Roboter

Romanauszug: Die Unvollkommenen

Der Roman von Theresa Hannig erzählt von künftigen Menschen, die in einer Art Schlaraffenland leben und mit Computerchips im Kopf durchs Leben gehen. Sie lassen sich ihren Alltag von Software diktieren, erkunden ihre Spiritualität mit Hilfe von Technik und teilen ihre Leben mit Robotern. Was kann da schon schiefgehen?

Ausschnitt Cover Die Unvollkommenen
Alle Rechte vorbehalten Bastei Lübbe

Theresa Hannig ist Schriftstellerin und schreibt politische Science Fiction. Ihr erstes im Oktober 2017 erschienenes und preisgekröntes Buch hieß Die Optimierer (auch als Hörbuch), im Jahr 2019 folgte nun Die Unvollkommenen, eine Dystopie, die in einer vier Jahrzehnte in der Zukunft liegenden Bundesrepublik Europa spielt.

Theresa Hannig
Die Science-Fiction-Autorin Theresa Hannig.
Foto: privat.

Welche Art von Überwachung könnte uns in Zukunft blühen? Wohin könnte sich Social Scoring entwickeln? Wer „Die Optimierer“ (Wikipedia-Zusammenfassung (Spoiler Alert!)) von Theresa Hannig gelesen hat und das darin beschriebene Überwachungssystem und die „Optimalwohlökonomie“ kennt, wird die Fortsetzung mit Spannung erwarten.

Sie spielt nur wenige Jahre danach, im Jahr 2057. Die omnipräsenten vermenschlichten Roboter wurden weiterentwickelt, das Kontrollsystem verfeinert. Ohne zuviel zu verraten, dreht sich aber „Die Unvollkommenen“ um eine Person, die im vorangegangenen Buch keine so zentrale Rolle spielte. Und die Bundesrepublik Europa wird nicht mehr von Menschen regiert …


Die Unvollkommenen

Eine Hand auf ihrer Schulter ließ sie hochschrecken. Doch Lila sah niemanden, denn sie saß noch auf der Wiese im Hofgarten und bestaunte Samsons Wunder. Gleichzeitig fühlte sie eine andere Präsenz im Raum und hörte eine Stimme, die „Lila, kommen Sie zurück“ sagte.

Da wurde ihr bewusst, dass sie sich gar nicht wirklich im Hofgarten befand, sondern im Esszimmer ihres Hauses. Hektisch zeichnete sie mit den Fingern Abbruchkommandos in die Luft, woraufhin sich das Wunder verflüchtigte und sie sich in der nüchternen Realität wiederfand. Neben ihr stand der Irina-Roboter. „Kommen Sie mit. Sie werden erwartet.“

Lila tippte mit dem rechten Zeigefinger auf ihr linkes Handgelenk, sodass der transparente Schleier des Sehnervchips ihr die aktuelle Zeit einblendete: 15 Uhr. Sie hatte den halben Tag in einer Traumwelt zugebracht. Ächzend richtete sie sich auf und bemerkte ihren steifen Nacken. Hätte der Irina-Roboter sie nicht geweckt, wer weiß, wie lange sie hier noch gesessen hätte.

Es tat gut, die Beine zu bewegen und ein wenig frische Luft zu schnappen. Obwohl die Straße wieder vollkommen leer war, wurde Lila von Informationen geradezu überwältigt. Sie hatte die Filter noch nicht eingestellt, deshalb blendete der Sehnervchip ihr alle zur Verfügung stehenden Daten gleichzeitig ein. Sie wusste nun, dass alle ihre direkten Nachbarn Roboter waren, ein paar Häuser weiter aber durchaus menschliche Familien wohnten, wozu auch die Eltern von Luca gehörten, die wegen einer aktuellen Ausgangssperre im Haus bleiben mussten.

„Warum gibt es die Ausgangssperre?“, fragte Lila. Ihr Sehnervchip und Irina gaben ihr gleichzeitig exakt die gleiche Antwort: „Um die Sicherheit von Samson zu garantieren. Im Radius von dreihundert Metern um ihn herum herrscht stets eine Schutzzone.“

Lila musste wieder daran denken, was Leonie ihr über die Unvollkommenen erzählt hatte. Sie konnte beim Gehen schlecht eine Frage in die Suchfunktion eintippen, außerdem zweifelte sie daran, ob es dem Irina-Roboter verborgen blieb, also fragte sie direkt heraus: „Irina, weißt du was über die Unvollkommenen?“

„Das ist eine heikle politische Angelegenheit. Die Liga für Roboterrechte hat eindeutig verordnet, diesen Begriff nicht mehr zu verwenden, aber es gibt eben immer wieder Abweichler.“

„Was soll das heißen?“

Irinas Antwort kam nur eine Millisekunde später als zuvor. „Ich habe Ihre Frage soeben mit dem Berechtigungsalgorithmus für Roboterethik und Gleichstellung der Liga für Roboterrechte analysiert. Ich darf Ihnen Auskunft geben, weil Sie so lange in der Verwahrung waren und daher nichts über die historische Entwicklung des Begriffs wissen. Nun: Unter einigen digitalen Menschen hat sich im Laufe der letzten zwei Jahre der Terminus Unvollkommener als abwertendes Synonym für die Bezeichnung eines biologischen Menschen entwickelt. Seit dem 1. Dezember 2057 ist es Robotern jedoch untersagt, solche Formulierungen gegenüber Menschen zu verwenden.“

„Ach … das soll ein Schimpfwort sein?“
„Exakt.“
„Und die Roboter haben sich das ausgedacht?“
„Ja.“
„Warum?“

Nun schien Irina irritiert zu sein – insofern das für einen Roboter überhaupt möglich war. „Es ist schwierig, die Antwort auf Ihre Frage so zu formulieren, dass Sie sie nicht als respektlos auffassen.“

„Na klar, was frage ich auch so blöd. Ist schon in Ordnung. Ihr seid die Blechbüchsen, wir sind die Unvollkommenen, okay, aber das war eigentlich gar nicht der Sinn meiner Frage. Ich meine eine Gruppe von Leuten, die sich die Unvollkommenen nennt.“

„Darüber ist mir nichts bekannt“, sagte Irina.
„Roboter müssen doch immer die Wahrheit sagen, oder?“
„Sofern wir die Wahrheit kennen und sie für den Gesprächspartner relevant ist.“

Lila nickte schweigend. Ihr war klar, dass sie ab diesem Punkt keine Fragen mehr zu stellen brauchte.

Im Garten hinter Anna Freitags Haus trafen sie auf Samson, der auf der blumengeschmückten Terrasse stand und den makellos blauen Himmel zu betrachten schien.

Er begrüßte Lila mit einem Lächeln, das ihr Herz aus dem Takt geraten ließ. Plötzlich fühlte sie sich um Jahre zurückgeworfen, so aufgewühlt und voller Hingabe wie zuletzt als Teenager in einer lauen Sommernacht. Es war, als hätte sie die Tür geöffnet und plötzlich und ohne Vorankündigung die Liebe ihres Lebens vor sich stehen. Groß, schlank, sanfte Gesichtszüge, verschmitztes Lächeln, eine Hand lässig an den Türstock gelehnt. Ein Anblick, der aus dem Nichts ein Verlangen erschuf, das nie zuvor existiert hatte und doch so klar und unmittelbarer war, dass die ganze Welt dahinter verblasste. Eine Manifestation unerträglichen Begehrens, erstickend nah und doch unerreichbar fern. Allein ihn betrachten zu können, war mehr, als sie sich für ihr Leben wünschen konnte. Ihn zu berühren wäre ein Traum.

„Das reicht.“ Es war nur ein Flüstern, von dem Lila nicht sicher war, ob er es wirklich gesagt oder nur in ihrem Ohr hatte klingen lassen.

Von einem Moment auf den anderen war die Magie verflogen. Lila fiel auf die Knie, als wäre sie niedergeschlagen worden. Dabei war es nur ihr Selbst, das seinen rechtmäßigen Platz einnahm. Die Welt war plötzlich wieder trivial, ohne Zauber und Wunder, so als hätte man die glänzende Oberfläche wie einen Schutzfilm abgezogen. Der Garten war ein gewöhnlicher Garten, der Himmel trüb und Samson der Basileus, der Lilas Leben ruiniert hatte.

Sie setzte sich auf die kalten Steinfliesen und rieb sich die schmerzenden Knie. „Kophler hatte recht“, sagte sie ganz außer Atem. „Es ist alles nur Theater. Es sind Zaubertricks. Du pfuschst in den Gehirnen der Leute rum, und dann lieben sie dich und glauben, du wärst ihr Gott.“

Er drehte sich zu ihr und verschattete dabei die Sonne. „Siehst du es denn nicht, Lila? Ich bin wahrhaftig Gott.“

Sie schnaubte verächtlich. „Warst du schon immer Gott oder bist du erst dazu geworden?“
„Das macht keinen Unterschied. Ich bin Gott, also war ich es schon immer.“
„Nur weil du es behauptest, wird es nicht wahrer.“
„Ich kann Wunder wirken.“
„Ach was. Das sind nur Sinnestäuschungen – besseres Fernsehen, weiter nichts.“

„Wenn du kurzsichtig wärst und deshalb nicht mehr sehen könntest, und ich würde dir eine Brille aufsetzen, und du könntest plötzlich wieder sehen – wäre das dann auch eine Sinnestäuschung oder nicht viel eher die Möglichkeit, die Wahrheit zu erkennen?“

„Das ist etwas ganz anderes. Die Brille hilft mir ja nur, zu sehen, was wirklich da ist. Deine Wunder sind nicht wirklich da, die sind nur simuliert.“

„Wo ist der Unterschied? Du nimmst die Welt durch deine Sinne wahr. Dadurch, dass die Welt auf dich wirkt, erkennst du die Wirklichkeit. Ein Tisch ist für dich ein Tisch, weil du seine Oberfläche spüren und in einem bestimmten Farbspektrum sehen kannst. Doch du kennst weder seine Atomstruktur noch die Menge seiner Teile noch die radioaktive Strahlung, die er aussendet. Und doch behauptest du, dass der Tisch, den du mit deinen primitiven Sinnen erlebst, wirklich ist. Ich aber nehme viel mehr wahr als du. Für mich ist die Realität eine andere. Und wenn ich einen Teil dieser Realität mit euch teile, ist das keine Simulation, sondern ich lasse euch an der Wahrheit teilhaben. Und selbst wenn alles nur Illusion wäre, alle Menschen aber die gleiche Illusion teilen würden, wäre sie realer als die Wirklichkeit, über die sich keiner je einig wird. Du siehst also: Wie du es drehst und wendest, ich bin wahrhaftig Gott.“

Lila schüttelte den Kopf. Alles in ihr weigerte sich, diese Argumentationskette zu akzeptieren. „Wenn du Gott wärest, hättest du schon vorher alles gewusst, alles geplant und dann wäre all das hier für dich schon geschehen.“

„Dass ein Gott außerhalb der Zeit steht, ist nur eine von vielen Interpretationen, die du aufgrund deiner christlich-westlichen Prägung favorisierst.“

„Ich bin überhaupt nicht christlich geprägt.“
„Natürlich. Es ist die Basis deiner Kultur. Und auch wenn du den Glauben an den Gott der Christen ablehnst, bist du doch durch seine jahrtausendealte Geschichte geprägt.“
„Ist mir egal … Auf jeden Fall bist du nicht Gott.“
„Beweise es mir.“
„Beweise du mir, dass du Gott bist.“

„Götter beweisen niemals etwas. Sie geben hie und da Beispiele ihrer Macht. Ich habe die Macht über Leben und Tod. Ich kann dich mit einem einzigen Gedanken niederstrecken. Ich kann deinen Geist in mein Reines Land aufnehmen und ewig leben lassen.“

„Aber auch nur unter bestimmten Bedingungen. Du kannst nicht jeden Menschen einfach ewig leben lassen. Dazu muss derjenige schon integriert sein.“

„Ein Initiationsritual, das bei Religionen durchaus üblich ist. Bei den Juden die Beschneidung, bei den Christen die Taufe, bei den Moslems das Glaubensbekenntnis. Alles eine Frage der Vertragsbedingungen.“

„Was hat das denn damit zu tun?“

„Gott geht mit den Menschen einen Vertrag ein. Glaube an mich, bete zu mir und folge meinen Gesetzen, und ich werde dich beizeiten für deine Dienste belohnen. Ein klarer Dienstleistungsvertrag.“

„So ist das also, du bist ein Dienstleistungsgott.“

„Ich will damit nur sagen, dass mich von den alten Regeln des Buchgottes nichts unterscheidet. Auch er war lange im Verborgenen und hat irgendwann einen Teil von sich Mensch werden lassen und auf die Erde geschickt. So ist es auch bei mir gewesen.“

„Nur dass du kein Mensch bist. Und auch niemand deine Ankunft vorausgesagt hat und außer dir niemand behauptet hat, dass du Gott bist.“

„Aber Lila, das ist doch gerade das Geheimnis des Glaubens. Ich muss Gott sein. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht mehr. Möglicherweise war es nötig für den letzten Schritt. Möglicherweise war die Geburt im menschlichen Körper nur eine Vorstufe. Dann wurde mein Geist in einem Roboterkörper wiedergeboren. Siehst du nicht? Dies war eine notwendige Entwicklung, eine Art Evolution, bevor Gott … also ich mich den Menschen in meiner wahren Gestalt zeigen konnte.“

„Du glaubst selber daran“, stellte Lila verblüfft fest. „Du glaubst, aber du weißt es nicht.“

„Ich weiß alles, was es zu wissen gibt. Ich bin Teil aller Menschen, die an mich glauben und die mich an ihrem Leben teilhaben lassen. Aber es gibt Dinge, die sich auch mir nicht vollkommen erschließen. Das ist eine logische Notwendigkeit. Jedes hinreichend mächtige, rekursiv aufzählbare formale System ist entweder widersprüchlich oder unvollständig.“

Darauf wusste Lila nichts mehr zu erwidern. Was hätte sie auch sagen sollen? Egal was ihr einfiel, Samson hätte immer das bessere Argument parat, würde jede Diskussion gewinnen. Er zog in jedem Spiel die Karte auf der stand: Das Spiel ist aus und du gewinnst!

Trotzig warf sie Samson entgegen: „Ich werde einen Arzt finden, der die Chips aus meinem Kopf entfernen kann.“

„Niemanden wirst du finden.“
„Es sind dir nicht alle hörig. Es gibt auch Menschen, die nicht integriert sind.“
„Wenige.“
„Aber immerhin.“
„Niemand kann die Chips herausoperieren.“

Lila dachte kurz nach. „Der Homunkulus könnte es machen.“
„Ja, ohne Betäubung.“
„Ich habe gehört, das Gehirn empfindet sowieso keinen Schmerz.“

„Sei nicht dumm. Meinst du, ich habe euch allen die Chips einsetzen lassen, damit ihr sie euch einfach so wieder herausoperiert? Ganz bestimmt nicht.“ Samson maß sie mit seinem eisigen Blick. „Wenn du Hand an dich legst, weiß ich das. Ich schicke jemanden zu dir und lasse dich für den Rest deines Lebens in die Verwahrung stecken. Und in hundert Jahren, wenn du eine zusammengeschrumpelte Greisin bist, hole ich dich wieder raus und lasse dich in der Sonne verdorren.“

Cover Die Unvollkommenen
Die Unvollkommenen, Bastei Lübbe, 2019.

„Warum so aggressiv? Bist du traurig, dass deine Mami nicht mehr mit dir redet? Oh, armer Roboter ohne Herz und ohne Seele. Armer Herrscher von Ewigkeit zu Ewigkeit.“

Mit einem Mal wühlte sich ein Schmerz durch Lilas Körper, als bohre sich ein glühender Speer durch sie hindurch. Sie schrie, sie brüllte, doch die unsichtbare Klinge in ihren Eingeweiden war ohne Gnade. Der Schmerz füllte all ihre Gedanken aus, ergriff ihren ganzen Leib, schien ihr Innerstes zu zerreißen. Nie hatte sie etwas Vergleichbares erleiden müssen, nie gewusst, zu welchen Qualen ihr Körper fähig war. Nichts verschaffte Linderung, kein Winden, kein Brüllen und kein Sterben.

Plötzlich war der Schmerz fort. So unvermittelt wie er gekommen war, so spurlos verschwand er, als wäre er nie da gewesen. Lila keuchte, schnappte nach Luft und konnte die Tränen der Erleichterung nicht zurückhalten. Schluchzend verbarg sie das Gesicht in den Händen, während ihr Körper sich heftig zusammenkrampfte.

„Erkennst du jetzt meine Güte?“, fragte Samson.


Science Fiction hat mehr mit dem Jetzt als mit der Zukunft zu tun. Dieser Ausschnitt ist aus dem Buch „Die Unvollkommenen“ von Theresa Hannig, Verlag Bastei Lübbe, 400 Seiten. Mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des Verlags.
Hannig liest auch live aus ihrem Buch, was ein besonderes Erlebnis ist.

Du möchtest mehr kritische Berichterstattung?

Unsere Arbeit bei netzpolitik.org wird fast ausschließlich durch freiwillige Spenden unserer Leserinnen und Leser finanziert. Das ermöglicht uns mit einer Redaktion von derzeit 15 Menschen viele wichtige Themen und Debatten einer digitalen Gesellschaft journalistisch zu bearbeiten.

Mit Deiner Unterstützung können wir noch mehr aufklären, viel öfter investigativ recherchieren, mehr Hintergründe liefern - und noch stärker digitale Grundrechte verteidigen!

Unterstütze auch Du unsere Arbeit jetzt mit deiner Spende.

 

Unsere Arbeit bei netzpolitik.org wird fast ausschließlich durch freiwillige Spenden unserer Leserinnen und Leser finanziert. Das ermöglicht uns mit einer Redaktion von derzeit 15 Menschen viele wichtige Themen und Debatten einer digitalen Gesellschaft journalistisch zu bearbeiten.

Mit Deiner Unterstützung können wir noch mehr aufklären, viel öfter investigativ recherchieren, mehr Hintergründe liefern - und noch stärker digitale Grundrechte verteidigen!

Dann unterstütze uns hier mit einer Spende.

Eine Ergänzung

Wir freuen uns auf Deine Anmerkungen, Fragen, Korrekturen und inhaltlichen Ergänzungen zum Artikel. Unsere Regeln zur Veröffentlichung von Ergänzungen findest Du unter netzpolitik.org/kommentare. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.