahren Open-Source-Software im Bibliothekskontext entwickelt. Die TIB in Hannover hat sich schon vor elf Jahren im Projekt DataCite gemeinsam mit Forschungsdatenzentren auf der ganzen Welt überlegt, wie jeder einzelne Datensatz referenzierbar und damit zitierbar ist. Ein Vorteil sei, dass Bibliotheken relativ frei sind, sagt der Hannoveraner Heller. Es hänge sehr stark an den einzelnen Bibliotheksdirektor:innen, dass die Themen rund um Offenheit auch auf der Agenda der einzelnen Bibliotheken stünden.

Labs zum Experimentieren

Eigentlich schreiben Bibliotheken mit den Themen Open Science, Open Source und Open Data nur das fort, was sie schon immer getan haben, sagt Heller: „Wir bringen das nur auf einen neuen technischen Stand.“ Dafür brauche es Räume zum Experimentieren, etwa in Form von Labs.

Unter dem Überbegriff finden sich die verschiedensten Ausprägungen: So gibt es Labs etwa in der Berliner Staatsbibliothek (SBB), der Bibliothek der ETH Zürich oder der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden. In den Niederlanden werden neue Zugänge im E-Science-Center ausprobiert. Vor sieben Jahren dann hat Lambert Heller gemeinsam mit einer Kollegin das Open Science Lab an der TIB in Hannover gegründet.

Dort finden kreative Formate wie etwa Book-Sprints statt, bei denen erst kürzlich eine Reihe von digitalen Lehrbüchern als Open Educational Resource im Gesundheitswesen entstand. Das sei natürlich gerade zum Zeitpunkt einer Pandemie, wo dieses Wissen dringend gebraucht wird, enorm hilfreich, sagt Heller.

Offen nach außen

Letztlich geht es aber vor allem darum, digitale Möglichkeiten für bestimmte Anwender:innen zu öffnen und zu erschließen, berichten die Entwickler. Viele der Projekte in diesem Bereich entstehen im Rahmen von Drittmittelprojekten. Lambert Heller von der TIB berichtet von einem frisch abgeschlossenen Projekt, das mit Geldern der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert wurde.

Dabei sollten Open-Access-Abbildungen nachnutzbar gemacht werden. Denn wenn wissenschaftliche Publikationen frei lizensiert sind, dann betrifft das meist auch die enthaltenen Abbildungen. In ihrem Projekt NOA haben die Entwickler:innen der TIB Millionen solcher Abbildungen aus Fachartikeln heruntergeladen und automatisiert mit Schlagwörtern versehen, sodass sie jetzt über eine eigene Suchmaschine auffindbar sind.

Besonders wichtig sei dabei, dass man Räume schafft für Kreativität, „für das Ins-Spielen-Kommen mit freiem Content, mit freien Daten“, wie Heller es nennt. In diesem Jahr will die TIB Hannover auch die interessierte Zivilgesellschaft einladen, mit ihren Daten zu arbeiten und nimmt daher zum ersten Mal am Kultur-Hackathon „Coding Da Vinci“ teil.

Auch in Leipzig wünscht sich Leander Seige, dass die vorhandenen Daten und die Schnittstellen auch genutzt werden. Er freut sich über Akteur:innen im Bereich Forschung und Wissenschaft, aber auch von Civic Tech oder auch Start-Ups, die mit den bereitgestellten Möglichkeiten arbeiten. Denn so profitiere auch die Bibliothek, wenn die Daten genutzt und weiterverbreitet würden, erklärt Seige.

Gretchenfrage Finanzierung

Mittlerweile sei auch in den ersten Entscheidungsgremien angekommen, dass digitale Öffnung nicht nur nachhaltig, sondern eigentlich unverzichtbar sei, sagt Heller. So geben die Deutsche Forschungsgesellschaft oder die Europäische Kommission nur Geld, wenn die Rohdaten mit Abschluss des Forschungsprojekts frei zugänglich gemacht werden.

Der Knackpunkt an der Finanzierung aus projektgebundenen Drittmitteln ist, dass sie nur für begrenzte Zeit zur Verfügung stehen. Bibliotheken müssen jedoch langfristig ihre Infrastruktur in Schuss halten und an den aktuellen Stand anpassen. Dafür ist es deutlich schwieriger, Geld zu bekommen. Dieser Herausforderung könne man aber begegnen, indem man Know-How und Ressourcen im eigenen Haus aufbaue, aber auch die Notwendigkeit für permanente Finanzierung deutlich mache, sagt Leander Seige aus Leipzig.

Sein Mitarbeiter Ronny Gey ist jetzt erst einmal glücklich: Mit dem UBLab ist sein Projekt, das alle digitalen Angebote der UB Leipzig zusammenführen soll, online. Wie es danach weitergeht, hängt wie so oft im Wissenschaftskontext davon ab, ob entsprechende Gelder verfügbar sind. Da seien dann auch höhere Gremien gefordert, den Bedarf zu sehen, sagt Gey. Neben der Pflege des UBLabs möchte er sich im verbleibenden halben Jahr seines Volontariats jetzt stärker um ein anderes Herzensthema in der Bibliothek kümmern: offene Forschungssoftware.

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Eine Ergänzung
  1. „Bibliotheken stehen schon immer für Werte wie Kooperation und Zugang zu Wissen.“

    Genau. Und deshalb, wegen den *wtf* …Werten, ist
    https://www.gutenberg.org/
    wenn ihr das Angebot nutzen wollt,in Deutschland hart gesperrt.

    http://block.pglaf.org/germany.shtml
    „Your IP Address in Germany is Blocked from http://www.gutenberg.org
    Why did this block occur?
    A Court in Germany ordered that access to certain items in the Project Gutenberg collection are blocked from Germany. Project Gutenberg believes the Court has no jurisdiction over the matter, but until the issue is resolved, it will comply.
    For more information about the German court case, and the reason for blocking all of Germany rather than single items, visit PGLAF’s information page about the German lawsuit. “

    Das Bonmot aus der Zeit der Säkularisation: „Du hälst sie arm, ich halt sie dumm“ scheint gewissermaßen zeitlos.

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