Was vom Tage übrig blieb

Gesichtserkennung, Geschichtsschreibung und Gerichtskatastrophen

Das Internet ward vor 50 Jahren geboren, ein Programm am Berliner Kammergericht ist immerhin halb so alt. Eines davon ist gehörig schiefgegangen. Gesichtserkennung trifft nicht auf viele Sympathien, zumindest nicht bei Datenschützern. Die besten Reste des Tages.

Fernsehturm Berlin
Es ist ja nicht so, dass es bereits vollständig dunkel wäre …

Facial recognition: A solution in search of a problem? (Europäischer Datenschutzbeauftragter)
Der Europäische Datenschutzbeauftragte Wojciech Wiewiórowski übt die wohl bisher härteste Kritik eines europäischen Datenschützers an der Gesichtserkennung. Es handle sich um eine Lösung auf der Suche nach einem Problem, schreibt Wiewiórowski in einem Blogeintrag. Der Einsatz automatisierter Gesichtserkennung betreffe mehr als bloß die Privatsphäre: „Das menschliche Gesicht in ein weiteres Objekt der Messung und Kategorisierung durch automatisierte Prozesse zu verwandeln, die von mächtigen Firmen und Regierungen kontrolliert werden, berührt das Recht auf Menschenwürde – und das selbst ohne die Gefahr, dass [die Gesichtserkennung] von einem autoritären Staat als Werkzeug der Unterdrückung verwendet wird.“

360°-Überwachung „made in Turkey“ – jedes Gesicht in Sekunden identifiziert (Republik)
Die ständig vorgetragene Kritik an der Gesichtsauswertung kommt augenscheinlich nicht überall an: Schweizer Behörden prüfen den Ankauf von automatisierter Gesichtserkennungstechnik aus der Türkei. Die Produkte der Firma Ekin Technology seien ein einziger Überwachungs-Albtraum, schreibt Adrienne Fichter in Republik. Sie biete Hard- und Software zur Rundumkontrolle an. Beliebt sei etwa das Ekin Patrol Car, ein Gerät für das Dach von Polizeiautos, das alle rundum stehenden Personen in Sekunden identifizieren können soll.

IT-Katastrophe am Berliner Kammergericht kam mit Ansage (Tagesspiegel)
Es ist nicht sonderlich kreativ, nach jedem IT-Problem „Told you so“ zu sagen, aber es stimmt eben oft genug. So offenbar auch am Kammergericht Berlin, das von Schadsoftware lahmgelegt wurde. Dem Tagesspiegel liegt ein Gutachten vor, das schon 2017 forderte, ein auf dem Betriebssystem Windows 95 (!!!!) basierendes Programm abzuschaffen. Hmmm.

Internet: Vor 50 Jahren ging’s los… (WDR)
Vier Universitätscomputer, Systemabstürze und dann war es da, das Internet. Das ist fünfzig Jahre her, länger als die Sachverständigen im Durchschnitt alt sind. Wer könnte besser über so Geschichtsträchtiges berichten als Jörg Schieb, der schon in den 90ern den „Data Becker Führer“ zu MS-DOS schrieb. Die älteren Sachverständigen erinnern sich noch. Wie auch immer: Herzlichen Glückwunsch, Internet. Auf die nächsten 50 Jahre.

Jeden Tag bleiben im Chat der Redaktion zahlreiche Links und Themen liegen. Doch die sind viel zu spannend, um sie nicht zu teilen. Deswegen gibt es jetzt die Rubrik „Was vom Tage übrig blieb“, in der die Redakteurinnen und Redakteure gemeinschaftlich solche Links kuratieren und sie unter der Woche um 18 Uhr samt einem aktuellen Ausblick aus unserem Büro veröffentlichen. Wir freuen uns über weitere spannende Links und kurze Beschreibungen der verlinkten Inhalte, die ihr unter dieser Sammlung ergänzen könnt.

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